Geschichte & Tradition des Zen
Zen in Japan
Die prägende Gestalt einer langen Geschichte
Geschichte & Tradition des Zen
Die prägende Gestalt einer langen Geschichte
DIE GESCHICHTE DES ZEN in Japan hatte drei kurze Vorspiele, die allerdings folgenlos blieben. Bereits 653 pilgerte Dosho (629-700) nach China, um bei Hsüan-tsang (600-664) die Lehren der Fa-hsiang-Schule zu studieren. Auf dessen Rat hin soll er auch das Ch’an der südlichen Schule studiert haben, wobei unklar ist, bei wem – immerhin war Hui-neng damals vielleicht gerade 20 Jahre alt. Nach einer anderen Überlieferung soll er bei einem Schüler des zweiten Patriarchen Hui-k’o studiert haben, der dann allerdings seinen Lehrer um über 60 Jahre überlebt haben muss. Nach seiner Rückkehr im Jahre 656 jedenfalls begründete er in Japan die Hossô-Schule und baute auch in Nara im Gan-go-Kloster eine Halle für Zen-Meditation.
Um das Jahr 810 kam der chinesische Rinzai-Meister I-k’ung (jap. Giku) auf Einladung der Kaiserin Tachibana Kachiko nach Japan, die für ihn das Kloster Danrin-ji in Kyoto errichtete. I-k’ung hatte jedoch kaum Zulauf und kehrte nach einigen Jahren nach China zurück.
1171 schließlich ging Kakua nach China, um dort das Rinzai der Yogi-Linie zu studieren. Nach seiner Rückkehr sollte er Kaiser Takakura (1169-1180) Bericht über die Zen-Lehre geben. Kakua zog eine Flöte hervor, blies einen einzigen Ton, verbeugte sich höflich und verschwand – für immer.
Den nächsten Versuch einer Übertragung von Zen nach Japan unternahm Myôan Eisai (1141-1215), ursprünglich ein Mönch der Tendai-Schule. 1168 und zum zweiten Mal 1187 reiste er nach China, wo er nach fünfjährigem Studium am Tien-tung-shan von Hsü-an Huai-chang die Dharma-Übertragung der Oryo-Line des Rinzai-Zen erhielt. Nach seiner Rückkehr gründete er 1195 das Shofuku-ji bei Hakata, das erste japanische Rinzai-Kloster, das noch heute existiert. 1202 machte ihn Yori’ie, der zweite Minamoto-Shogun, zum Abt des Kennin-ji in Kyoto. Der Kennin-ji war zu dieser Zeit noch kein reines Zen-Kloster; es wurden dort auch die Traditionen der Tendai- und der Shingon-Schule gelehrt.1215 verließ Eisai die kaiserliche Hauptstadt Kyoto und ging nach Kamakura, dem Sitz des Bakufu (der Militärregierung der Shogune). Dort gründete er auf Einladung des Shogun Sanetomo das Jufuku-ji.
Wie in China, so erlosch auch in Japan die von Eisai übertragene Oryo-Linie des Rinzai-Zen nach wenigen Generationen; es war die Yogi-Linie, die sich schließlich durchsetzen sollte. Trotzdem gilt Eisai als der Vater des japanischen Zen – zumal er auch der erste Lehrer von Dogen Kigen war, der die Soto-Schule in Japan etablierte.
Dogen Kigen (1200-1253) wurde im Alter von 13 Jahren Novize und erhielt ein Jahr später die volle Ordination. Er studierte die Lehren der Tendai-Schule und das von Eisai in Japan eingeführte Rinzai-Zen am Kennin-ji unter Eisai selbst und dann unter Myozen, dem Schüler Eisais. 1223 brachen Myozen und Dogen gemeinsam zu einer Reise in das China der südlichen Sung-Dynastie auf, um Zen an den Quellen zu studieren.
