Wenn Üben langweilig wird
Die Kunst des Übens, Teil vier: über die Öde auf dem Kissen und darüber, was sie über die Lautstärke des übrigen Lebens erzählt.
Die Kunst des Übens, Teil vier: über die Öde auf dem Kissen und darüber, was sie über die Lautstärke des übrigen Lebens erzählt.
Es wird mir erzählt, und zwar oft.
Meistens spät im Gespräch, wenn das Wichtigere schon gesagt ist. Jemand zögert, sucht nach einer Formulierung, die nicht undankbar klingt, und sagt dann: Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber mir ist beim Sitzen einfach langweilig.
Ich will an dieser Stelle gleich ehrlich sein. Ich verstehe das nicht. Mir ist beim Sitzen noch nie langweilig geworden, und wenn ich nachsehe, finde ich nichts, woran diese Langeweile sich festmachen könnte.
Es ist trotzdem ein Thema, sonst stünde dieser Text nicht hier. Viele sagen es mir, seit vielen Jahren, in immer ähnlichen Worten. Dann liegt der Fehler nicht bei denen, die es erleben, sondern bei meiner Verwunderung. Also gehe ich dem nach, so weit ich komme.
So, wie man es mir schildert, geht es ungefähr so.
Irgendwann kommt der Morgen, an dem nichts mehr passiert. Das Kissen ist dasselbe, der Raum ist derselbe, draußen fließt der Hasenbach wie gestern. Der Atem geht. Die Knie melden sich zur gewohnten Zeit. Und in einem sagt eine leise, unzufriedene Stimme: das war es jetzt also.
Nicht Schmerz. Nicht Widerstand. Nicht die große Unruhe, gegen die es Ratschläge gibt. Etwas Kleineres, Peinlicheres. Langeweile.
Die meisten sprechen darüber nicht. Über Schmerzen im Rücken redet man, über Gedanken, die nicht aufhören, auch. Aber zuzugeben, dass die eigene Praxis öde geworden ist, fühlt sich an wie ein Eingeständnis. Als wäre man selbst das Problem.
Ich halte das für eine der interessantesten Stellen des ganzen Weges.
Das Sitzen nimmt mich in Anspruch. Es hält mich wach. Auch an Tagen, an denen ich körperlich sehr müde bin, bin ich auf dem Kissen nicht schläfrig. Ich bin dort wach wie ein Tiger auf der Jagd.
Wenn mir jemand von seiner Öde erzählt, höre ich davon wie von einem Land, in dem ich nie war. Ich kann fragen, wie es dort aussieht. Ich kann mir merken, was mir geantwortet wird.
Das verrät etwas über die Sache selbst. Denn wenn beim Sitzen wirklich nichts los wäre, müsste es mir ja auch öde werden. Es ist aber etwas los. Es ist sogar ziemlich viel los. Nur nichts davon kommt von außen und holt mich ab.
Dass wir vom Üben insgeheim einen Fortschritt erwarten, steht schon an anderer Stelle. Ich will hier etwas Einfacheres fragen.
Was genau ist langweilig?
Das Sitzen selbst kann es kaum sein. Da ist ein Körper, der atmet. Da sind Geräusche, die kommen und gehen. Da ist Licht, das sich in einer halben Stunde verändert. Da ist die Schwere in den Beinen, die nach zwanzig Minuten anders ist als nach fünf. Streng genommen geschieht dort ununterbrochen etwas.
Es ist nur nichts dabei, das die Aufmerksamkeit von selbst an sich zieht.
Neu ist diese Stelle nicht, und fremd ist sie erst recht nicht. In den ältesten Texten hat sie einen Namen. Im Upakkilesa Sutta erzählt der Buddha von der Zeit vor seinem Erwachen und zählt auf, woran seine Sammlung wieder und wieder zerfiel. Eines davon:
Trägheit
»Trägheit und Mattheit erschienen in mir, und wegen der Trägheit und Mattheit sank meine Konzentration dahin.«
— Buddha, Upakkilesa Sutta · Majjhima Nikāya 128, Übersetzung Kay Zumwinkel
Trägheit und Mattheit ist nicht dasselbe wie Langeweile. Der alte Begriff meint das Stumpfwerden des Geistes, nicht das Gefühl, dass einem etwas fehlt. Aber er liegt dicht daneben, und zweierlei ist daran bemerkenswert. Es steht dort über den, bei dem man es am wenigsten vermuten würde. Und die Diagnose lautet nicht Charakterfehler. Sie lautet: die Aufmerksamkeit hat nachgelassen. Und wenige Zeilen später steht dort, wie es weiterging. Er erkannte die Trägheit als das, was sie war, und damit war sie überwunden. Das Erkennen kam vor dem Überwinden, nicht die Anstrengung.
Und das, glaube ich, ist der Punkt. Langweilig heißt nicht, dass nichts geschieht. Langweilig heißt, dass nichts geschieht, das mich abholt. Ich müsste selbst hingehen.
