Kanji 経 (Sutra) in Pinselschrift
経

Japanisch  kei
Aussprache  etwa kee

Sutra, Lehrschrift, Kettfaden

Ein Faden trägt die Lehre durch Zeiten, Sprachen und Stimmen.

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Was ist das Kanji für Sutra?

Ein Text kann wie ein Faden durch viele Jahrhunderte laufen und doch in diesem Atem hörbar werden. 経, gelesen kyō, ist das Kanji für Sutra, eine buddhistische Lehrschrift. Das alte Bild des Kettfadens zeigt, was eine Überlieferung zusammenhält, ohne sie festzubinden.

Das Zeichen

Links zieht sich ein feiner Faden von oben nach unten. Rechts steht in der heutigen Form ein festes Gefüge aus wenigen Strichen. Das Auge sieht darin etwas, das durchläuft und trägt. Ein einzelner Faden ist leicht zu übersehen, doch ohne die Kette findet kein Gewebe seine Form.

Das Bild passt zum Weitergeben eines Textes. Eine Stimme nimmt ihn auf, eine andere trägt ihn weiter. Dabei bleibt 経 nicht bloß Schrift auf Papier. Es verbindet Hören, Erinnern, Lesen und gemeinsames Sprechen.

Haiku

Ein Faden im Licht
viele Stimmen tragen ihn
der Atem wird still

Im Zen

Ein Sutra wird studiert und rezitiert. Beim Chanten, dem gemeinsamen Sprechen eines überlieferten Textes, geht es nicht nur um Verstehen. Der Körper atmet, die Stimme hört die anderen, und ein alter Text bekommt für diesen Augenblick einen Ort.

Nicht alles, was im Zendo gechantet wird, ist deshalb ein Sutra. Ein Dharani ist eine bewahrte Lautformel, der Kesa-Text ist ein Vers. Die Namen unterscheiden die Art der Texte. Die gemeinsame Übung kann sie dennoch in derselben Zeremonie zusammenführen.

In der Altbäckersmühle

Auf dem Sutra-Blatt stehen zehn Texte zum Mitlesen. Darunter sind Sutren, ein als Kesa Sutra überschriebener Vers, ein Dharani, Gelöbnisse und Tischsprüche. Der Titel des Blatts ist also weiter als die genaue Textgattung.

Das Herzsutra trägt 経 im Wort 心経. Beim Enmei Jukku Kannon Gyō erscheint dasselbe Zeichen ebenfalls am Ende des Titels. Die überlieferten Wörter werden unterschiedlich gelesen, obwohl dasselbe Zeichen darin steht.

Überlieferung

Das Wort Sutra kommt aus dem Sanskrit sūtra. Im Pali lautet die verwandte Form sutta. Der ursprüngliche Sinn ist Faden, später wurde das Wort zum Namen einer Lehrschrift. In der buddhistischen Überlieferung bezeichnet es besonders Reden, die als Lehre des Buddha weitergegeben wurden.

Bei der Übertragung buddhistischer Texte ins Chinesische wurde sūtra mit 經 übersetzt, der alten Form des heutigen japanischen 経; als Lautumschrift stand daneben 修多羅. Dieses Zeichen konnte schon einen maßgeblichen Text bezeichnen. Im Japanischen steht die Lesung kyō für die buddhistischen Schriften, aber auch in den Namen der konfuzianischen Klassiker wie 五経, gokyō. So trägt ein altes Schriftzeichen einen indischen Namen durch China bis in den Kopf unseres Sutra-Blatts.

Häufige Fragen

Ist jeder buddhistische Rezitationstext ein Sutra?

Nein. Sutra, Vers, Dharani und Gelöbnis sind verschiedene Textarten. Auf einem gemeinsamen Rezitationsblatt können sie nebeneinanderstehen, ohne dadurch dieselbe Gattung zu werden.

Warum wird 経 in Titeln unterschiedlich gelesen?

Für 経 gibt es mehrere Lautlesungen. In Titeln steht meist kyō oder, nach einem anderen Laut, gyō, etwa in Shingyō; in einigen Wörtern der Zen-Klöster steht kin oder gin, etwa in kankin, kinhin und fugin. Welche Form gilt, gehört zum überlieferten Wort.

Sind 經 und 经 andere Kanji?

Nein. 經 ist die alte japanische und traditionelle chinesische Form von 経. 经 ist die vereinfachte Form des Festlandchinesischen. Für die heutige japanische Schreibung dieser Seite gilt 経.

Für Expert:innen

経 hat elf Striche und steht unter dem Seidenradikal 糸, Kangxi 120. Es ist ein Jōyō-Kanji der fünften Grundschulklasse. Die alte Form 經 hat dreizehn Striche, die chinesische Kurzform 经 acht. Das 角川新字源, das 普及版 字通, das englische Wiktionary, das japanische Wiktionary und das 漢語多功能字庫 erklären 經 als Laut-Bedeutungs-Zeichen aus 糸 für den Faden und 巠 als Lautteil. Das 普及版 字通 und das 漢語多功能字庫 sehen in 巠 zugleich gespannte Kettfäden. Die rechte Seite von 経 sieht aus wie 圣, hat mit diesem Zeichen aber nichts zu tun: Nach dem englischen Wiktionary ist sie eine Verkürzung von 巠, das 角川新字源 nennt 経 eine verkürzte Volksform.

Die Go-Lesung kyō bezeichnet im Buddhismus ein Sutra. Kei ist die Kan-Lesung, kin eine weitere Lautung außerhalb der amtlichen Liste. Die amtliche Kun-Lesung ist heru; tateito, tatsu und osameru stehen außerhalb der amtlichen Liste. Gebräuchliche Wörter sind 経典, kyōten, heilige Schrift, 般若心経, Hannya Shingyō, Herzsutra, 写経, shakyō, Abschreiben eines Sutras, und 読経, dokyō, lautes Sutrenlesen. Das 精選版 日本国語大辞典 führt für 経 als buddhistischen Text einen Beleg aus der ersten Hälfte des siebten Jahrhunderts an.

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