Vor dem Wissen
Koans im Leben, Teil eins: Bodhidharma vor Kaiser Wu. Über die offene Weite, in der unsere fertigen Antworten für einen Augenblick nicht mehr tragen.
Koans im Leben, Teil eins: Bodhidharma vor Kaiser Wu. Über die offene Weite, in der unsere fertigen Antworten für einen Augenblick nicht mehr tragen.
Ein Kaiser fragt nach dem höchsten Sinn der heiligen Wahrheit. Vor ihm steht Bodhidharma, jener Mönch, den die Zen-Überlieferung später zum ersten Patriarchen Chinas machen wird. Man könnte eine große Lehrrede erwarten. Stattdessen fallen nur wenige Sätze:
Bi-Yän-Lu, Fall 1: Bodhidharma und Kaiser Wu
Kaiser Wu fragt nach dem höchsten Sinn der heiligen Wahrheit.
Bodhidharma antwortet: »Offene Weite, nichts von heilig.«
Der Kaiser fragt: »Wer steht mir gegenüber?«
Bodhidharma sagt: »Ich weiß es nicht.«
Der Kaiser versteht ihn nicht. Bodhidharma geht fort und setzt über den Strom. Erst später ahnt der Kaiser, wen er hat gehen lassen. Doch der Augenblick lässt sich nicht zurückholen.
Nach Bi-Yän-Lu, Erstes Beispiel, in der Übersetzung von Wilhelm Gundert. Die Begegnung ist hier knapp nacherzählt, die beiden Antworten folgen Gunderts Wortlaut.
Wer diese überlieferte Begegnung zum ersten Mal liest, kann sich fragen, weshalb ausgerechnet sie am Anfang einer der großen Koan-Sammlungen steht. Sie scheint fast zu kurz. Der Kaiser fragt ernsthaft, Bodhidharma antwortet schroff, und beide gehen auseinander. Es gibt keine Versöhnung, keine Erklärung und keinen Satz, der das Missverständnis nachträglich auflöst.
Gerade darin beginnt die Arbeit des Koans. Es gibt uns nicht etwas, das wir bequem verstehen und ablegen können. Es bringt uns an die Stelle, an der unser gewohntes Verstehen nicht weiterreicht. Dort sollen wir nicht möglichst schnell eine neue Deutung einsetzen. Wir sollen einen Augenblick bei dem bleiben, was sich nicht einordnen lässt.
Kaiser Wu ist nicht der Dummkopf dieser Geschichte. In der Überlieferung erscheint er als ernsthafter Förderer des Buddhismus. Er ließ Klöster bauen, unterstützte Mönche, förderte die Übertragung von Schriften und beschäftigte sich selbst mit der Lehre. Der Kommentar des Bi-Yän-Lu erzählt zusätzlich von seiner Frage, welches Verdienst ihm all dies eingebracht habe. Bodhidharmas Antwort lautet dort: keines.
Das macht die Begegnung erst scharf. Hier steht kein oberflächlicher Mensch vor einem Weisen. Der Kaiser hat sich bemüht, Verantwortung übernommen und viel für die buddhistische Gemeinschaft getan. Nun möchte er wissen, was all das bedeutet. Vielleicht möchte er auch hören, dass sein Tun ihn dem Heiligen nähergebracht hat. Wer könnte ihm diesen Wunsch verdenken?
Auch wir führen solche inneren Konten. Wir haben geholfen, durchgehalten, verzichtet oder jahrelang geübt. Irgendwann möchten wir wissen, was es gebracht hat. Wir erwarten keine Krone, aber vielleicht doch die stille Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein. Gerade eine ernsthafte Praxis kann unbemerkt zu einem Besitz werden: meine Erfahrung, meine Einsicht, meine Entwicklung.
Bodhidharma nimmt dem Kaiser seine guten Taten nicht weg. Er bestreitet nicht, dass Fürsorge und Großzügigkeit Folgen haben. Aber er lässt nicht zu, dass daraus ein geistiger Rang wird. Wo der Kaiser ein Ergebnis festhalten möchte, öffnet Bodhidharma den Raum.
Dieser Satz ist so bekannt, dass man leicht über seine Zumutung hinweghört. »Nichts von heilig« klingt zunächst wie eine Verneinung des Religiösen. Es könnte sogar wie Geringschätzung wirken: keine heilige Wahrheit, keine besondere Übung, kein Wert in dem, was der Kaiser getan hat.
Doch offene Weite ist kein leer geräumtes Nichts. Bodhidharma stellt nicht das Profane an die Stelle des Heiligen. Er lässt vielmehr die feste Grenze fallen, mit der wir beides voneinander trennen. Solange das Heilige etwas Besonderes ist, das wir erreichen, verdienen oder besitzen können, bleibt immer jemand zurück, der sagt: Das gehört mir. So weit bin ich gekommen. Diese Einsicht habe ich erlangt.
