Kanji 五観の偈 (Die fünf Betrachtungen) in Pinselschrift
五観の偈

Japanisch  Gokan No Ge

Fünf Betrachtungen vor dem Essen

Vor dem ersten Bissen hält die Gemeinschaft inne und sieht, was diese Nahrung trägt.

Im interaktiven Werkzeug öffnen →

Was ist das Kanji für die fünf Betrachtungen?

Vor dem ersten Bissen kann ein ganzer Weg sichtbar werden. 五観の偈 (gokan no ge) ist das Kanji für die fünf Betrachtungen. Gemeint ist der Vers vor dem Essen. Nahrung erscheint darin als Gabe, Verantwortung und Kraft für das weitere Üben.

Das Zeichen

五 ist schlicht. Zwei waagerechte Linien halten ein gekreuztes Inneres. 観 ist voller. Links drängen sich kurze Striche, rechts steht 見, das Sehen, mit einem Auge über zwei Beinen.

偈 beginnt mit einem Menschen, 亻. Daneben steht 曷 wie ein dichter Knoten. Das kleine の verbindet die Betrachtungen mit ihrem Vers. Auf dem Blatt stehen Zahl, Blick und Stimme nebeneinander.

Haiku

Fünf Atemzüge
Reis dampft in der stillen Schale
viele Hände geben

Im Zen

Essen ist nicht bloß eine Pause zwischen zwei Übungen. Mit den fünf Betrachtungen richtet man den Blick auf die Arbeit, aus der eine Mahlzeit entsteht, auf das eigene Handeln und auf den Zweck der Nahrung. Wer innehält, empfängt nicht nur etwas. Er oder sie übernimmt Verantwortung für den Umgang damit.

Mit 偈 (ge) ist ein buddhistischer Vers gemeint. Mit ge gibt man das Sanskritwort gāthā lautlich wieder. Man kann darin mehr sehen als eine lose Liste guter Vorsätze: Die Betrachtungen gehören zu einer Form, in der Körper, Stimme und Mahlzeit zusammenkommen.

Man darf 五観の偈 nicht mit 五停心観 (gojōshinkan) verwechseln. Mit 五停心観 sind fünf Betrachtungen gemeint, die fünf Arten von Fehlern stillen sollen. Die gleiche Zahl verbindet zwei verschiedene Zusammenhänge.

In der Altbäckersmühle

Vor den Mahlzeiten spricht die Altbäckersmühle die Fassung der Seite Bodhisattva-Training-Ethik. Darin geht es um das Geschenk des ganzen Universums und vieler menschlicher Arbeit, um Leiden und Sterben von Lebendigem, um ein Leben, das dieser Gabe würdig ist, um Verlangen und Aversion, um Nahrung, die nährt und vor Krankheit schützt, und um den Weg des Mitgefühls und der Weisheit.

Beim Zeichen Nahrung erscheint das Bild der Speise als gute Arznei. In der Hausfassung gebraucht man dafür andere Worte. Oryoki-Mahlzeiten gibt es in der Mühle nicht; mehr dazu beim Oryoki. Der Vers wird trotzdem vor den Mahlzeiten gesprochen.

Überlieferung

Die fünf Betrachtungen findet man in Daoxuans Kommentar zur Ordensregel, dem 四分律刪繁補闕行事鈔: eine kurze Liste im Taishō-Kanon in Band 40, Nummer 1804, Seite 84, Spalte a, die ausführliche Darlegung ab Seite 128, Spalte b.

In Japan kennt man den Vers aus Dōgens Fushukuhanpō, den Regeln für das Essen in der Mönchshalle. Man setzt die Schrift nach der Umbenennung des Daibutsu-ji in Eihei-ji im Jahr 1246 an. In der Song-Zeit fasste man den Vers, so heißt es, für Mönche und Laien neu; man nennt dafür den Dichter Huang Tingjian. In Eisais 出家大綱 aus dem Jahr 1200 findet man eine andere Fassung von fünf Betrachtungen. Dōgens Lehrer kam aus Eisais Linie.

Häufige Fragen

Sind die fünf Betrachtungen ein Tischgebet?

Sie können so wirken, sind aber genauer eine Übung des Betrachtens vor dem Essen. Dankbarkeit, Verantwortung und die Aufgabe der Nahrung kommen darin zusammen.

Sind sie dasselbe wie die fünf Betrachtungen gegen fünf Arten von Fehlern?

Nein. Bei 五停心観 geht es um einen anderen Übungszusammenhang. Mit 五観の偈 ist der Vers vor dem Essen gemeint.

Braucht man dafür Oryoki?

