Zen im Leben

Darf ein Bodhisattva kämpfen?

Zen und Frieden, Teil vier: über eine Frage, auf die es keine Erlaubnis gibt, und darüber, was ein Mensch bereit ist zu tragen.

In einer regennassen Gasse stellt sich ein Mann mit erhobener offener Hand schützend vor einen Jugendlichen, ihm gegenüber steht eine dunkle Gestalt.
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In fast jedem Gespräch über Frieden kommt irgendwann dieser eine Satz.

Und wenn jemand deine Kinder angreift?

Meistens kommt er schnell, fast triumphierend, so als sei damit alles Vorherige erledigt.

Und ehrlich gesagt: er trifft etwas.

Denn wer über Gewaltlosigkeit spricht, ohne diese Frage auszuhalten, spricht über eine Welt, in der er selbst nicht lebt.

Zwei Antworten, die beide zu schnell sind

Es gibt zwei Antworten, die sofort bereitliegen.

Die eine ist die erhabene. Ein Buddhist tötet nicht, unter keinen Umständen, lieber stirbt er selbst.

Die andere ist die vernünftige. Natürlich verteidigt man seine Kinder, alles andere wäre Heuchelei.

Beide Antworten haben etwas gemeinsam. Sie beenden das Gespräch.

Die erste macht aus dem Weg eine Haltung, die niemand in der Wirklichkeit einlöst. Die zweite macht ihn zu einem Gefühl, das man ablegt, sobald es ernst wird.

Der Buddha hat keine Lehre vom gerechten Krieg hinterlassen, das habe ich im zweiten Teil dieser Reihe beschrieben. Was er hinterlassen hat, ist etwas Unbequemeres.

Ein Gelübde ohne Ausnahme.

Sechs Wörter. Kein Nebensatz. Keine Bedingung, unter der es nicht gilt.

Die Prüfung, in der ich saß

Ich bin an dieser Frage einmal ganz wörtlich geprüft worden. Vor einer Kommission, an einem Tisch, mit Aktenzeichen.

Das ist inzwischen fünfundvierzig Jahre her. Ich hatte den Kriegsdienst verweigert, und damals musste man dafür sein Gewissen vorführen.

Ich kam aus einem kirchlichen Elternhaus und war politisch wach. Für mich als jungen Mann war die Sache einfach. Aus Deutschland darf kein Krieg mehr hervorgehen. Deswegen nehme ich keine Waffe in die Hand.

Ich dachte, das genügt. Zumal der Zivildienst damals ein halbes Jahr länger dauerte als der Dienst bei der Bundeswehr. Wer sich das freiwillig antut, meinte ich, dem nimmt man es doch ab.

Es genügte nicht. Im Gegenteil.

Es kam die Frage, die sie damals allen stellten. Sie gehen mit Ihrer Freundin spazieren. Eine Horde fällt über sie her. Sie haben eine Maschinenpistole umgehängt. Was tun Sie?

Ich sagte, dass ich nicht schieße.

Das war die falsche Antwort. Sie ließen nicht locker, und ich merkte, dass ich mit meinem Nein nicht durchkam. Es reichte ihnen nicht, dass ich niemanden töten wollte.

Erst als ich sagte, gut, dann schieße ich, und danach hänge ich mich am nächsten Baum auf, waren sie zufrieden. Da war ich anerkannt.

Was für ein Unsinn.

Ich habe lange gebraucht, um zu sehen, dass in dieser Absurdität etwas steckte, das die Kommission selbst nicht gemeint hat.

Sie wollte nicht wissen, ob ich rein bleibe. Sie wollte hören, dass ich bereit bin, alles zu tragen, was aus einer solchen Tat folgt. Erst in dieser grotesken Form hat sie mir das geglaubt.

Sie hat mit einem Formblatt abgefragt, was sich nicht abfragen lässt.

Die Geschichte, die dann immer erzählt wird

An dieser Stelle wird gern eine alte Geschichte herangezogen.

