Gewaltlosigkeit ist kein weiches Wort
Zen und Frieden, Teil fünf: über die Kraft, nicht zurückzuschlagen, und über die Stelle, an der Gewalt zuerst durch uns hindurch will.
Zen und Frieden, Teil fünf: über die Kraft, nicht zurückzuschlagen, und über die Stelle, an der Gewalt zuerst durch uns hindurch will.
Dieser Essay ist der fünfte Teil einer Reihe über Zen und Frieden.
Im letzten Teil ging es um eine harte Frage. Darf ein Bodhisattva kämpfen? Ich bin froh, wenn sie nicht zu schnell beantwortet wird. Zu schnelle Antworten machen aus dem Leben ein Lehrbuch, und das Leben hält sich selten daran.
Heute möchte ich einen Schritt zurücktreten. Nicht: ob in einer äußersten Lage Gewalt erlaubt ist. Sondern: was heißt Gewaltlosigkeit, bevor die äußerste Lage da ist. Denn meistens beginnt Gewalt nicht dort, wo eine Hand zuschlägt. Sie beginnt früher. In einem Blick. In einem Wort. In einer inneren Bewegung, die einen anderen Menschen kleiner macht, damit wir uns selbst wieder sicherer fühlen.
Das ist unangenehm, weil es die Frage aus der Ferne holt. Plötzlich geht es nicht mehr um Krieg, Polizei, Widerstand und die großen Bilder der Geschichte. Es geht um den nächsten Satz, den wir schreiben. Um den Ton, in dem wir widersprechen. Um die Freude daran, wenn ein anderer endlich schlecht dasteht.
Gewaltlosigkeit wird leicht missverstanden. Manche hören darin ein frommes Stillhalten. Kein Streit, keine klare Grenze, kein Nein. Lieber freundlich bleiben, auch wenn jemand verletzt wird.
Das ist nicht Gewaltlosigkeit. Das ist Angst im Gewand der Milde.
Wenn jemand gedemütigt wird und wir schweigen, nur damit der Raum ruhig bleibt, ist der Raum nicht friedlich. Er ist nur still. Und Stille kann sehr bequem sein, wenn man selbst nicht getroffen wird. Frieden ist nicht die Abwesenheit von Geräusch, und Frieden ist auch nicht die Abwesenheit von Konflikt. Vielleicht ist Frieden eher die Weise, wie wir mitten im Konflikt dem Leben dienen. Manchmal heißt das, leise zu werden. Manchmal heißt es, aufzustehen. Manchmal heißt es, einen Satz zu sagen, der die Stimmung nicht verbessert, aber die Wahrheit schützt.
Gewaltlosigkeit ist also nicht das Gegenteil von Handlung. Sie fragt nach dem Geist der Handlung.
Es gibt in uns einen sehr kleinen, sehr schnellen Ort. Dort wissen wir plötzlich, dass wir recht haben. Nicht einfach sachlich, nicht ruhig, sondern mit einer Hitze, die sich gut anfühlt.
Dann wollen wir nicht mehr nur klären. Wir wollen gewinnen. Wir wollen, dass der andere es merkt. Dass er sich schämt. Dass er ein wenig schrumpft. Nur ein wenig. Gerade genug, damit die eigene Unruhe nachlässt.
Da beginnt Gewalt. Noch ist nichts Lautes geschehen, kein Tisch wurde geschlagen, kein Wort muss äußerlich grob sein. Man kann sogar sehr höflich verletzen. Aber innerlich hat sich etwas verschoben.
Der andere ist nicht mehr ein Mensch, der leidet, irrt, sich schützt, sucht, Angst hat, genauso verwickelt wie wir. Er wird zum Gegenstand unserer Richtigkeit. Genauer: er wird fertig. Wir sehen ihn nicht mehr an, wir schlagen ihn nach. Wir wissen schon, wie er ist, wie er reagieren wird, was er gleich wieder sagen wird, bevor er den Mund aufmacht. Dann ist er kein Mensch mit einem Morgen mehr. Er ist ein Fall.
