
Japanisch chi oder hajiru, je nach Wort
Aussprache etwa tschi oder ha-dschi-ru
Scham, Schande
Scham und Schande. Nach üblicher Lesart trägt das Herz den Sinn, das Ohr den Laut.

Japanisch chi oder hajiru, je nach Wort
Aussprache etwa tschi oder ha-dschi-ru
Scham, Schande
Scham und Schande. Nach üblicher Lesart trägt das Herz den Sinn, das Ohr den Laut.
Scham lässt einen Menschen oft verschwinden wollen. 恥 (chi, hajiru) ist das Kanji für Scham und Schande, sichtbar gebaut aus Ohr und Herz.
Links steht ein Ohr, rechts das Herz. Die beiden Teile wenden sich einander zu, als könnte das Gehörte unmittelbar ins Innere fallen. Wer sich schämt, hört den wirklichen oder vorgestellten Blick der anderen oft bis in den Körper.
Als Bild trägt das. Nach der üblichen Herleitung ist das Ohr jedoch nicht der Bedeutungsteil. Es gibt dem Zeichen seinen Laut, das Herz trägt die Bedeutung. Gerade diese Grenze macht das Merkbild nicht wertlos. Sie macht es ehrlich.
Der Blick sinkt zu Boden.
Im still gewordenen Raum
bleibt ein Platz am Kreis.
恥 ist kein eigener Name für eine Zen-Übung. Scham begegnet der Praxis als menschliche Erfahrung. Beim Sitzen kann sichtbar werden, wie schnell aus einem Fehler ein Urteil über die ganze Person wird. Der Körper zieht sich zusammen. Eine Geschichte sagt: Ich bin der Fehler.
Im buddhistischen Wortschatz steht daneben 慚愧, zangi. Nach einer Auslegung steht 慚 für die Scham vor sich selbst über die eigene Schuld und 愧 für die Scham gegenüber anderen, vor denen man sie bekennt. Das ist etwas anderes als die vernichtende Überzeugung, als Mensch keinen Platz mehr zu haben.
Zen macht Scham nicht durch einen Gegenspruch klein. Die Übung kann einen Raum öffnen, in dem Handlung und Person wieder unterscheidbar werden. Etwas kann bereut und bekannt werden, ohne dass ein Mensch auf diesen Augenblick reduziert bleibt.
Die Karte Scham nennt Ohr und Herz und ein Gefühl, das gesehen werden will. Der Essay Scham: die stillste Stimme in uns beschreibt Scham als inneren Wächter der Zugehörigkeit.
Der Text unterscheidet Schuld und Scham an einer entscheidenden Stelle. Schuld sagt, dass eine Handlung falsch war. Scham macht daraus ein Urteil über das ganze Sein. Dagegen setzt der Essay keine Makellosigkeit, sondern Ehrlichkeit und die Würde des unvollkommenen Menschen.
Die Bedeutung von 恥 bewegt sich zwischen Scham, Schande und dem Beschämtsein. Daneben dient das Bild von Ohr und Herz als Merkhilfe: Wenn das Herz sich schämt, werden die Ohren heiß und rot, oder das Ohr hört etwas, das das Herz beschämt.
Aus der Kulturanthropologie stammt noch eine andere Unterscheidung. Nach Ruth Benedict richtet sich Scham am Urteil anderer aus, Schuld an einer inneren Norm; die Gegenüberstellung ist umstritten. Diese Achse ist nicht dieselbe wie die Unterscheidung zwischen Handlung und Sein.
Bedeutet das Ohr in 恥, dass Scham durch Hören entsteht?
Nach der üblichen Herleitung nicht. Das Ohr ist der Lautteil, das Herz trägt die Bedeutung. Als Merkbild kann „Ohr und Herz“ trotzdem eine Erfahrung der Scham ausdrücken.
Ist Scham im Buddhismus immer etwas Schlechtes?
Nein. 慚愧 unterscheidet Scham vor sich selbst und Scham gegenüber anderen. Beide können dazu führen, eigenes Handeln anzusehen und zu bekennen. Davon zu unterscheiden ist eine Scham, die den ganzen Menschen verurteilt.
Ist 耻 die japanische Schreibweise?
Die japanische Standardform ist 恥. 耻 ist in der Volksrepublik China die amtliche Form und gilt in Japan als Variante oder volkstümliche Schreibung (俗字).
恥 hat zehn Striche und steht unter dem Kangxi-Radikal 心, Nummer 61. Die Form ist ⿰耳心. Das Zeichen ist Jōyō, wird in der Mittelstufe gelernt und steht in nicht amtlichen JLPT-Listen bei N3. Eine japanische alte Form gibt es nicht. In der Volksrepublik China gilt 耻 als amtliche Form.
角川新字源 erklärt 恥 als 形声, als Lautbedeutungszeichen: 心 ist Bedeutungsteil, 耳 der Lautteil ji, der zu chi wurde. Wiktionary und die überlieferte Erklärung des Shuowen stimmen in dieser Rollenverteilung überein. Die Deutung als errötendes Ohr steht schon im Kangxi-Wörterbuch nach dem 六書總要: Das Zeichen sei aus Herz und Ohr gebildet, denn wenn sich das Herz schäme, würden die Ohren heiß und das Gesicht rot. Auch das Zeichenwörterbuch 字通 von Shirakawa Shizuka liest 恥 als Zusammensetzung aus Ohr und Herz (会意) und weicht damit von der üblichen Erklärung als 形声 ab.
Die On-Lesung ist chi. Die Kun-Lesungen sind hajiru, haji, hajirau und hazukashii. Gebräuchliche Wörter sind 恥 (haji), Scham oder Schande; 恥ずかしい (hazukashii), beschämt oder peinlich; 恥じる (hajiru), sich schämen; 恥知らず (hajishirazu), schamlos; und 恥辱 (chijoku), Schmach oder Entehrung. Das 日本大百科全書 führt 慚愧 unter zangi, nennt als heute allgemeine Lesung zanki und daneben eine zweite Auslegung: 慚 heißt, selbst keine Schuld zu begehen, 愧, andere nicht zur Schuld zu verleiten.
Vertiefen
Im Glossar stehen 104 Begriffe aus der Zen-Praxis und dem Leben in der Mühle, dazu 219 Schriftzeichen mit Pinselbild, Herkunft und Haiku, geordnet in elf Rubriken.
Grundlagen der Lehre · Zen-Erfahrung · Praxis und Form · Kloster, Ort und Linie · Texte und Chanten · Küche und Nahrung · Körper und Atem · Bogenschießen · Natur und Jahreslauf · Wörter des Lebens · Schrift und Kultur
Viele Schriftzeichen leben fest auf unseren Seiten: groß im Hintergrund einer Sektion, klein neben einem Titel. Im Verzeichnis findest du sie alle, mit Bedeutung und Fundort. Alle Kurse und Sesshins der Mühle im Überblick.
← Zurück zur Kanji-ÜbersichtZum Glossar →Zum Verzeichnis der Schriftzeichen →Übersicht Kurse →
Sie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen