Glossar

Was ist Hishiryō (非思量)?

Hishiryō (非思量) bezeichnet im Zen ein Denken ohne Unterscheiden. Deutsche Wiedergaben sind „Nicht-Denken“, „jenseits des Denkens“ und „Denken aus dem Grunde des Nicht-Denkens“, englische „nonthinking“. Gemeint ist kein Fehlen von Gedanken, sondern eine Weise des Denkens, die sich nicht an ihre Inhalte bindet.

Was bedeuten die Schriftzeichen 非思量?

思量, shiryō, bedeutet Denken, Überlegen oder Erwägen. 非 verneint oder weist zurück. Die Zeichenfolge lässt sich deshalb zunächst als Nicht-Denken lesen. „Jenseits des Denkens“ ist eine Lehrübersetzung, nicht die wörtliche Einzelbedeutung des Zeichens 非.

Die Zeichen tragen eigene Bilder. 非 zeigt nach seiner Herleitung die zwei voneinander abgewandten Flügel eines fliegenden Vogels; daraus entstand die Bedeutung des Abwendens und der Verneinung. 思 verbindet das Herz 心 mit einem Zeichen für die Fontanelle am Kopf eines Kindes: Gedacht wird mit Herz und Kopf. 量 heißt messen; das Zeichen zeigt einen großen Sack mit einem Ausguss. Alle drei Zeichen werden im Wort sino-japanisch gelesen.

Gleichbedeutend ist 非思量底, hishiryōtei. Im Japanischen erscheint Hishiryō zuerst im Fukanzazengi von 1227. Dort gehört es zur Unterweisung für Zazen und ist ein Kernpunkt des Sitzens.

Hishiryō ist also ein Denken, kein Fehlen von Denken. Alle bloß relativen Vorstellungen sind darin aufgegeben. Das ist wichtig, weil der Begriff sonst leicht mit Bewusstlosigkeit, gedanklicher Leere oder einem gewaltsamen Abschalten des Geistes verwechselt wird.

Woher stammt der Ausdruck?

Die Überlieferung verbindet Hishiryō mit dem chinesischen Chan-Meister Yaoshan Weiyan, japanisch Yakusan Igen, der von 745 bis 827 lebte. Im Sitzen wird er gefragt, woran er in unbeweglicher Haltung denke. Seine Antwort führt vom gewöhnlichen Denken und Nicht-Denken zu Hishiryō. Im Dialog stehen so drei Wörter nebeneinander: shiryō 思量, Denken, fushiryō 不思量, Nicht-Denken, und hishiryō 非思量. Als Lehrer Yaoshans nennt die Überlieferung Shitou Xiqian, seine Grabinschrift auch Mazu Daoyi.

Der Dialog steht in der 1004 abgeschlossenen Lampenchronik Jingde chuandeng lu. Sie umfasst 30 Bücher und verzeichnet 1701 Personen. Yaoshan gehört in die Tang-Zeit. Dōgen nahm seine Pointe in die Unterweisung zum Zazen auf. Nach Carl Bielefeldt, Religionswissenschaftler an der Stanford University, fasst die Stelle Dōgens Lehre vom Zazen zusammen; sie kehrt im Shōbōgenzō und im Eihei kōroku wieder, am deutlichsten im Fukanzazengi.

Ist Hishiryō Gedankenlosigkeit?

Nein. Gedanken, Erinnerungen, Wahrnehmungen und Gefühle können auftauchen. Hishiryō verlangt nicht, sie zu vernichten. Ein Gedanke wird bemerkt, ohne dass daraus notwendig eine längere Geschichte entsteht.

Roland Rech beschreibt Hishiryō als ein Bewusstsein, das keine Trennung zwischen dem Atmenden und der Atmung schafft. An anderer Stelle spricht er von einem Geist, der auf nichts stehen bleibt und nichts zurückhält. Rech nennt Hishiryō auch das Bewusstsein jenseits allen Messens; darin klingt das Zeichen 量 an. Diese Formulierungen lenken den Blick auf Nicht-Festhalten, nicht auf einen leeren Kopf.

Genauer bestimmt ist Hishiryō ein Denken, das das Haften aufgibt, eins mit der Wahrheit ist und vom ursprünglichen Gesicht aus geschieht, honrai no menmoku 本来の面目.

Hishiryō unterscheidet sich damit auch von Benommenheit. Wenn die Aufmerksamkeit in Tagträume abgleitet, wird die Sitzhaltung wieder aufgenommen. Wenn Widerstand gegen einen Gedanken entsteht, kann auch dieser Widerstand bemerkt werden.

Wie unterscheidet sich Hishiryō von Mushin?

Mushin bedeutet wörtlich „ohne Herz-Geist“. Im Zen meint es keinen leeren Kopf, sondern einen Geist, der Gedanken, Gefühle und Eindrücke nicht festhält.

Hishiryō setzt einen anderen Akzent. Das Wort fragt nach dem Denken selbst und danach, wie Denken ohne unterscheidendes Haften geschieht. Mushin beschreibt weiter gefasst einen unbesetzten, nicht festhaltenden Geist. Die Begriffe berühren einander, sind aber keine bloßen Übersetzungen voneinander.

Ist Hishiryō dasselbe wie Shikantaza?

Nein. Shikantaza bezeichnet das Nur-Sitzen als ganze Übungsform. Hishiryō bezeichnet die Weise des Denkens innerhalb des Zazen.

Im Shikantaza wird kein einzelner Gegenstand festgehalten. Hishiryō macht deutlich, dass dieses offene Sitzen nicht auf Gedankenlosigkeit zielt. Denken geschieht, ohne dass Denken oder Nicht-Denken zum festen Standpunkt wird.