DIE MÜHLE: LEBENSRETTENDER SCHUTZRAUM DER FAMILIE WASSERBURG

Was hat die Altbäckersmühle mit einem Stolperstein in Mainz zu tun? Johanna Wasserburg, für die der Stein gelegt wurde und ihr Mann Robert fanden kurz vor Kriegsende 1945 in der damals als Wochenendhaus genutzten Mühle Schutz – sie überlebten Krieg und Verfolgung am selben Hasenbach, der heute noch durchs Mühlental fließt.

Die Geschichte von Johanna Wasserburg, Jüdin aus Mainz, und Robert Wasserburg, ihrem Ehemann, erschüttert heute, im November 2023, besonders. Weil Antisemitismus in Deutschland aktuell bedrohliche Ausmaße annimmt und wir erleben müssen, wie schnell religiöse und rassistische Ressentiments beinahe gesellschaftsfähig werden. Absurde Begründungen sind heute wie damals schnell gefunden – das Ehepaar Wasserburg führte damals eine sogenannte Mischehe, weshalb war nicht nur Johanna, sondern auch ihr Ehemann an Leib und Leben gefährdet waren. So mussten sie kurz vor Kriegsende in höchster Not fliehen, weil sie verraten wurden und die Deportation drohte. 

Tagebuchnotizen von Angst und Rettung

Robert Wasserburg dokumentiert die Geschehen der Kriegsjahre in Mainz mit Fassungslosigkeit, schreibt über die zunehmende Angst so persönlich, wie es typisch ist für Tagebuchnotizen: die Wasserburgs waren trotz christlicher Konfession und vollständiger Assimilation durch die jüdische Herkunft Johannas an Leib und Leben bedroht. Im Februar 1945 musste das Ehepaar deshalb aus dem komplett zerbombten Mainz fliehen – beide fanden zunächst Schutz im Bilhildis Kloster des Bistums Mainz und versteckten sich dann in der Altbäckersmühle, überlebten dort den Krieg, entgingen dem Transport in ein Vernichtungslager und den Bomben, die Mainz zerstörten.

Robert Wasserburg schreibt in seinem Tagebuch 1945:

„Wir können nicht mehr hierbleiben. Die Schwestern im Bilhildisstift nehmen uns auf. Sie wissen Bescheid über Mama (Anmerkung der Redaktion: so nannte Robert seine Frau Johanna) und sind rührend besorgt um sie…

Neue Warnung! Wir können auch nicht im Bilhildisstift bleiben. Herr S. gibt uns den Schlüssel zu einem Wochenendhaus, einer versteckt im Taunus liegenden Mühle….

Nach anstrengender Fahrt und langer Wanderung endlich in der Mühle angekommen. Sie liegt herrlich in einem wildromantischen Tal, das von einem breiten Bach durchflossen wird…

Über uns sind hunderte von Fliegern und der Himmel ist voller Kondensstreifen – Die Bauern von den hoch gelegenen Ortschaften flüchten ins Tal und suchen bei uns Zuflucht…

Insgesamt haben wir jetzt 9 Personen in Einquartierung.“

Die Wasserburgs erhielten von den damaligen Besitzern, der Industriellenfamilie Schmidt aus Wiesbaden, die die Mühle damals als Wochenendhaus unterhielten, nicht nur Schutz; Frau Schmidt versorgte sie und die 7 anderen, die sich dort verstecken mussten, auch mit den zum Überleben notwendigen Lebensmitteln: Zuverlässig. Zu Fuß. Das eigene Leben riskierend. Aus Wiesbaden. 

Damals wie heute liegen Bedrohung und großzügig mitfühlendes Handeln dicht beieinander. Damals wie heute ist die Altbäckersmühle ein Schutzraum. Damals wie heute liegt der Unterschied in jeder einzelnen Handlung. Unserer Handlung. In jedem Tun, sei es trennend oder verbindend. 

