Nicht Denken denken: Die Freiheit auf der Klippe
Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass Meditation dazu dient, den Kopf „leer“ zu machen. Viele setzen sich hin und erwarten eine plötzliche Stille, nur um festzustellen, dass der Geist erst recht aufdreht. In der Tradition von Dōgen Zenji wird dieses Phänomen mit drei Begriffen beschrieben, die uns helfen, das ständige Ringen mit uns selbst zu beenden.
Der normale Zustand unseres Geistes ist 思量 Shiryo – das gewöhnliche Denken. Wir planen, bewerten, erinnern und urteilen. Das ist eine nützliche Funktion, aber im Zazen merken wir, wie wir darin gefangen sind. Wir sind wie jemand, der in einen reißenden Wasserfall gesprungen ist und nun von der Strömung seiner eigenen Geschichten mitgerissen wird.
Oft versuchen wir dann, das Gegenteil zu erzwingen: 不思量 Fushiryo, das „Nicht-Denken“. Wir wollen die Gedanken stoppen, sie wegdrücken oder unterdrücken. Das ist jedoch so, als wollte man einen Wasserfall mit bloßen Händen stauen. Es erzeugt nur Druck und eine innere Verkrampfung. Man merkt es oft körperlich: Die Schultern ziehen hoch, der Atem wird flach, die Zähne beißen aufeinander. Das ist keine Stille, das ist ein Kampf.
Der Kern der Zen-Praxis ist jedoch 非思量 Hishiryo – das Denken des Nicht-Denkens. Es ist kein Zustand, den man mit Willenskraft erzwingt, sondern eine Haltung, in die man sich hinein aufrichtet. Wir setzen uns gewissermaßen auf die stabile Klippe direkt neben das tosende Wasser. Wir versuchen nicht, das Wasser anzuhalten, aber wir lassen uns auch nicht mehr davon mitreißen.
Diese Haltung wird durch den Körper unterstützt. Wir sitzen mit aufrechter Wirbelsäule, den Scheitel Richtung Himmel gestreckt, während das Becken fest im Kissen ankert. Die Hände ruhen im sogenannten „kosmischen Mudra“ ineinander, wobei sich die Daumenspitzen nur hauchzart berühren – ein feiner Sensor für unsere Aufmerksamkeit. Sinken die Daumen ein, sind wir in Gedanken verloren; drücken sie fest gegeneinander, sind wir verkrampft. In dieser Form lassen wir den Atem einfach fließen und halten die Augen halb offen, ohne etwas Bestimmtes zu fixieren.
Wenn ein Gedanke auftaucht, bemerken wir ihn einfach. Er ist wie ein Geräusch oder eine Wolke. Wir „würzen“ ihn nicht nach, wir bauen die Geschichte nicht weiter aus. Wir lassen ihn fließen. Das ist die praktische Bedeutung von Hishiryo: Den Gedanken den Raum geben, zu erscheinen, ohne ihnen gehören zu müssen.
Was sich dadurch verändert, ist vor allem unser innerer Abstand. Es entsteht ein Raum zwischen dem Gedanken und der sofortigen Reaktion darauf. Der Geist wird wie ein klarer Spiegel: Er reflektiert alles, was vor ihm erscheint, aber er hält nichts fest. Sobald etwas weiterzieht, bleibt der Spiegel unberührt zurück.
Diese Freiheit ist sehr schlicht. Sie besteht nicht darin, dass nichts mehr auftaucht, sondern darin, dass wir nicht mehr automatisch auf jeden inneren Impuls reagieren müssen. Es ist eine Schulung in Autonomie. Am Ende bleibt kein spektakulärer Zustand, sondern eine sehr klare, wache Präsenz.
Du sitzt. Du atmest. Die Dinge ziehen vorbei. Und für diesen Moment genügt das vollkommen.
Die drei Geisteshaltungen im Überblick
思量 Shiryo (Gewöhnliches Denken): Der Modus, in dem wir bewerten, planen und uns in inneren Geschichten verlieren. Wir sind mit den Gedanken identifiziert und werden von ihnen mitgerissen.
不思量 Fushiryo (Nicht-Denken-Wollen): Der Versuch, Gedanken gewaltsam zu stoppen oder zu unterdrücken. Dies führt oft zu einer inneren Verkrampfung und ist letztlich nur eine weitere Form der Anspannung.
非思量 Hishiryo (Nicht Denken denken): Die Haltung des Zazen, die über Denken und Nicht-Denken hinausgeht. Gedanken dürfen auftauchen, aber wir haften nicht an ihnen an und lassen sie wie Wolken vorbeiziehen.