Wir sind es gewohnt, dass Dinge uns holen. Ein Bildschirm, der leuchtet. Ein Gespräch, das eine Wendung nimmt. Musik, die einen Refrain hat. Fast alles, was wir Unterhaltung nennen, arbeitet daran, uns die Bewegung abzunehmen.
Auf dem Kissen nimmt einem niemand etwas ab. Da ist nur, was ohnehin da ist, und es hat keinerlei Absicht, interessant zu sein.
In der Küche kennt ihr das.
Ein Gericht, das mit allem gewürzt ist, schmeckt beim ersten Löffel nach viel und beim fünften nach nichts mehr. Der Mund gewöhnt sich, und dann braucht es mehr. Reis dagegen schmeckt beim ersten Löffel nach fast nichts. Wer ihn oft genug isst, schmeckt irgendwann den Unterschied zwischen zwei Sorten, und zwischen dem Reis von heute und dem von gestern.
Der Geschmack ist nicht stärker geworden. Die Zunge ist genauer geworden.
Mit der Aufmerksamkeit geht es ähnlich. Am Anfang ist beim Sitzen vieles ein Ereignis. Die Stille ist neu, der Rhythmus ist neu, sogar der Schmerz im Knie hat etwas Bedeutsames. Nach einigen Jahren ist nichts davon mehr neu, und was übrig bleibt, ist unauffällig.
Dieses Unauffällige wird mit der Zeit genauer. Der Atem hat an einem Morgen eine andere Länge als an einem anderen. Das Licht ist im August ein anderes als im November, und man merkt es nicht, weil man es weiß, sondern weil man dabeisitzt.
Ich kann euch trotzdem nicht versprechen, dass aus jeder Öde eine feine Wahrnehmung wird. Wer euch sagt, dass jede Durststrecke belohnt wird, verkauft euch etwas.
Es gibt eine Stelle, an der ich sehr genau weiß, was Mühe ist. Sie liegt nur woanders, als die meisten vermuten.
Zwei Stunden Yoga, zwei Stunden Qigong, zwei Stunden Bogenschießen: das kostet mich mehr als zwei Stunden Sitzen.
Wir nehmen fast selbstverständlich an, Bewegung sei das Lebendige und Stillsitzen das Zähe. Es ist umgekehrt, und der Grund liegt nicht in der Person, sondern in der Bauart der beiden Übungen. Die Übung, die den Körper in Formen bringt, verlangt fortwährend Entscheidungen: korrigieren, halten, wieder hineingehen. Das Sitzen verlangt eine einzige Sache, und die verlangt es ununterbrochen.
Vielleicht ist das der ganze Unterschied. Wo man etwas machen kann, wird es anstrengend. Wo man nichts machen kann, wird es entweder wach oder langweilig.
Am deutlichsten sehe ich das im Sesshin.
Die ersten Tage haben ihre eigene Spannung. Man kommt an, findet sich zurecht, lernt die Ordnung des Hauses. Wann geschlagen wird, wo die Schalen stehen, wie herum man sich verbeugt. Es gibt genug zu tun, allein um nichts falsch zu machen.
Dann kommt der Tag, an dem alles sitzt.
Man weiß, was als Nächstes kommt, und man weiß es für den ganzen Tag. Die Glocke, das Gehen, die Schalen, das Schweigen, der Wechsel der Kissen. Nichts ist neu. Es wird auch nichts mehr neu werden bis Sonntag.
Bei manchen kippt genau hier etwas. Nicht in Verzweiflung, eher in eine große Gleichgültigkeit. Sie tun weiter, was zu tun ist, und es ist ihnen fern. Ich habe Menschen erlebt, die an diesem Tag abgereist sind, und ich habe es verstanden.
Und ich habe das andere erlebt. Dass an genau diesem Tag bei jemandem etwas aufhört, sich zu wehren. Nicht weil es schöner geworden wäre, sondern weil das Suchen nach dem Nächsten keinen Gegenstand mehr findet. Der Mensch sitzt einfach da. Das Holz knackt, jemand hustet, draußen fängt es an zu regnen.
Ich kann nicht sagen, wovon es abhängt, welches von beidem eintritt. Ich habe beides in denselben Wochen im selben Raum gesehen.
Vielleicht ist es das, was die Form eines Sesshins eigentlich tut. Sie sorgt dafür, dass irgendwann nichts Interessantes mehr passiert. Und schaut, was dann kommt.
An dieser Stelle muss ich vorsichtiger werden, als es einem Text guttut, der gern eine klare Linie hätte.
Was sich als Langeweile meldet, ist nicht immer dasselbe. Es kann Müdigkeit sein, und dann ist es keine spirituelle Frage, sondern eine des Schlafs. Es kann Überforderung sein: der Kopf ist so voll, dass er abschaltet, und die Leere, die dann kommt, fühlt sich an wie Gleichgültigkeit.
