Kein Übel begehen, das Rechte ausüben,
klärt den Geist auf natürliche Weise.
Das ist die Lehre der Erwachten.

(Eihei Dōgen, Shōbōgenzō Shoakumakusa)

Mit diesem Zitat aus einem alten Gedicht leitet Dōgen seine Abhandlung Shoakumakusa ein, in der er die ethischen Grundlagen von Buddhas Lehre darlegt. Eben diese Formel, die in allen buddhistischen Traditionen bekannt ist, ist Richtschnur buddhistischer Praxis, ist der Grundsatz unseres Tuns und Unterlassens. In der ‚Ordination‘ (tokudo) – sei es die zum buddhistischen Laien oder zum buddhistischen Priester – sind dies die drei reinen Gelübde, die wir als erste nach unserer Zufluchtnahme zu Buddha, Dharma und Sangha empfangen und geben: alles Gute zu tun, alles Schlechte zu lassen und sich um einen klaren Geist zu bemühen.

Die reinen Gelübde legen uns als beständige Übung auf, bei allem Tun und Unterlassen zu klären, was ‚das Gute‘ und was ‚das Schlechte‘ ist. In dieser Übung unterstützen uns die zehn gewichtigen Gelübde, die wir anschließend an diese reinen Gelübde und sie konkretisierend empfangen und geben. Sie alle folgen dem einen Prinzip: Nicht-Verletzen (fugai, ahiṃsā). Nicht-Verletzen mit Körper, Sprache und Geist; nicht Andere und nicht uns selbst. Leiden zu überwinden, nicht zu erzeugen. Diesen Gelübden gerecht zu werden ist unsere Praxis, die wir gemeinsam mit denen, die wir an unserem Leben teilhaben lassen und die uns an ihrem Leben teilhaben lassen, verwirklichen. Insbesondere bemühen wir uns um diese gemeinsame Praxis als Sangha mit unseren Gästen während der Retreats in unserem zentralen Übungsort, der Altbäckersmühle.

 

Zusammengefasst lehrte Buddha, dass der gute Dharma von zweierlei Art ist: er hat die Charakteristiken des Anhaltens und der Praxis.

Allen Übeln ein Ende setzen wird die Charakteristik des Anhaltens genannt.

Was sind die Übel? Unheilsame Handlungen des Körpers, unheilsame Handlungen des Mundes und unheilsame Handlungen des Geistes.

Was ist Heilsames? Das rechte Handeln des Körpers, des Mundes, des Geistes. Was ist Praxis? Die Übung dieser guten Dharmas und das Vertrauen in sie, das wird die Praxis genannt. Die Charakteristik des Anhaltens ist Ruhe, die Charakteristik der Praxis ist Handeln.

(Shōdaiba, Hyakuron)

Die perfekte Übung des Anhaltens ist Zazen, die Manifestation des Geistgrundes ohne Irrtum. „Der Geistgrund ohne Irrtum ist die Sittlichkeit des eigenen Wesens, die Ethik, mit der das eigene Wesen ursprünglich ausgestattet ist“ (Daikan Enō). Die perfekte Übung der Praxis ist die Verwirklichung der jū kai, der zehn gewichtigen Gelübde, durch heilsames Handeln und Unterlassen. In diesen Übungen des Anhaltens und der Praxis finden und geben wir einander Unterstützung und Ausrichtung in der Gemeinschaft der Übenden. Die Übung in der Gemeinschaft und als Gemeinschaft übersteigt die engen Grenzen rein persönlicher Übung, aber sie legt der persönlichen Übung auch eine besondere Verantwortung auf – Verantwortung für die Mitübenden im Einzelnen und die Gemeinschaft als Ganzes. Die Gemeinschaft ist grundsätzlich ohne Grenzen, sie umfasst alle Wesen. Die Verantwortung für unsere Mitübenden in der Gemeinschaft ist daher auch nicht von der Verantwortung für unsere Familien und Freunde, unsere Gesellschaft und unsere Ökosphäre abzugrenzen. Aber die konkrete Übungsgemeinschaft, unsere Sangha, gibt uns die Möglichkeit, der grenzenlosen Sangha ein Ideal harmonischer, heilsamer Koexistenz vorzuleben. Dazu bedarf es keines ‚Gurus‘ und seines Gefolges, sondern wir müssen füreinander gute spirituelle Freunde (zen chishiki, kalyāṇa-mitra) sein. Menschen mit unterschiedlichem Stand an Erfahrung und Übung des Weges; Menschen, die Wegweisung anbieten können und Menschen, die Wegweisung annehmen können, aber daraus keine Unterschiede in der Freundschaft, der Achtung und dem Respekt ableiten, die sie einander entgegenbringen.

