Geschichte & Tradition des Zen
Korea & Vietnam
Sôn in Korea, Thiền in Vietnam
Geschichte & Tradition des Zen
Sôn in Korea, Thiền in Vietnam
WÄHREND DES 3. UND 4. NACHCHRISTLICHEN JAHRHUNDERTS entstanden auf der koreanischen Halbinsel die Königreiche Koguryô im Norden, Paekche im Südwesten und Silla im Südosten, die in kultureller Hinsicht starkem chinesischem Einfluss unterlagen. Bereits 372 wurde der Buddhismus offiziell in Koguryô eingeführt; 384 in Pekche und schließlich zu Beginn des 5. Jahrhunderts in Silla.
668 vollendete Silla die Einigung der Halbinsel durch Eroberung der Nachbarstaaten und eine kulturelle Blütezeit setzte ein, in der Ch’an – koreanisch Sôn – eine wichtige Rolle spielen sollte. Die Einführung von Sôn in Korea wird Pômnang (632-646) zugeschrieben, der ein Schüler des vierten Patriarchen Tao-hsin (s.o.) gewesen sein soll. Weitere Verbreitung fand Sôn durch Sinhaeng (704-779) und Toûi (? – 825). In der Folgezeit pilgerten viele Koreaner nach China, um Ch’an an den Quellen zu studieren. Nach ihrer Rückkehr gründeten sie in Korea ihre eigenen Schulen, deren Anzahl nach dem Zusammenbruch des Silla-Reiches 918 in der frühen Koryô-Zeit (918-1392) auf neun festgesetzt wurde.
Toûi war ein Dharma-Enkel Ma-tsus; er hatte unter Ma-tsus Schülern Pai-chang (s.o.) und Chih-tsang (735-814) studiert. Auf ihn geht die Kaji-san-Schule zurück. Ebenfalls Schüler Chih-tsangs waren Hongch’ôk (um 830), der Begründer der Silsang-san, und Hyech’ôl (785-861), Gründer der Tongni-san. Die Songju-san war eine Gründung Muyôms (800-888), der bei Ma-ku Pao-ch’e (720? – ?) studiert hatte, ebenfalls ein Schüler Ma-tsus. Auch Ma-tsus Schüler Nan-ch’üan P’u-yüan (s.o.) wurde über seinen Schüler Toyun (797-868) ‚Großvater’ einer koreanischen Schule, der Saja-san, und der Ma-tsu-Schüler Chang-ching Huai-hui (748-835) war Lehrer Wôngam Hyôn’uks (787-869), des Begründers der Pongnim-san
Die Hûiyang-san von Pômnang and Chisôn Tohôn (824-882) führt ihre Linie ebenfalls auf Ma-tsu zurück, während der Gründer der Sagul-san, Pômil (810-889), sowohl bei Ma-tsus Schüler Yen-kuan Ch’i-an (750?-842) als auch bei Shih-tous Schüler Yüeh-shan Wei-yen (s.o.) studierte. Lediglich die neunte Schule, die Sumi-san Iôms (869-936), ist ein Ableger der Ts’ao-tung- Linie.
So sprach man in der Koryô-Periode von den ‚fünf Schulen der Doktrin und den neun Bergschulen’ (ogyo kusan), wobei die neun Bergschulen gleichbedeutend mit ‚Sôn’ sind, während die fünf Schulen der Doktrin unter dem Begriff ‚Kyo’ zusammengegefasst wurden, was soviel wie ‚Gelehrsamkeit’ bedeutet. Unter dem Einfluss Ûich’ôns wurde später die Ch’ônt’ae, der koreanische Ableger der chinesischen Tien-Tai-Schule, (anders als in China) als weitere Sôn-Schule gezählt, was zum System der ‚fünf doktrinären und zwei Meditations-Schulen’ (ogyo yangjong) führte.
