Geschichte & Tradition des Zen

Ursprung & China

Von Buddhas Blume zum Ch’an der T’ang- und Sung-Zeit

Überblick·Ursprung & China·Zen in Japan·Korea & Vietnam·Unsere Tradition

Vorgeschichte

ALS BUDDHA einst auf dem Geierberg weilte, da hob er mit den Fingern eine Blume empor und zeigte sie der versammelten Schar. Damals schwiegen alle. Nur der ehrwürdige Kashyapa verzog sein Gesicht zu einem Lächeln. Da sprach der Erhabene: »Das wahre Dharma-Auge, den wunderbaren Geist des Nirvana, die formlose wahre Form, das geheimnisvolle Dharma-Tor, das nicht auf Worten und Buchstaben beruht, eine besondere Überlieferung außerhalb der Schriften, vertraue ich dem Mahakashyapa an«.

So schildert das Mumonkan, eine klassische Samlung von Koan (Zen-Anekdoten), den Ursprung der Zen-Überlieferung – einer Überlieferung ohne Worte. Alle Worte (und im Laufe der Jahrhunderte wurden viele Worte um und über Zen gemacht) dienen nur dazu, auf dieses unnambare, wahre Dharma-Auge hinzuweisen.

Auf den ‚ersten Patriarchen’ Mahakashyapa folgten 26 weitere als Nachfolger, darunter so bekannte Namen wie Ashvagosa, Nagarjuna und Vasubhandu, bis schließlich Bodhidharma, der 28. Patriarch, im Jahre 520 von Südindien nach China kam, um der erste chinesische Patriarch des Zen (chinesisch Ch’an) zu werden.

Bodhidharma (460?-534?) wird als der eigentliche Gründer des Zen angesehen, und es gibt eine Unzahl von Legenden über ihn. Für den nüchternen Historiker ist er allerdings eine kaum greifbare Gestalt, manche bestreiten gar vollends seine Historizität. Die Wissenschaft führt heute die Entstehung der Ch’an-Schule eher auf eine Reformationsbewegung innerhalb des chinesischen Buddhismus zurück als auf eine einzelne Gründergestalt.

Offensichtlich richtete sich diese Reformation gegen eine in leeren Ritualen und intellektuellen Studien erstarrte Religion, wobei das Schwergewicht auf meditative Praxis gelegt wurde – ‚Ch’an’ bzw. das japanische ‚Zen’ sind jeweils die einheimische Aussprache des Sanskrit-Wortes ‚Dhyana’, meditative Versenkung. Buddhistische Meditation war in China durchaus nichts Neues – es gab berühmte Meditationsmeister wie An Shih-kao (um 150), Tao-an (312-385) und Hui-yüan (334-416) – doch in ihrer radikalen Ausrichtung auf die Erfahrung der Erleuchtung und in den angewandten ‚Techniken’, in ihrem ‚Lehrstil’, war die Ch’an-Schule etwas Besonderes.

Historisch fassbar wird Ch’an erst zu einem Zeitpunkt, als bereits mindestens drei Schulen existieren: die Niu-t’ou-tsung (Ochsenkopf-Schule) Niu-t’ou Fajungs (594-657), eine nördliche Schule unter dem Meister Shen-hsiu (605?-706) und eine südliche Schule, die auf Hui-neng (638-713) zurückgeht.

Fajung, dem das berühmte Gedicht ‚Hsin-Ming’ (nicht identisch mit dem Hsin-hsin-ming des dritten Patriarchen Seng-ts’an) zugeschrieben wird, galt als Schüler Tao-hsins (580-651), des sog. vierten Patriarchen – eine Herleitung, die allerdings erst ab ca. 750 behauptet wird. Die Schule existierte einige Jahrhunderte, bevor die Linie während der nördlichen Sung-Dynastie (960-1126) ausstarb. Sie wurde nie zu den ‚klassischen’ Zen-Schulen gezählt.

Shen-hsiu, ein Schüler des fünften Patriarchen Hung-jen (601-674), stand im Norden, in den Hauptstädten Luoyang und Chang’an, in höchstem Ansehen und

wurde von der berüchtigten Kaiserin Wu Zetian (625-705) protegiert, als er von Ho-tse Shen-hui (686-760), der im Süden bei der Aristokratie ein vergleichbares Ansehen genoß, heftig angegriffen wurde. Shen-hui machte geltend, sein eigener Lehrer, Hui-neng (638-713), sei der einzige und wahre Dharma-Nachfolger Hung-jens, der wahre sechste Patriarch des Ch’an.

