Was ist Zen Bogenschießen?

Der Bogenweg

 

Der Bogenweg, oder auch Zen-Bogenschießen, wie wir es in der Altbäckersmühle üben ist eine besondere Form des intuitiven oder meditativen Bogenschießen.

Der Bogenweg entstand anknüpfend an die in chinesischen und japanischen Klöstern geübte Praxis des Zen im Sitzen und Gehen sowie Zen in der Bewegung. Die Übung mit dem Bogen, wie wir sie in der Altbäckersmühle praktizieren, ist inspiriert durch die klaren Formen im Zen in Verbindung mit dem Klassischen Indischen Bogenschießen. Wir üben ausschließlich mit Reiter- oder Langbögen ohne technische Hilfsmittel.

Korrektes und zielsicheres Schießen, wie es üblicherweise mit dem Bogenschießen in Verbindung gebracht wird, ist etwas völlig anderes als ein Schuss, der in Frieden und wachem Bewusstsein abgegeben wird – dann werden Bogen, Schütz*in und Ziel zu dieser einen Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist das gelebte Jetzt, frei von Anhaftungen, ohne Trübung des Geistes.

Im Jetzt des Augenblicks, in der Einheit von Körper und Geist, betreten wir in jedem Moment, mit jedem Schuss das Tor zum Leben in seiner ganzen Schönheit und Kraft.

DER BOGENWEG ist das vielleicht sinnfälligste Beispiel für das Zusammenspiel von disziplinierter Ausrichtung auf ein Ziel und dem Loslassen von Ziel und Zielen, wenn sich Bogensehne und geistig-körperliche Spannung lösen.Yunmen, der Meister vom Wolkentor, sagte: „Könnte es etwa sein, dass das auf nichts gerichtete Herz das ist, worum es geht?“

Ausführliche Informationen zum Weg des Bogens und Hinweise auf weitere Übungsstätten findet man auf der Website von HoKai.

Zen-Bogenschießen im Wolkentor der Altbäckersmühle

Tanz der Bogensehne

 

 

HINTER DER MÜHLE folgt ein schmaler Pfad dem Hasenbach in sein enger werdendes Tal. Nach einer Biegung des Baches öffnet sich eine Lichtung: das Wolkentor, das seinen Namen in Anspielung auf Yunmen Wenyan, den Meister vom Wolkentor erhielt.

Dies ist der Ort der Übung des Bogenweges. Wenn man verstehen möchte, was die sog. Zenkünste oder Zenwege eigentlich sind, so hilft ein Blick auf die Gemeinsamkeiten von scheinbar so unterschiedlichen Übungsformen wie Bogenweg, Teeweg, Blumenweg und anderen, weniger bekannten.

All diese Formen gründen in der Übung des Zazen, des ‚Zen-Sitzens‘, doch sie wachsen in ihrer Anforderung an den Übenden über diese einfachste Form der Zenübung hinaus. Sie sind Zen in Bewegung; sie vereinen den Aspekt einer konzentrierten und achtsamen geistig-körperlichen Ausrichtung des Übenden an einer Form einerseits und andererseits das Loslassen des diese Form an- und einnehmenden Ichs. Form wird Leere, Leere Form.

WIE SEHR KÖRPER UND GEIST gleichzeitig gefordert sind, erfahren wir, wenn wir uns der technischen Seite der Bogenübung zuwenden. Wir haben also unseren Standort gefunden, der Pfeil ist an der richtigen Stelle auf die Sehne gesetzt, Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger haben ihren vorgesehenen Platz auf der Sehne gefunden. Es ist alles bereit, um mit dem Bogenarm den Bogen zu heben.