Und es gibt eine Öde, die tiefer sitzt. Wenn nicht nur das Sitzen, sondern auch das Essen, die Musik, der Wald und die Menschen nichts mehr geben, dann ist das keine Frage der Übung mehr. Dann gehört es zu einem Arzt oder zu einer Therapeutin, und das Kissen ist der falsche Ort, es auszusitzen. Zen ersetzt keine Behandlung, und ein Text wie dieser schon gar nicht.
Ich schreibe hier über die gewöhnliche Langeweile. Die, die kommt und geht. Die, bei der man danach noch Hunger hat.
Von hier an ist es meine Vermutung, mehr nicht.
Wir leben in Verhältnissen, die uns fortwährend etwas anbieten. Jede leere Minute hat inzwischen einen Vorschlag. Ein Gerät in der Tasche, das immer etwas Neues hat. Nachrichten, die dringend aussehen. Ein Kopf, der es gewohnt ist, dass er alle paar Minuten neu bedient wird.
Wer aus diesen Verhältnissen heraus eine halbe Stunde lang nichts bekommt, erlebt das zunächst nicht als Ruhe. Eher als Mangel. Es fehlt etwas, von dem man nicht wusste, dass man es erwartet.
Ich halte die Langeweile deshalb nicht für ein Zeichen mangelnder Ernsthaftigkeit. Sie kommt mir eher vor wie ein Anzeiger. Sie sagt etwas darüber, wie laut es sonst ist.
Und sie hört ja nicht am Zendo auf. Die Warteschlange an der Kasse, das Wartezimmer, die zwei Minuten, in denen das Wasser kocht, die Pause im Gespräch, wenn der andere länger nachdenkt. Wir füllen. Immerzu. Ein guter Teil des Lebens spielt sich nun einmal nicht in Höhepunkten ab, sondern auf den langen, unauffälligen Strecken dazwischen.
Ich gebe ungern einen Rat, der nach Lösung klingt. Aber gefragt werde ich oft, und dann sage ich drei Dinge.
Ändere zunächst nichts. Das ist der schwerste Teil. Der Reflex ist, etwas zu verstellen: die Haltung, den Atem, das Zählen, den Zeitpunkt. Etwas Neues probieren, damit es wieder interessant wird. Dieser Reflex hat etwas Rührendes, und er ist auch nicht falsch. Er nimmt der Langeweile nur die Gelegenheit, etwas zu zeigen.
Dann sieh nach, was der Kopf stattdessen will. Nicht wertend, eher wie jemand, der einer Katze zusieht. Meistens will er etwas Bestimmtes. Erledigt werden. Bestätigt werden. Weg. Es ist erstaunlich, wie konkret die Langeweile wird, wenn man sie einen Moment lang befragt.
Und bleib sitzen, bis die Glocke geht. Nicht heldenhaft. Einfach, weil ein Vorsatz, der nur an guten Tagen gilt, kein Vorsatz ist.
Das ist alles. Es ist wenig, und es ist mehr, als es aussieht.
Wenn es beim nächsten Sitzen öde wird, versucht es einmal so: Lasst die Haltung, wie sie ist, und stellt euch stattdessen eine einzige Frage. Nicht sofort beantworten.
Was genau ist hier eigentlich langweilig?
Bleibt bei dem, was ihr findet. Es ist selten die Stille.
Wenn euer Körper etwas anderes sagt, wenn etwas schmerzt oder einschläft, dann gilt das vor der Frage. Bewegen ist dann keine Flucht, sondern Vernunft.
Und wenn ihr mögt, nehmt die Frage mit hinaus. An die Ampel, in die Schlange an der Kasse, in die zwei Minuten, in denen das Wasser kocht. Es sind dieselben zwei Minuten. Man merkt sie nur nicht, weil man sie sonst zuschüttet.
Erzählt mir, was ihr findet. Ich frage nicht aus Höflichkeit.
Die Lesewege
Betrachtungen darüber, warum Üben im Zen kein Besserwerden meint.
Kann Meditation Friedensarbeit sein? Eine Reihe über Stille, Irrtum und Verantwortung.
Ein einziger Satz am Familientisch, und wir sind wieder zwölf. Eine Reihe über alte Rollen und neue Freiheit.
Ein Koan beantwortet keine Fragen, es nimmt sie dir. Begegnungen mit alten Dharma-Toren, nicht der Reihe nach.
Einzelne Kapitel aus Dōgens Shōbōgenzō und die Frage, wie ihre alten Bilder unser heutiges Leben berühren.
Etwas ist geschehen, das sich mit Nachdenken allein nicht beruhigen lässt. Texte für die Zeit danach.
Aus den Themen
Jede dieser Seiten trägt eine kleine Übung. Zurück zur Übersicht: Zen im Leben.
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