Auch, wenn diese Übungen perfekt sind, so sind wir als Übende es nicht. Somit ist es auch Teil unserer Übung, ihr tägliches Scheitern in heiterer Gelassenheit wahr- und anzunehmen. Nicht resignierend, sondern als Ansporn, in unserer Bemühung nicht nachzulassen. Dabei stützen und fördern die Übung des Anhaltens und die Übung der Praxis einander; gemeinsam klären sie den Geist auf natürliche Weise von seinen Trübungen.

Im Gehen des Weges des Erwachten üben wir uns darin, nicht zu töten

und nicht zu nehmen, was uns nicht freiwillig gegeben wird.

Das ist das Prinzip unseres Übens mit dem Körper. Das ’nicht töten‘ ist ein Ideal, dem wir uns nur annähern können, denn ‚leben‘ heisst, Leben zu nehmen – und sei es auch ’nur‘ das von Pflanzen. Aber die moderne Agrartechnik erzeugt nicht nur pflanzliche Nahrung, sie tut dies auf Kosten anderer Pflanzen, auf Kosten tierischen Lebens und nicht selten auch auf Kosten menschlichen Lebens. Gleiches gilt für alle Formen des Konsums. Selbst, wenn wir uns auf das Notwendigste beschränken, auf Nahrung, Kleidung und eine hinreichend geschützte Unterkunft, sind wir Nutznießer der sie erzeugenden Produktionsbedingungen und haben damit Anteil an ‚Leben nehmen‘ und ’nehmen, was uns nicht freiwillig gegeben wird‘. Unsere Übung ist, unser Bewusstsein dafür zu wecken und zu entwickeln und damit eine achtsame Genügsamkeit. Damit lernen wir, das, was wir empfangen – sei es Nahrung, Kleidung oder ein sonstiges Konsumgut – in Dankbarkeit zu empfangen und uns des Opfers, die dies von anderen fordert, durch unsere Übung würdig zu erweisen.

DIESES ESSEN IST EIN GESCHENK DES GANZEN UNIVERSUMS, DES HIMMELS, DER ERDE UND VIELER MENSCHLICHER ARBEIT –

LEBENDIGES MUSSTE HIER FÜR UNS LEIDEN UND STERBEN.

MÖGEN WIR SO LEBEN, DASS WIR WÜRDIG SIND, DIES ZU EMPFANGEN.

MÖGEN WIR UNSERE UNHEILSAMEN GEISTESZUSTÄNDE ÜBERWINDEN, INSBESONDERE VERLANGEN UND AVERSION.

MÖGEN WIR NUR NAHRUNG ZU UNS NEHMEN, DIE UNS ERNÄHRT UND VOR KRANKHEIT SCHÜTZT.

WIR NEHMEN DIESES ESSEN DANKBAR AN, UM DEN WEG DES MITGEFÜHLS UND DER WEISHEIT ZU GEHEN.

(GOKAN NO GE, VERS DER FÜNF BETRACHTUNGEN)

Im Sinne dieser fünf Betrachtungen üben wir uns in einem achtsamen, verantwortungsvollen Konsumverhalten.

Im Gehen des Weges des Erwachten üben wir uns darin,

nicht an den Freuden der Sinne zu haften.

Die elementarste Form sinnlicher Freude ist die an der Sexualität und es ist gleichzeitig auch die, die hinsichtlich ihres Konfliktpotentials am problematischsten ist. Buddha hat seinen Mönchen zwar strikte sexuelle Enthaltsamkeit auferlegt, als eine der Bedingungen für den Anspruch, als sein Schüler ausschließlich von Spenden Anderer zu leben. Dies war als Nachweis ihres Nichtanhaftens an sinnlicher Freude und damit der Ernsthaftigkeit ihrer Übung sinnvoll und notwendig; als ein Zeichen, der Spenden Anderer würdig zu sein. Mit einer Tabuisierung von Sexualität hat dies allerdings nichts zu tun.

