Üben heißt nicht, besser zu werden
Die Kunst des Übens, Teil eins: über die stille Hoffnung, ein anderer zu werden, und die Freiheit, jeden Morgen neu zu beginnen.
Die Kunst des Übens, Teil eins: über die stille Hoffnung, ein anderer zu werden, und die Freiheit, jeden Morgen neu zu beginnen.
Wenn Menschen zum ersten Mal ein Zen-Kloster besuchen, bringen sie oft eine stille Hoffnung mit. Manchmal sprechen sie sie aus, manchmal bleibt sie unausgesprochen. Doch sie ist fast immer da.
„Ich möchte ruhiger werden.“ „Ich möchte gelassener sein.“ „Ich möchte endlich bei mir ankommen.“
Das sind schöne Wünsche. Sie entspringen einer Sehnsucht, die wir wohl alle kennen. Wer leidet, sucht einen Weg, freier zu leben. Wer sich im Kreis dreht, wünscht sich Orientierung. Wer immer wieder über dieselben Steine stolpert, hofft irgendwann auf einen festen Boden.
Es wäre seltsam, wenn wir uns mit solchen Hoffnungen nicht auf den Weg machten.
Und doch geschieht an dieser Stelle etwas Merkwürdiges.
Fast unbemerkt schleichen wir eine Vorstellung in unsere Übung ein: Irgendwann werde ich besser sein als heute.
Vielleicht geduldiger. Vielleicht friedlicher. Vielleicht weniger verletzlich. Vielleicht sogar ein wenig erleuchtet.
Diese Vorstellung begleitet nicht nur unsere spirituelle Praxis. Sie prägt unsere ganze Kultur. Wir lernen früh, dass Entwicklung bedeutet, immer besser zu werden. Wir verbessern unsere Leistungen, unsere Fitness, unsere Ernährung, unsere Karriere. Selbst unsere Freizeit soll möglichst sinnvoll genutzt werden. Überall begegnet uns die leise Botschaft: Du bist noch nicht ganz angekommen.
Warum sollte ausgerechnet Meditation von dieser Denkweise verschont bleiben?
So sitzen wir auf unserem Kissen und beobachten uns heimlich selbst. War ich heute konzentrierter als gestern? Bin ich ruhiger geworden? Warum taucht diese Wut schon wieder auf? Warum habe ich diesen Menschen erneut verurteilt?
Aus der Übung wird unmerklich ein weiteres Projekt der Selbstoptimierung. Vielleicht sogar das anspruchsvollste von allen.
Denn wer spirituell sein möchte, möchte oft nicht nur erfolgreich sein. Er oder sie möchte auch noch ein guter Mensch sein.
Übung und Erwachen
»Zu meinen, Übung und Erwachen seien zweierlei, ist eine Ansicht von Menschen außerhalb des Weges. Im Buddha-Dharma sind Übung und Erwachen eins.«
— Dōgen Zenji, Bendōwa
Doch Zen stellt eine andere Frage.
Nicht: Wie werde ich ein besserer Mensch?
Sondern: Wie begegne ich diesem Augenblick?
Dieser Unterschied wirkt zunächst klein. Tatsächlich verändert er die gesamte Blickrichtung.
Denn der Augenblick fragt nicht, ob wir erfolgreich waren. Er fragt auch nicht, ob wir unsere Ziele erreicht haben. Er fragt lediglich, ob wir bereit sind, wirklich hier zu sein. Mit unserer Freude. Mit unserer Müdigkeit. Mit unserer Ungeduld. Mit unserer Angst. Mit unserem Scheitern.
Vielleicht liegt genau darin eine der größten Herausforderungen. Wir möchten häufig erst dann ganz da sein, wenn wir uns für ausreichend gelungen halten. Doch das Leben wartet nicht darauf. Es begegnet uns mitten in unserer Unvollkommenheit.
Der japanische Zen-Meister Dōgen beschreibt Übung nicht als einen Weg, an dessen Ende wir endlich etwas erreicht haben. Für ihn sind Übung und Verwirklichung nicht voneinander zu trennen. Wir üben nicht, um eines Tages Buddha zu werden. Das Üben selbst ist bereits Ausdruck unseres Buddha-Wesens.
