Zen im Leben

Was wir noch beweisen wollen

Familie, Teil fünf: Warum wir immer noch um Liebe kämpfen. Und warum der Kampf nicht der Liebe gilt, sondern einem Urteil.


Ein alter Küchentisch aus abgewetztem Holz, darauf zwei Kaffeetassen nebeneinander, eine halb getrunken, die andere leer. Dahinter ein leerer Stuhl.
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Dieser Essay ist der fünfte Teil des Lesewegs „Familie“.

Familie

Ein einziger Satz am Familientisch, und wir sind wieder zwölf. Texte über alte Rollen, verletzte Bindungen und die Frage, wie Mitgefühl möglich bleibt, ohne sich selbst zu verlieren.

Dogen schreibt im Fukan Zazengi, der allgemein empfohlenen Anweisung für Zazen, drei Sätze dicht hintereinander:

„Denke nicht ‚Gut‘ oder ‚Schlecht‘. Urteile nicht ‚wahr‘ oder ‚falsch‘. … Trage dich nicht mit der Absicht, ein Buddha zu werden.“

Wer das zum ersten Mal liest, hält es für eine Anweisung fürs Zendo. Für die Haltung, für den Atem, für die Viertelstunde vor dem Frühstück.

Es ist eine Anweisung für den Sonntagnachmittag. Es ist auch eine Anweisung für unser alltägliches Leben.

Denn wir sitzen unser halbes Leben in einem Raum, in dem geurteilt wird, und der Raum hat einen Küchentisch und eine Uhr, die zu laut geht. Wir warten dort auf ein Gut. Wir fürchten dort ein Schlecht. Und die Absicht, endlich der zu sein, den man gelten lässt, tragen wir mit hinein, wohin wir auch gehen.

Eine Stunde vor der Haustür

Die Fahrt dauert eine Stunde. Irgendwo zwischen der Ausfahrt und dem Ortsschild fängt es an. Wir gehen durch, was wir erzählen werden. Viel ist es nicht: ein Satz über die Arbeit, etwas über das Kind, das die Prüfung bestanden hat, vielleicht die Sache mit dem Dach, das jetzt endlich dicht ist.

Nichts davon ist gelogen. Und trotzdem stellen wir etwas zusammen.

Auf der Rückfahrt fällt uns dann auf, dass wir es doch nicht erzählt haben. Oder dass wir es erzählt haben und nichts kam. Ein Nicken. Ein Themenwechsel. Eine Frage nach dem Bruder. Und wir sind fünfzig Kilometer lang beleidigt wie mit vierzehn.

Das ist die Bewegung, um die es hier geht. Sie hat in der Familie ihren ältesten Sitz, aber sie hört an der Haustür nicht auf. Beim meditativen Bogenschießen sieht man sie sofort. Wer schießt, um zu zeigen, dass er trifft, schießt nicht mehr, er führt vor. Die Hand greift einen Sekundenbruchteil zu früh, weil sie das Ergebnis schon haben will, und der Pfeil geht dahin, wo sie ihn haben wollte, nicht dahin, wo er hingehört. Der Pfeil merkt das als Erster. Und wer in der Küche spült, damit jemand sieht, dass er spült, hat den Teller schon verfehlt.

Es ist dieselbe Hand. Das schwarze Schaf hat sie und das Lieblingskind auch.

Nicht die Liebe. Ein Urteil

Das Wort Liebe führt an dieser Stelle in die Irre. Um Liebe kann man nicht kämpfen. Man kann sie geben, empfangen, verfehlen, vermissen. Erkämpfen kann man sie so wenig, wie man Schlaf erzwingen kann.

Was wir wollen, ist meistens etwas anderes. Wir wollen einen Spruch. Wir wollen, dass ein bestimmter Mensch einen bestimmten Satz sagt: Es war gut, wie du geworden bist. Du warst nicht zu viel. Du warst nicht zu wenig.

Aus dem Wunsch nach Zuneigung ist unterwegs ein Wunsch nach einem Urteil geworden. Und das ist ein Unterschied, der alles erklärt. Zuneigung findet man auch woanders. Ein Urteil braucht jemanden, der zuständig ist, und zuständig ist in unserer Vorstellung genau eine Person. Deshalb ist die Sache so zäh. Deshalb bleibt ein voller Tisch unbemerkt, weil ein Stuhl leer ist.

Und genau hier steht die Leere, um die es geht. Sie ist nüchterner, als das Wort klingt. Nicht die Sehnsucht ist leer, die ist sehr wirklich und hat gute Gründe. Leer ist die Zuständigkeit. Es gibt keinen Richterstuhl, keine Akte, keinen Termin, und es hat nie einen gegeben.

