Was ist das Herzsutra?
Das Herzsutra (般若心経, japanisch Hannya Shingyō) ist ein kurzer Text der Prajñāpāramitā-Literatur über Weisheit, Leerheit und das Freiwerden von Furcht. Sein voller japanischer Titel lautet Maka Hannya Haramitta Shingyō (摩訶般若波羅蜜多心経), das Sutra vom Herzen der großen Vollkommenheit der Weisheit. 波羅蜜多 wird auch haramita gelesen; die Altbäckersmühle chantet haramitta.
Was bedeutet der Titel?
Der Sanskrittitel Prajñāpāramitāhṛdaya-sūtra bezeichnet das Herz oder den Kern der Vollkommenheit der Weisheit. Prajñā bedeutet Weisheit oder Einsicht, die gewöhnliches unterscheidendes Urteilen übersteigt. Pāramitā heißt Vollkommenheit und wird auch mit dem Bild des anderen Ufers verbunden. Hṛdaya kann Herz, Mitte, Kern oder Wesentliches bedeuten.
Herz meint das Wesentliche einer umfangreichen Gruppe von Weisheitstexten. In seiner kurzen Fassung gehört das Herzsutra zu den kürzesten buddhistischen Sutren. Eine einzige feste Zeichenzahl gibt es nicht: Die Fassung im Taishō-Kanon (Nummer 251) hat 260 Zeichen, die in Japan gebräuchliche 262.
Was geschieht im Herzsutra?
Avalokiteśvara, der Bodhisattva des Mitgefühls, übt die tiefe Prajñāpāramitā und erkennt die fünf Skandhas als leer. Diese fünf Bereiche sind Form, Empfindung, Wahrnehmung, Gestaltungen und Bewusstsein. Form bezeichnet hier zunächst rūpa, den körperlichen oder materiellen Anteil der fünf Skandhas.
Avalokiteśvara spricht zu Śāriputra, einem Schüler des Buddha. Der bekannte Satz lautet in der sinojapanischen Rezitation shiki soku ze kū, kū soku ze shiki (色即是空、空即是色): Form ist Leere, Leere ist Form. Leerheit bedeutet dabei nicht, dass nichts vorhanden wäre. Form besitzt keinen unabhängigen, unveränderlichen Wesenskern. Sie entsteht unter Bedingungen, verändert sich und wirkt auf anderes. Leerheit ist daher kein zweites Reich hinter der sichtbaren Welt. Mehr zu den Schriftzeichen der Formel steht unter Form ist Leere.
Das Sutra führt diese Einsicht durch vertraute buddhistische Lehrbegriffe. Sinnesorgane, Wahrnehmungsbereiche, Ursachenketten, die vier edlen Wahrheiten, Erkenntnis und Erlangen erscheinen nicht als feste Größen. Auch hilfreiche Lehren können zu einem neuen Gegenstand des Festhaltens werden.
Warum enthält der Text so viele Verneinungen?
Die Verneinungen verwerfen die buddhistische Lehre nicht. Sie lösen den Anspruch, ihre Begriffe bezeichneten Dinge mit einem eigenen, unveränderlichen Bestand. Auge, Ohr, Körper, Geist, Leiden, Weg und Erwachen bleiben brauchbare Wörter. Das Sutra nimmt ihnen jedoch die scheinbare Festigkeit.
Diese Bewegung reicht bis zum Erlangen. Ein Bodhisattva stützt sich auf Prajñāpāramitā, ohne daraus einen persönlichen Besitz zu machen. Das Herzsutra verbindet Leerheit daher mit dem Freiwerden von Hindernis und Furcht.
Woher stammt das Herzsutra?
Die kurze chinesische Fassung wird traditionell Xuanzang zugeschrieben und auf 649 datiert. Die älteste datierte Fassung ist eine Steininschrift von 661 im Fangshan-Steinkanon. Die genaue Textgeschichte ist komplizierter als die überlieferten Übersetzernamen vermuten lassen.
Jan Nattier vertrat 1992 die These, der kurze Text sei in China aus Stellen der größeren Prajñāpāramitā-Literatur in Kumārajīvas Übersetzung zusammengestellt worden. Andere Forscher:innen widersprachen dieser Herleitung. Die chinesische Entstehung ist daher eine wissenschaftliche These, keine unstrittige Tatsache.
Warum endet das Herzsutra mit einem Mantra?
Nach der langen Folge erklärender Sätze wechselt der Text in eine verdichtete Lautform:
Gate gate pāragate pārasaṃgate bodhi svāhā.
Unmittelbar davor nennt das Sutra die Weisheit selbst ein Mantra; in der deutschen Fassung der Mühle heißt es, „dass die transzendente Weisheit das große heilige Mantra ist“. Die einzelnen Wörter lassen sich sprachlich untersuchen, doch schon die Grammatik von gate ist umstritten. Eine ausführliche Erklärung steht unter Was bedeutet Gate Gate Pāragate Pārasaṃgate Bodhi Svāhā?.
Wie wird das Herzsutra im Zen rezitiert?
Im Sōtō und im Rinzai gehört das Herzsutra zu den täglichen Rezitationstexten. Die sinojapanische Lautform überliefert die chinesischen Zeichen mit japanischer Lesung. Im San Francisco Zen Center, zu dem Tassajara gehört, lautet der Titel Maka Hannya Haramitta Shingyō.
Auch in der Altbäckersmühle gehört das Herzsutra zur Morgenrezitation. Das Sutra-Blatt enthält die sinojapanische und die deutsche Fassung. Zu beiden Fassungen gehört eine Widmung, die alle gemeinsam sprechen: zum sinojapanischen Text in der Lautform „JI HO SAN SHI I SHI FU“, zum deutschen mit den Worten „Alle Buddhas, zehn Richtungen, drei Zeiten“. Atem, Stimme und gemeinsamer Rhythmus machen aus der Lektüre eine körperliche Form der Übung.
Was bedeuten die Schriftzeichen?
般若心経 wird Hannya Shingyō gelesen und ist eine Kurzform des vollen Titels; noch kürzer heißt das Sutra 心経, Shingyō oder Shinkyō.
In 般若心経 steht 般若, hannya, für Sanskrit prajñā, Weisheit. 心, shin, bedeutet Herz, Mitte oder Kern. 経, hier gyō, bezeichnet einen überlieferten buddhistischen Lehrtext.
摩訶般若波羅蜜多心経 wird in der Hausrezitation Maka Hannya Haramita Shingyō gelesen. 摩訶, maka, gibt Sanskrit mahā, groß, wieder. 波羅蜜多 entspricht pāramitā, Vollkommenheit.