Nein. Oryoki-Mahlzeiten gibt es in der Mühle nicht. Die fünf Betrachtungen werden dennoch vor den Mahlzeiten gesprochen.

Für Expert:innen

五 hat vier Striche, steht unter Kangxi-Radikal 7, 二, wird in der ersten Klasse gelernt und steht in nicht amtlichen JLPT-Listen bei N5. Nach 角川新字源 ist es ein 指事: zwei sich kreuzende Linien zeigen, wie Dinge sich verschränken; für die Zahl fünf ist es entlehnt. Nach dem 普及版 字通 zeigt es den Deckel eines Geräts aus gekreuztem Holz. Im englischen Wiktionary ist der Grundsinn unklar; dort stehen mehrere Theorien. Nach dem japanischen Wiktionary ist es das Bild eines Geräts, auf das man Schnur wickelt, für die Zahl entlehnt; nach einer anderen Ansicht dort ist 㐅, zwei gekreuzte Linien, die Urform. In Urkunden schreibt man für fünf auch 伍. On go, Kun itsu und itsutsu.

観 hat achtzehn Striche, steht unter Kangxi-Radikal 147, 見, wird in der vierten Klasse gelernt und steht in nicht amtlichen JLPT-Listen bei N3. Die alte Form 觀 hat nach Kanjipedia vierundzwanzig Striche, im 普及版 字通 fünfundzwanzig. Die chinesische Kurzform ist 观. Nach 角川新字源, dem englischen und dem japanischen Wiktionary ist 觀 ein Laut-Bedeutungs-Zeichen: 見 trägt die Bedeutung, 雚 den Laut. Die heutige Form ist nach 角川新字源 ein 俗字, nach dem japanischen Wiktionary eine Kürzung aus der Halbkursive (行書), nach dem englischen Wiktionary eine Form der japanischen Schriftreform (Shinjitai). On kan; Kun miru außerhalb der amtlichen Liste. Bei Jisho steht dazu die Kun-Lesung shimesu.

偈 hat elf Striche, steht unter Kangxi-Radikal 9, 人 in der Form 亻, und gehört nicht zur Jōyō-Liste. Nach dem englischen und dem japanischen Wiktionary und dem 普及版 字通 ist es ein Laut-Bedeutungs-Zeichen: 亻 trägt die Bedeutung, 曷 den Laut. Seine buddhistische Bedeutung kam über die Lautübertragung von gāthā. On ge, ketsu und kei; Kun hayai und ikō. Die Kun-Lesung tsuyoi steht im japanischen Wiktionary und im 普及版 字通. Die Go-Lesung gechi steht nur im englischen und im japanischen Wiktionary.

Einen Eintrag für 五観の偈 gibt es weder im 精選版 日本国語大辞典 noch bei Jisho; im Glossar der Sōtōshū steht der Vers als 五觀偈, Gokan ge. Die Lesung gokan no ge und die Nebennamen 五観文, 食事五観文 und 食事訓 stehen in der japanischen Wikipedia; die Umschrift Gokan no ge steht auch auf der Hausseite Bodhisattva-Training-Ethik. Daoxuans Text steht in CBETA unter T40 Nr. 1804, die fünf Betrachtungen ab Seite 128b, eine kurze Liste auf Seite 84a. Die Neufassung durch Huang Tingjian und die andere Fassung in Eisais 出家大綱 (1200) stehen nur in der japanischen Wikipedia; Dōgens Aufnahme des Verses steht dort auch unter 赴粥飯法. Gebräuchlich sind nach Jisho 観念 kannen, Vorstellung, Begriff, 観音 Kannon, der Bodhisattva Avalokiteśvara, 五 go, fünf, und 五つ itsutsu, fünf beim Zählen.

Vertiefen

Das Glossar der Mühle

Im Glossar stehen 104 Begriffe aus der Zen-Praxis und dem Leben in der Mühle, dazu 219 Schriftzeichen mit Pinselbild, Herkunft und Haiku, geordnet in elf Rubriken.

Grundlagen der Lehre · Zen-Erfahrung · Praxis und Form · Kloster, Ort und Linie · Texte und Chanten · Küche und Nahrung · Körper und Atem · Bogenschießen · Natur und Jahreslauf · Wörter des Lebens · Schrift und Kultur

Viele Schriftzeichen leben fest auf unseren Seiten: groß im Hintergrund einer Sektion, klein neben einem Titel. Im Verzeichnis findest du sie alle, mit Bedeutung und Fundort. Alle Kurse und Sesshins der Mühle im Überblick.

← Zurück zur Kanji-ÜbersichtZum Glossar →Zum Verzeichnis der Schriftzeichen →Übersicht Kurse →