Im Sesshin rezitieren wir das Herzsutra an jedem Morgen, in einer langen Reihe von Verneinungen, und am Ende der Reihe steht kein Trost, sondern eine Auskunft:

„… weder Erkennen noch Erreichen, weil es nichts zu erreichen gibt. Ein Bodhisattva lebt aus dieser Weisheit, ohne Hindernis im Geiste, ohne Hindernis und daher ohne Furcht.“

Ohne Hindernis. Nicht besiegt, nicht überwunden, nicht endlich anerkannt. Es ist nichts im Weg, weil nichts gehalten wird.

Nicht nur der Stuhl gegenüber ist leer. Der Platz, auf dem wir warten, ist es auch. Das ist kein Trost und soll keiner sein.

Das Bedürfnis war nicht der Fehler

Ein Kind darf geliebt werden wollen. Es darf gehalten, gesehen, getröstet und geschützt werden wollen. Ein Kind, das um Liebe kämpft, ist nicht spirituell unreif, es ist ein Kind. Wenn das gefehlt hat, hat etwas Wirkliches gefehlt, und keine Lehre soll das kleinreden.

Ich muss den Gedanken aber auch dort anhalten, wo er zu freundlich wird. Es gibt Eltern, die diesen Satz nicht sagen werden, nicht aus Härte, sondern weil sie ihn nie gehört haben. Ein Mensch kann nicht ausgeben, was nie in seine Hände gelegt wurde. Es gibt Eltern, für die das Anerkennen einer Niederlage gleichkäme. Und es gibt Eltern, die ihren Kindern schwer geschadet haben. Wer geschlagen oder gedemütigt wurde, wartet nicht auf ein Lob, sondern darauf, dass es jemand zugibt, und auch das kommt oft nicht.

Wo jeder Kontakt weiter verletzt, kann Abstand notwendig sein. Teil eins dieser Reihe hat das ausführlich behandelt und dort auch gesagt, dass Abstand allein noch keine Freiheit ist.

Für all diese Fälle taugt kein Trostwort. Es bleibt eine nüchterne Frage: Sieh dir an, was du tust, während du wartest. Die Jahre vergehen so oder so.

Peitsche und Zügel

In den zehn alten Bildern vom Ochsen und seinem Hirten steht der Ochse für das Ich und der Hirte für den, der übt. Im fünften Bild hat der Hirte den Ochsen gefangen und darf seine Hand keinen Augenblick von Peitsche und Zügel lassen, sonst bricht der Ochse wieder aus.

So sieht die Sache am Familientisch aus, solange sie nicht zu Ende ist. Die Hand hält etwas fest, das jederzeit ausbrechen könnte, und die ganze Aufmerksamkeit ist beim Halten. Deshalb hören wir dort so schlecht zu. Es ist kein Desinteresse. Es sind zwei Hände, die beschäftigt sind.

Im achten der zehn Bilder ist von dieser Anstrengung nichts mehr übrig:

Spurlos

»Peitsche und Zügel, Ochse und Hirt sind spurlos zu Nichts geworden.«

— Achtes der zehn Bilder vom Ochsen und seinem Hirten, Zen-Textheft der Mühle

Der Kampf ist an dieser Stelle nicht gewonnen. Er ist nicht mehr da. Das ist der ganze Unterschied, und es ist ein großer.

Der Rücken wird gerader

Man muss nicht bis zum nächsten Familienbesuch warten, um die Bewegung zu sehen. Sie kommt jeden Morgen mit ins Zendo.

Die Glocke, die Hände im Schoß, der Atem. Und nach einer Weile ein Gedanke, der sich für eine Beobachtung hält: Heute sitze ich gut. Der Rücken wird ein wenig gerader, wenn jemand vorbeigeht. Nach dem Sitzen hätte man gern ein Wort dazu. Nicht viel. Ein Nicken.

Ich sehe das bei Gästen und bei Leuten, die seit zwanzig Jahren kommen. Es ist nichts Peinliches. Es ist genau dieselbe Sache wie die Stunde im Auto, nur ohne Auto. Wir haben die Prüfung in den einzigen Raum mitgenommen, in dem es nichts zu bestehen gibt.

Hier steht der Satz vom Anfang wieder, und hier lässt er sich zum ersten Mal in Ruhe versuchen. Denke nicht Gut. Urteile nicht falsch. Es geht deshalb, weil niemand antwortet. Kein Gesicht gegenüber, das nickt oder nicht nickt. Der Atem geht weiter, ob wir gut sitzen oder nicht. Die Wand vor uns verteilt keine Rollen.

