Der Weg ist die Übung
Die Kunst des Übens, Teil drei: über die Frage, wie lange es dauert, und die Freiheit, nirgendwo ankommen zu müssen.
Die Kunst des Übens, Teil drei: über die Frage, wie lange es dauert, und die Freiheit, nirgendwo ankommen zu müssen.
Es gibt eine Frage, die Menschen immer wieder stellen, wenn sie mit Zen beginnen.
„Wie lange dauert es?“
Gemeint ist selten die Meditation selbst. Gemeint ist vielmehr: Wann werde ich ruhiger? Wann verschwinden meine Ängste? Wann gelingt es mir endlich, gelassener zu sein?
Diese Frage ist verständlich.
Sie entspricht der Art und Weise, wie wir fast alles im Leben lernen. Wir beginnen etwas, weil wir ein Ziel erreichen möchten. Wir üben ein Instrument, um Musik spielen zu können. Wir lernen eine Sprache, um sie eines Tages fließend zu sprechen. Wir trainieren unseren Körper, damit er kräftiger wird.
Übung scheint immer ein Mittel zu sein, um irgendwann an einem anderen Ort anzukommen.
Es überrascht daher nicht, dass wir dieselbe Haltung auch in unsere spirituelle Praxis mitbringen.
Wir setzen uns auf das Meditationskissen und hoffen, dass wir in einigen Monaten oder Jahren ein anderer Mensch geworden sind. Vielleicht etwas friedlicher. Vielleicht weniger verletzlich. Vielleicht ein wenig weiser.
Doch genau an dieser Stelle stellt Zen eine leise, beinahe unbequeme Frage.
Was wäre, wenn der Weg gar nicht dazu da ist, dich irgendwohin zu bringen?
Für Dōgen, den Begründer der Soto-Zen-Schule in Japan, waren Übung und Verwirklichung niemals zwei verschiedene Dinge. Er prägte den Ausdruck shushō ittō: Übung und Verwirklichung sind eins.
Dieser Gedanke wirkt zunächst widersprüchlich.
Wenn Übung und Verwirklichung eins sind, warum üben wir dann überhaupt?
Vielleicht, weil wir uns Verwirklichung häufig wie einen Gipfel vorstellen. Einen Ort, den wir irgendwann erreichen. Einen Zustand, in dem endlich alles stimmt.
Doch das Leben kennt solche Endpunkte nicht.
Kein Mensch hört irgendwann auf zu lernen. Keine Beziehung ist jemals endgültig gelungen. Kein Garten ist eines Tages für immer fertig gepflegt.
Jeder Frühling beginnt neu. Jede Jahreszeit stellt andere Aufgaben.
Warum sollte das ausgerechnet für unseren Geist anders sein?
Was bleibt
»Was bleibt als mein Vermächtnis? Blüten im Frühling, der Kuckuck im Sommer, die Ahornblätter des Herbstes.«
— Ryōkan, Sterbegedicht
Vielleicht liegt genau darin eine große Freiheit.
Wir müssen nicht ständig überprüfen, wie weit wir bereits gekommen sind. Wir müssen uns nicht mit anderen vergleichen. Wir brauchen nicht auszurechnen, ob wir heute erfolgreicher meditiert haben als gestern.
Wir dürfen einfach üben.
Nicht, weil wir noch unvollständig wären.
Sondern weil das Leben selbst Bewegung ist.
Als ich vor vielen Jahren begann, Zen zu praktizieren, dachte ich wie viele andere, dass ich irgendwann ein ruhigerer Mensch sein würde. Ich glaubte, das Ziel läge irgendwo vor mir. Heute erscheint mir diese Vorstellung fast ein wenig naiv.
Nicht weil Übung nichts verändert. Im Gegenteil. Sie verändert alles.
Aber oft nicht so, wie wir es erwartet haben.
Wir werden nicht zu einem anderen Menschen. Wir lernen langsam, ehrlicher der Mensch zu werden, der wir ohnehin schon sind.
Vielleicht reagieren wir nicht mehr auf jede Kränkung. Vielleicht erkennen wir unsere Wut etwas früher. Vielleicht bitten wir leichter um Entschuldigung. Vielleicht lachen wir häufiger über uns selbst.
Das sind keine spektakulären Erfahrungen. Und gerade deshalb sind sie so kostbar.
Zen verspricht keine perfekte Persönlichkeit. Es verspricht auch kein dauerhaftes Glück.
Es lädt uns ein, unser Leben immer wieder mit offenen Augen zu betreten. Jeden Morgen. Jede Begegnung. Jedes Gespräch. Immer wieder.
Vielleicht liegt darin auch der Unterschied zwischen einem Ziel und einem Weg.
Ein Ziel kann man erreichen und anschließend hinter sich lassen. Ein Weg trägt uns, solange wir ihn gehen.
Deshalb endet die Übung auch nicht mit einem Retreat. Nicht mit einer Sesshin. Nicht mit einer Dharma-Unterweisung. Nicht einmal mit einer tiefen Einsicht.
Nach jeder Erfahrung beginnt das Leben erneut. Und genau dort wartet die nächste Gelegenheit zu üben.
Der Zen-Meister Ryōkan schrieb einmal, dass der Wind den Bambus bewegt und der Bambus den Wind nicht festhält.
Mich berührt dieses Bild.
Der Bambus versucht nicht, den Wind zu kontrollieren. Er begegnet ihm. Immer wieder neu.
Vielleicht ist das alles, was auch wir lernen können. Dem Leben zu begegnen. Nicht mit der Hoffnung, irgendwann fertig zu sein. Sondern mit der Bereitschaft, jeden Schritt aufmerksam zu gehen.
Dann verändert sich etwas Grundlegendes.
Wir hören auf, die Übung als Vorbereitung auf das eigentliche Leben zu verstehen.
Und entdecken, dass sie längst das Leben selbst geworden ist.
Suche dir heute eine Tätigkeit aus, die du normalerweise möglichst schnell hinter dich bringen möchtest.
Vielleicht ist es das Abwaschen. Vielleicht das Kehren. Vielleicht der Weg zum Briefkasten.
Versuche dieses eine Mal, nirgendwo anders sein zu wollen.
Nicht schneller. Nicht langsamer. Nur dort, wo deine Füße gerade stehen.
Frage dich anschließend nicht, ob du es gut gemacht hast.
Frage dich lediglich: War ich wirklich da?
Vielleicht beginnt genau dort die Freiheit, von der Zen spricht.
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