Zen im Leben

Kann Meditation Friedensarbeit sein?

Zen und Frieden, Teil eins: über eine Frage, die mich nicht mehr loslässt, und den stillen Beitrag des Zazen.

Ein Mensch sitzt im Zazen an einem offenen Fenster, in der Ferne steigen Rauchsäulen über einer Landschaft auf, davor blüht ein Kirschbaum
Bild

Dieser Essay ist der Auftakt einer Reihe über Zen und Frieden. Die weiteren Teile erscheinen in den kommenden Wochen.

Es gibt Fragen, die mich nicht mehr loslassen. Diese ist eine davon.

Während ich morgens im Zendo sitze und meinem Atem folge, werden irgendwo auf der Welt Menschen vertrieben. Häuser zerstört. Kinder verlieren ihre Eltern. Demokratien geraten unter Druck. Der Ton in unseren Gesellschaften wird härter. Menschen sprechen immer seltener miteinander und immer häufiger übereinander.

Und ich sitze.

Ist das Friedensarbeit?

Früher hätte ich diese Frage vermutlich schneller beantwortet. Ja, hätte ich gesagt. Wenn der Mensch Frieden in sich findet, trägt er Frieden in die Welt.

Heute bin ich vorsichtiger. Nicht weil ich weniger Vertrauen in das Zazen hätte. Sondern weil ich gelernt habe, dass Meditation allein noch keinen friedlichen Menschen hervorbringt.

Die Versuchung der Stille

Wer regelmäßig meditiert, kennt das Bedürfnis nach Ruhe. Nach all den Nachrichten. Nach den endlosen Debatten. Nach den Empörungswellen der sozialen Medien. Nach einer Welt, die scheinbar täglich neue Gründe liefert, sich zu fürchten oder zu empören.

Dann erscheint das Meditationskissen wie eine kleine Insel. Ein Ort, an dem für einen Augenblick nichts entschieden werden muss.

Das ist kostbar.

Aber genau hier beginnt auch eine Gefahr.

Denn aus dem Wunsch nach Ruhe kann unbemerkt der Wunsch entstehen, von der Wirklichkeit verschont zu bleiben.

Plötzlich lesen wir weniger Nachrichten. Nicht, weil wir klarer geworden sind. Sondern weil wir sie nicht mehr aushalten.

Wir sprechen davon, alles sei eins. Doch wir möchten vor allem nicht mehr gestört werden.

Wir nennen es Gelassenheit. Vielleicht ist es Erschöpfung. Oder Angst.

Der Buddhismus kennt dafür einen unbequemen Begriff. Er spricht von Verblendung. Nicht als moralischen Vorwurf. Sondern als eine Form des Nicht-Sehens.

Frieden ist kein angenehmes Gefühl

Viele Menschen verwechseln Frieden mit Harmonie. Doch Frieden ist nicht die Abwesenheit von Konflikten. Und er ist auch nicht das angenehme Gefühl, das sich manchmal während der Meditation einstellt.

Der Friede, von dem Buddha spricht, entsteht nicht dadurch, dass die Welt endlich unseren Vorstellungen entspricht. Er entsteht dort, wo Hass den eigenen Geist nicht mehr beherrschen kann.

Im Dhammapada heißt es:

Nicht-Hass

»Hass wird niemals durch Hass beendet. Hass wird durch Nicht-Hass beendet. Das ist ein ewiges Gesetz.«

— Aus dem Dhammapada

Dieser Satz gehört zu den bekanntesten Worten des Buddhismus. Und wahrscheinlich auch zu den am häufigsten missverstandenen.

Denn er sagt nicht: Lass alles geschehen. Er sagt nicht: Verzichte auf Widerstand. Und er sagt schon gar nicht: Überlass die Schwächeren ihrem Schicksal.

Er beschreibt vielmehr etwas zutiefst Menschliches.

Hass besitzt eine merkwürdige Eigenschaft. Er färbt denjenigen, der ihn trägt. Nicht sofort. Nicht sichtbar. Aber langsam. Fast unmerklich.

Wer lange gegen Hass kämpft, muss deshalb darauf achten, dass Hass nicht zur Sprache des eigenen Herzens wird.

Das ist keine politische Aussage. Es ist eine menschliche.

Meditation allein genügt nicht

Ich glaube heute nicht mehr, dass Zazen uns automatisch zu besseren Menschen macht.

Es kann unseren Geist sammeln. Es kann uns helfen, Angst, Wut und Gier klarer zu erkennen. Es kann uns lehren, nicht jedem Gedanken sofort zu glauben.