In China trennten sich ihre Wege, und Dogen suchte verschiedene Klöster auf, bevor er 1225 im Kloster Tien-t’ung auf Ju-ching (jap. Tendo Nyojo 1163-1228), den 13. Dharma-Nachfolger Tung-shan Liang-chiehs ( jap. Tozan Ryokan), traf. Unter ihm studierte Dogen, erfuhr tiefe Erleuchtung und erhielt Dharma-Übertragung. 1227 kehrte Dogen mit der Asche des mittlerweile verstorbenen Myozen nach Japan zurück. Anders als frühere Pilger brachte er keine Schriften mit. “Ich bin mit leeren Händen zurückgekommen. Ich habe nur begriffen, dass die Augen waagrecht sind und die Nase senkrecht”. Was er mitbrachte, war eine für Japan neue Lehre und Praxis, die um zwei zentrale Begriffe kreist: Shikantaza (nichts als treffendes Sitzen) und Shinjin datsuraku (Geist und Körper abstreifen).
In Japan lehrte er zunächst im Kosho-ji in Uji (nahe Kyoto), bevor er 1244 auf Einladung Hatano Yoshishiges in der Provinz Echizen das Daibutsu-ji gründete, 1426 in Eihei-ji umbenannt. Unter diesem Namen ist es noch heute eines der ‚Hauptquartiere’ der Soto-shu, der japanischen Linie der Ts’ao-tung-Schule. Im Herbst 1252 erkrankte Dogen und im Spätsommer 1253 ging er in die Verwandlung ein.
Als zweiter Gründer der Soto-shu wird Keizan Jokin (1268-1325), in vierter Generation Dharma-Erbe Dogens, verehrt. Bereits mit acht Jahren wurde er Novize im Eihei-ji und studierte dort unter Dogens berühmtem Schüler Koun Ejo (1198-1280) und unter Tettsu Gikai (1219-1309). Mit 27 Jahren erhielt Keizan von Gikai die Kesa (Robe) als Zeichen der Dharma-Übertragung.
In den folgenden Jahren entfaltete Keizan eine äußerst fruchtbare Tätigkeit als Lehrer und Schriftsteller. Die Gründung des Soji-ji, das neben Dogens Eihei-ji das zweite Hauptquartier der Soto-shu werden sollte, geht auf ihn zurück – aber auch die Gründung des Ho’o-ji, des ersten Nonnenklosters der Soto-shu.
Inzwischen hatte sich auch die Yogi-Linie des Rinzai-Zen in Japan etabliert. Shomyo, genannt Daio Kokushi (1235-1309) hatte zunächst unter dem chinesischen Rinzai-Meister Lan-chi Tao-lung (1203-1268) studiert, der 1246 nach Japan kam. 1259 ging er nach China, wo er unter Hsu-t’sang Chih-yu (1189-1269) studierte und von ihm Dharma-Übertragung erhielt. Shomyos bedeutendster Schüler war Myocho Shuho, genannt Daito Kokushi (1282-1338), Gründer des Daitoku-ji in Kyoto und Lehrer von Kanzan Egen, genannt Muso Daishi (1277-1360), dem zweiten Abt des Daitoku-ji und Gründer des Myoshin-ji. Nach diesen drei Meistern ist die O-to-kan-Schule benannt, auf die das heutige Rinzai-Zen in Japan zurückgeht.
Es war insbesondere das Rinzai-Zen, das die Unterstützung der Shikken (Regenten) aus dem Hojo-Clan fand, die zu dieser Zeit an Stelle der Shogune regierten. Vor allem Tokiyori (reg. 1247-1256) und Tokimune (reg. 1268-1284) waren selbst ernsthafte Zen-Praktizierende; Tokiyori wurde 1256 Mönch und gab offiziell die Regentschaft ab. Auf Einladung der Regenten kamen etliche chinesische Ch’an-Meister nach Japan und trugen dort zur Entstehung der japanischen Zen-Tradition bei. Zunächst war dies der bereits erwähnte Tao-lung, der erste Lehrer Shomyos. 1280 kam Wu-hsüeh Tsu-yüan (jap. Mugaku Sogen, gen. Bukko Kokushi, 1226-1286) nach Japan, 1327 Ch’ing-chou Cheng-shen (jap. Seicho Seisetsu, 1274-1339).