Während der Koryô-Periode wurde Sôn zu einer Art Staatsreligion und war eng mit der herrschenden Klasse verbunden. Die Folge war war eine Degeneration, die schließlich zu einer starken, vor allem neo-konfuzianisch geprägten Gegenbewegung führte. Während der folgenden Chosôn-Periode (1392-1909) wurde der Einfluss des Buddhismus auf das öffentliche Leben mehr und mehr zurückgedrängt und die verbleibenden Nonnen und Mönche mussten sich in die Berge zurückziehen.
Bereits in der Koryô-Zeit war auch von buddhistischer Seite eine Gegenbewegung gegen den Verfall von Lehre und Disziplin entstanden. Neben dem bereits erwähnten Ûich’ôn ist diese Tendenz vor allem mit dem Namen Chinul (1158-1210) verbunden, der vielleichst wichtigsten und einflußreichsten Persönlichkeit des koreanischen Sôn. Die von ihm eingeleitete Reformation fand ihren Ausdruck in der ‚Gemeinschaft für Samadhi und Prajna’ und schließlich in der Gründung des Klosters Sônggwangsa auf dem Berg Chogye, der Keimzelle des Chogye-Ordens. Chinul selbst erhielt nicht die Dharma-Übertragung einer bestimmten Linie, er war jedoch in seinen Lehren von Tsung-mi (s.o.) und von Ta-hui Tsung-kao (1089-1163) stark beeinflusst. Ta-hui war in zwölfter Generation Dharma-Erbe Lin-Chis und propagierte den exklusiven Gebrauch des Kung-an (jap. Koan) in der Schulung. Seit Chinul ist die Arbeit mit dem Koan die zentrale Praxis im koreanischen Sôn geworden. Fortgesetzt wurde Chinuls Werk insbesondre durch Kyônghan Paegun (1298-1374), T’aego Pou (1301-1382) and Naong Hyegûn (1320-1376), die alle in China bei Meistern der Lin-chi (kor. Imje)-Schule studierten.
Wie bereits angedeutet, war die Situation des Buddhismus in der Chosôn-Periode zumeist von staatlicher Unterdrückung gekennzeichnet. Von den mehreren hundert Klöstern zu Beginn der Ära blieben schließlich nur noch 36 übrig. Die Anzahl der Priester wurde beschränkt, ebenso der Landbesitz der Klöster. Schließlich wurde Nonnen und Mönchen das Betreten von Städten untersagt; buddhistische Totenfeiern und auch der Bettelgang wurden verboten. In dieser Zeit reduzierten sich die ‚fünf doktrinären und zwei Meditations-Schulen’ auf nur noch zwei – Kyo und Sôn – und endlich blieb nur noch die Sôn-Schule übrig.
Trotz dieser ungünstigen Umstände brachte die Sôn-Schule weiter hervorragende Lehrer hervor. Insbesondre sind da Naong Hyegûns Schüler Muhak Chach’o (1327-1405) und dessen Schüler Kihwa (1376-1433) zu nennen. Unter Muhak und Kihwa bekam das Studium der Schriften ein größeres Gewicht – dem allgemeinen Trend einer Vereinigung von ‚Kyo’ und ‚Sôn’ folgend, der bereits spätestens mit Ûich’ôn eingesetzt hatte. Mit der Zeit entstand im auf Chinul zurückgehenden Chogye-Orden ein regelrechter Lehrplan für das Schriftstudium.
Einer sehr merkwürdige Rolle (auch für die ‚Rehabilitation’ des Buddhismus als gesellschaftliche Kraft) spielte die Invasion Koreas, das durch innere Machtkämpfe geschwächt war, durch den japanischen Shogun Hideyoshi Toyotomi im Jahre 1592. Unter der Leitung von Sôsan Hyujông (1520-1604) wurde eine regelrechte Guerilla-Armee von Mönchen organisiert, die eine entscheidende Rolle bei der Vertreibung der Invasoren sechs Jahre später spielte. Sôsan war auch ein bedeutender Sôn-Meister und Schriftsteller. Sein Sônga kwigam, ein Handbuch der Sôn-Praxis, wird noch heute studiert. Auf Sôsans vier Hauptschüler Yujông (1544-1610), Ôngi (1581-1644), T’aenûng (1562-1649) and Ilsôn (1533-1608) gehen die meisten der heute noch existierenden Linien des Sôn zurück.
