ENMEI JUKKU KANNON GYO
Zehn Zeilen, die das Herz aufrichten
Manchmal sitzen wir im Zendo, noch halb im Alltag gefangen, mit der Einkaufsliste im Kopf oder einer leisen Unruhe unter den Rippen. Dann beginnt ein Gesang, kurz und fremd, der sich anfangs fast wie Kieselsteine im Mund anfühlt. Wer zum ersten Mal dabei ist, denkt vielleicht: Was soll das sein, ist das ein Zauberspruch, ist das Religion oder muss ich das verstehen? Die freundlichste Antwort lautet, dass du es verstehen wollen darfst, aber nicht musst. Wie beim Sitzen selbst kommt erst der Klang und dann die Bedeutung – und manchmal ist es umgekehrt. Dieses kleine Rezitationsstück ist in vielen Zen-Traditionen zuhause und wirkt wie ein schmaler Steg über ein wildes Gewässer. Es nennt einen Namen, Kannon, und erinnert an etwas sehr Bodenständiges: Dass alles Bedingungen hat, auch der Frieden, das Mitgefühl und ein klarer Geist.
Dabei birgt die Praxis einen kleinen Trick, denn man kann diese zehn Zeilen chanten und trotzdem die halbe Zeit innerlich woanders sein. Deshalb bleibt es in der Übung nicht bei einem Mal; der Text wird siebenmal wiederholt, und mit jeder Runde zieht das Tempo an. Das geschieht nicht als Show, sondern wie eine Spirale, die sich immer enger wickelt, bis der Kopf keine Zeit mehr hat, alles geschniegelt zu kommentieren. Wenn der Chant diesen Speed bekommt, übernimmt der Körper mit Stimme, Atem und Herzschlag. Es entsteht eine energetische Sammlung und eine Wärme, die kein esoterischer Nebel ist, sondern die konkrete Erfahrung eines gemeinsamen Pulses im Raum. Man ist dann nicht mehr die Person, die alles erklärt, sondern man wird zu Klang, Atem und reiner Teilnahme. Genau dort, wo das Ego so gern Regie führt, wird es plötzlich still.
Im Zentrum steht Kannon, auf Sanskrit Avalokiteśvara, die Gestalt des Mitgefühls. Manche erleben Kannon als Gegenüber, wie eine mitfühlende Präsenz, die angerufen werden kann, während andere darin einen Namen für die eigene Fähigkeit sehen, wirklich zu hören. Wenn man es ganz schlicht ausdrücken will, ist Kannon das, was in dir wach wird, wenn du nicht sofort reagierst, urteilst oder dicht machst, sondern einen Moment länger offen bleibst wie eine Tür, die nicht zufällt. Und ja, manchmal klemmt diese Tür, aber genau dafür ist die Übung da. Hier liegt ein tiefer Appell an eine Qualität, die uns allen bereits zu eigen ist: Es ist der Ruf an den umarmenden Geist, der die Welt nicht in Kategorien spaltet, sondern alles mit einer tiefen, unvoreingenommenen Freundlichkeit umschließt. Dieses Mitgefühl ist nicht weichgespült, sondern es ist die Kraft, die bleibt, wenn man eigentlich schon weg wäre.
Der Text beginnt mit einer Verneigung, die in unserer Sprache schnell nach Frömmigkeit klingt, im Zen aber eher eine Ausrichtung ist. Es ist, als bliebe man auf einer Wanderung kurz stehen, um sich neu zu orientieren und festzustellen, wo Norden ist. Buddha meint hier keine bloße historische Person oder eine Heldengeschichte, sondern das Erwachen – die ganz normale menschliche Möglichkeit, nicht vollständig von Angst, Gier, Ärger oder Selbstabwertung gesteuert zu werden. Es ist ein Pfad im Wald, der erst durch häufiges Gehen sichtbar wird. Darauf folgen Sätze, die fast wie ein Lehrbuch klingen: Der Buddha hat Ursachen, der Buddha hat Bedingungen. Das ist eine zarte Erinnerung an die Bedingtheit, die unsere Kultur gern übersieht, denn nichts entsteht einfach so, nicht einmal Klarheit oder ein ruhiger Atem. Wenn es im Innern heute durcheinander ist, dann ist das nicht deine persönliche Schuld oder ein Makel, sondern es sind Bedingungen wie Schlafmangel, Stress, das Wetter, Hormone oder alte Erinnerungen, die da mitkochen. Doch die andere Seite gilt ebenso: Übung schafft neue Bedingungen. Jedes Sitzen und Rezitieren ist wie das Nachlegen von Holz; du erzwingst kein Feuer, aber du pflegst die Möglichkeit von Wärme. Diese Zeilen sind für Anfänger besonders tröstlich, weil sie sagen: Du bist nicht kaputt, du bist bedingt – und du kannst diese Bedingungen verändern.