 

Bevor wir jedoch mit irgendeiner Aktivität beginnen, müssen wir zuerst mit wachen Augen den Zielpunkt anschauen. Dabei sagen wir zu uns selbst: »Da will ich hin!« In dieser einfachen Abfolge können wir zwei wichtige Erfahrungen machen: Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass wir das Ziel klar ins Auge fassen, bevor wir handeln. Oft ertappen wir uns infolge unserer Unachtsamkeit und Aufgeregtheit dabei, dass wir handeln, ohne zu schauen. Das geschieht nicht nur bei der Bogenübung, sondern ist ein Lebensmuster. Mein Geist gibt dem Auge den Auftrag zu schauen, das Auge meldet dem Geist das Geschaute (Zielpunkt), blendet alles Drumherum (Mitübende, Scheibe) aus und gibt damit dem Körper die Chance, sich im weiteren Übungsverlauf genau einzustellen. (Gespräch mit KyuSei)

Je genauer die geistige Vorgabe, umso zielgerichteter die körperliche Reaktion. Der Körper realisiert das vorhandene Wissen und wird zu einem Instrument unserer geistigen Energie. Eine wichtige und vermutlich nie endende Übung ist das Finden des Ankerpunktes und damit verbunden das korrekte Lösen des Pfeils. Unter Ankerpunkt verstehen wir einen bestimmten Punkt – in unserem Falle den Mundwinkel – den unser Mittelfinger in der höchsten Anspannung des Bogens präzise erreichen muss, um einen sauberen Abgang des Pfeils zu ermöglichen.

Auch hier, beim genauen Erreichen des Ankers sind zwei Erfahrungen wichtig: Der Finger darf nicht zu hoch, nicht zu tief, nicht zu früh und nicht über den Punkt hinaus angesetzt werden, da sich sonst der Winkel des Pfeils, aber auch die Auszugslänge und damit die Schubkraft verändert.

Ohne die achtsame Berührung von Finger und Mundwinkel und ohne die wache Wahrnehmung dieses Einswerdens gelingt kein sauberer »Ablass«. Die zweite und vielleicht größte Herausforderung ist die Veränderung des aktiven Tuns in ein passives Geschehenlassen. Um den Bogen zu ziehen, benötigen wir unseren Atem und unseren Rückenmuskel (Trapezmuskel). Für diesen Auszug brauchen wir unsere höchste Konzentration und einen guten körperlichen Einsatz.

Unsere männliche, aktive Seite ist gefordert. Signalisiert uns jedoch unser Geist das JETZT im Sinne von ANGEKOMMEN, muss sich unsere Aktivität in ein passives Entspannen unserer Finger verwandeln. Wir lassen auch das Loslassen los. Aufgehen im aktiven Tun, um dann ganz achtsam den Augenblick des Ankommens und des Geschehenlassens wahrzunehmen. Loslassen können wir erst, wenn wir angenommen haben. Männlich und weiblich sind keine Gegensätze, sondern verschmelzen zu einer fruchtbaren, wundervollen Harmonie.

Um diesen harmonischen Ablauf zu erreichen, brauchen wir ein Höchstmaß an technischem Können. Es ist die Voraussetzung, um sich von der Technik innerlich zu befreien. Sie ist keine Nebensache, wie manche meinen, die möglichst schnell zum Eigentlichen kommen möchten. Sie erschöpft sich aber auch nicht in sich selbst. Eugen Herrigel, einer der europäischen Pioniere des Bogenweges sagt eindeutig: »Das Bogenschießen kann somit unter keinen Umständen den Sinn haben, mit Bogen und Pfeil äußerlich, sondern mit sich selbst etwas auszurichten.« 

»Ein Mann, der das Bogenschießen lernte, stellte sich einmal mit zwei Pfeilen vor der Zielscheibe auf. Darauf wies ihn sein Lehrer zurecht:

›Anfänger dürfen nie über zwei Pfeile auf einmal verfügen, sie verlassen sich sonst auf den zweiten und gehen sorglos mit dem ersten um. Sie sollten lieber davon überzeugt sein, dass die ganze Entscheidung von dem einem Pfeil abhängt, den sie gerade aufgelegt haben.«

Yoshida Kenko