Aber all das nimmt uns die Verantwortung nicht ab.

Meditation ersetzt weder Mitgefühl noch Gewissen. Sie ersetzt keine Zivilcourage. Sie ersetzt keine Verantwortung.

Vielleicht beginnt Friedensarbeit tatsächlich auf dem Meditationskissen. Aber sie entscheidet sich erst dort, wo wir wieder aufstehen. Dort, wo wir einem Menschen begegnen. Wo wir zuhören. Wo wir widersprechen. Wo wir Verantwortung übernehmen. Wo wir uns fragen, aus welchem Geist heraus wir handeln.

Eine unbequeme Einsicht

Als ich begann, mich intensiver mit der Geschichte des Zen zu beschäftigen, stieß ich auf einen Abschnitt, der mich bis heute beschäftigt.

Im vergangenen Jahrhundert konnten sich selbst bedeutende Zen-Lehrer und buddhistische Institutionen mit Nationalismus und Krieg verstricken.

Das hat mich erschüttert. Nicht weil ich über frühere Generationen urteilen möchte. Sondern weil dadurch eine tröstliche Illusion zerbricht. Die Illusion, Meditation mache einen Menschen automatisch weise.

Offenbar genügt es nicht, still sitzen zu können. Offenbar genügt es nicht, den Geist zu sammeln.

Diese Geschichte verdient einen eigenen Blick. Darauf möchte ich im nächsten Essay ausführlicher eingehen.

Denn sie stellt uns bis heute eine unbequeme Frage: Woran erkennen wir eigentlich, ob unsere Praxis wirklich zu mehr Menschlichkeit führt?

Welcher Mensch steht wieder auf?

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören zu fragen: Ist Meditation Friedensarbeit?

Vielleicht lautet die wichtigere Frage: Welcher Mensch erhebt sich nach dem Zazen vom Kissen?

Ein Mensch, der sich vor der Welt schützt? Oder ein Mensch, der bereit geworden ist, ihr mit offenem Herzen und klarem Geist zu begegnen?

Zazen verändert die Welt nicht unmittelbar. Es beendet keine Kriege. Es schützt keine Demokratie. Es ersetzt keine Politik. Keine Diplomatie. Keine Gerichte. Keine humanitäre Hilfe.

Aber all diese Aufgaben werden von Menschen getragen. Und Menschen handeln niemals nur mit ihren Händen. Sie handeln immer auch mit ihrem Geist.

Vielleicht liegt genau hier der stille Beitrag des Zazen. Nicht darin, dass die Welt plötzlich friedlich wird. Sondern darin, dass wir selbst nicht noch einen weiteren Ort schaffen, an dem Angst zu Hass, Hass zu Feindbildern und Feindbilder zu Gewalt werden.

Das erscheint klein. Doch auch der Krieg beginnt nicht erst auf dem Schlachtfeld. Warum sollte es mit dem Frieden anders sein?

Eine kleine Übung

Wenn du in den nächsten Tagen eine Nachricht liest, die dich innerlich bewegt, halte für einen Moment inne.

Nicht, um dir sofort eine Meinung zu bilden. Nicht, um recht zu behalten. Sondern um deinen eigenen Geist kennenzulernen.

Frage dich:

  • Wann spannt sich mein Körper an?
  • Wann entsteht Wut?
  • Wann möchte ich einen Menschen vorschnell verurteilen?
  • Wann höre ich innerlich auf zuzuhören?

Versuche nichts davon zu unterdrücken. Aber glaube auch nicht sofort alles, was dein Geist dir erzählt.

Bleibe einen Atemzug länger bei dem, was gerade geschieht. Nicht weil dadurch der Krieg endet. Sondern weil genau dort die Freiheit beginnt, selbst kein weiterer Schauplatz dieses Krieges zu werden.

Vielleicht ist das der unscheinbare Beitrag, den Zazen zu einer friedlicheren Welt leisten kann. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr.

