
Japanisch Mujō
Aussprache etwa mu-dschoo
Vergänglichkeit, Unbeständigkeit
Alles Bedingte verändert sich. Darum sind Verlust, Lernen und Wandlung möglich.

Japanisch Mujō
Aussprache etwa mu-dschoo
Vergänglichkeit, Unbeständigkeit
Alles Bedingte verändert sich. Darum sind Verlust, Lernen und Wandlung möglich.
Der Tee in der Schale wird kalt, während man ihn ansieht. 無常, japanisch mujō, ist das Wort für Vergänglichkeit. Wörtlich steht dort: ohne Beständigkeit. Was unter Bedingungen entsteht, wandelt sich und vergeht.
無 war in frühen Formen das Bild eines tanzenden Menschen. Für die Verneinung wurde es wegen seines Lautes entlehnt. 常 trägt unten ein Tuch. Das Zeichen bezeichnete zunächst ein unteres Kleidungsstück; für das Beständige wurde es entlehnt.
Für diese Seite entsteht daraus ein Bild, keine historische Herleitung: Der Tanz kann nicht stillstehen, das Tuch bleibt nicht neu. Auch die Zeichen, die Beständigkeit verneinen, sind selbst durch eine Geschichte gegangen.
Schnee auf dem Schiefer
erst weiß, dann Tropfen, dann Bach
der Hasenbach fließt
Beim Sitzen zeigt sich Vergänglichkeit ohne große Erklärung. Der Atem kommt und geht. Ein Druck im Knie wächst, verändert sich und lässt nach. Ein Gedanke erscheint und ist schon wieder fort. Die Lehre fügt diesem Vorgang nichts Fremdes hinzu. Sie lädt ein, ihn nicht zu übersehen.
Das kann schmerzen, weil auch Geliebtes nicht bleibt. Zugleich wird Veränderung erst dadurch möglich. Eine Gewohnheit kann nachlassen, ein Streit eine andere Wendung nehmen, ein Mensch lernen. Vergänglichkeit ist deshalb kein Trost. Sie ist die offene Bedingung von Verlust und Wandlung.
Die Kanji-Seite Mu nennt 無常 unter den buddhistischen Wörtern mit 無, die Seite Alltag zeigt 常 zwischen Beständigkeit und Gewöhnlichem. Die Seite Wandel grenzt 変, Veränderung, von 無常, fehlender Dauer, ab.
Im Essay Familie ist kein Kreis wird diese Einsicht an Beziehungen geprüft: „Formen entstehen, verändern sich und enden. Zen verspricht nicht, dass jede Beziehung gerettet werden kann.“
無常 übersetzt Sanskrit anitya und Pāli anicca. 諸行無常, shogyō mujō, ist das erste der drei Siegel der Lehre. Daneben steht eine andere Dreierliste, die drei Daseinsmerkmale Vergänglichkeit, Leiden und Nicht-Selbst. Beide Listen beginnen mit Vergänglichkeit, sind aber nicht gleich.
Im Japanischen trägt das Wort zusätzlich den Klang der Hinfälligkeit des Lebens, der Todesnähe und der Wehmut. Der Anfang des Heike monogatari ist ein bekannter literarischer Ort dafür. Auch der Vers auf dem Klangbrett Han, der mit 生死事大 無常迅速 beginnt, trägt das Wort.
Ist 変 das Kanji für Vergänglichkeit?
Nein. 変 heißt Wandel oder Veränderung. 無常 sagt, dass bedingte Dinge keine bleibende und unveränderliche Dauer besitzen.
Ist Vergänglichkeit im Buddhismus pessimistisch?
Sie schließt Verlust ein, aber nicht nur Verlust. Ohne Vergänglichkeit gäbe es auch kein Lernen, kein Reifen und keine Veränderung einer schädlichen Gewohnheit.
Gehört 無常 zu den drei Siegeln oder zu den drei Daseinsmerkmalen?
Die Einsicht erscheint in beiden Lehrordnungen. 諸行無常 gehört mit 諸法無我 und 涅槃寂静 zu den drei Siegeln. Die drei Daseinsmerkmale heißen Vergänglichkeit, Leiden und Nicht-Selbst.
無 hat zwölf Striche und steht unter 火 in der Form 灬, Kangxi-Radikal 86. Es ist ein Jōyō-Kanji der vierten Klasse. Eine alte japanische Form wird nicht geführt; im vereinfachten Chinesisch steht 无. 角川新字源 deutet die frühe Form als tanzenden Menschen und die Verneinung als Lautentlehnung. 常 hat elf Striche und steht unter 巾, Tuch, Kangxi-Radikal 50. Es ist ein Jōyō-Kanji der fünften Klasse und ein Laut-Bedeutungs-Zeichen aus 巾 und 尚. Eine besondere vereinfachte chinesische Form hat es nicht.
Im Wort gelten mu und jō. Wörter sind 諸行無常, shogyō mujō, die Vergänglichkeit aller bedingten Vorgänge, 無常観, mujōkan, die Betrachtung der Vergänglichkeit, und 常住, jōjū, dauerhaftes Bestehen als begrifflicher Gegenpol. Das 精選版 日本国語大辞典 belegt den Lehrsinn zuerst in der Auslegung des Shōmangyō von 611 und den Sinn Tod eines Menschen bei Dōgen im Kapitel Shukke kudoku.
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