Nicht-Mönchen empfahl Buddha hingegen einen verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität, insbesondere die Respektierung der sozialen Konventionen seiner Zeit. Konkret bedeutete dies die Respektierung der patriarchalischen Vormundschaft, die Männer über die zu ihrem Haushalt gehörenden Frauen ausübten und damit die uneingeschränkte Verfügungsgewalt über ihre Sexualität. Diese durch das kulturelle Umfeld historisch bedingten sozialen Konventionen und damit die Bedingungen konkreter Konflikte haben sich gewandelt, geblieben ist jedoch das Konfliktpotential von Sexualität. Der Sinn dieser kai in Bezug auf Sexualität ist die Beachtung dieses Konfliktpotentials zur Vermeidung von Konflikten. Das setzt den achtsamen und bewussten Umgang mit sinnlichen, insbesondere sexuellen Freuden voraus. Freude – in welcher Form auch immer – mit Anderen zu teilen, als Mitfreude (muditā, ki), ist neben liebevoller Freundlichkeit (maitrī, ji), Mitgefühl (karuṇā, hi) und Gleichmut (upekṣā, sha) eine Übung mit hohem Anspruch hinsichtlich ethischer Verantwortung und Nicht-Anhaftung.

Ein wichtiger Faktor eines verantwortlichen Umgangs mit Sexualität ist, dass sie nicht nur Ausdruck liebevoller und freudiger Verbundenheit ist, sondern auch als Instrument der Dominanz missbraucht werden kann. Diese Gefahr besteht, wenn die Sexualpartner nicht miteinander auf ‚Augenhöhe‘ sind; wenn also zwischen beiden ein Gefälle von Autorität besteht, möglicherweise gar eine emotionale oder materielle Abhängigkeit. Wird dies zur Befriedigung materieller oder sexueller Interessen und Bedürfnisse ausgenutzt, dann wird der Partner zum bloßen Objekt von Begierde degradiert.

Die Ursache von durch sexuelle Beziehungen verursachten Problemen insbesondere in einer Übungsgemeinschaft liegt in der Autorität, die einerseits beansprucht, andererseits – ob freiwillig oder gezwungen – zugestanden wird. Selbst, wenn ein solches Autoritätsgefälle freiwillig akzeptiert wird, bedeutet dies nicht, dass eine darauf beruhende sexuelle Beziehung kein Konfliktpotential hat. Wenn das Zugeständnis von Autorität schwindet, was die unterschiedlichsten Gründe haben kann, wird die Beziehung im Rückblick vom schwächeren Teil häufig als missbräuchlich und leidhaft empfunden.

Für eine buddhistische Übungsgemeinschaft bedeutet dies in Konsequenz, sich der Autorität, die man als Person in dieser Gemeinschaft hat und die man anderen Personen in dieser Gemeinschaft zuweist, bewusst zu sein und sie nicht unhinterfragt zu akzeptieren. Eine solche Autorität hat in einer Übungsgemeinschaft eine der Intention nach positive Funktion und häufig haben Personen, denen eine solche Autorität zugestanden wird, auch eine entsprechend herausgehobene Funktion in der Gemeinschaft. Eine solch herausgehobene Funktion (z.B. durch eine Priesterordination oder eine Lehrbeauftragung) begründet auch eine entsprechend herausgehobene Verantwortung, nicht zuletzt, wenn der Wunsch entsteht, eine Freundschaftsbeziehung auch in sexueller Form zu pflegen und zu entwickeln.

Dass ein solcher Wunsch von der Person, an die er sich richtet, erwidert wird, ist dabei unverzichtbare Voraussetzung und auch, dass eine solche Erwiderung nicht in manipulativer Weise herbeigeführt wird. Bevor eine Vertrauensbeziehung auch auf sexueller Ebene weiterentwickelt wird ist daher für beide Seiten eine gründliche Selbstüberprüfung ratsam, ob und wie weit dabei ein Autoritätsgefälle eine Rolle spielt. Beiden Seiten wird empfohlen, sich insbesondere mit dem psychologischen Phänomen der sog. ‚Übertragungsliebe‘ vertraut zu machen und die emotionale Bindung in dieser Hinsicht gründlich zu prüfen. Dass das Maß an Verantwortung dafür nicht auf beiden Seiten das gleiche ist, sondern an das Maß der Autorität gekoppelt ist, sei hier nochmals betont.