Das klingt zunächst paradox. Denn wir erleben uns doch gerade nicht als vollkommen. Wir verlieren die Geduld. Wir sagen Dinge, die wir später bereuen. Wir handeln aus Angst oder Stolz. Wir vergessen unsere guten Vorsätze schon am nächsten Morgen.
Genau deshalb ist dieser Gedanke so befreiend. Wenn Übung nur für vollkommene Menschen möglich wäre, könnte niemand üben.
Übung beginnt genau dort, wo wir stehen. Nicht dort, wo wir gern wären.
Ein kleines Kind lernt laufen, indem es fällt. Es fällt nicht einmal. Es fällt Hunderte Male. Niemand käme auf die Idee, nach dem zwanzigsten Sturz zu sagen: „Vielleicht ist Laufen einfach nichts für dich.“
Wir lächeln. Wir reichen die Hand. Wir freuen uns über jeden neuen Versuch.
Merkwürdigerweise verlieren wir diese Freundlichkeit oft uns selbst gegenüber. Wir erwarten von unserem Geist eine Vollkommenheit, die wir keinem Kind zumuten würden.
Vielleicht beginnt Zen genau an diesem Punkt. Nicht indem wir unsere Maßstäbe senken. Sondern indem wir lernen, freundlicher zu üben.
Freundlichkeit bedeutet dabei keineswegs Beliebigkeit. Zen ist durchaus anspruchsvoll. Es fordert uns auf, ehrlich hinzuschauen. Verantwortung zu übernehmen. Uns nicht hinter Ausreden zu verstecken. Wieder und wieder aufzustehen.
Doch all das geschieht nicht aus Härte. Es geschieht aus Vertrauen.
Ein Bambus wächst nicht schneller, wenn wir an ihm ziehen. Ein Bach fließt nicht klarer, wenn wir ihn antreiben. Auch der Mensch entfaltet sich nicht durch ständigen Druck. Er wächst dort, wo Aufmerksamkeit und Geduld zusammenfinden.
Vielleicht ist das der eigentliche Sinn des Übens. Nicht ein anderer Mensch zu werden. Sondern immer weniger vor dem davonzulaufen, der wir in diesem Augenblick sind.
Nicht plötzlich. Nicht spektakulär. Oft bemerken es zuerst die Menschen um uns herum.
Wir hören etwas länger zu. Wir reagieren etwas weniger vorschnell. Wir verteidigen uns nicht mehr sofort. Wir entschuldigen uns leichter. Wir lachen über uns selbst.
Und irgendwann stellen wir fest, dass wir gar nicht mehr so oft darüber nachdenken, ob wir Fortschritte machen. Wir üben einfach. So wie man einen Garten pflegt. Nicht, weil jede Blüte geplant werden könnte. Sondern weil man gelernt hat, dem Wachstum zu vertrauen.
Vielleicht ist genau das die Freiheit, zu der Zen einlädt. Nicht irgendwann fertig zu sein. Sondern jeden Morgen neu beginnen zu dürfen. Immer wieder.
Nimm dir in dieser Woche jeden Morgen einen einzigen Augenblick, bevor der Tag beginnt. Noch bevor du auf dein Telefon schaust oder an deine Aufgaben denkst, frage dich: Was ist heute meine Übung?
Vielleicht ist es Geduld. Vielleicht ist es aufmerksames Zuhören. Vielleicht ist es, langsamer zu sprechen. Vielleicht ist es, einem Menschen ehrlich zu danken. Vielleicht ist es auch nur, heute freundlich mit dir selbst umzugehen, wenn etwas nicht gelingt.
Versuche nicht, diese Übung perfekt zu erfüllen. Erinnere dich lediglich immer wieder an sie.
Denn vielleicht besteht Übung nicht darin, niemals vom Weg abzukommen. Vielleicht besteht sie darin, immer wieder zu ihm zurückzukehren.
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