Ein Schiff, fünfhundert Kaufleute an Bord, dazu ein Mann, der plant, sie alle zu töten und auszurauben. Der Kapitän erfährt davon. Er sieht keinen anderen Weg und tötet diesen einen Mann.

In der Überlieferung ist der Kapitän kein Zyniker. Er ist ein Bodhisattva. Und er tötet nicht nur, um die fünfhundert zu retten, sondern auch, um dem Räuber die Folgen einer solchen Tat zu ersparen.

Aber, und das ist der Teil, der fast immer weggelassen wird: er wird dabei nicht freigesprochen.

Er nimmt die Folgen auf sich. Er weiß, was er tut, und er ist bereit, dafür einzustehen.

Die Geschichte erteilt keine Erlaubnis.

Sie beschreibt einen Menschen, der die Verantwortung nicht abgibt.

Wie aus ihr eine Rechtfertigung wurde

Ich erzähle diese Geschichte nicht gern, und ich möchte auch sagen, warum.

Im Japan des vergangenen Jahrhunderts wurde genau diese Denkfigur benutzt, um das Töten im Krieg religiös zu deuten. Aus dem Kapitän, der die Last trägt, wurde der Soldat, dem man sie abnahm. Aus der Ausnahme wurde eine Erlaubnis, und aus der Erlaubnis eine Pflicht.

Ich habe im zweiten Teil geschrieben, dass mich diese Geschichte des Zen bis heute beschäftigt. Hier zeigt sich, wie es zugeht.

Nicht durch eine falsche Lehre. Sondern durch einen einzigen weggelassenen Satz.

Deshalb bin ich vorsichtig geworden, wenn jemand mit einer Geschichte kommt, an deren Ende er sich besser fühlt.

Die Frage stimmt nicht

Und langsam beginne ich zu ahnen, dass schon die Frage nicht stimmt.

Darf ich, das ist eine Frage nach Erlaubnis. Sie sucht eine Instanz, die vorher entscheidet, damit ich nachher sauber bleibe.

Diese Instanz gibt es nicht. Auch nicht mit Aktenzeichen.

Es gibt kein Amt, das eine Handlung von ihren Folgen trennt. Kein Gelübde, das im Nachhinein bescheinigt, dass alles in Ordnung war.

Der Zen kennt keine sauberen Hände.

Er kennt nur die Frage, aus welchem Geist heraus ein Mensch handelt, und was er danach zu tragen bereit ist.

Das erste Gelübde

»Ein Jünger des Erwachten tötet nicht.«

— Erstes der zehn großen Gelübde, übertragen in der Jukai Zeremonie

Wo fängt das Nicht-Töten an?

Solange wir bei der äußersten Lage bleiben, bleibt das Gelübde eine Sache für andere Leute. Unangenehm wird es erst, wenn man es dorthin trägt, wo man tatsächlich lebt.

Wo also fängt das Nicht-Töten an?

Bei der Schnake, die mich nachts um drei sticht? Meine Hand ist schneller als jeder Vorsatz.

Beim Stück Fleisch auf dem Teller, auch wenn das Schlachten jemand anders für mich getan hat? Es wurde ja nicht weniger geschlachtet, nur weil ich nicht dabeistand.

Beim Salat, für den ein Feld umgebrochen wurde, mit allem, was darin lebte?

Wer das zu Ende denkt, kommt an einen unbequemen Punkt. Es gibt kein Leben, das nichts kostet.

Damit kann man zweierlei anfangen.

Man kann sagen, dann ist das Gelübde ohnehin nicht zu halten, und sich damit von ihm verabschieden. Das ist bequem und erledigt die Sache.

Oder man lässt es stehen und merkt, wie es sich verschiebt. Aus einer Vorschrift, die man erfüllt oder verletzt, wird eine Aufmerksamkeit, die nicht mehr aufhört.

Dann wird die Schnake nicht zur Gewissensfrage. Aber es macht einen Unterschied, ob ich sie erschlage, ohne hinzusehen, oder ob ich einen Atemzug lang weiß, was ich da tue.