Besteht zwischen den Beteiligten ein formales Lehrer-Schüler-Verhältnis, was zwangsläufig ein Autoritätsgefälle impliziert, so ist dieses in einer für die Gemeinschaft transparenten Weise aufzulösen. Nach der formalen Auflösung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses ist dem psychologischen Abbau des damit verbundenen Autoritätsgefälles vor Aufnahme einer sexuellen Beziehung eine angemessene Zeit einzuräumen. In psychotherapeutischen Beziehungen ist hier durch die Berufsordnung eine Wartezeit von mindestens einem Jahr vorgeschrieben; analog empfiehlt auch die Deutsche Buddhistische Union in ihrer Ethikrichtlinie eine Mindestfrist von einem Jahr. Entscheidend ist jedoch weniger die Einhaltung einer bestimmten Frist als die genannte gründliche, den jeweiligen Umständen angemessene Prüfung sowie ein offener, und nicht-verletzender Umgang mit allen Wesen, die von der Beziehung unmittelbar betroffen sind.

IN WAHRER LIEBE ERLANGST DU FREIHEIT. WENN DU LIEBST, GIBST DU DER PERSON, DIE DU LIEBST, FREIHEIT. WENN DAS GEGENTEIL WAHR IST, IST ES KEINE WAHRE LIEBE. DU MUSST AUF EINE ART LIEBEN, DASS DIE PERSON, DIE DU LIEBST, SICH FREI FÜHLT, NICHT NUR ÄUSSERLICH, AUCH INNERLICH.

(Thích Nhất Hạnh, Wahre Liebe: Eine Praxis zum Erwachen des Herzens)

Im Gehen des Weges des Erwachten üben wir uns darin, nicht irreführend zu reden.

Menschliche Aktivität hat drei Aspekte: es gibt das Handeln des Geistes, der Sprache und des Körpers. Das Handeln des Geistes geht dabei voran; Handeln mit Sprache und Körper sind seine aktiven Funktionen. Auch wenn Sprache, also kommunikatives Handeln, eine subtilere Form des Handelns ist als körperliches, so ist auch bei Gebrauch von Sprache sorgfältig auf seine heilsame oder potentiell unheilsame Wirkung zu achten. Dies bedeutet, dass wir uns beim Sprechen bewusst machen, was wir sagen, warum und wie wir es sagen; ob unsere Intention beim Sprechen mitfühlend und heilsam ist und diese Intention auch angemessen zum Ausdruck kommt. Irreführend im Sinn dieser kai ist nicht nur unheilsames Sprechen, irreführend ist auch ein Sprechen, das bei uns und Anderen den Geist zerstreut, die Achtsamkeit auf die Handlungsimpulse des Geistes stört. Aus diesem Grund ist in unseren Retreats neben der Übung von Zazen und achtsamen körperlichen Übungen die Übung des Schweigens zentral; die Reduktion des Sprechens auf das Notwendige und Heilsame.

Wie bei der kai, die uns beim heilsamen, nicht-anhaftenden Umgang mit sinnlichen Freuden leitet, gibt es auch bei der kai nicht irreführend zu reden, eine besondere Verantwortung derjenigen, die in unserer Gemeinschaft mit einer herausgehobenen Funktion betraut sind. Insbesondere gilt dies, wenn Unterstützung beim Gehen des Weges in Form von Einzelgesprächen (dokusan) angeboten wird. Bei Einzelgesprächen ist Vertraulichkeit für beide Seiten Voraussetzung des Gesprächs und ein Bruch dieses Vertrauens entwertet das im Gespräch Gesagte, macht es zu irreführender Rede. Ausnahmen von der Verpflichtung zur Verschwiegenheit sind nur nach sorgfältiger Abwägung zum Schutz der mitteilenden Person selbst, zum Schutz Dritter oder des Allgemeinwohls zulässig.

JEMAND VERSTEHT FALSCHE REDE ALS FALSCHE REDE, UND JEMAND VERSTEHT RICHTIGE REDE ALS RICHTIGE REDE: DIES IST SEINE RICHTIGE ANSICHT.

WAS IST FALSCHE REDE? UNWAHRE REDE, BÖSWILLIGE REDE, DER GEBRAUCH GROBER WORTE UND GESCHWÄTZ: DIES IST FALSCHE REDE.

