Kanji 煩悩 (Leidenschaften) in Pinselschrift
煩悩

Japanisch  Bonnō
Aussprache  etwa bon-noo

Bindende Leidenschaften

Was den Geist quält und trübt. Mit Leidenschaft als Hingabe hat das wenig zu tun.

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Was ist das Kanji für Leidenschaften?

Was uns umtreibt, ist selten nur das Große. Oft sind es kleine Strömungen im Geist, die uns bewegen, bevor wir es merken. 煩悩 (bonnō) ist das buddhistische Wort für Leidenschaften: für das, was den Geist quält, trübt und bindet. Mit leidenschaftlicher Hingabe hat es wenig zu tun.

Das Zeichen

In 煩 brennt links ein Feuer, rechts steht ein Kopf. Die Stirn scheint heiß, die Gedanken sind zäh. In 悩 steht links das Herz, schmal und aufrecht. Rechts drängt eine unruhige Form dagegen. Ein Kopf im Fieber, ein Herz in Bedrängnis: Das Wort malt keinen Glanz, sondern das Umtreiben selbst.

Die Verbindung ist dennoch mehr als ein Bildrätsel. Bonnō ist ein festes buddhistisches Wort. Es umfasst Gier, Hass und Verblendung, aber auch viele weitere Regungen, durch die der Geist an etwas hängen bleibt.

Haiku

Im Gras viele Wege
der Wind legt keinen davon fest
ein Käfer zieht weiter

Im Zen

Das Sanskritwort kleśa bezeichnet etwas, das quält und verunreinigt. Beim Sitzen erscheint es nicht als Theorie, sondern als Gedankenzug: ein Plan, ein Groll, ein altes Gespräch, das sich noch einmal abspielt. Die Übung räumt das nicht mit Gewalt weg. Sie lässt es ohne neue Nahrung vorüberziehen. Dann zeigt sich, wie viel Kraft im ständigen Nachlegen lag.

Auch der Wunsch, endlich vollkommen unberührt zu sein, kann wieder zu einer Bindung werden. Die nähere Frage lautet deshalb: Was zieht gerade, was stößt ab, was trübt den Blick? Später sprach man von 煩悩即菩提 (bonnō soku bodai), Leidenschaft ist Erwachen. Mit dieser Formel ist nicht gemeint, jedem Impuls zu folgen. Nach ihr wartet Erwachen nicht an einem zweiten, vollkommen reinen Ort.

In der Altbäckersmühle

In der zweiten Zeile der Vier Großen Gelübde chanten wir BON NO MU JIN SEI GAN DAN, deutsch: „Täuschende Gedanken und Gefühle sind grenzenlos, ich gelobe, sie alle zu lassen.“ Auf der Seite Gewohnheit werden die Spuren beschrieben, die Leidenschaften im Geist hinterlassen. Auf der Seite Stille steht: „寂静 (jakujō) ist die Ruhe, in der die Leidenschaften erloschen sind.“

Überlieferung

Ursprünglich eines von vielen Wörtern für unheilsame Zustände, wurde kleśa zum Sammelnamen; in China übersetzte man es mit 煩惱, im Japanischen wurde daraus bonnō. Wie viele es sind, wurde verschieden gezählt, von wenigen Grundformen bis zu sehr großen Zahlen.

Die bekannte Zahl 108 hat mehrere Erklärungen. In Japan werden in der Silvesternacht die Tempelglocken 108-mal angeschlagen, für die 108 Leidenschaften. Im Eintrag Was ist eine Bonshō? heißt es dazu: „Diese Zahl gehört zu diesem Anlass. Sie ist keine allgemeine Schlagzahl für den klösterlichen Tageslauf.“

Häufige Fragen

Sind mit 煩悩 nur sexuelle Begierden gemeint?

Nein. Das Wort umfasst Gier, Hass, Verblendung und weitere Formen geistiger Bindung. Mit Leidenschaften ist hier mehr gemeint als im heutigen engen Gebrauch des deutschen Wortes.

Warum spricht man von 108 Leidenschaften?

Dafür gibt es mehrere traditionelle Rechnungen. Eine verbindet sechs Sinne, Arten des Erlebens, Reinheit und Befleckung sowie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Eine andere zählt achtundneunzig Neigungen und zehn Fesseln zusammen.

Was ist der Unterschied zu den drei Giften?

Die drei Gifte sind grundlegende Wurzeln. 煩悩 ist der weitere Sammelname für das, was den Geist trübt und bindet. Gier, Hass und Verblendung gehören deshalb zu den Leidenschaften, erschöpfen sie aber nicht.

Für Expert:innen

煩 hat dreizehn Striche, steht unter Kangxi-Radikal 86 (火), gehört zur Mittelstufe und steht in nicht amtlichen JLPT-Listen bei N1; die chinesische Kurzform ist 烦. Nach 角川新字源 ist es eine Bedeutungsverbindung aus 火, Hitze, und 頁, Kopf: Fieber mit Kopfweh, daraus sich quälen; das englische und das japanische Wiktionary nennen nach dem 説文解字 daneben ein Laut-Bedeutungs-Zeichen mit verkürztem 焚 als Lautteil. 悩 hat zehn Striche, steht unter Kangxi-Radikal 61 (心), gehört zur Mittelstufe und steht in nicht amtlichen JLPT-Listen bei N2. Seine alte Form 惱 hat zwölf Striche, die chinesische Kurzform ist 恼. Nach 角川新字源 und dem japanischen Wiktionary ist 惱 ein Laut-Bedeutungs-Zeichen aus 心 und dem Lautteil 𡿺; 悩 ist seine verkürzte Form. Das 漢語多功能字庫 zerlegt 惱 ohne Lautteil.

煩 liest man On han und bon (bon erst in der Oberstufe gelernt), Kun wazurau und wazurawasu, außerhalb urusai. 悩 liest man On nō, außerhalb dō, Kun nayamu und nayamasu. Gebräuchlich sind 悩む nayamu, sich sorgen, 悩み nayami, Sorge, 苦悩 kunō, Qual, und 煩わしい wazurawashii, lästig. Dazu kommen 煩悩 bonnō, Leidenschaften, und 煩悩即菩提 bonnō soku bodai, Leidenschaft ist Erwachen. Als frühesten Beleg führt das 精選版 日本国語大辞典 für 煩悩 eine Stelle im 菅家文草 (um 900), für 煩悩即菩提 eine im 往生要集 (984 bis 985). 煩悩 übersetzt Sanskrit kleśa (Pāli kilesa).

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