Wichtiger als der Streit um die legitime Nachfolge bzw. sein Anlass aber war, dass Shen-hsius nördliche Schule eine ‚allmähliche Erleuchtung’ lehrte, während Hui-neng die ‚plötzliche Erleuchtung’ lehrte. Auch wenn geltend gemacht wurde, Hui-neng habe die Dharma-Übertragung Hung-jens erhalten und lehre das wahre Zen der Buddhas und Patriarchen, so war seine Lehre der abrupten, unmittelbaren Erleuchtung, des plötzlichen Durchbruchs zur Wirklichkeit, doch ein neues Element – wenn auch nicht radikal neu. Das Konzept der ,plötzlichen Erleuchtung’ hatte bereits Tao-sheng (360?-434), der Begründer der Nirvana-Schule, gelehrt. Unbestreitbar jedoch hatte Hui-neng diesem Konzept neue Gestalt gegeben, es mit frischem Geist erfüllt.

Es war dieser neue Geist, der die südliche Schule die nördliche überflügeln und schließlich zur einzigen überlebenden Ch’an-Schule werden ließ. Das Plattform-Sutra des sechsten Patriarchen, das Hui-nengs Lehren überliefert, kann mit einigem Recht als die eigentliche Gründungsurkunde des Ch’an angesehen werden. Es waren Schüler Hui-nengs, die das klassische Ch’an des goldenen Zeitalters, das Ch’an der T’ang- und Sung-Zeit, entwickelten.

Huike Fantasie
Huineng Fantasie
Huineng Fantasie

Begehren

»Wo auch immer ein Begehren ist, da findest du Leiden. Wenn das Begehren aufhört, bist du frei vom Leiden. Nicht-Begehren ist der Weg zur Wahrheit.«

— Bodhidharma

DAS CH’AN DER T’ANG UND SUNG-ZEIT

VIELES IN DER  FRÜHEN GESCHICHTE der Ch’an-Schule ist unklar und wird es wohl auch immer bleiben. Es ist fraglich, ob Bodhidharma, der erste Patriarch, überhaupt je gelebt hat. Es ist fraglich, ob Hui-K’o (487-593), Seng-ts’an (? – 606) und Tao-hsin (580-651), die als zweiter, dritter und vierter Patriarch verehrt werden, mit den in der zeitgenössischen Literatur erwähnten Lankavatara-Meistern identisch sind und unklar ist, wie Hung-jen zu ihnen stand – der fünfte Patriarch scheint seine Lehren eher auf das Diamant-Sutra als auf das Lankavatara-Sutra gestützt zu haben. Und ob Hui-neng tatsächlich Schüler Hung-jens war, oder – worauf manche Aufzeichnungen hindeuten – ursprünglich der Nirvana-Schule angehörte, wird wohl auch nie geklärt werden können. Die eigentliche Geschichte des Zen, jenseits von Legenden und Spekulationen, beginnt erst mit den Schülern Hui-nengs, des sechsten Patriarchen.

Der zu seiner Zeit prominenteste Schüler Hui-nengs wurde bereits genannt: Ho-tse Shen-hui, der Begründer der Ho-tse-Schule. Auch diese Schule zählt nicht zu den klassischen Übertragungslinien, da sie bereits nach wenigen Generationen erlosch – nicht ohne mit Kuei-feng Tsung-mi (780-841) noch einen bedeutenden Meister hervorzubringen. Tsung-mi gilt gleichzeitig auch als fünfter Patriarch des Hua-Yen-Buddhismus (japanisch Kegon).

Weitere Dharma-Erben Hui-nengs waren der hochgelehrte Tien-Tai-Mönch Yung-chia Hsüan-chüeh (665-713), der Verfasser des Cheng Tao Ko, und Nan-yang Hui-chung (675?-775?). Dieser war Lehrer und Meister der Kaiser Su-tsung (756-762) und Tai-tsung (763-779) und erhielt daher den Ehrentitel ,Landesmeister’, Kuo-shih (jap. Kokushi). Am bedeutsamsten für die weitere Entwicklung des Ch’an waren jedoch Hui-nengs Schüler Ching-yuan Hsing-ssu (660-740) und Nan-yueh Huai-jang (677-744), die die Ahnherren aller klassischen Zenschulen werden sollten, der ‚fünf Häuser, sieben Schulen’ (jap. Goke-Shichishu).