(Mahācattārīsaka Sutta, Majjhimanikāya 117)

ACHTSAM ÜBERWINDET JEMAND FALSCHE REDE, ERLANGT RICHTIGE REDE UND VERWEILT DARIN: DIES IST SEINE RICHTIGE ACHTSAMKEIT.

Im Gehen des Weges des Erwachten üben wir uns darin, weder Körper noch Geist zu vergiften.

Körper und Geist (nāmarūpa, myōshiki) sind Ergreifen von Form, Empfindung, Wahrnehmung, Wollen und Bewusstsein. Körper und Geist sind aber auch das Medium der Übung des Weges, des Loslassens leidhafter Anhaftung an Körper und Geist – ein Medium, das bedingt ist durch verschiedene Formen von ‚Nahrung‘ (āhāra, agara), materieller und immaterieller. Daher ist die Beachtung heilsamer und unheilsamer Wirkungen dieser ‚Nahrung‘ auf Körper und Geist von großer Bedeutung für unsere Übung.

DIESE VIER NAHRUNGSSTOFFE DIENEN DEN WESEN, DIE GEBOREN SIND, ZUR ERHALTUNG,
ODER DEN WESEN, DIE NACH WIEDERGEBURT SUCHEN, ZUR FÖRDERUNG.
WELCHE VIER? DIE ESSBARE SPEISE, GROBE ODER FEINE; DIE BERÜHRUNG IST DER ZWEITE;
DIE DENKTÄTIGKEIT DES GEISTES IST DER DRITTE; DAS BEWUSSTSEIN IST DER VIERTE
(Āhāra Sutta, Samyuttanikāya 12.11)

Unter ‚Nahrung‘ ist daher nicht zuletzt auch zu verstehen, was wir unserem Geist über unterschiedliche Medien zuführen, womit wir ihn füttern. In seiner ursprünglichen Form bezog sich dieses Gelübde lediglich auf vergorene, berauschende Getränke (surāmeraya majja), die einen Zustand von Unachtsamkeit, Trägheit, Fahr- und Nachlässigkeit (ppamādatthāna) bewirken. Häufig wird dies in erweitertem Sinn nicht nur auf die Droge Alkohol bezogen, sondern als grundsätzliche Zurückweisung aller Substanzen verstanden, die den Zustand des Bewusstseins verändern. Dabei wird leicht übersehen, dass jede ‚Nahrung‘, sowohl materielle (‚Substanzen‘) wie immaterielle (Worte, Bilder, Klänge …), auf Körper und Geist und damit auch auf das Bewusstsein verändernd wirkt. Solche Wirkungen können heilsamer, unheilsamer oder schlicht neutraler Natur sein, wobei insbesondere das ‚Umschlagen‘ von Neutralität in Unheilsamkeit eine Frage der Dosis, also der Menge der zugeführten ‚Nahrung‘ ist.

Entscheidend für unsere Übung ist der durch die Veränderung bewirkte Zustand – insbesondere wenn es ein „Zustand von Unachtsamkeit, Trägheit, Fahr- und Nachlässigkeit“ oder ein sonst für Körper und Geist unheilsamer Zustand ist. Wichtigste Anzeichen solcher Unheilsamkeit sind Gier und Anhaftung einerseits, Agression und Ablehnung andererseits: die grundlegenden, aus Verblendung entstehenden Geistesgifte. Unsere Achtsamkeit ist daher auf die Wahrnehmung solcher Anzeichen auch in subtiler Form und die Vermeidung der sie erzeugenden und nährenden Bedingungen gerichtet.

Als Bodhisattva-Übung richtet sich diese Achtsamkeit nicht nur auf die ‚Nahrung‘, die wir selbst aufnehmen sondern insbesondere auch auf die, die wir anderen Wesen zuführen. Es ist eine Übung sorgsamen Umgangs mit Körper und Geist schlechthin, nicht nur mit unserem eigenen.

VERKAUFE NICHT DEN WEIN DER TÄUSCHUNG.
NICHTS EXISTIERT, SICH DARÜBER ZU TÄUSCHEN. ES IST TATSÄCHLICH DIE GROSSE KLARHEIT
(Dōgen Zenji, Kyō Jukai Mon)