Mögen die äußeren Bedrohungen im Moment zumindest für die meisten von uns bis jetzt nicht relevant sein, die inneren sind es sicher. Die Welt scheint immer schneller in sich und über uns zusammenzustürzen und wir alle brauchen dringend das, was den Wasserburgs damals von den Bilhildisschwestern, den Menschen, die sie warnten und der Familie Schmidt zuteil wurde: Großzügigkeit, Weisheit und Mut. Und das Wissen um Verbundenheit auch und gerade dann, wenn sich die Gegensätze bis an die Ränder der vermeintlichen Pole ausdehnen. Übrigens war es fast 40 Jahre später ebendiese Frau Schmidt, die beim Verkauf der Altbäckersmühle unter den vielen Bewerbern KyuSei und GenKi als Nachfolger auswählte und damit ein gutes Gespür hatte, für den Großzügigkeits-Faden, der so weitergesponnen werden konnte. Bis heute.

Stolperstein in Mainz – Stein des Gedenkens in der Mühle

Für Johanna Wasserburg wurde am 25.10.2019 in der Taunusstraße 23 in Mainz ein Stolperstein gelegt, der an ihr Leben, ihre Demütigung und Angst erinnert. In der Altbäckersmühle gibt es hinter dem Wolkentor schon länger einen Stein des Gedenkens; dort wird an Sangha-Mitglieder:innen erinnert, die bereits verstorben sind; und an Johanna und Robert Wasserburg, mit denen wir die Zugehörigkeit zur Menschen-Sangha teilen. Wir können an diesem Ort Zeugnis ablegen – uns konkret mit dem Schicksal dieser beiden Menschen verbinden, deren Not in der Altbäckersmühle Linderung fand.

Rose Ausländer, die jüdische Schriftstellerin, die Krieg und Verfolgung ebenfalls in einem Versteck überlebte, schrieb dazu dieses wunderbare Gedicht:

MENSCHEN
Immer sind es
die Menschen
Du weißt es
ihr Herz
ist ein kleiner Stern,
der die Erde
beleuchtet.

Rose Ausländer (1901 – 1988)

Die Altbäckersmühle als Zuflucht und Schutzraum

Für uns, die wir heute in der Altbäckersmühle üben, unser Herz zu befrieden und versuchen, den sich immer wieder neu verirrenden Geist zu beruhigen, ist die Geschichte der Altbäckersmühle allgegenwärtig. Tal und Mauern sind nicht Symbol, sondern schützende Wirklichkeit. Anna Wasserburg und ihre Familie haben der Mühle ihr Leben zu verdanken – betrachten wir diese Erfahrung als Juwel in Indras Netz, sind wir untrennbar mit dem Wahn der Nazis verbunden, mit der mutigen Großzügigkeit der Nonnen von Bilhildis, mit den Menschen, die den Wasserburgs die Mühle als Schutzraum und Zuflucht zur Verfügung stellten, sie versorgten und ihnen das Leben retteten.

Wenn wir heute die Gelübde rezitieren, tun wir das ebenso als Juwel in Indras Netz – wir retten alle Wesen, uns und Anna Wasserburg ebenso eingeschlossen wie Mörder und Terroristen. Wir üben, unseren unterscheidenden und Trennung verursachenden Geist zu zähmen, üben gemeinsam, verwirklichen Verbundenheit ebenso wie Trennung. Dieser innere Transformationsprozess braucht Schutz, den wir im Zendo der Altbäckersmühle finden, um wieder und wieder wach in die Allverbundenheit des großen Netzes hineinzuleben. Unser Dank geht an alle, die das in den Jahresläufen der Vergangenheit und Gegenwart durch scheinbar kleine und große Taten ermöglich(t)en.

8 Meinungen zu “DIE MÜHLE: LEBENSRETTENDER SCHUTZRAUM DER FAMILIE WASSERBURG

  1. ShinJinSei sagt:

    Liebe Conny,
    Dieser Blog und Newsletter haben mich sehr bewegt. Nicht nur Traurigkeit und Mitgefühl, auch Hoffnung und Zuversicht sind bei mir entstanden.
    Ich danke Dir sehr. 🙏

    • Conny Itaido sagt:

      Lieber ShinJinSei, ich freue mich, dass Zuversicht entstehen durfte und danke dir von Herzen für deine freundliche Antwort 🙏.

