Ort — Geschichte

Die Mühle als Schutzraum

Die Geschichte der Familie Wasserburg

Was hat die Altbäckersmühle mit einem Stolperstein in Mainz zu tun? Johanna Wasserburg, für die der Stein gelegt wurde, und ihr Mann Robert fanden kurz vor Kriegsende 1945 in der damals als Wochenendhaus genutzten Mühle Schutz – sie überlebten Krieg und Verfolgung am selben Hasenbach, der heute noch durchs Mühlental fließt.

Die Geschichte von Johanna Wasserburg, Jüdin aus Mainz, und Robert Wasserburg, ihrem Ehemann, erschüttert noch heute – weil Antisemitismus in Deutschland erneut bedrohliche Ausmaße annimmt und wir erleben müssen, wie schnell religiöse und rassistische Ressentiments wieder beinahe gesellschaftsfähig werden.

Tagebuchnotizen von Angst und Rettung

Das Ehepaar Wasserburg führte eine sogenannte Mischehe: Johanna war Jüdin aus Mainz, Robert ihr Ehemann. Trotz christlicher Konfession und vollständiger Assimilation waren beide durch Johannas jüdische Herkunft an Leib und Leben bedroht. Im Februar 1945 mussten sie aus dem zerbombten Mainz fliehen – sie fanden zunächst Schutz im Bilhildis-Kloster des Bistums Mainz und versteckten sich dann in der Altbäckersmühle, wo sie den Krieg überlebten und dem Transport in ein Vernichtungslager entkamen.

Robert Wasserburg dokumentierte die Ereignisse in Tagebuchnotizen – persönlich und erschütternd. Er schreibt 1945:

»Wir können nicht mehr hierbleiben. Die Schwestern im Bilhildisstift nehmen uns auf. Sie wissen Bescheid über Mama und sind rührend besorgt um sie … Neue Warnung! Wir können auch nicht im Bilhildisstift bleiben. Herr S. gibt uns den Schlüssel zu einem Wochenendhaus, einer versteckt im Taunus liegenden Mühle … Nach anstrengender Fahrt und langer Wanderung endlich in der Mühle angekommen. Sie liegt herrlich in einem wildromantischen Tal, das von einem breiten Bach durchflossen wird … Über uns sind hunderte von Fliegern und der Himmel ist voller Kondensstreifen. Die Bauern von den hoch gelegenen Ortschaften flüchten ins Tal und suchen bei uns Zuflucht … Insgesamt haben wir jetzt 9 Personen in Einquartierung.«

Stolperstein

WELT

»Wie wunderbar ist es, dass niemand einen Moment warten muss, um die Welt zu verbessern.«

— Anne Frank, Tagebuch

Großzügigkeit, Weisheit und Mut

Die damaligen Besitzer, die Industriellenfamilie Schmidt aus Wiesbaden, stellten die Mühle nicht nur als Versteck zur Verfügung. Frau Schmidt versorgte das Ehepaar Wasserburg und sieben weitere Schutzbefohlene zuverlässig mit Lebensmitteln – zu Fuß, aus Wiesbaden, das eigene Leben riskierend.

Damals wie heute liegen Bedrohung und großzügig mitfühlendes Handeln dicht beieinander. Damals wie heute ist die Altbäckersmühle ein Schutzraum. Der Unterschied liegt in jeder einzelnen Handlung – unserer Handlung.

Es war fast 40 Jahre später ebendiese Frau Schmidt, die beim Verkauf der Mühle unter vielen Bewerbern KyuSei und GenKi als Nachfolger auswählte – und damit den Faden der Großzügigkeit weiterspan, der bis heute reicht.

Stolperstein in Mainz – Stein des Gedenkens in der Mühle

Für Johanna Wasserburg wurde am 25. Oktober 2019 in der Taunusstraße 23 in Mainz ein Stolperstein gelegt, der an ihr Leben, ihre Demütigung und Angst erinnert.

In der Altbäckersmühle gibt es hinter dem Wolkentor schon länger einen Stein des Gedenkens: Dort wird an Sangha-Mitglieder erinnert, die bereits verstorben sind – und an Johanna und Robert Wasserburg, mit denen wir die Zugehörigkeit zur Menschen-Sangha teilen. Wir können an diesem Ort Zeugnis ablegen und uns konkret mit dem Schicksal dieser beiden Menschen verbinden, deren Not in der Altbäckersmühle Linderung fand.

MENSCHEN

»Immer sind es die Menschen –
Du weißt es.
Ihr Herz ist ein kleiner Stern,
der die Erde beleuchtet.«

— Rose Ausländer (1901–1988)

Die Altbäckersmühle als Zuflucht und Schutzraum

Für uns, die wir heute in der Altbäckersmühle üben, ist diese Geschichte allgegenwärtig. Tal und Mauern sind nicht Symbol, sondern schützende Wirklichkeit.

Betrachten wir diese Erfahrung als Juwel in Indras Netz, sind wir untrennbar verbunden mit dem Wahn der Nazis, mit der mutigen Großzügigkeit der Nonnen von Bilhildis, mit den Menschen, die den Wasserburgs die Mühle als Schutzraum zur Verfügung stellten, sie versorgten und ihnen das Leben retteten.

Wenn wir heute die Gelübde rezitieren, tun wir das ebenso als Juwel in diesem Netz. Dieser innere Transformationsprozess braucht Schutz, den wir im Zendo der Altbäckersmühle finden, um wieder und wieder wach in die Allverbundenheit des großen Netzes hineinzuleben.

Unser Dank geht an alle, die das durch scheinbar kleine und große Taten ermöglicht haben – und heute ermöglichen.

Einige Begriffe aus der Zen-Praxis – Sangha, Indras Netz, Zendo, Wolkentor – sind im Glossar erläutert.

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