Abschied in Stille – KyuSei ist gegangen

 

Weine nicht, denn ich bin nicht fort.

Lausche dem Wind, und du hörst meine Stimme.

Schaue zum Himmel, und du siehst mich tanzen

zwischen den Sternen.

 

Liebe Sangha, liebe Freund:innen,

nun ist KyuSei also endgültig auf der anderen Seite. Am 14. März hat er nach kurzer Krankheit friedlich seine letzte Reise angetreten. Eine Woche später, am 21. März, haben wir ihn in Wiesbaden gemeinsam bestattet.

Vor der Bestattung haben wir ihm – als Familie – seine Roben angelegt. Ein letztes gemeinsames Ritual voller Liebe und Nähe, getragen von Respekt und Dankbarkeit für sein Leben.

Die Trauerfeier selbst war still, würdevoll und ganz so, wie er es sich gewünscht hatte: ohne große Reden, dafür mit gemeinsamem Sutren-Chanten, seinen liebsten Liedern und kostbaren Momenten geteilter Stille. So standen wir da, als Sangha, und spürten, dass Abschied nicht nur Trauer bedeutet, sondern auch tiefe Dankbarkeit und Verbundenheit mit dem Leben. Viele Menschen sind gekommen, um ihn auf seiner letzten Reise zu begleiten, ihm ein inneres Lächeln mitzugeben, einen stillen Gruß der Anerkennung und Liebe.

KyuSei – Pfarrer, Zenmeister, Bogenschütze – hat unser Zentrum, die Altbäckersmühle, gemeinsam mit meiner Mutter Genki 40 Jahre lang geprägt. Sein Wirken, seine Worte, seine Klarheit, all das bleibt in uns lebendig. Die Zeremonie spiegelte genau seinen Geist wider: unaufgeregt, schlicht und herzlich. Ich glaube, es hätte ihm sehr gefallen – und vielleicht hat er uns aus der Tiefe dieser letzten, stillen Klarheit noch einmal zugelächelt.

Da ist einer gegangen, der uns tief berührt, verlässlich begleitet und beharrlich gefordert hat, der uns weit in unsere Möglichkeiten getaucht hat, der Halt gab und Trost. Für den Dharma und damit für uns alle, die kurz oder lang mit ihm gehen durften, segelte er weit hinaus.

Was muss, soll, will gesagt werden an dieser Stelle, wenige Tage, nachdem er die Seite gewechselt hat? In jedem Fall: Danke.

Danke für deinen Mut, gemeinsam mit GenKi 1980 euer gesamtes Leben auf den Kopf zu stellen, auszusteigen und eine alte Mühle in ein Meditations-Zentrum zu verwandeln. Dieser mutige Schritt hat Früchte getragen, deine beiden Kinder sind heute ordiniert, ebenso ihre Frauen, und auch deine Enkel sind vom Dharma berührt. Sie alle führen in ihrem Inneren das fort, was du begonnen hast.

KyuSei hat viel bewegt, hat Herzen berührt, Frieden gesucht und Gerechtigkeit – und diese Suche mit uns geteilt. Er hat manches Leben verändert, in vielen von uns das Dharma-Feuer entfacht und dafür gesorgt, dass es behütet wurde. Er war verlässlich da, wenn fast kein Funken übrig war.

Alle, die ihn kannten, haben ihre eigenen besonderen Momente mit ihm erlebt. Christian und ich hatten die Idee, die vielen kleinen Anekdoten und wertvollen Begegnungen, die wir alle mit KyuSei hatten, aufzuschreiben und später vielleicht gemeinsam zu publizieren – um sie für uns und andere zu bewahren. Vielleicht taucht bei euch eine besondere Begegnung, ein kurzer Augenblick oder ein humorvolles Wort auf, das KyuSei euch geschenkt hat. Wenn ihr bereit seid, dies zu teilen, schickt es uns doch bitte zu.

Der Versuch, ein so langes, reiches und erfülltes Leben in einem Newsletter-Artikel vollständig zu würdigen, muss scheitern. Aber vielleicht gelingt es uns, den Herzensanliegen eines Mannes nachzuspüren, der so viele Menschen auf ihrem Weg begleitet hat.

KyuSei: Ein unermüdlicher Bodhisattva

Als KyuSei vor 45 Jahren dem Dharma begegnete, gab es keine Frage mehr, wohin sich sein Leben ausrichten würde: Er war in der Tiefe seines Seins erschüttert, und von da an war nichts wichtiger, als in möglichst vielen Menschen den Dharma-Funken zu entzünden und dafür zu sorgen, dass diese Flamme möglichst nicht mehr erlischt. KyuSei war, auch wenn der Begriff im Zen keinen Platz hat, ein Dharma-Beseelter.

Sein Wunsch, Menschen auf ihrem Weg zu innerem Frieden zu begleiten, war bis zum letzten Tag seines Lebens ungebrochen. Schon als Gemeindepfarrer lagen ihm die Jugendlichen sehr am Herzen. Auch wenn der Kosmos damals noch ein christlicher war, blieb sein Anliegen immer gleich: Menschen davon zu überzeugen, dass es geistige Wege gibt, die ein erfülltes und menschen-dienliches Leben möglich machen.