Beide hatten Schüler, die in der Geschichte des Zen eine herausragende Rolle spielen: Ching-yuan war Lehrer von Shih-t’ou Hsi-ch’ien (700-790) und Nan-yueh von Ma-tsu Tao-i (709-788), die die berühmtesten Lehrer ihrer Zeit waren. Shih-t’ou lehrte in der Provinz Hunan (= ‚südlich des Sees’) und Ma-tsu in Kiangsi (= ‘westlich des Flusses’). Zwischen beiden Zentren fand ein reger Austausch statt, und es hieß: »Westlich des Flusses lebt Ma-tsu, südlich des Sees Shih-t’ou. Zwischen diesen beiden wandern die Menschen hin und her, und wer diese beiden großen Meister niemals traf, der bleibt ein Unwissender«.

Ma-tsu hatte eine große Anzahl Dharma-Erben, erleuchtete Nachfolger. Die vielleicht wichtigsten waren Nan-ch’üan P’u-yüan (748-835), dessen Schüler wiederum der berühmte Chao-chou T’sung-shen (778-897) war, und Pai-chang Huai-hai (720-814). Pai-chang war der Verfasser der ‚Goldenen Regel’, der ersten speziell für Ch’an-Klöster niedergeschriebenen Mönchsregel. Anders als bei den anderen buddhistischen Schulen war es das Bestreben der Ch’an-Gemeinschaften, als Selbstversorger zu existieren, auch wenn der Bettelgang nicht abgeschafft wurde. Körperliche Arbeit wurde Teil der Übung und ist es bis heute geblieben. Dass die Ch’an-Gemeinschaften ihren Lebensunterhalt selbst erarbeiteten, ermöglichte den Rückzug in unerschlossene, dünn besiedelte Regionen und sicherte das Überleben des Ch’an-Buddhismus in der großen Verfolgung der Jahre 842-845. Die kaiserliche T’ang-Regierung, zunehmend besorgt über den stetig wachsenden Reichtum und politischen Einfluss der buddhistischen Klöster, zerstörte 4600 Klöster und Tempel, beschlagnahmte ihr Vermögen und zwang 250 000 Mönche und Nonnen, in den Laienstand zurückzukehren. Diesen Schlag überstanden lediglich die Ch’an-Schule und die fest in der Volksfrömmigkeit verankerte Ching-t’u-tsung (Schule des Reinen Landes).

Unter Pai-changs Schülern ragen zwei besonders heraus: Kuei-shan Ling-yu (771-853), der zusammen mit seinem Schüler Yang-shan Hui-chi (807-883) die Kuei-Yang-Schule (jap. Igyo-shu) begründete, und Huang-po Hsi-yüan (?-850), dessen Schüler Lin-chi I-hsüan (?-866) Stammvater der Lin-chi-Schule (jap. Rinzai-shu) wurde. Letztere existiert noch heute.

Um auf Ma-tsus Zeitgenossen Shih-t’ou zurückzukommen – von seinem Schüler T’ien-huang Tao-wu (748-807) ging die Linie weiter zu Lung-t’an Ch’ung-hsin (um 800), von dem wenig bekannt ist, außer, dass von ihm eine Reihe bedeutender Meister abstammt. Da sind zunächst sein Schüler Te-shan Hsüan-chien (782-865) und dessen Schüler Hsüeh-feng I-tsun (822-908). Hsüeh-feng hatte eine Reihe fähiger Dharma-Erben, darunter Ch’ang-ch’ing Hui-leng (854-932), Hsüan-sha Shih-pei (835-908) und Yün-men Wen-yen (864-949). Hsüan-sha wurde der Begründer der Hsüan-sha-Schule, die später nach seinem ‚Dharma-Enkel’ Fa-yen Wen-I Fa-yen-Schule (jap. Hogen-shu) genannt wurde. Yün-men wiederum wurde der Stammvater der Yün-men-Schule (jap. Ummon-shu).

Ein anderer Schüler Shih-t’ous war Yüeh-shan Wei-yen (745-828), dessen ‚Dharma-Enkel’ Tung-shan Liang-chieh (707-869), der Schüler Yün-yen T’an-shens (780-841) war. Auf Tung-shan und seinen Schüler Ts’ao-shan Pen-chi (840-901) geht die Ts’ao-Tung-Schule (jap. Soto-shu) zurück. Weitergeführt wurde die Linie Tung-shans allerdings nicht von Ts’ao-shan, sondern von dessen Mitschüler Yün-chü Tao-ying (?-901). Die Soto-Shu ist heute die größte Zen-Gemeinschaft Japans.