In der offenen Weite lässt sich nichts davon festhalten. Das macht die Übung nicht wertlos. Es befreit sie von dem Zwang, unseren Wert zu beweisen. Sitzen ist dann nicht heilig, weil es uns aus dem gewöhnlichen Leben heraushebt. Es ist die ungeteilte Wirklichkeit dieses Körpers, dieses Atems und dieses Augenblicks. Das Putzen einer Toilette steht nicht tiefer als eine Lehrrede. Ein schwieriges Gespräch ist nicht weniger Praxis als eine Stunde im Zendo.
Vielleicht lässt sich darin etwas von jener Freiheit des Geistes erkennen, von der im Zen die Rede ist. Sie bedeutet nicht, keine Bindungen mehr zu haben oder sich um nichts zu kümmern. Sie zeigt sich darin, dass wir unsere Stellung nicht in jedem Augenblick verteidigen müssen. Wir können handeln, ohne aus unserem Handeln eine Identität zu bauen. Wir können etwas gut machen, ohne uns daran festzuhalten. Auch ein Fehler muss nicht zum endgültigen Urteil darüber werden, wer wir sind.
Diese Freiheit ist kein Zustand, den man ein für alle Mal erreicht. Oft bemerken wir sie nur für einen Moment, wenn die Einteilung in Erfolg und Scheitern, würdig und unwürdig, geistlich und alltäglich ihre Macht verliert. Dann ist die Welt nicht leer im Sinne von bedeutungslos. Sie ist offen, weil sie noch nicht durch unser Urteil abgeschlossen wurde.
Koans sind überlieferte Begegnungen aus der Geschichte des Zen: Gespräche, Rufe, Gesten und manchmal nur ein einziges Wort. Sie sind keine Rätsel, hinter denen ein Lösungswort verborgen liegt. Ein Koan fragt auch nicht nur, was ein Zen-Lehrender vor langer Zeit vermutlich gemeint hat. Historisches Wissen kann uns helfen, den Text nicht falsch zu lesen. Es kann aber die Begegnung mit ihm nicht ersetzen.
Der erste Fall des Bi-Yän-Lu fragt uns nicht nur nach Bodhidharma. Er fragt, was in uns geschieht, wenn eine vertraute Ordnung zusammenbricht. Was bleibt von meiner Praxis, wenn ich sie nicht als Verdienst vorzeigen kann? Wer bin ich, wenn meine Herkunft, meine Aufgabe, meine Erfolge und meine Fehler für einen Atemzug keine fertige Antwort geben?
Ein Koan beantwortet diese Fragen nicht an unserer Stelle. Es hält sie offen, bis wir nicht mehr nur über sie nachdenken, sondern selbst in ihnen stehen.
Ohne Tor
»Der große Weg hat kein Tor. Tausend Pfade führen hindurch.«
— Mumon Ekai, Eröffnungsvers des Mumonkan
Nach der offenen Weite versucht der Kaiser, doch noch einen festen Punkt zu finden. Wenn es nichts Heiliges gibt, an dem er sich orientieren kann, dann muss wenigstens der Mensch vor ihm zu bestimmen sein. Also fragt er: Wer steht mir gegenüber?
»Ich weiß es nicht.«
Auch diese Antwort kann man missverstehen. Bodhidharma entschuldigt sich nicht für eine Wissenslücke. Er weicht der Frage nicht aus und behauptet ebenso wenig, dass Wissen grundsätzlich wertlos sei. Er verweigert nur die fertige Gestalt, in der der Kaiser ihn festhalten könnte. Er stellt sich nicht als Besitzer der Wahrheit vor. In seinem Nichtwissen bleibt die Begegnung offen.
Unser eigenes »Ich weiß es nicht« hat selten diese Klarheit. Manchmal ist es eine Ausrede oder der Versuch, Verantwortung abzugeben. Dann schließt es ein Gespräch. Das Nichtwissen, auf das ein Koan weist, tut etwas anderes. Es unterbricht den Reflex, die Wirklichkeit sofort mit dem zu bedecken, was wir schon über sie denken.
Ein Mensch fragt, warum wir ihm nicht zugehört haben. Ein Kind möchte wissen, ob alles wieder gut wird. Jemand widerspricht dem Bild, das wir von uns selbst haben. Häufig beginnt unsere Antwort, bevor die Frage ganz bei uns angekommen ist. Wir erklären unsere Absicht, verteidigen unsere Haltung oder suchen nach einem Satz, der wieder Sicherheit herstellt.
Vielleicht wäre in einem solchen Augenblick ein ehrliches Nichtwissen näher an der Wahrheit. Nicht als endgültige Antwort, sondern als Anfang: Ich weiß noch nicht, was du gerade von mir brauchst. Ich weiß nicht, ob alles gut wird. Ich merke, dass meine erste Erklärung nicht genügt. Ein solches Eingeständnis macht uns nicht kleiner. Es kann der anderen Person und dem gegenwärtigen Leben wieder Raum geben.