In diesem Sinne nennt der Text die drei Kostbarkeiten – Buddha, Dharma und Sangha – nicht als Glaubensbekenntnis, sondern als praktische Stützpfeiler. Buddha ist die Richtung, das Dharma ist der Weg, der nicht nur aus Meinung besteht, und die Sangha sind die Menschen, die mit dir üben. Es sind nicht nur die Sympathischen, sondern gerade auch jene, die dich reiben, denn Übung ist Beziehung. Da unsere Muster in Beziehungen entstanden sind, lösen sie sich oft auch nur dort wieder auf. Die Gemeinschaft ist kein Dekor, sondern ein Trainingsfeld für Geduld und Humor, damit man den Weg nicht allein ausbrüten muss.
An einer Stelle tauchen Begriffe auf, über die viele stolpern: Beständigkeit, Freude, Selbst und Reinheit. Dass hier das „Selbst“ genannt wird, scheint der buddhistischen Lehre vom Nicht-Selbst zu widersprechen. Doch gemeint ist hier nicht das Ego oder das kleine Ich mit seinen Geschichten, sondern eine wahre Natur und unzerstörbare Würde, die nicht zerbröselt, wenn die Stimmung kippt. Wenn der Geist klar wird, zeigen sich Qualitäten wie eine innere Verlässlichkeit und eine stille Frische, die nicht ständig neu erfunden werden müssen. Das führt direkt in den Alltag, wenn der Text sagt: Morgens gedenke ich Kannon, abends gedenke ich Kannon. Das ist keine Romantik, sondern Training; ein Erinnerungsfaden, der durch den Tag läuft, damit das Mitgefühl keine bloße Idee bleibt, die man nur hat, wenn man ausgeschlafen ist. Man könnte sagen, es ist die Zen-Variante von Zähneputzen – nicht glamourös, aber lebensrettend für das Herz.
Zum Schluss mündet der Text in eine Mini-Meditation über Geist und Gedanken. Die Zeilen, wonach jeder Gedanke aus dem Geist entspringt und nicht von ihm getrennt ist, wirken im schnellen Chant wie eine direkte Anleitung: Gedanken erscheinen wie Wolken im Himmel – sie sind Teil des Himmels, aber nicht der ganze Himmel. Man muss sie nicht bekämpfen, sondern kann sie als Bewegungen im weiten Feld wahrnehmen. Es geht nicht um Gedankenfreiheit, sondern um die Freiheit im Umgang mit ihnen. Viele Zentren rezitieren dies auch als Heilrezitation in Zeiten von Verlust oder Krankheit. Ob dies biologisch heilt, ist keine beweisbare Tatsache, aber es ist plausibel, dass es das Herz sammelt und tröstet. Die Rezitation hat eine körperliche Weisheit; man ist Stimme, Rippen und Resonanz, was oft ein sanfterer Einstieg ist, als stumm dem eigenen inneren Theater zu lauschen. So ist auch das „lange Leben“ im Titel wohl zuerst als ein langes Leben des Herzens gemeint, das nicht dauernd in sich zusammenfällt.
Wenn du das nächste Mal das Gyō rezitierst, kannst du es ganz schlicht probieren: Nimm eine Person in dein Herz, die gerade schwer trägt, oder nimm dich selbst an. Rezitiere nicht für einen perfekten Klang, sondern wie eine stille Geste – chant nicht schön, chant ehrlich. Wenn du den Namen Kannon hörst, lass die Schultern sinken und öffne dich für diesen umarmenden Geist. Schau beim letzten Teil über die Gedanken einfach nur hin, was gerade da ist, ohne Kommentar. Zehn Zeilen sind wie ein ganzes Haus mit einer offenen Tür und einer Lampe, die nicht blendet. Welche Zeile wohl bei dir hängen bleibt, wenn der Chant längst vorbei ist?