Tempelgarten in Japan
Bild

Weiterlesen

Die Lesewege

Die Kunst des ÜbensZwei von drei Teilen erschienen
Zen und FriedenDer Auftakt ist erschienen
FamilieBeginnt bald
  • 1Warum uns die Familie so tief trifft · erscheint am 8. August
  • 2Das schwarze Schaf · erscheint am 15. August
  • 3Nein zu sagen fühlt sich manchmal an wie Verrat · erscheint am 22. August
Koans im LebenBeginnt bald
  • 1Warum wir im Zen über Koans sprechen · erscheint am 26. August

Vom Lesen ins Üben

Ein Ort, an dem Friedensarbeit im Stillen beginnen kann. Die nächsten Sesshin-Termine in der Mühle:

30. SEP – 04. OKT 2026Zen-Retreat für Frauen — Die Kraft der Durchlässigkeitmit Pia AnRakuGen Österle5 Tageab 160,00 €+
Zen-Retreat für Frauen — Die Kraft der Durchlässigkeit

Zen-Retreat für Frauen – Die Kraft der Durchlässigkeit Sei wie Wasser, das jede Form annimmt und dennoch nie seine Natur verliert. Dieses Retreat ist eine Einladung an Frauen, sich in einem geschützten Raum der Stille und Klarheit zu versammeln – um zu sitzen, zu lauschen, zu atmen und zu erkennen: Durchlässigkeit ist keine Schwäche. Sie ist eine Fähigkeit, die Welt tief zu spüren, ohne von ihr überwältigt zu werden. Sie ist die Weisheit des Körpers, …

Zum Retreat & zur Buchung
04.–09. FEB 2027Fasching ohne Maske — Sesshinmit HoKai6 Tageab 350,00 €+
Fasching ohne Maske — Sesshin

Sesshin im Fasching. Ohne Maske. Ein paar Tage sitzen, während draußen das Treiben lärmt. Anfänger:innen und Fortgeschrittene sind gleichermaßen eingeladen, sich still einzufinden. Keine Rolle, nichts darzustellen. Nur sitzen, atmen, da sein.

Zum Retreat & zur Buchung
25.–29. MAR 2027Das Leben nicht persönlich nehmen — Sesshinmit Pia AnRakuGen Österle & HoKai5 Tageab 160,00 €+
Das Leben nicht persönlich nehmen — Sesshin

DAS LEBEN NICHT PERSÖNLICH NEHMEN ‘Der höchste Weg ist nicht so schwer, nur fern von Angst und Wankelmut’ das sind die ersten Zeilen aus der Gedichtsammlung vom Vertrauen in den Geist. Wenn Emotionen uns beherrschen, wir deshalb kaum einen klaren Gedanken fassen können, fühlen wir uns nicht nur getrennt von unserem Herzen, sondern auch getrennt von allem, was uns umgibt. Ängste jeglicher Art und Unsicherheiten lassen unseren Geist wankelmütig sein. Körperlich fühlen wir uns angespannt …

Zum Retreat & zur Buchung
01.–05. SEP 2027Zen-Retreat für Frauenmit Pia AnRakuGen Österle5 Tageab 160,00 €+
Zen-Retreat für Frauen

Zen-Retreat für Frauen – Die Kraft der Durchlässigkeit Sei wie Wasser, das jede Form annimmt und dennoch nie seine Natur verliert. Dieses Retreat ist eine Einladung an Frauen, sich in einem geschützten Raum der Stille und Klarheit zu versammeln – um zu sitzen, zu lauschen, zu atmen und zu erkennen: Durchlässigkeit ist keine Schwäche. Sie ist eine Fähigkeit, die Welt tief zu spüren, ohne von ihr überwältigt zu werden. Sie ist die Weisheit des Körpers, …

Zum Retreat & zur Buchung
26. DEZ 2027 – 02. JAN 2028Rauhnächte — Neujahr-Sesshinmit Pia AnRakuGen Österle & HoKai8 Tageab 280,00 €+
Rauhnächte — Neujahr-Sesshin

MEDITATION ÜBER NEUJAHR: Eintauchen in die Rauhnächte In der magischen Zeit der Rauhnächte, einer Phase des Wandels und der Erneuerung, öffnet die Mühle ihre Tore für ein besonderes Sesshin. Vom 26. Dezember bis zum 03. Januar laden wir Euch ein, gemeinsam mit uns die Stille dieser Übergangszeit zu erleben und den Jahreswechsel bewusst zu zelebrieren. Dieses 8-Tage-Retreat ermöglicht uns, in die Tiefe unserer Meditation zu sinken, uns von alten Lasten zu lösen und frische Perspektiven …

Zum Retreat & zur Buchung

Das Bild dieser Seite ist mit KI erstellt.

Vertiefen

Weiter auf dem Zen-Weg

← Zurück zur StartseiteÜbersicht Zen-Kurse →Zum Glossar →

Vertiefen

Weiter auf dem Zen-Weg

← Zurück zur StartseiteÜbersicht Zen-Kurse →Zum Glossar →