Die Entwicklung von Sôn war mit Beginn des 17. Jahrhunderts im Wesentlichen abgeschlossen. Die Regierung behielt zwar weiter eine starke Kontrolle über die buddhistische Sangha, doch die Zeiten offener Unterdrückung waren vorbei. Die letzten Schranken fielen ironischerweise während der zweiten japanischen Besetzung von 1910 bis 1945. Zwar teilte die Sangha die entsetzlichen Leiden des koreanischen Volkes und war strengster Überwachung unterworfen – doch führte etwa der Wunsch japanischer Buddhisten, in den Städten missionieren zu dürfen, zur Aufhebung des Aufenthaltsverbots für Nonnen und Mönche in den Städten. Der unter japanischem Einfluss aufgehobene Zölibat für Priester wurde nach dem Krieg – nicht ohne erhebliche Diskussionen – wieder eingeführt.
Heute ist die Republik Korea (Südkorea) ein deutlich buddhistisch geprägtes Land; etwa 36% der Bevölkerung können als buddhistisch gelten. Buddhismus in der Republik Korea ist überwiegend Sôn-Buddhismus, wobei der Chogye-Orden die dominante Rolle spielt. Auch die im Westen bekannte Kwan Um-Schule ist ein ‚Ableger’ des Chogye-Ordens. Über die Situation in der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) können kaum verläßliche Aussagen getroffen werden.
Natur
»Der Frühling kommt, das Gras wächst von selbst.«
— Seung Sahn
DER EINHEIMISCHEN ÜBERLIEFERUNG zufolge kam der Buddhismus bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. durch Sona und Uttara, zwei von Asoka, dem dritten König der indischen Maurya-Dynastie, entsandte Missionare, nach Indochina. In der Region des heutigen nördlichen Vietnam und Südchina existierten zu dieser Zeit verschiedene, meist kurzlebige Reiche (Xich Quy, Au Lac, Van Lang), deren Territorium dann 208 v. Chr. von dem chinesischen General Tch’ao To (Trieu Da) erobert wurden, der den Zusammenbruch der chinesischen Ch’in-Dynastie ausnutzte und das selbständige Reich Giao Chi unter der Dynastie Trieu begründete. 111 v.Chr. wurde Giao Chi von den Chinesen erobert und in das Reich der Han integriert. Mit nur kurzen Unterbrechungen blieb diese Region Teil des chinesischen Reiches bis 939 n. Chr..
In dieser Zeit kam auch Thien (vietnamesisch für Dhyana / Ch’an / Zen) in diese Region. Eine chinesische Quelle, das Tsu Kao Seng Ch’uan, berichtet von einem indischen Dhyana-Meister Dharmadeva und seinem ‚vietnamesischen’ Schüler Thich Hue Thang. Dharmadeva lehrte bereits im 5. Jahrhundert im heutigen nördlichen Vietnam – also noch bevor Bodhidharma aus dem Westen kam. Gelegentlich wird auch Tang Hoi, ein Meditationslehrer und Übersetzer von Sutren, der schon im 3. Jahrhundert wirkte, als Gründer der Thien-Tradition bezeichnet.
Die erste dauerhafte Schulgründung erfolgte jedoch erst durch den indischen Mönch Vinitaruci / Ty NiDa Lu Chi (? – 594) im Jahre 580. Vinitaruci stammte aus Bodhidharmas Linie – er war Schüler und Dharma-Erbe des dritten Patriarchen Seng-ts’an. Die Ty Ni Da Lu Chi – Schule existierte immerhin über 19 Generationen, etwa 650 Jahre lang.
