Glossar

Was ist Hishiryō (非思量)?

Hishiryō (非思量) bezeichnet im Zen ein Denken, das sich nicht im gewöhnlichen Abwägen, Festhalten und Verwerfen erschöpft. Der Ausdruck wird meist mit „jenseits des Denkens“ wiedergegeben. Er bedeutet weder Gedankenlosigkeit noch einen Zustand, in dem der Geist gewaltsam stillgelegt wird.

Hishiryō ist eng mit Zazen verbunden. Gedanken, Bilder, Erinnerungen und Empfindungen können auftauchen. Die Übung besteht nicht darin, sie zu vernichten. Wir bemerken sie, ohne sie weiterzuführen und ohne uns gegen sie zu stellen.

Woher stammt der Ausdruck?

Dōgen greift einen älteren Dialog mit dem chinesischen Chan-Meister Yaoshan Weiyan auf, der im Japanischen Yakusan Igen heißt. Ein Mönch fragt Yakusan, woran er während des Sitzens denke. Yakusan antwortet, er denke das, was nicht denkt. Auf die Frage, wie das möglich sei, antwortet er: jenseits des Denkens. Überliefert ist der Austausch im Jingde Chuandeng lu, der „Überlieferung der Leuchte“ aus dem Jahr 1004, im vierzehnten Buch.

Dōgen nimmt diesen Dialog in das Fukanzazengi und in seine Auseinandersetzung mit Zazen auf. In einer deutschen Fassung des Fukanzazengi lautet die Folge sinngemäß: Nicht-Denken denken. Wie wird Nicht-Denken gedacht? Jenseits des Denkens.

Der kurze Austausch ist keine Theorie über drei getrennte Bewusstseinsstufen. Er weist auf eine Erfahrung im Sitzen. Denken findet statt, doch es muss nicht zum Mittelpunkt werden, um den sich alles dreht.

Was bedeuten shiryō, fushiryō und hishiryō?

Shiryō bezeichnet Denken, Überlegen oder Abwägen. Im Zazen zeigt es sich etwa darin, dass ein Gedanke den nächsten hervorruft und daraus eine ganze Geschichte entsteht.

Fushiryō bedeutet Nicht-Denken. Das ist zunächst die Verneinung des gewöhnlichen Denkens. Daraus folgt aber nicht, dass Gedanken bekämpft oder unterdrückt werden sollen. Wer mit aller Kraft nichts denken will, beschäftigt sich weiterhin mit dem Denken und fügt ihm nur einen neuen Kampf hinzu.

Hishiryō wird mit „jenseits des Denkens“ übersetzt. Das Wort bezeichnet keine Flucht aus dem Geist. Es weist auf ein waches Sitzen, in dem Denken und Nicht-Denken nicht festgehalten werden. Roland Rech beschreibt diese Haltung als einen Raum, in dem Gedanken kommen und gehen können, ohne dass ihnen nachgelaufen oder Widerstand entgegengesetzt wird.

Die drei Ausdrücke sollten deshalb nicht wie Stufen einer Methode gelesen werden. Besonders die Gleichsetzung von fushiryō mit einem absichtlichen Gedankenstopp ist eine spätere Lehrdeutung. Sie erklärt nicht die wörtliche Bedeutung des alten Dialogs.

Was bedeuten die Schriftzeichen 非思量?

思量 wird hier shiryō gelesen und bezeichnet das Denken oder Erwägen. 不思量, fushiryō, verneint dieses Denken. 非思量, hishiryō, wird in den benutzten Übersetzungen nicht bloß als „Nicht-Denken“, sondern als „jenseits des Denkens“ wiedergegeben.

Im chinesischen Wortlaut lauten die drei Sätze des Dialogs 思量箇不思量底, 不思量底如何思量 und 非思量. Das Zeichen 非 bedeutet in vielen Zusammensetzungen „nicht“ oder „falsch“. Im Ausdruck Hishiryō genügt deshalb eine rein wörtliche Zerlegung nicht. Entscheidend ist seine Verwendung in dem Dialog und bei Dōgen. Dort ist nicht dumpfe Leere gemeint, sondern eine Weise des Denkens, die sich nicht an Gedanken bindet.

Was geschieht dann mit den Gedanken?

Gedanken werden weder eingeladen noch vertrieben. Wenn einer auftaucht, kann er bemerkt werden. Wird er nicht weiter genährt, verändert er sich oder verschwindet. Andere Gedanken folgen. Auch Körperempfindungen, Geräusche und Gefühle erscheinen und vergehen.

Diese Haltung ist wach. Sie unterscheidet sich von Tagträumen ebenso wie von Benommenheit. Wer in einer Geschichte versinkt, kehrt zur Sitzhaltung zurück. Wer gegen einen Gedanken kämpft, bemerkt auch diesen Kampf. Die Rückkehr geschieht nicht einmal, sondern immer wieder.

Das Fukanzazengi verbindet diese Geisteshaltung mit einer genauen körperlichen Form. Die Augen bleiben geöffnet, der Körper sitzt aufrecht und der Atem wird nicht gewaltsam gesteuert. Hishiryō ist deshalb kein isoliertes Verfahren im Kopf. Es gehört zur ganzen Haltung des Zazen.

Ist Hishiryō dasselbe wie Shikantaza?

Shikantaza bezeichnet das Nur-Sitzen. Hishiryō benennt eine Weise, in der Denken innerhalb dieses Sitzens erfahren wird. Die Begriffe sind eng verbunden, aber nicht austauschbar.

Shikantaza bezeichnet die Übung als Ganzes. Hishiryō richtet den Blick darauf, dass diese Übung weder im Verfolgen noch im Abschneiden der Gedanken besteht. Das Sitzen bleibt offen für das, was erscheint, ohne aus jedem Erscheinen ein Vorhaben zu machen.