Was ist Hishiryo 非思量? Oder – Nicht-denken denken

Zen Angezeigt: 18

Hishiryo 非思量

Nicht-Denken denken

Der Begriff Hishiryo stammt aus dem Zen, genauer aus der Soto-Zen-Tradition, und geht maßgeblich auf Dōgen Zenji zurück. Er beschreibt eine bestimmte Haltung des Geistes in der Meditation, insbesondere im Zazen.

Um Hishiryo zu verstehen, ist es hilfreich, zwei andere Begriffe mitzubedenken, die Dōgen bewusst unterscheidet:

思量 Shiryo
bedeutet Denken im gewöhnlichen Sinn. Planen, Erinnern, Urteilen, Vergleichen. Das ist der alltägliche Modus unseres Geistes. Er ist notwendig und nützlich, aber er neigt dazu, alles zu kommentieren und in Geschichten zu verwandeln.

不思量 Fushiryo
wird oft als Nicht-Denken übersetzt. Gemeint ist der Versuch, Gedanken zu stoppen oder auszuschalten. In der Praxis führt das häufig zu Anstrengung, innerem Widerstand oder einer verkrampften Form von Stille. Auch das bleibt eine Aktivität des Denkens, nur in negativer Form.

非思量 Hishiryo
bedeutet wörtlich Nicht-Denken, jedoch nicht im Sinne von Abwesenheit von Gedanken. Das Schriftzeichen 非 weist auf etwas hin, das jenseits von oder nicht identisch mit ist.

Hishiryo beschreibt eine Haltung, in der Gedanken auftauchen dürfen, ohne dass man sich an sie bindet. Sie werden weder verfolgt noch unterdrückt. Man nimmt sie wahr, lässt sie kommen und gehen, ohne sie weiterzuspinnen.

In dieser Haltung ist der Geist wach und offen. Denken geschieht, aber es übernimmt nicht die Führung. Wahrnehmung, Körperhaltung, Atem und Gegenwart stehen im Vordergrund, ohne kommentiert werden zu müssen.

Ein häufig verwendetes Bild ist das des Spiegels. Ein Spiegel reflektiert alles, was vor ihm erscheint, hält jedoch nichts fest. So verhält sich der Geist in Hishiryo. Gedanken erscheinen, verändern sich und lösen sich auf, ohne dass man an ihnen haftet.

Wichtig ist:
Hishiryo ist kein Zustand, den man erreichen oder festhalten kann. Es ist auch keine Technik. Es ist eine Weise, sich zum eigenen Geist zu verhalten. Nicht kontrollierend, nicht ablehnend, nicht identifiziert.

Im Zen wird diese Haltung nicht nur auf dem Kissen geübt. Sie zeigt sich auch im Alltag, wenn Handlungen ohne ständiges inneres Kommentieren geschehen. Gehen, arbeiten, hören, essen, ohne sich fortwährend selbst zu beobachten oder zu bewerten.

Kurz gesagt:
Hishiryo ist weder Denken noch Nicht-Denken.
Es ist die Freiheit, dass Denken da sein darf, ohne dass es alles besetzt.

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