Die zweite Schule wurde durch einen Schüler Pai-chang Huai-hais (s.o.) begründet: Wu Yu Tong / Vo Ngon Thong, der um 820 nach Giao Chi kam. Diese Schule bestand über 17 Generationen.
Die dritte und einflussreichste der frühen Thien-Schulen aber entstand erst, nachdem sich die Chinesen 939 – von dem Rebellenführer Ngo Quyen besiegt – aus Giao Chi zurückgezogen hatten und sich das unabhängige Königreich Dai Co Viet etabliert hatte. Es handelt sich um die Thao Duong – Schule, die trotz ihres Namens nicht aus der Ts’ao-tung – Schule (Soto), sondern aus Yün-mens (Ummons) Linie hervorging.
Von Anbeginn an (spätestens seit der Dinh-Dynastie, ab 968) arbeiteten die Regierenden eng mit der buddhistischen Sangha zusammen und ernannten bedeutende Mönche zu königlichen Ratgebern. Von den ersten Königen der Ly-Dynastie (1010-1225) ist bekannt, dass sie Thien-Anhänger waren; Ty Tha’i To (reg. 1010-1028) war Schüler des Ty Ni Da Lu Chi – Meisters Van Hanh (? -1018). Von Van Hanh ist überliefert, dass er ‚dharani samadhi’ lehrte, wohl eine Art Mantra-Technik. Aus seiner Linie stammte Dieu Nhan (1043-1115), wohl die erste ‚Matriarchin’ einer buddhistischen Schule. Der zweite Monarch der Dynastie, Ty Tha’i Ton (reg. 1028-1045), war Schüler des Vo Ngon Thong – Meisters Thien Lao. Der dritte König der Dynastie, Ly Thanh Ton (reg. 1054-1072), wurde als Dharma-Nachfolger Thao Duongs selbst erster Patriarch der Thao Duong – Schule.
Thao Duong (chin. Ts’ao Tang) war einer der 17 Dharma-Erben von Hsueh-tou Ming-chueh (vietn. Tuye’t-Ddau Minh-Gia’c, 980-1052), dem berühmten Verfasser der Koan-Sammlung Pi Yen Lu (jap. Hekigan-roku) und bedeutenden Vertreter der Yün-men – Schule. Thao Duong lehrte in Champa, einem vorwiegend hinduistischen Königreich im heutigen Zentralvietnam, und geriet 1069 während eines Feldzugs Ly Thanh Tons in Kriegsgefangenschaft. Er wurde nach Dai Co Viet verschleppt, wo er bald zum Lehrer des Herrschers wurde und den Titel Quo’c-Su (chin. Kuo-shih, jap. Kokushi, Landesmeister), erhielt. Die Thao Duong – Schule war im Vergleich zu den Linien Ty Ni Da Lu Chis und Vo Ngon Thongs eine ‚moderne’ Schule, die die vereinte Praxis von Ch’an und reinem Land, Thien-Tinh Nhat-Tri (chin. Ch’an-ching I-chih, s.o.) lehrte.
Zwei weitere Monarchen aus der Ly-Dynastie wurden ebenfalls Patriarchen der Thao Duong – Schule (der 10. in dritter Generation und der 16. in fünfter Generation): Ly Anh Ton (reg. 1138-1175) und sein Nachfolger Ly Cao Ton (reg. 1176-1210). Dabei war die Übernahme dieses ‚Amtes’ verbunden mit der Abdankung als König. Interessanterweise weist die Liste der Thao Duong – Patriarchen außer ordinierten Mönchen und den ehemaligen Königen auch etliche Laien auf. Die enge Verbindung der Schule zum Herrscherhaus führte dabei nicht zu einer Verdrängung anderer Schulen. Insbesondre Ly Anh Ton unterstützte und förderte alle buddhistischen Schulen und ernannte – obwohl selbst Schüler des 6. Thao Duong-Patriarchen Khong Lo – den Ty Ni Da Lu Chi – Meister Vien Thong zum Landesmeister. Mit Ly Cao Ton starb nicht nur die Ly-Dynastie aus; nach der fünften Generation sind auch keine Namen von Thao Duong – Patriarchen mehr überliefert und auch die beiden anderen Thien-Schulen verschwinden aus der Geschichte.
