Glossar

Was ist Shikantaza?

Shikantaza (只管打坐) bezeichnet das Nur-Sitzen, eine gegenstandslose Form des Zazen, die besonders mit Dōgen und dem Sōtō-Zen verbunden ist. Gegenstandslos bedeutet nicht formfrei. Der Körper sitzt in einer genauen Haltung, während kein einzelnes Bild, Mantra, Kōan oder Atemzug dauerhaft zum ausschließlichen Objekt gemacht wird.

Was bedeuten die Schriftzeichen 只管打坐?

只管 bedeutet ganz und gar, ausschließlich oder nur. 打 steht in dieser Verbindung als Vorsatz vor dem Verb und bedeutet hier nicht, dass etwas geschlagen wird. 坐 heißt sitzen. Die vier Zeichen lassen sich daher als „ganz und gar sitzen“ oder „nur sitzen“ verstehen.

Neben 只管打坐 kommt die Form 祗管打坐 vor. 只管 ist ein anderes Wort als 止観, das ebenfalls shikan gelesen wird. 止観 bezeichnet das Begriffspaar von Beruhigung und Einsicht in der Tendai-Tradition.

Im Japanischen erscheint 只管打坐 zuerst im Shōbōgenzō. Das Wort zeigt die Eigenart von Dōgens Zen.

Ist Shikantaza ein Sitzen ohne Gedanken?

Nein. Shikantaza verlangt keinen leeren Kopf. Gedanken, Geräusche, Gefühle und Körperempfindungen können erscheinen. Die Übung besteht weder darin, ihnen beliebig zu folgen, noch darin, sie auszulöschen.

Gegenstandslosigkeit bedeutet, dass kein einzelner Inhalt vor der ganzen Sitzsituation festgehalten wird. Wenn ein Gedanke weitergesponnen wird, kehrt die Aufmerksamkeit zur Haltung und zum offenen Feld des Sitzens zurück. Wenn Ruhe entsteht, wird auch sie nicht zum Besitz.

Shikantaza ist deshalb kein Tagträumen und kein passives Sichgehenlassen. Aufrichtung, Wachheit und die Bereitschaft, nichts aus der gegenwärtigen Situation auszuschließen, gehören zur Übung.

Wie hängt Shikantaza mit Hongzhi, Rujing und Dōgen zusammen?

Hongzhi Zhengjue lehrte im chinesischen Caodong eine Form des stillen Erleuchtens. Nach Taigen Dan Leighton nannte Dōgen dieses stille Erleuchten Shikantaza; den Ausdruck gebrauchte schon Dōgens Lehrer Tiantong Rujing. Leighton beschreibt diese Meditation als gegenstandslos und nicht dualistisch.

Dōgen reiste 1223 nach China, übte bei Rujing und kehrte 1227 nach Japan zurück. In seiner Lehre wurde Zazen nicht nur als Mittel für einen späteren Gewinn verstanden. Übung und Verwirklichung gehören zusammen. Das bedeutet nicht, dass jede Person schon alles verwirklicht hätte. Es bedeutet, dass der Buddha-Weg nicht erst nach dem Sitzen beginnt.

Hongzhi und Dōgen beschäftigten sich zugleich intensiv mit alten Fällen. Hongzhi schrieb Verse zu 100 Kōans. Shikantaza ist daher keine Ablehnung der Kōan-Literatur.

Hat Shikantaza ein Ziel?

Nicht im Sinn eines Ergebnisses, das später erreicht werden soll. Leighton schreibt, diese Meditation kenne keine Stufen und kein Streben nach einem Ziel oder einer Errungenschaft. Dōgen verstand das Sitzen nicht als Übung, um ein Buddha zu werden; das Sitzen selbst ist Übung eines Buddha. Im Bendōwa schreibt Dōgen in der Übersetzung von Werner Kristkeitz: „Im Buddha-Dharma sind die Praxis und die Erfahrung [der Wirklichkeit] keine zwei unterschiedlichen Dinge.“ Dafür steht die Wendung 修証一等, shushō ittō, Übung und Verwirklichung sind eins.

Das macht die Übung nicht beliebig. Während des Sitzens wird nicht fortwährend gemessen, ob genügend Ruhe, Klarheit oder Einsicht erreicht wurde. Die genaue Sitzhaltung bleibt die Form, in der diese Übung geschieht.

Ist Atemzählen dasselbe wie Shikantaza?

Nein. Atemzählen hält zunächst eine klare Aufgabe. Shikantaza bindet die Aufmerksamkeit nicht dauerhaft an ein einzelnes Objekt, auch nicht an die Zahlen.

Shikantaza kann nach einer Phase des Zählens beginnen oder ganz ohne Zählen geübt werden. Lehrpersonen der Sōtō-Überlieferung setzen dabei unterschiedliche Schwerpunkte. Deshalb ist Atemzählen weder mit jedem Zazen noch mit Shikantaza gleichzusetzen.

Wie unterscheidet sich Shikantaza von formaler Kōan-Praxis?

In einer formalen Kōan-Praxis wird ein bestimmter Fall aufgenommen und im Gespräch mit einer Lehrperson geprüft. Shikantaza stellt keinen einzelnen Fall vor das gesamte Sitzen.

Die einfache Gegenüberstellung von Rinzai als Kōan-Schule und Sōtō als Sitzschule bleibt dennoch zu grob. Beide Überlieferungen kennen Sitzen und alte Fälle. Der Unterschied liegt in der konkreten Methode und in dem Gewicht, das eine Linie diesen Formen gibt.