Das zunächst in Kamakura etablierte Rinzai-Zen fand bald auch Zugang zum kaiserlichen Hof in Kyoto. Dies war vor allem das Verdienst von Enni Ben’en, genannt Shoichi Kokushi (1202-1280), der seine Studien unter Gyoyu, einem Schüler Eisais, begann. Er ging dann für sechs Jahre nach China und erhielt von Wu-chun Shih-fang (1177-1249) das Siegel der Bestätigung. Er wurde erster Abt des Tofuku-ji und spiritueller Ratgeber Kaiser Gosagas. Auch die bereits genannten drei Gründer der O-to-kan-Schule standen in enger Beziehung zum Kaiserhaus. Am einflußreichsten jedoch war wohl Muso Soseki, genannt Muso Kokushi (1275-1351); er war Lehrer von drei Kaisern und Ratgeber des ersten Ashikaga-Shoguns Takauji und soll 13 000 Schüler, darunter 52 Zen-Meister, ausgebildet haben. Auf seine Veranlassung gründete Takauji in jeder der 66 Provinzen Japans einen Zen-Tempel.
Die engen Beziehungen der Rinzai-Schule zum Kaiserhaus und zum Bakufu, der Militärregierung, setzten sich auch nach dem Untergang der Hojo in der Periode der Ashikaga-Shogune fort. In Kamakura und Kyoto wurde eine institutionelle Hierarchie der Rinzai-Schule eingerichtet, das System der ‚Fünf Berge – zehn Tempel’, jap. Gozan-Jissetsu. In der Folge übte Zen einen starken Einfluss auf die japanische Kultur aus, insbesondre über die Gozan-Bungaku, die ‚Literatur der fünf Berge’.
Während die Rinzai-Schule ihre Wirksamkeit hauptsächlich in den Machtzentren Kyoto und Kamakura entfaltete, widmete sich die Soto-Schule vorwiegend der Unterrichtung der ländlichen Bevölkerung. Vor allem zwei Schüler Keizan Jokins, Meiho Sotetsu (1277-1350) und Gasan Joseki (1275-1365), sowie Gasans Schüler Jakurei Tsugen (1332-1391) begannen eine weitgespannte Missionstätigkeit, die von ihren Nachfolgern fortgesetzt wurde. Meiho und Gasan sind die Begründer der beiden Hauptlinien des Soto-Zen.
Mit dem Beginn des Tokugawa-Shogunats (1603-1867) begannen Verfallserscheinungen aufzutreten, auch wenn beide Schulen weiterhin große Meister hervorbrachten. In der Rinzai-Schule sind da vor allem Gudo Toshoku (1579-1661), Isshi (1608-1646), Takuan Soho (1573-1645) und Bankei Yotaku (1622-1693) zu nennen. Die wichtigste Gestalt dieser Zeit aber war Hakuin Ekaku (1686-1769), der große Reformator des Rinzai-Zen. Die beiden noch existierenden Linien der japanischen Rinzai-Shu, die Inzan- (nach Inzan Ien, 1751-1814) und Takuju-Linie (nach Takuju Kosen, 1760-1833) gehen beide auf Gasan Jito (1727-1797) zurück, einen Schüler Hakuins. Man könnte mit Recht sagen, das moderne Rinzai-Zen sei Hakuins Zen – so sehr hat seine Tätigkeit als Reformer diese Schule geprägt. Ein anderer bedeutender Schüler Hakuins war Torei En’ni (1721-1792).
Bereits eine Generation vor Hakuin hatte Gesshu Soko (1618-1696), ‚der große Wiederbeleber’, damit begonnen, das Soto-Zen zu erneuern, das in der Zeit der Bürgerkriege in eine Krise geraten war, da etliche der feudalen Adelsclans, die die in den nördlichen Provinzen konzentrierten Klöster und Tempel der Meiho-Linie patronisiert hatten, Gegner der siegreichen Tokugawa gewesen waren. Gesshus Wirken war in erster Linie auf eine Rückbesinnung auf die Lehren des Gründers Dogen gerichtet. Gesshus Werk wurde fortgesetzt von Hakuins Zeitgenossen Manzan Dohaku (1636-1714), genannt ‚der große Reformator’. Weitere bedeutende Soto-Meister waren Tenkei Denson (1648-1735), Shigetsu Ein (1689?-1764) und Menzan Zuiho (1683-1769).