Drüben im Sessel sitzt ein alt gewordener Mann, der schlecht hört und den Fernseher zu laut stellt. Eine Frau, die sich Sorgen um ihre Beine macht. Menschen, die selbst nicht wissen, ob sie es richtig gemacht haben. Wie viel von dem, was wir dort sehen, ist der Mensch, und wie viel ist unsere eigene Vergangenheit. Am Sonntagnachmittag lässt sich das nicht auseinanderhalten. Auf dem Kissen fällt es manchmal auf.

Aufhören ist keine Leistung

Wer das sieht, wird nicht sofort glücklich. Es kann traurig machen. Denn mit dem leeren Stuhl fällt auch die Hoffnung weg. Solange gewartet wird, kann noch etwas kommen. Diese Trauer gehört dazu, sie ist ehrlicher als der nächste Beweis.

Und sie verführt sofort zur nächsten Anstrengung. Dann müssten wir beweisen, dass wir niemanden mehr brauchen, und hätten den Kampf nur umbenannt. Genau davor steht die dritte Zeile vom Anfang. Trage dich nicht mit der Absicht. Auch nicht mit der Absicht, fertig zu sein mit deiner Familie.

Loslassen ist darum nicht das, was auf dem Kissen geschieht. Wir lassen dort nichts los. Wir hören auf, festzuhalten, und das ist etwas anderes. Das eine wäre wieder eine Leistung, das andere ist ein Aufhören. Es geschieht von selbst, wenn wir es lange genug nicht tun.

Was danach kommt, ist unspektakulär. Der Raum wird nur etwas weiter, weil niemand mehr angeklagt ist. Man sitzt am Küchentisch und muss nichts mehr erreichen. Der Vater erzählt zum vierten Mal von der Kreissäge. Man hört zu und wartet nicht mehr darauf, dass er die Sache endlich zur Sprache bringt. Es fällt einem auf, wie seine Hände aussehen. Vorher war da kein Platz dafür.

Das Ende des Wartens ist kein Ende der Beziehung. Ein Satz, der einmal gesagt werden muss, wird nicht unnötig, nur weil wir kein Urteil mehr erwarten. Im Gegenteil, er wird zum ersten Mal möglich, weil er nicht mehr gewinnen muss.

Eine kleine Übung

Wer nachsehen will, kann ein Blatt Papier nehmen und den Satz aufschreiben, den er hören will. Nicht ungefähr, sondern wörtlich: von wem, in welchen Worten, in welchem Raum, mit welcher Stimme. Vielen geht es beim Schreiben so, dass sie es nicht genau sagen können. Der Satz zerfällt, sobald man ihn formulieren soll. Auch das ist eine Auskunft.

Dann kann das Blatt liegen bleiben und man sitzt zehn Minuten, ohne etwas damit zu machen. Nicht, um den Wunsch aufzulösen. Nur um zu sehen, wie er kommt, wie er drückt und wie er von selbst weitergeht, wenn niemand ihn bedient.

Und beim nächsten Besuch kann man einmal nichts mitbringen, das etwas beweist. Wahrscheinlich entsteht dann eine Pause, in der sonst die gute Nachricht gestanden hätte. Man muss sie nicht füllen. In dieser Pause ist mehr Platz als in allem, was wir sonst dort hineinlegen.

Einfach heiter gelassen

In unserer Einführung in die Zenmeditation steht seit Jahren ein Satz von Hongzhi Zhengjue, der vor neunhundert Jahren in China gelebt hat:

„Die Praxis der Wahren Wirklichkeit ist es, einfach heiter gelassen in schweigender Selbstbeobachtung zu sitzen … so erscheint die strahlende Klarheit vor Dir.“

Da steht kein Um zu. Kein Ergebnis, keine Prüfung, kein Ertrag. Es ist niemand da, der zusieht und befindet, und es gibt nichts zu holen. Die strahlende Klarheit wird nicht verliehen. Sie erscheint, wenn niemand mehr auf sie wartet.

Wir müssen den Kampf also nicht gewinnen und nicht aufgeben. Wir können ihn hinstellen, so wie man abends ein Werkzeug hinstellt, und nachsehen, wo wir eigentlich stehen. Meistens ist es eine gewöhnliche Küche. Ein alter Mensch im Nebenzimmer. Eine Tür, die offen ist oder zu. Und zwei Hände, die endlich frei sind, weil sie nichts mehr halten.

Einfach heiter gelassen. Mehr ist es nicht, und weniger auch nicht.

Nahaufnahme einer offenen, entspannten Hand auf einem dunkel bekleideten Knie, daneben eine Sitzmatte und ein Kissen im Morgenlicht.
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