Beim Fleisch macht es einen Unterschied, ob ich das Schlachten wegschiebe oder ob ich es mitdenke, während ich esse. In unserer Küche kochen wir ohne Fleisch, aber nicht, um sauber zu sein. Sauber ist hier niemand. Sondern damit diese Frage nicht jeden Tag neu verhandelt werden muss.

Das Gelübde nimmt mir das Essen nicht weg. Es nimmt mir die Ahnungslosigkeit.

Es ist dieselbe Bewegung wie beim Kapitän, nur klein und alltäglich. Nicht: darf ich. Sondern: weiß ich, was ich tue, und trage ich es.

Schützen und siegen wollen sind zwei verschiedene Dinge

Damit ist Widerstand nicht verboten.

Es kann nötig sein, sich zwischen jemanden und einen Angreifer zu stellen. Es kann nötig sein, laut zu werden. Es kann nötig sein, jemanden festzuhalten.

Nur verläuft die Grenze nicht dort, wo die meisten sie suchen.

Sie verläuft nicht zwischen Reden und Handeln.

Sie verläuft in dem Augenblick, in dem aus dem Schützen das Siegenwollen wird.

Das ist der Kipppunkt. Und er liegt oft schon hinter uns, bevor wir ihn bemerken.

Im ersten Teil habe ich geschrieben, dass Hass denjenigen färbt, der ihn trägt. Genau hier geschieht das. Nicht in der Tat selbst. In der stillen Erleichterung darüber, dass der andere endlich unten liegt.

Wo diese Frage uns wirklich trifft

Die allermeisten von uns werden nie vor einem Schiff mit fünfhundert Kaufleuten stehen.

Wir stehen vor kleineren Dingen.

Vor einer Sitzung, in der jemand sein Gesicht verlieren könnte. Vor einem Streit, in dem wir die schärfere Formulierung schon fertig im Mund haben. Vor einem Kommentar, den zu schreiben zwei Sekunden dauert und der eine Woche wirkt.

Dort entscheidet sich, welche Sprache unser Herz lernt.

Und wer dort jedes Mal gewinnen will, wird in der großen Frage nicht plötzlich weise sein.

Eine kleine Übung: der Augenblick, in dem du recht hast

Beim nächsten Konflikt, in dem du dir sicher bist, im Recht zu sein, achte auf einen bestimmten Moment.

Nicht auf den Anfang. Auf die Mitte.

Auf den Augenblick, in dem sich das Gefühl verschiebt. Aus dem Klarstellen wird ein Gewinnenwollen. Es fühlt sich wärmer an, fast angenehm.

Du musst nichts anders machen.

Benenne den Moment nur innerlich, während er geschieht.

Das ist erstaunlich schwer. Und es verändert mehr als jeder Vorsatz, friedlicher zu sein.

Was bleibt

Ich habe keine Antwort auf die Frage, ob ein Bodhisattva kämpfen darf.

Ich habe nur die Beobachtung, dass Menschen, die schnell antworten, in beide Richtungen etwas übersehen.

Wer sagt, niemals, muss erklären, was er tut, wenn ein Kind vor ihm geschlagen wird.

Wer sagt, selbstverständlich, muss erklären, warum das Gelübde dann überhaupt gesprochen wird.

Vielleicht ist das Gelübde gar nicht die Beschreibung dessen, was uns immer gelingt.

Vielleicht ist es die Richtung, in die wir gehen, auch dann, wenn wir sie einmal verlassen müssen.

Die Kommission damals hat mir einen Ernstfall ausgemalt, in den ich nie geraten bin. Fünfundvierzig Jahre lang hatte ich stattdessen Zeit, an den kleinen Stellen zu üben, um die es wirklich geht.

Und vielleicht erkennt man einen Menschen, der diesen Weg ernst nimmt, weniger daran, wie er in der äußersten Lage handelt.

Sondern daran, dass er sie nicht herbeiredet.

Eine erhobene offene Hand vor einer hellen Wand; ihr Schatten an der Wand zeigt eine geballte Faust.
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