Der Beginn der folgenden Tran-Dynastie war gekennzeichnet durch drei aufeinander folgende mongolische Invasionen (1257, 1285 und 1287), die durch die ersten Herrscher dieser Dynastie – Tran Thai Tong (reg. 1225-1258), Tran Quoc Tuan (reg. 1258-1279) und Tran Nhan Tong (1258-1308, reg. 1279-1293) zurückgeschlagen wurden. Nachdem Tran Nhan Tong zu Gunsten seines Sohnes abgedankt hatte, wurde er zum Begründer der Truc Lam oder Bambuswald – Schule, die starke taoistische und konfuzianische Elemente enthielt. Seine Nachfolger waren Phap Loa Ton Gia (1284-1330) und Ly Dao Tai (auch genannt Huyen Quang , 1254-1334). Auch diese Schule weist in der Folge noch zwei Könige in der Liste ihrer Patriarchen auf; nach lediglich vier Generationen reissen jedoch auch bei ihr die Aufzeichnungen ab.
Das Schweigen der Quellen bedeutet nicht zwangsläufig, dass die vier genannten Schulen in der Folgezeit vollständig ausstarben; jedoch fand die Allianz des Herrscherhauses mit dem Thien-Buddhismus ein Ende, denn mit dem Ende des 14. Jahrhunderts wurde der Neo-Konfuzianismus allmählich zur herrschenden Ideologie. Zum Teil ist dies auf den steigenden kulturellen und politischen Einfluss Chinas zurückzuführen, der schließlich 1407 zur Annektion Dai Co Viets durch die Ming führte. Damit war der Buddhismus, der in Vietnam eine deutlich nationalistische Färbung angenommen hatte, als gesellschaftliche Kraft ausgeschaltet. Dies änderte sich auch nicht, als Vietnam 1428 unter der Führung Le Lois, des Gründers der Le-Dynastie, seine Unabhängigkeit zurückgewann und unter dem Namen Dai Viet wiedererstand. Unter der Le-Dynastie wurde 1471 das in Zentralvietnam gelegene Champa erobert und die Expansion nach Süden und Westen fortgesetzt, jedoch kam es bis 1673 noch zu häufigen Aufständen im Süden.
Eine wichtige Rolle bei der Südexpansion, aber auch beim Wiedererstarken des Buddhismus, spielte die Familie Nguyen, die sich 1802 nach fast 200 Jahren Bürgerkrieg gegen den rivalisierenden Trinh-Clan durchsetzen und die längst entmachtete Le-Dynastie ablösen sollte. 1696 kam auf Einladung des Vizekönigs Nguyen Phuc Chu (reg. 1691-1725) aus der chinesischen Provinz Kwantung eine Gruppe von etwa hundert Mönchen unter der Führung von Nguyen Thieu (? – 1712) nach Hue in Zentralvietnam und gründete dort die Lam Te-Schule, den vietnamesischen Ableger der Lin-chi -Schule. Ähnlich wie die japanische Obaku-shu, die etwa gleichzeitig entstand, lehrt die Lam Te – Schule das chinesische Ch’an der Ming-Zeit. Diese Schule sollte das heutige Thien prägen, insbesondere jedoch die Linien, die von dem Reformer Lieu Quan (? – 1774) ausgingen, einem ‚Dharma-Enkel’ Nguyen Thieus. Durch Lieu Quan, der eine umfassende Missionierungstätigkeit entfaltete, erhielt Thien einen stark synkretistischen Charakter. Er knüpfte bewusst an einheimische Thien-Traditionen an, statt lediglich chinesisches Ch’an zu lehren. Lieu Quan ‚re-ordinierte’ u.a. auch Mönche und Nonnen aus anderen Mahayana-Traditionen und sogar Theravada-Anhänger, die mit ihrer bisherigen Praxis unzufrieden waren. Den Proselyten war gestattet, ihre bisherigen Meditationspraktiken beizubehalten. So finden sich im heutigen Thien u. a. neben der Übung des Thoai-ddau (chin. Hua-t’ou, jap. Wato – eine Form der Koan-Praxis) auch Niem-phat (chin. Nien-Fo, jap. Nembutsu – die Anrufung Amidas) und theravadische Vipassana-Praktiken. Selbst Tantra-Übungen sind nicht unbekannt. Hinzu kommt, dass Tempel und Klöster in der Regel von Buddhisten verschiedener Denominationen gemeinsam benutzt wurden bzw. werden – hier zeigt sich Vietnam als ein Land im Schnittpunkt der Kulturen.
