SPIRITUELLE OFFENHEIT

Spirituelle Offenheit ist für die meisten Menschen (zumindest heute und in einigen privilegierten Weltgegenden) ein von den meisten an irgendeiner Form von Spiritualität Interessierten positiv besetztes Prädikat. Entsprechend erheben auch unterschiedliche spirituelle Traditionen gerne Anspruch darauf; darunter auch die, der sich unsere Gemeinschaft zurechnet. Lassen wir den Begriff ‘Spiritualität’ für heute mal im Vagen und bedenken, was ‘Offenheit’ in diesem Zusammenhang bedeutet. Für mich persönlich bedeutet ‘spirituelle Offenheit’, andere Konzepte zu respektieren. Nicht notwendig, sie ernst zu nehmen – schließlich handelt es sich ja nur um Konzepte. Da gibt es anderes, was man ernster nehmen sollte – aber Respekt ist dessenungeachtet angebracht.

Als jemand, der nun trotzdem zumindest das Konzept ‘Buddhismus’ ernst nimmt, weil er es für ein hilfreiches und nützliches hält, interessieren mich am Austausch mit Anhängern anderer Konzepte – Religionen, Philosophien, Ideologien usw. – vorrangig die Auswirkungen dieser Konzepte auf das Handeln derer, die sich von ihnen leiten lassen. Wozu man sich natürlich auch ein wenig mit den Konzepten selbst beschäftigt, sich ein Stück weit auf sie einlassen muss, um da Zusammenhänge zu verstehen. Dass man an diese Konzepte unter dem Blickwinkel der eigenen Konzepte herangeht, Gemeinsamkeiten und Unterschiede wahrnimmt, ist schwer zu vermeiden, wenn auch nicht unmöglich. Aber da sind wir dann auch auf einer Ebene, wo schon der Begriff ‘Spiritualität’ jeden Sinn verloren hat.

Jedenfalls – das ist für mich der eigentliche Sinn interreligiösen Dialogs: einander verstehen lernen, als Menschen ohne religöse, politische oder andere Etiketten. Nur Menschen, die alle aus unterschiedlichen kulturellen und sozialen Bedingungen heraus existieren. Das eröffnet uns die Möglichkeit, voneinander zu lernen, indem wir zumindest ein Stück weit den  unterschiedlichen Blickwinkel teilen und damit den eigenen erweitern. Worum es bei diesem Dialog nicht geht und auch nicht gehen sollte: darum, aus den unterschiedlichsten Zutaten einen spirituellen Einheitsbrei anzurühren. Das ist ein Teil des bereits erwähnten Respekts – und das Ergebnis wäre auch nur wieder ein neues Konzept. Noch dazu eines, das erst einmal der praktischen Erprobung bedürfte.

Um es auf eine etwas grundsätzlichere Ebene zu bringen: der Dharma ist ein Konzept, das handelnd (als ‘Praxis’) umgesetzt wird. Manche betrachten dieses Konzept als eine Religion, andere als eine Philosophie. Das sind nun abendländische Kategorien, die hier wie ein schlechter Anzug nicht ‘sitzen’. Der Dharma ist ein Yoga – was heißt ein wesentlich auf das Handeln, nicht auf das Denken und auch nicht auf Glauben gestütztes Konzept.

Daher ist für mich im Austausch mit anderen spirituellen Traditionen der eigentliche ‘Prüfstein’ auch nicht der rechte Glaube, sondern das rechte Handeln. Nicht Orthodoxie, sondern Orthopraxie. Und das, was wir in der buddhistischen Tradition des Zen als ‘Orthopraxie’ ausüben, im Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen, teilen wir gerne mit allen Wesen. Nicht nur theoretisch, auch praktisch.

Unterschiedliche ‘spirituelle’ Übungen – von denen auch das Christentum etliche entwickelt (und in der Folge wohl etwas vernachlässigt) hat und selbst unterschiedliche Übungswege führen nicht notwendig auch in unterschiedliche Richtungen. Aber sie – die ‘Wege’ und Übungen – führen unterschiedliche Wegsucher.

Für mich war für das Verstehen dieses Punktes das Lotus-Sutra eine wichtige Begegnung. Ein früher Mahayana-Text und für die weitere Entwicklung des Mahayana – die dann unter anderem auch zur Entstehung der Chan- und Zentradition führte – prägend. Eine der wichtigsten Lehren dieses Sutra ist die des Ekayāna, des “einzigen Fahrzeuges”. Es ist eine Lehre, die ursprünglich wohl insbesondere die Differenzen zwischen unterschiedlichen buddhistischen Schulen überwinden sollte, dem ‘Fahrzeug der Hörer’ (Śrāvakayāna), dem ‘großen Fahrzeug’ (Mahāyāna) und später euch dem ‘Diamantfahrzeug’ (Vajrayāna). Aber dieses “einzige Fahrzeug” umfasst nicht nur die genannten buddhistischen ‘drei Fahrzeuge’. Es trägt alle Wesen durch Raum und Zeit, Auch jene, die die dreifache Zuflucht nicht genommen haben. Alle Wesen sind auf dem Weg – wir sind alle auf derselben Straße unterwegs, alle nur auf der Durchreise.

Ich weiss immer, welche Lebewesen
den Weg üben, und welche nicht;
im Einklang mit dem, was ihre Rettung erfordert,
verlaute ich die verschiedenen Lehren.
Immer mache ich dies zu meinem Gedanken:
wie kann ich die Lebewesen dazu veranlassen
den unübertroffenen Weg zu betreten
und umgehend Erwachen zu verkörpern?

Diese Verse sind der Schluss des Juryōhon ge, eines Abschnittes aus dem Lotus-Sutra, der in traditionellen Sōtō – Zenklöstern täglich in der ‘Halle der Verstorbenen’ (Shidō) rezitiert wird.

Es sind nur die Wegsucher, die sich in Vielem, aber nicht in Allem voneinander unterscheiden. Und es sind daher auch die den Wegsuchern angemessenen Mittel und Methoden, die sich unterscheiden. Dies nennt das Lotus-Sutra “geschickte Mittel” (Upāya). Auch Zazen ist ein solches Upāya, wenn auch (nach meiner bescheidenen Meinung) ein besonders geschicktes und für viele Menschen geeignetes. Es gibt theoretisch unendlich viele “geschickte Mittel” – was gut ist, denn nicht jedes Mittel ist für Jeden geschickt.

Was heisst “geschickt” nun eigentlich? Nun, im Kontext Buddhismus heisst dies, dass es uns als Mittel dient, den Weg zum Erwachen zu gehen. Und wenn ich “uns” schreibe, meine ich damit alle Wesen. “Geschickt” sind all diese Mittel, so lange sie auf diesem Weg weiterhelfen. Manche Mittel sind irgendwann ausgeschöpft. Dann passt man sie an die gewandelte Situation und ihre Bedingungen an. Oder man gibt sie zugunsten anderer Mittel auf.

Mittel sollen ja irgendwohin führen. Nach Möglichkeit dahin, wo man keine Mittel mehr braucht.

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