Somit waren um 900 die klassischen ‚Fünf Häuser’ des Zen etabliert: Igyo, Hogen, Ummon, Soto und Rinzai. Etwa hundert Jahre später spaltete sich die Rinzai / Lin-chi-Schule in zwei Hauptlinien auf: die von Yang-ch’i Fang-hui (992-1049) begründete Yang-chi-Linie (jap. Yogi) und in Huang-lung Hui-nans (1002-1069) Huang-lung-Linie (jap. Oryo). Beide waren Schüler von Shih-shuang Ch’u-yüan (986-1039). Damit war das System der Goke-Shichishu, der ‚Fünf Häuser, sieben Schulen’ komplett – es wurden drei Lin-chi-Schulen gezählt, die ‚alte’ und zwei ‚neue’.

Am kurzlebigsten war die Igyo-Schule, sie ging bereits um die Mitte des 10. Jahrhunderts in der Rinzai-Schule auf. Die Hogen-Schule entfaltete unter Fa-yen und seinen direkten Nachfolgern eine außerordentliche Wirksamkeit, erlosch jedoch in der fünften Generation nach Fa-yen, etwa um 1100. Die Ummon-Schule hielt sich in China noch bis ins 12. Jahrhundert (in Vietnam etwas länger), und schließlich erlosch auch die Rinzai-Oryo-Schule. Das heutige Zen, das gegen Ende der Sung-Dynastie nach Japan gelangte, ist das Zen der Soto-Schule oder aber der Rinzai-Yogi-Schule. Nach dem Zusammenbruch der Sung-Dynastie und der Eroberung Chinas durch die Mongolen (1279) kamen etliche chinesische Ch’an-Meister nach Japan und befruchteten die dortige Entwicklung – doch danach gingen Zen in Japan und Ch’an auf dem chinesischen Festland weitgehend getrennte Wege.

Japan

Ruhe

»Lasst nur das Denken zu Ruhe kommen, und sucht nicht mehr im Außen. Was sich euch darbietet, dem wendet eure Aufmerksamkeit zu; vertraut dem, was gerade wirkt in euch, und es wird nichts mehr geben, worum ihr euch zu sorgen hättet.«

— Linji

DIE WEITERE ENTWICKLUNG IN CHINA

ES WIRD OFT BEHAUPTET – nicht nur in japanischen, auch in westlichen Darstellungen – dass das chinesische Ch’an nach dem Ende der Sung-Dynastie einen Niedergang erfahren habe und lediglich in den nach Japan übertragenen Linien, im japanischen Zen, rein bewahrt worden sei. Diese These ist in mehrerer Hinsicht problematisch. Zum einen war die japanische Rezeption durchaus nicht so konservativ, wie es den Anschein hat. Zen suchte und fand neue, spezifisch japanische Ausdrucksformen und entwickelte sich entsprechend den sozialen und politischen Bedingungen, die es vorfand. Gleiches – eine Weiterentwicklung in Anpassung an gesellschaftliche Rahmenbedingungen – gilt auch für China. Wie man solche Entwicklungen letzten Endes wertet, ist eine Sache persönlicher Präferenzen.

Die Geschichte des Ch’an von der Yüan-Dynastie bis zur Gegenwart ist bislang nur wenig untersucht. Als allgemeiner Trend der Entwicklung lässt sich jedenfalls eine Tendenz zur Verschmelzung feststellen, die der bisherigen Geschichte der Aufspaltung in immer neue Schulen entgegenzulaufen scheint. Beteiligt an diesem Verschmelzungsprozess, dessen Ergebnis unter dem Namen Ch’an-ching I-chih, ‚vereinte Praxis von Ch’an und Reines Land’, bekannt wurde, war neben den klassischen Ch’an Schulen vor allem die Ching-t’u-tsung, die Schule des Reinen Landes.

Grob ausgedrückt könnte man sagen, dass die eigentümliche Kosmologie der Schule des Reinen Landes eine psychologische Umdeutung erfuhr. Im Sinne einer ‚höheren Wahrheit’, so die Ch’an-Interpretation, ist das Reine Land, in dem eine günstigere Wiedergeburt angestrebt wird, kein Ort im räumlichen Sinne, sondern eine Entwicklungsstufe des Geistes. Der Beitrag der Ching-t’u-tsung zu der Fusion bestand vor allem in der Praxis des Nien-Fo, die der Mantra-Technik verwandt ist.