1654 hatte Yin-yüan Lung-ch’i, jap. Ingen Ryuki (1592-1673) eine weitere chinesische Rinzai-Linie nach Japan übertragen. Yin-Yuan war in China Abt des Wan-fu-Klosters auf dem Huang-po-shan gewesen, wo auch Lin-chis Lehrer Huang-po (jap. Obaku) gewirkt hatte. Nach dieser Herkunft erhielt die neue Linie den Namen Obaku-shu. Yin-yüan wurde von etlichen Schülern begleitet, und auch in der Folgezeit kamen weitere Meister vom Festland, unter denen vor allem Sokuhi Nyoitsu (1616-1673) und Mokuan Shoto (1611-1684) zu nennen sind. Die Obaku-shu lehrte und lehrt das mit Praktiken der Reines-Land-Schule verschmolzene Ch’an der Ming-Zeit. Ihre Bedeutung lag vor allem in dem kulturellen Impuls, den sie Japan gab. Heute ist sie nahezu bedeutungslos geworden.
Mit der Meiji-Periode (1868-1912) begann in der japanischen Gesellschaft und Kultur eine radikale Umwälzung. Kennzeichnend für diese Epoche der Modernisierung und Industrialisierung waren auch Bestrebungen, eine nationale Ideologie zu schaffen, deren Bausteine man in neo-konfuzianischem Gedankengut und im Shintoismus suchte. Shintoistische und buddhistische Institutionen wurden voneinander getrennt und von staatlicher Seite eine regelrechte Anti-Buddhismus-Kampagne eingeleitet (Haibutsu-Kishaku). Dies führte einerseits zu einer allzu unkritischen und beschämenden Überangepasstheit buddhistischer Institutionen und ihrer Repräsentanten gegenüber einem zunehmend militaristischer und chauvinistischer auftretenden Staat, aber auch zu Bestrebungen, eine stärkere Wirksamkeit in der Gesellschaft zu entfalten.
Ausdruck dieser Bestrebungen war die Gründung religiöser Organisationen, deren erklärtes Ziel die Einbeziehung von Laien war. So kam es u.a. zur Gründung der Soto Fushu-kai, in der der Publizist Seiran Ouchi (1845-1918) eine bedeutende Rolle spielte.
Eine weitere Laienorganisation ist der 1954 von Hakuun Ryoko Yasutani (1885-1973) gegründete Orden Sanbo Kyodan, nach dem Gründer und seinem Lehrer Daiun Sogaku Harada (1871-1961) auch Harada-Yasutani-Schule genannt. Nach eigener Auskunft hat die Schule grundsätzlich Soto-Charakter, hat aber auch die Rinzai-Methode des systematischen Koan-Studiums integriert. Die Schule ist in Japan kaum von Bedeutung (ca. 3000 Anhänger), spielt jedoch eine große Rolle im europäischen und amerikanischen Zen, da viele bekannte westliche Lehrer (vor allem auch solche mit christlichem Hintergrund) aus dieser Linie stammen.
In Japan eine Zuordnung zu Sekten oder auch nur zu einer bestimmten Religion zu treffen, ist schwierig, da sich vor allem Shinto und Buddhismus gegenseitig nicht ausschließen. Schätzungsweise 84 % der Bevölkerung können im weitesten Sinne als buddhistisch gelten. Es gibt 28 von der Regierung anerkannte buddhistische Sekten, wobei auf Tendai, Nichiren, Shingon und Jodo zusammen ca. 88 % und auf Zen etwa 8 % entfallen – was eine Schätzung von. 8,4 Millionen Zen-Anhängern in Japan ergibt. Davon wiederum entfallen etwa 6,8 Millionen auf Soto- und 1,6 Millionen auf Rinzai-Anhänger. Die Anzahl der Tempel und Klöster der Soto-Shu wird mit etwa 15 000 angegeben, die der Rinzai-Shu liegt bei etwas über 6 000.
Leben
»Alles ist euer Leben. Tag und Nacht, was immer euch begegnet, ist euer Leben; daher sollt ihr euer Leben der Situation anpassen, die euch im Augenblick begegnet. Verwendet eure Lebenskraft dazu, aus den Umständen, die auf euch zukommen, eine Einheit mit eurem Leben zu gestalten und die Dinge an ihren richtigen Platz zu setzen.«
— Dogen Zenji
Aufnahmen von HoKais Reisen nach Japan: die Tempel unserer Tradition und ihre Gärten.
Einige der hier verwendeten Begriffe sind im Glossar erläutert.
Die Fotografien dieser Seite stammen aus eigenen Reisen. Einzelne illustrierte Motive (das Bildnis Ryōkans) wurden mit Hilfe von KI erstellt.
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