Glossar

Was sind die vier edlen Wahrheiten?

Die vier edlen Wahrheiten (四諦, japanisch shitai, auch shitei) ordnen die buddhistische Lehre in vier miteinander verbundene Einsichten und Aufgaben. Ihre Pāli-Namen sind dukkha, samudaya, nirodha und magga: Leiden oder Unzulänglichkeit, dessen Ursprung, dessen Erlöschen und der Weg zum Erlöschen.

Welche vier Wahrheiten sind gemeint?

  1. Dukkha: Bedingte Erfahrung ist unbeständig und kann keine dauerhafte Sicherheit geben. Dukkha umfasst körperlichen und seelischen Schmerz, aber auch Unzulänglichkeit und das Unbehagen, das aus dem Festhalten an Veränderlichem entsteht.
  2. Samudaya: Dukkha entsteht unter Bedingungen. Als entscheidende Bedingung erscheint taṇhā, Durst oder ergreifendes Verlangen. Es richtet sich auf Sinnesgenuss, auf Dasein und auf Nichtsein.
  3. Nirodha: Wenn der Durst erlischt, erlischt auch das fortwährende Hervorbringen von Dukkha. Dafür steht das Wort Nirwana, Sanskrit nirvāṇa, Pāli nibbāna. Gemeint ist die Befreiung von Gier, Hass und Verblendung, nicht die Vernichtung einer Person. Mehr dazu unter Nirwana.
  4. Magga: Der Weg zum Erlöschen ist der achtfache Pfad mit rechter Sicht, Absicht, Rede, rechtem Handeln und Lebensunterhalt, rechter Anstrengung, Achtsamkeit und Sammlung.

Die japanischen Namen lauten 苦諦, kutai, 集諦, jittai, 滅諦, mettai, und 道諦, dōtai. Die Folge kann auch als 苦集滅道, kujūmetsudō, zusammengezogen werden.

Sind die vier Wahrheiten bloße Aussagen?

Nein. Jede Wahrheit ist mit einer Aufgabe verbunden. Dukkha soll verstanden, sein Ursprung aufgegeben, sein Erlöschen verwirklicht und der Weg entwickelt werden. Die vier Wahrheiten sind deshalb keine Glaubenssätze, die lediglich für wahr gehalten werden sollen.

Die erste Wahrheit verlangt genaues Hinsehen. Die zweite fragt nach Bedingungen. Die dritte öffnet die Möglichkeit, dass diese Bedingungen enden können. Die vierte führt in eine Übung, die Sicht, Verhalten und Sammlung zusammenhält.

Die fünf Gruppen des Anhaftens gehören zur Erklärung von Dukkha. Gemeint sind Form, Empfindung, Wahrnehmung, Gestaltungen und Bewusstsein. Mehr dazu im Eintrag über die fünf Skandhas.

Gehören die vier Wahrheiten zur ersten Lehrrede?

Der Überlieferung nach lehrte der Buddha die vier Wahrheiten nach seinem Erwachen im Wildpark von Isipatana, dem heutigen Sarnath bei Varanasi, vor fünf früheren Gefährten. Diese Rede heißt Dhammacakkappavattana-Sutta und steht als SN 56.11 in der Sammlung der verbundenen Lehrreden.

Die historische Einordnung bleibt umstritten. 三枝充悳 deutet die Zuordnung zur ersten Lehrrede als Folge der hohen Stellung, welche die vier Wahrheiten erst im Verlauf der Überlieferung erhielten. Bhikkhu Anālayo hält dagegen die traditionelle Einordnung für weiterhin tragfähig, weil die Wahrheiten auch in parallelen Fassungen vorkommen. Die Verbindung mit der ersten Lehrrede gehört damit zur buddhistischen Überlieferung, nicht zu einem erhaltenen Augenzeugenbericht.

Auch das Wort „edel“ kam wahrscheinlich später zur Viererformel hinzu. Ārya oder ariya kann edel, kostbar oder nicht gewöhnlich bedeuten. Möglich sind daher auch Lesarten wie Wahrheiten des Edlen oder Wahrheiten, die veredeln.

Wie gehören die vier Wahrheiten zum bedingten Entstehen?

Die ersten beiden Wahrheiten zeigen Dukkha und seine Ursachen. Die letzten beiden zeigen das Erlöschen und den Weg, der dorthin führt. So erscheinen zweimal Wirkung und Ursache: Dukkha entsteht aus Bedingungen, und sein Erlöschen wird durch Übung verwirklicht.

Diese Ordnung berührt das bedingte Entstehen. Die zwölf Glieder führen von Unwissenheit über weitere Bedingungen bis zu Geburt, Altern und Tod. Die vier Wahrheiten betrachten dieselbe Frage in einer knapperen Ordnung: Was ist leidvoll, wodurch entsteht es, kann es enden und welcher Weg trägt dieses Ende?

Dukkha bedeutet deshalb nicht, dass jedes Leben ausschließlich elend sei. Auch Angenehmes verändert sich. Das Leiden entsteht nicht allein durch Veränderung, sondern auch durch den Versuch, Veränderliches festzuhalten oder einem unveränderlichen Ich zuzurechnen.

Wie erscheinen die vier Wahrheiten im Zen?

Im Mahāyāna stehen Leerheit und Bodhisattva-Weg stark im Vordergrund. Die vier Wahrheiten verschwinden dadurch nicht. Sie werden im Licht bedingten Entstehens und fehlender Eigenständigkeit gelesen.

Im Herzsutra der Altbäckersmühle folgt auf die Sinnesbereiche die Wendung „weder Leiden noch Entstehen von Leiden, kein Anhäufen, Vernichten, keinen Weg“. Diese Verneinung verwirft die vier Wahrheiten nicht. Sie löst das Festhalten an ihnen als selbstständig bestehenden Größen. Mehr dazu im Eintrag über das Herzsutra.

Auch eine Widmung der Mühle erinnert an Menschen, „die den Dharma durch die Länder und Zeiten getragen und die Vier Edlen Wahrheiten mit allen Wesen vollendet haben“. Damit erscheinen die Wahrheiten zugleich als Lehre und als gemeinsame Aufgabe.

Was bedeuten die Schriftzeichen?

四諦 wird shitai gelesen; shitei ist eine Nebenlesung. 四 bedeutet vier. 諦 gibt hier Sanskrit satya und Pāli sacca wieder, Wahrheit oder Wirklichkeit.

Im heutigen Japanisch begegnet 諦 besonders im Verb 諦める, akirameru, aufgeben oder verzichten. Der buddhistische Ausdruck bewahrt dagegen den Sinn Wahrheit. Die Lesung tai steht außerhalb der amtlichen Lesungsliste; die amtliche On-Lesung des Einzelzeichens ist tei. 四聖諦, shishōtai, ist die ausführlichere Form und bedeutet vier edle Wahrheiten.