Alles Weitere ist nur noch Ausführung. Der scharfe Satz, das Schweigen, im Großen die Zeitung, das Gesetz, die Grenze. Die Reihenfolge ist immer dieselbe. Erst wird jemand kleiner gemacht, dann darf man ihm etwas antun. Kein Krieg hat je mit dem ersten Schuss begonnen. Er hat begonnen, als ein ganzes Volk zu einem Wort wurde.
Vielleicht ist Gewaltlosigkeit genau dort am schwersten. Nicht wenn wir ohnehin freundlich gestimmt sind, sondern wenn wir im Recht sind. Denn im Recht zu sein, ist berauschend. Es gibt dem Hass eine saubere Kleidung.
Über diesem Teil steht das Zeichen 忍. Ich nehme es nicht als Schmuck. Es erinnert mich an eine unbequeme Übung: standhalten, ohne sofort zurückzuschlagen. Nicht alles hinnehmen, nicht schönreden, nicht sich selbst vergessen. Sondern aushalten, dass in uns eine Antwort aufsteigt, die wahrscheinlich nur neue Gewalt weiterreichen würde.
Manchmal ist Gewalt nichts anderes als weitergereichter Schmerz. Jemand verletzt uns, in uns entsteht Druck, und schon sucht der Druck eine Richtung. Er will hinaus. Er will einen Ort, an dem er landen kann. Wenn wir dann sprechen, bevor wir ihn gesehen haben, nimmt unsere Sprache ihn mit.
Vielleicht ist das der Augenblick, den die Übung meint. Nicht die große Vollkommenheit. Nur eine kleine Unterbrechung. Ein Atemzug, in dem der Schmerz nicht sofort zum Auftrag wird.
Der Weg
»Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg.«
— Wort der Friedensbewegung, vielfach zugeschrieben, nirgends belegt
An dieser Stelle würde man erwarten, dass jetzt der Rat kommt: dann arbeite eben an deinem Zorn.
Die Überlieferung des Chan tut das nicht.
Ein Mann steht im Schnee vor Bodhidharma und bittet um Unterweisung, und er ist so weit gegangen, dass er sich dafür den eigenen Arm abgetrennt hat. Er sagt: mein Geist ist nicht befriedet, bitte befriede ihn. Bodhidharma sagt: bring ihn her, dann befriede ich ihn. Der Mann sucht. Er sucht lange. Dann sagt er: ich habe gesucht, und ich finde ihn nicht. Bodhidharma sagt: dann habe ich ihn befriedet.
Wir suchen den Gewalttätigen in uns, um ihn niederzuringen. Wir wollen unseren Zorn besiegen, unsere Härte bekämpfen, wir wollen, dass etwas in uns endlich aufhört. Nur ist das schon wieder dieselbe Bewegung. Wer seinen Zorn niederringt, hat einen Menschen zu einem Fall gemacht. Sich selbst.
Und wenn er dann nachsieht, wer da eigentlich niedergerungen werden soll, findet er niemanden. Da ist Ärger. Da ist Enge in der Brust. Aber da sitzt kein zorniger Mensch, der herausgeschnitten werden könnte. Es ist nichts da, was ein Gegner sein könnte.
Der Mann bekommt keine Übung. Er bekommt eine Frage, an der sich sein Suchen erledigt.
Der Buddha hat das Handeln an drei Orten angesiedelt: im Körper, in der Rede, im Geist. Das ist kein Schema für die Wand. Es ist die genaueste Auskunft darüber, wo Gewaltlosigkeit tatsächlich wächst, denn beschließen lässt sie sich nicht. Niemand steht morgens auf und ist von da an gewaltlos. Sie wächst, oder sie wächst nicht, und sie wächst an diesen drei Orten.
Der Körper ist der einfachste. Was die Hände tun, sieht man. Ein Schlag ist ein Schlag. Deshalb hört an dieser Stelle bei den meisten von uns die Frage auch schon wieder auf, und genau deshalb hilft sie so wenig.