Die französische Kolonialmacht (ab 1862 – 1954) betrachtete den Buddhismus – ähnlich wie früher die Chinesen – als eine nationalistische Kraft und forcierte als Gegengewicht die katholische Missionierung des Landes. Die den Buddhismus diskriminierende Religionspolitik der Franzosen wurde nach 1954 im Süden durch den Diktator Ngo Dinh Diem unter Einfluss seines Bruders Ngo Dinh Thuc, des Erzbischofs von Hue, fortgesetzt, was 1963 zur Gründung des Komitees zum Schutz des Buddhismus führte, dem alle vietnamesischen buddhistischen Traditionen angehörten. Internationales Aufsehen erregte die Selbstverbrennung des Mönches Thich Quang Duc auf dem Höhepunkt des Kampfes gegen staatliche Diskriminierung (der vorher schon einige Todesopfer unter Demonstranten gefordert hatte) im Juni 1963. Das Regime Diem reagierte mit einer Verhaftungswelle, was den Widerstand der Bevölkerung nur verstärkte, bis die USA Diem endlich fallen und im November durch einen Militäputsch stürzen ließ. Im Januar 1964 kam es dann durch 10 Repräsentanten der Mahayana- und Theravada-Sanghas zur Gündung der Unified Vietnamese Buddhist Church (UVBC).
Als 1975 der kommunistische Norden den Vietnamkrieg für sich entschied, wurde die UVBC aufgelöst. Erst 1981 kam es zur Gründung einer durch die Staatsführung kontrollierten Nachfolgeorganisation, der Vietnamese Buddhist Church (VBC). Die Verfassung garantiert zwar Religionsfreiheit, doch kommt es immer wieder zu staatlichen Übergriffen.
Nominell sind ca. 50% der Bevölkerung Vietnams (etwa 77 Millionen) buddhistisch, wobei dies im Normalfall eine Synthese aus buddhistischen, taoistischen und konfuzianischen Elementen bedeutet, die als ‚Tam Giao’ (dreifache Religion) bekannt ist. Die nächstgrößere Bevölkerungsgruppe (ca. 38%) bezeichnet sich als religionslos; es folgen die Katholiken mit ca. 8%, Cao Dai (eine moderne Mischreligion) mit 1,5% und Hoa Hao (eine reformierte Theravada-Sekte) mit ebenfalls 1,5%. Der Rest entfällt auf Protestanten (1,2%) und Muslime (0,1%).
Meister
»Um ein gutes Gefäß zu werden, dürft ihr euch vor allem von keinem Menschen aus der Fassung bringen lassen. Egal, wohin ihr kommt, seid euer eigener Meister, und wo ihr steht, steht aufrecht.«
— Linji
Einige der hier verwendeten Begriffe sind im Glossar erläutert.
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