In unserer Soto-Tradition ist dieser erste Fall des Bi-Yän-Lu Teil der Shuso-Zeremonie am Ende einer Praxisperiode. Shuso wird im Englischen als Head Monk bezeichnet. Wer diese Aufgabe übernimmt, nimmt während der Praxisperiode eine leitende Rolle in der Sangha ein. Dazu gehören sichtbare Aufgaben, zugleich aber auch die sogenannten niedrigen Arbeiten, etwa gemeinsam mit dem Benji die Toiletten zu putzen. Die Rolle soll keinen Geist nähren, der sich über andere oder über das Alltägliche erhebt.
In der abschließenden Dharma-Befragung liest der Shuso immer diesen Fall vor. Danach kommen die Fragen aus dem Sangha. Es geht nicht darum, eine vorbereitete Lehre vorzutragen. Ein Mensch sitzt vor den anderen und antwortet aus der Situation, die gerade entstanden ist.
Das ist kein Kinderspiel und auch kein Versprechen auf ein erhebendes Erlebnis. Als ich selbst dort saß, war ich wie elektrisiert und fühlte mich auf eine für mich kaum erklärbare Weise getragen. Das war meine Erfahrung, kein Maßstab. Dieselbe Situation kann einen Menschen stark verunsichern oder ihm für eine Weile den Halt nehmen. Die Zeremonie stellt keinen besonderen Zustand her, an dem sich die Tiefe der Übung ablesen ließe.
Entscheidend ist etwas Schlichteres: Die Frage ist jetzt da. Die Antwort kann nicht auf später verschoben werden. Man kann sich hinter einer richtigen Lehre verbergen, doch der Raum merkt es. Man kann stocken und trotzdem gegenwärtig sein. Auch »Ich weiß es nicht« ist kein Durchfallen, wenn es nicht der Flucht dient. Es kann der Augenblick sein, in dem ein Mensch aufhört, eine Rolle zu verteidigen, und wirklich antwortet.
Darum gehört gerade dieser Fall an diese Stelle. »Offene Weite, nichts von heilig« nimmt dem Shuso jeden besonderen Rang. »Ich weiß es nicht« nimmt ihm die Pflicht, als Besitzer einer Wahrheit aufzutreten. Was bleibt, ist die Begegnung zwischen Menschen, verletzlich und ohne Garantie.
Der Kaiser versteht Bodhidharma nicht. Erst später, nachdem ein anderer ihm erklärt hat, wer vor ihm stand, möchte er einen Boten schicken und den Gast zurückholen. Doch selbst wenn das ganze Land ihm nachliefe, heißt es im Fall, Bodhidharma würde nicht umkehren.
Das ist keine Strafe. Der verpasste Augenblick lässt sich nicht wiederholen, weil ein späteres Verstehen niemals genau zu jener Begegnung zurückführt. Wir kennen das aus unserem Leben. Das aufmerksame Wort fällt uns ein, wenn die Tür schon geschlossen ist. Am Abend merken wir, dass wir am Morgen mehr mit unserer Antwort als mit dem anderen Menschen beschäftigt waren.
Ein Koan fordert deshalb keine Schlagfertigkeit. Er verlangt auch nicht, dass wir niemals zögern oder immer das Richtige sagen. Er zeigt nur, wie leicht wir den lebendigen Augenblick gegen eine sichere Erklärung eintauschen. Und er erinnert uns daran, dass Übung genau dort stattfindet, wo wir diese Bewegung bemerken.
Vielleicht begegnet dir in den nächsten Tagen eine Frage, auf die du sofort antworten möchtest. Warte dann einen Atemzug. Spüre die Füße auf dem Boden und höre den Satz noch einmal. Nicht, um künstlich zu schweigen oder besonders gelassen zu wirken. Gib nur der Möglichkeit Raum, dass deine erste Antwort noch nicht alles weiß.
Du kannst dich fragen: Was versuche ich gerade zu schützen? Und was wird hörbar, wenn ich meine Erklärung für einen Moment nicht voranstelle?
Manchmal folgt darauf ein klares Wort. Manchmal eine Entschuldigung. Vielleicht bleibt zunächst nur: Ich weiß es nicht. Keine dieser Formen ist von sich aus die richtige. Entscheidend ist, ob sie aus der wirklichen Begegnung kommt oder aus dem Wunsch, sie schnell wieder unter Kontrolle zu bringen.
Mit diesem Fall beginnt unsere Reihe »Koans im Leben«. Wir werden weitere Begegnungen aus den großen Sammlungen aufnehmen und nach ihrer Bedeutung für unser heutiges Leben fragen. Nicht mit dem Anspruch, sie endgültig zu erklären. Ein Koan ist keine Weisheit, die wir nach Hause tragen und zu unserem Besitz machen können. Er wartet darauf, dass wir selbst anwesend sind.
Vielleicht bleibt von Bodhidharmas Antwort zunächst nur eine Ahnung. Das genügt. Offene Weite heißt auch, dass wir den Augenblick nicht sofort abschließen müssen. Wo für einen Atemzug nichts heilig genannt und nichts gering geachtet wird, kann das gegenwärtige Leben wieder hervortreten.
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