Dies zeigte sich nicht nur in seinem spirituellen Wirken, sondern auch in seinem politischen Denken – bis zum letzten Tag war er engagiert am Weltgeschehen interessiert und versuchte, seine Umgebung freundlich und zugleich hartnäckig davon zu überzeugen, dass Frieden und soziale Gerechtigkeit Themen sind, für die es sich lohnt, zu streiten und zu argumentieren.

Politisch und spirituell war er ein überzeugter Redner, ein engagierter Verfechter gerechter Ideen – es war manchmal nicht leicht, ihm da etwas entgegenzusetzen, weil er so begeistert sein konnte von einer Welt, in der die Einsicht des Dharma mit der Klugheit politischer Entscheidungen eine maßgebliche Rolle spielen könnten.

Ein Leben in Freiheit und Liebe

Im Dharma suchte er immer auch den Weg der Freiheit, der uns aus dem Gefängnis von Begierden und Abneigungen in die Klarheit der einen Wirklichkeit schauen lässt. KyuSei war einer, der Zeit seines Lebens dem inneren Ruf nach Freiheit folgen wollte und dies auch tat. Ob beruflich, politisch oder bei der Wahl des Lebensortes: wann immer eine ihn überzeugende Idee auftauchte, hisste er die Segel und zog los.

Zum Glück war er nicht nur Ideen-beseelt, sondern mit GenKi an seiner Seite auch ein Liebender, der seine Frau auf Händen trug, wenn sie das denn gewollt hätte.

Als Ehemann war er ein real agierendes Vorbild, nicht nur für mich als Sohn. Die Liebe meines Vaters zu seiner Frau, meiner Mutter, hat tiefe Spuren hinterlassen und mir ermöglicht, genau das für mein eigenes Leben zu suchen – eine echte Liebesgeschichte. Heute würde man wohl sagen, er hatte in dieser Hinsicht echte Role-Modell-Qualitäten.

KyuSeis Teishos: Herz-Impulse der besonderen Art

Ich kenne kaum einen Zen-Meister, der so brillante Vorträge halten konnte wie mein Vater – mit wenigen Sätzen gelang es ihm, in die Tiefe existenzieller Fragen vorzudringen und unterschiedlichste Menschen tief zu berühren. Seine Teishos waren gelehrt, von großer Kenntnis geprägt, aber vor allem waren sie Herzöffnungen, wie sie in dieser Intensität selten vorkommen. Seine Schüler:innen waren im Herzen mit ihm verbunden und er mit ihnen, getragen von seiner großen Liebe zum Buddha-Dharma. Nicht zuletzt war er, gemeinsam mit GenKi, derjenige, der uns Kindern die ersten Dharma-Unterweisungen gab und unseren spirituellen Weg ebnete.

Ein echter Kapitän

Dass KyuSei sogar Hochsee-Frachter hätte steuern dürfen, weil er etliche Kapitänspatente erworben hatte, erzählt eine ganz eigene Geschichte. Er war ein Mensch, der auf der Brücke stand: als Pfarrer, Zenlehrer und Vater, der die Welt auf seine Weise besegelte und gestalten wollte. Als spiritueller Leiter war er Pionier, als Vater aufrecht und nahbar, als Kapitän großzügig – und in jeder Rolle stets liebevoll gegenüber den Menschen.

Als Familien-Kapitän auf unseren Wikingbooten schenkte er uns die schönsten Sommer, die man sich vorstellen kann. Jedes Jahr verbrachten wir sechs Wochen in der Ägäis, schipperten von einer einsamen Bucht zur nächsten, schliefen im Zelt am Ufer, saßen am Lagerfeuer und lauschten, am Abend wie KyuSei uns aus Karl May vorlas. Selbst bei Sturm und hohen Wellen brachte er uns stets sicher zurück in den Hafen. Morgens durften wir Jungs – kaum älter als zwölf oder dreizehn – allein mit dem Motorboot ins nächste Fischerdorf fahren, um Brötchen zu holen. War das herrlich …

Diese Sommer prägten ihn und uns tief. KyuSei liebte es, das Ruder selbst in der Hand zu halten, dabei Großzügigkeit, Freude und Freiheit zu teilen – Qualitäten, die er später als Zen-Meister vielen Menschen weitergab.

Ein echter Kapitän ist nun von Bord gegangen.

Eine Meinung zu “Abschied in Stille – KyuSei ist gegangen

  1. Michael den Hoet sagt:

    Liebe Gen-Ki, lieber Ho-Kai, liebe Freunde im Dharma. Gerade lese ich die vom Ableben KyuSei Kurt Österles. Die Nachricht berührt mich. Als einer der früheren Organisatoren der öffentlichen Vesakhfeiern in Hamburg habe ich mich sehr gefreut, ihn vor Jahren hier in der Hansestadt kennen zu lernen und euch als eine kraftvolle, in sich ruhende Zen-Dharma-Familie erleben zu dürfen. KyuSei nahm ich als einen liebevollen Meister wahr, der viel Klarheit, innere Stärke und Gelassenheit ausstrahlte. Ich bekunde meine aufrichtige Anteilnahme und meinen ausdrücklichen Respekt vor seiner Lebensleistung. Die tiefe Dankbarkeit, die aus dem großartig geschriebenen, persönlichen Nachruf spricht, macht mich zuversichtlich, dass seine Arbeit noch sehr lange weiter wirken wird.
    Sehr herzliche Grüße, im Dharma
    Michael den Hoet

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