Die Rede ist schon schwerer. Im Zen achten wir auf den Atem, auf die Haltung, auf die Schale in der Hand, auf den Klang der Glocke, auf den Schritt, der den Boden berührt. Genauso genau müssten wir auf den Mund achten. Welche Sprache lernt unser Herz gerade? Lernt es, Menschen zu beschämen? Lernt es, aus jeder Schwäche des anderen einen Beweis zu machen? Lernt es, Sätze so zu bauen, dass sie treffen und doch unschuldig aussehen? Dann können wir sehr friedlich klingen und trotzdem Gewalt üben. Nicht die große Gewalt, die in Geschichtsbüchern steht, aber jene kleine, die den Alltag vergiftet. Die eine Familie enger macht. Eine Gemeinschaft misstrauischer. Ein Gespräch unmöglich. Es gibt Worte, nach denen ein Mensch den Raum nicht mehr mit demselben Körper verlässt. Das wissen wir alle. Und trotzdem tun wir manchmal so, als seien Worte nur Worte.
Der Geist ist der Ort, an dem es sich entscheidet, und er ist der einzige, den niemand sonst sieht. Dort fällt die Vorentscheidung, lange bevor ein Wort fällt. Dort wird aus einem Menschen ein Fall. Der Buddha beginnt dort, wo die Tat noch nicht fest geworden ist, wo eine Regung entsteht, wo ein Gedanke Form annimmt, wo ein Mensch in uns langsam zum Feind wird. Wenn wir das erst bemerken, nachdem wir gehandelt haben, ist die Welt schon ein wenig enger geworden. Wenn wir es früher bemerken, entsteht ein kleiner freier Raum. Nicht unbedingt ein angenehmer, aber ein freier.
Die drei hängen zusammen, und sie hängen in dieser Richtung zusammen: was im Geist wächst, kommt in den Mund, und was im Mund gewohnt ist, kommt irgendwann in die Hände. Deshalb ist es sinnlos, nur an den Händen aufzupassen.
Dabei gibt es eine Falle. Gewaltlosigkeit lässt sich benutzen, um sich sauber zu fühlen. Wir sind nicht so wie die anderen. Wir schreien nicht, wir schlagen nicht, wir sind auf der Seite des Friedens. Schon ist wieder ein Abstand da. Schon stehen dort die Gewalttätigen, und hier stehen wir.
Aber wer ehrlich sitzt, kann diese Ordnung nicht lange halten. Wir kennen Wut. Wir kennen Verachtung. Wir kennen die Lust, jemanden innerlich wegzuschieben. Wir kennen den Satz, den wir nicht gesagt haben, aber sehr gern gesagt hätten.
Vielleicht beginnt Gewaltlosigkeit deshalb nicht mit Reinheit, sondern mit Ehrlichkeit. Nicht: wir sind gewaltlos. Sondern: wir sehen, wo Gewalt in uns entstehen möchte. Das ist weniger schön. Aber es ist wahrer.
Das bedeutet nicht, dass wir grenzenlos werden. Im Gegenteil. Eine Grenze ohne Hass ist manchmal klarer als eine Grenze aus Wut.
Wenn ein Kind geschlagen wird, braucht es Schutz. Wenn jemand in einer Gruppe beschämt wird, braucht es Widerspruch. Wenn ein Mensch Macht missbraucht, braucht es eine Grenze, die nicht erst höflich um Erlaubnis fragt. Gewaltlosigkeit macht uns nicht zahnlos. Aber sie fragt, was wir schützen.
Schützen wir gerade ein verletzliches Leben, oder schützen wir unser Bild von uns selbst? Wollen wir eine Grenze setzen, oder wollen wir den anderen bezahlen lassen?
Diese Fragen sind nicht angenehm, vor allem dann nicht, wenn wirklich Unrecht geschieht. Aber gerade dann werden sie wichtig. Denn Gewalt kann sich hinter guten Gründen verstecken. Sie liebt große Worte. Gerechtigkeit. Wahrheit. Ordnung. Freiheit. Sicherheit. Auch Mitgefühl kann sie sich ausleihen, wenn niemand genau hinsieht. Darum genügt es nicht, auf der richtigen Seite zu stehen. Auch auf der richtigen Seite kann der Geist hart werden.