  2. Anne Boos sagt:

    Beeindrucken und berührend! Vielen Dank für diesen Post! In meiner Heimatstadt (im Saarland) gibt es Stolpersteine für eine Familie, die über das KZ Gurs den Nazis entronnen ist. Jedes Mal wenn ich vorbei komme (und die Steine wahrnehme) atme ich erleichtert auf. Wenigstens diese Menschen haben es geschafft! Wie wichtig solche Posts und die Stolpersteine doch sind. Gerade in unserer Zeit in der wir, dass “Nie wieder” leider wieder laut aussprechen müssen. Alles Liebe, Anne

    • Conny Itaido sagt:

      Liebe Anne, ja, uns immer wieder zu erinnern, was wesentlich ist zu tun, zu sagen, zu üben, zu sehen – vielen Dank, dass Du den Post als hilfreich dabei empfindest. Mich hat die Geschichte beim Schreiben auch sehr berührt. Herzliche Grüße, Conny

  3. Boris HoSei Bell sagt:

    Liebe Conny,
    Beide Texte (Newsletter / Blog) sprechen mir wahrhaft aus der Seele. Dem ist nichts hinzuzufügen… Soviel: Ich bin sehr dankbar dafür. Und dankbar, Teil zu sein dieser Sangha, dieses Ortes. Und in der Tat sehr berührend, dass diese Geschichte zur Altbäckersmühle gehört.
    Herzlich Boris

  4. Conny Itaido sagt:

    Lieber Boris, vielen herzlichen Dank für das Teilen der Resonanz. Ich dachte: obwohl wir uns nicht persönlich kennen (glaube ich jedenfalls), sind wir durch die Sangha auf innige Weise verbunden. Das ist ungemein tröstlich. Und bestimmt sitzen wir dann irgendwann auch gemeinsam in einem Sesshin. Herzlich verbunden, Conny

  5. SoGen sagt:

    “Der große Bodhisattva lebt immer in der großen Barmherzigkeit und in dem großen Mitleiden. Er übt sich auf solche Weise immer im Lernen der mannigfaltigen tiefsinnigen Lehren. Sein Leben ist ganz still und leer. Seine Lebensweise ist ganz konsequent und immer bis zur allerletzten Grenze hindrängend. Er hat schon die „Zehn Kräfte” Buddhas vollständig in der Hand, und geht tief in den Kosmos der Wahrheit ein, genannt: „Indras Netz”.

    Der Bodhisattva hat schon die unbegrenzte Erlösung eines heiligen Buddha zustandegebracht. Er ist der tapferste unter den Menschen und redet mit gewaltiger Stimme, die wie das Brüllen des Löwen-Königs klingt. Er hat die absolute Furchtlosigkeit erreicht und steht mitten in der großen Menge als König im Reich der ewigen Wahrheit, um unerschöpflich immer beredter und prachtvoller Predigt auf Predigt folgen zu lassen. Er schaut mit dem Auge der Weisheit und Erlösung klar, wie man in der Welt handelt. Er vernichtet den Kreislauf von Geburt und Tod und taucht in das große Meer der Weisheit ein. Er leistet allen Wesen mannigfaltige große Dienste und erhält die heilige Lehre aufrecht, um das große Meer der Führungsmethoden der mannigfaltigen Buddhas aller Generationen völlig auszuschöpfen.

    Alles das wird des Bodhisattvas zehnte „Handlung der Wahrhaftigkeit” genannt. Der Bodhisattva hat auf solche Weise die Handlung der Wahrhaftigkeit schon vollständig ausgeführt und lebt beruhigt darin. Er kann so allerlei Lebewesen, wie die ganzen Himmelsbewohner, die Acht-Dämonen als Ehrenwache Buddhas u. dgl. m. antreiben, sich der Reinheit zu erfreuen.”

    Kegon-Sutra (Buddhāvataṃsaka-sūtra), 17. Buch (Buch der Zehn-Stufen des Handelns)

  6. Conny ItaiDo sagt:

    Lieber SoGen, wie gut, dass deine profunden Textkenntnisse helfen, den Post zu ergänzen, ihm buddhistische Basis geben. Hab Dank dafür 🙏. Gute Grüße, Conny

Kommentare sind geschlossen.

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