In vielen Klöstern gab es nun eine Halle für Ts’o-Ch’an (jap. Zazen, Sitzen in Versenkung) und eine Halle zur Rezitation, doch es gab (und gibt) auch gemeinsame Praxis in einer Halle. Beim Nien-Fo wird zwischen verschiedenen Stufen unterschieden, die sich der Schüler ‚erarbeitet’. Anfänger rezitieren den Buddhanamen, während sie ein konkretes Bild Buddhas, z.B. die Statue in der Meditationshalle, kontemplieren (kuan-hsiang nien-fo). Später wird das Bild nur noch geistig visualisiert (kuan-hsieng nien-fo) und schließlich verschwinden sowohl ‚Bild’ als auch das rezitierende Ego (shih-hsiang nien-fo).

Der Verschmelzungsprozess von Ch’an und Ching-t’u setzte nicht erst unter der mongolischen Yüan-Dynastie ein; angeblich sollen bereits Tao-hsin und Hung-jen, der vierte und fünfte Patriarch, auch das Nien-Fo gelehrt haben. Ein wichtiger Wegbereiter der Synthese beider Schulen war Yung-ming Yen-shou (904-975), der ‚Dharma-Enkel’ Fa-yens und einer der bedeutendsten Meister der Fa-yen- oder Hogen-Schule. Er gilt gleichzeitig auch als sechster Patriarch der Schule des Reinen Landes.

In sozialer Hinsicht könnte man vielleicht diesen Verschmelzungsprozess als eine Bewegung hin zu mehr Volkstümlichkeit charakterisieren. Begünstigt wurde dies wohl auch dadurch, dass Ch’an nach dem Ende der Sung seine Stellung als Religion der maßgeblichen gesellschaftlichen Schichten weitgehend verlor. Zwar waren die mongolischen Yüan durchaus nicht anti-buddhistisch, doch zogen sie den tibetischen Buddhismus, der durch sie erstmals in größerem Umfang Eingang in China fand, vor – wie übrigens auch die ab 1644 regierende Ch’ing-Dynastie der mandschurischen Eroberer.

Die einheimische Ming-Dynastie (1368-1644), die von einem ehemaligen Mönch begründet wurde, stand dem Ch’an-Buddhismus durchaus positiv gegenüber, doch entwickelte sich als Reaktion auf die Jahre der mongolischen Fremdherrschaft unter den Gebildeten eine starke Tendenz zur Wiederbelebung einheimischer konfuzianischer und taoistischer Traditionen auf Kosten des ‚importierten’ Buddhismus. Trotzdem sind aus der Ming-Ära die Namen bedeutender Ch’an-Meister bekannt, wobei vor allem die ‚vier großen Meister’ zu nennen sind: Ta-guen Cheng-Ke (1543-1603), Chih-hsu Ou-i (1599-1655), Lien-ch’ih Chu-hung (1535-1615) und Han-shan Te-ching (1546-1623). Zumindest die beiden letzteren waren Advokaten der Einheit von Ch’an und Ching-t’u. Von Lien-ch’ih stammt der Ausspruch: »Ch’an ist die Meditation des Reinen Landes und das Reine Land ist das Reine Land der Meditation«.

Nach dem Sturz der Ch’ing 1911 setzte eine breite Bewegung zur Reformierung und Wiederbelebung des Buddhismus ein. Sie ist vor allem mit den Namen Tai-hsü (1889-1947) und Hsu Yun (1840-1959) verbunden. Tai-hsü versuchte, eine Synthese der Lehren der Fa-hsiang-, Hua-yen- und Tien-tai-Schulen zu erschaffen, und so dem chinesischen Buddhismus eine moderne Gestalt zu geben, die auch die Intellektuellen ansprechen sollte. Die von ihm gegründete Buddhistische Gesellschaft Chinas zählte bei seinem Tod 4 Millionen Mitglieder. Der Ch’an-Meister Hsu Yun wirkte dagegen hauptsächlich als praktischer Lehrer. Viele heutige Ch’an-Meister in China und Taiwan stammen aus seiner Linie. Die schweren Rückschläge, die der Buddhismus unter kommunistischer Herrschaft hinnehmen musste (vor allem die Enteignung der Klöster in der Bodenreform 1950-1952 und die Kulturrevolution 1966-1976) scheinen vorübergehender Natur geblieben zu sein.

Joshu
Dogen

Herz

»Ihr, die ihr Buddhas Weg folgt! Warum sucht ihr die Wirklichkeit so beharrlich an fernen Plätzen? Sucht Verblendung und Wirklichkeit in der Tiefe eures eigenen Herzens.«

— Ryokan

Einige der hier verwendeten Begriffe sind im Glossar erläutert.