Manchmal wird in der Mühle gerade die Küche zu einem guten Übungsort. Nicht, weil dort alles friedlich wäre. In einer Küche gibt es Messer, Hitze, Zeitdruck, Müdigkeit, verschiedene Meinungen über die richtige Größe einer Zwiebel und irgendwann einen Topf, der genau dann anbrennt, wenn niemand mehr Geduld hat. Da zeigt sich schnell, was ein schöner Gedanke wert ist.
Gewaltlosigkeit heißt dort vielleicht, den scharfen Satz zu bemerken, bevor er den Raum betritt. Oder ihn, wenn er schon draußen ist, nicht zu verteidigen.
Es tut mir leid. Das war hart. Ich fange noch einmal an.
Solche Sätze klingen klein. Aber manchmal sind sie mutiger als die großen, denn sie unterbrechen die Kette. Nicht vollkommen. Nicht endgültig. Aber jetzt.
Unsere Zeit macht diese Übung nicht leichter. Die Sprache draußen wird schnell, Urteile werden schnell, Bilder werden schnell, und die Empörung findet immer neue Nahrung.
Es gibt wirklich Gründe, empört zu sein. Menschen werden bedroht. Kriege zerstören Leben. Lügen werden politisch benutzt. Mitgefühl wird verspottet. Wer da nur sagt, wir sollten alle freundlicher sein, macht es sich zu einfach.
Gewaltlosigkeit ist nicht Freundlichkeit als Dekoration. Sie ist die Weigerung, sich vom Hass ausbilden zu lassen. Auch dann, wenn man widerspricht. Auch dann, wenn man schützt. Auch dann, wenn man verliert.
Vielleicht ist das ihre eigentliche Kraft. Sie verspricht nicht, dass wir unversehrt bleiben. Sie verspricht nicht, dass das Gute sofort gewinnt. Sie fragt nur, ob wir bereit sind, dem Hass nicht die Form unseres Herzens zu überlassen.
Beim nächsten Streit, bevor du antwortest, halte einen Atemzug inne. Nicht, um besonders gelassen zu wirken, und nicht, um nachzugeben. Nur um genau zu sehen, was deine nächste Handlung tun soll.
Frag dich: will ich schützen, will ich klären, will ich eine Grenze setzen? Oder will ich verletzen, weil ich selbst verletzt bin?
Vielleicht ist die Antwort nicht eindeutig. Das macht nichts. Gewaltlosigkeit beginnt nicht damit, dass alles eindeutig ist. Sie beginnt dort, wo wir aufhören, unsere Gewalt für Klarheit zu halten.
Dann kann ein Nein immer noch ein Nein sein, aber es muss nicht mehr giftig werden. Dann kann ein Widerstand immer noch Widerstand sein, aber er muss den anderen nicht aus der Menschlichkeit stoßen.
Und vielleicht wird genau dort sichtbar, was Gewaltlosigkeit wirklich meint. Nicht Schwäche. Nicht Rückzug. Nicht das Schweigen derer, die nichts riskieren. Sondern die geübte Kraft, eine Kette nicht weiterzugeben.
Die Lesewege
Betrachtungen darüber, warum Üben im Zen kein Besserwerden meint.
Kann Meditation Friedensarbeit sein? Eine Reihe über Stille, Irrtum und Verantwortung.
Ein einziger Satz am Familientisch, und wir sind wieder zwölf. Eine Reihe über alte Rollen und neue Freiheit.
Ein Koan beantwortet keine Fragen, es nimmt sie dir. Begegnungen mit alten Dharma-Toren, nicht der Reihe nach.
Einzelne Kapitel aus Dōgens Shōbōgenzō und die Frage, wie ihre alten Bilder unser heutiges Leben berühren.
Etwas ist geschehen, das sich mit Nachdenken allein nicht beruhigen lässt. Texte für die Zeit danach.
Aus den Themen
Jede dieser Seiten trägt eine kleine Übung. Zurück zur Übersicht: Zen im Leben.
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