Der Mensch, der es getan hat
Zen und Frieden, Teil sechs: über ein Mitgefühl, das die Tat nicht kleiner macht, und darüber, warum es niemandes Pflicht ist.
Zen und Frieden, Teil sechs: über ein Mitgefühl, das die Tat nicht kleiner macht, und darüber, warum es niemandes Pflicht ist.
Dieser Essay ist der sechste Teil einer Reihe über Zen und Frieden.
Nach dem Abendsitzen bleibt manchmal jemand im Zendo, bis die anderen draußen sind. Das ist selten Zufall. Meistens kommt dann etwas, das den ganzen Tag über schon mitgesessen hat.
Was danach gesagt wird, ist verschieden. Die Frage darunter ist fast immer dieselbe.
Muss ich ihm verzeihen.
Und wenn ich genauer hinhöre, fragen die Leute das nicht, weil sie eine Antwort suchen. Sie haben längst eine bekommen. Sie fragen, weil ihnen jemand gesagt hat, was sie zu tun hätten, und weil sie es nicht können.
Der Rat lautet ungefähr so: solange du nicht loslässt, bleibst du an ihn gebunden. Du schadest nur dir selbst. Vergib, nicht für ihn, für dich.
Meistens kommt ein Bild dazu. Wer an seinem Zorn festhält, greift nach einer glühenden Kohle, um sie nach jemandem zu werfen, und verbrennt sich die eigene Hand.
Das Bild ist gut. Es ist nur nicht das, wofür es ausgegeben wird.
Es steht in keiner Rede des Buddha. Es steht im Kommentar eines Gelehrten aus dem fünften Jahrhundert, und die Fassung, die heute überall zitiert wird, hat ihre heutige Form aus einem amerikanischen Gesundheitsbuch von 1987, das sie dem Buddha in den Mund legte. Seither wandert sie von Kalenderblatt zu Kalenderblatt.
Wichtiger als die Herkunft ist, was dort eigentlich steht. Es steht dort nichts über den anderen Menschen. Kein Wort über Verzeihen, keines über Versöhnung, keines darüber, dass die Tat dadurch anders würde. Es ist eine Beobachtung darüber, was das Festhalten mit der eigenen Hand macht. Mehr nicht.
Aus dieser Beobachtung ist im Lauf der Zeit eine Aufgabe geworden. Und eine Aufgabe hat man erledigt oder eben nicht. Damit ist der Mensch, dem etwas angetan wurde, zum zweiten Mal derjenige, der versagt.
Ich habe lange gebraucht, um zu merken, wie oft dieser Rat gar nicht dem gilt, der ihn bekommt. Er dient dem, der ihn gibt. Er beendet ein Gespräch, das schwer auszuhalten ist.
Das buddhistische Wort dafür ist karuna, und es meint nicht Milde. Es meint das Mitschwingen mit dem Schmerz eines anderen, und in seinem Klang liegt eher Trauer als Freundlichkeit.
Mitgefühl heißt nicht Einverständnis. Es heißt nicht, dass etwas in Ordnung war. Es heißt nicht, dass Folgen entfallen.
Es gibt eine Freundlichkeit, die alles durchgehen lässt, um sich einen Konflikt zu ersparen. Im westlichen Buddhismus hat sie inzwischen einen eigenen Namen, weil sie so verbreitet ist. Sie sieht aus wie Güte und ist Vermeidung. Wer nie widerspricht, damit niemand böse wird, sorgt am Ende dafür, dass mehr Schaden entsteht, nicht weniger.
Echtes Mitgefühl scheut den Schmerz nicht, den es auslöst. Es kann sehr unbequem werden. Es sagt den klaren Satz, es zeigt an, es hört auf zu decken.
Das ist die erste Unterscheidung, ohne die dieser ganze Text kippt. Mitgefühl mit dem Menschen ist nicht Nachsicht mit der Tat.
In der Überlieferung gibt es einen Mann, der Reisende überfiel und tötete und ihre Fingerglieder an einer Schnur um den Hals trug. Er hieß danach: der mit der Fingerkette. Als der Buddha ihm im Wald begegnete, lief er ihm nach und rief, er solle stehen bleiben. Der Buddha sagte ihm, er selbst stehe längst still, und nun sei es an ihm.
Der Mann wurde Mönch. Und damit hört die Geschichte üblicherweise auf, wenn sie erzählt wird, weil sie an dieser Stelle am schönsten ist.
Sie geht aber weiter, und der zweite Teil ist der wichtigere.
Er geht mit der Bettelschale durch dieselben Dörfer, in denen er gemordet hat. Die Leute erkennen ihn. Sie werfen mit Steinen und Stöcken nach ihm, er kommt blutend und mit zerbrochener Schale zurück, und der Buddha nimmt ihm das nicht ab. Er sagt ihm, er solle es tragen. Was er da erfährt, sei das, was aus seinen Taten heranreift.
Kein Freispruch. Keine Bitte an die Dorfbewohner, doch bitte zu vergeben. Kein Wort darüber, dass sie jetzt weiter sein müssten als sie sind.
Das ist die Stelle, an der die Überlieferung genauer ist als die meisten Nacherzählungen. Der Weg steht ihm offen, und die Folgen bleiben.
Ein Nachsatz, der mich beschäftigt hat: die buddhistische Gefängnisseelsorge in England und Wales, gegründet 1985 von einem englischen Mönch, hat sich nicht nach dem Buddha benannt und nicht nach dem Mitgefühl. Sie hat sich nach dem Mörder benannt. Aus dem Bericht des Gründers stammt der Satz des Königs, der sich wundert:
Ohne Waffen
»was wir mit Waffen und Gewalt versucht haben, hast du ohne beides erreicht.«
— Der König in der Überlieferung, sinngemäß nach dem Bericht der buddhistischen Gefängnisseelsorge in England und Wales
Und was die Überlieferung nicht erzählt, gehört genauso dazu. Die Mütter der Getöteten kommen darin nicht vor. Niemand fragt sie. Die Geschichte ist aus der Sicht dessen erzählt, der zurückkommen darf.
1978 erfuhr ein vietnamesischer Mönch, dass auf einem Flüchtlingsboot im Golf von Siam ein zwölfjähriges Mädchen von Seeräubern vergewaltigt worden war und sich daraufhin ins Meer gestürzt hatte. Er schrieb daraufhin ein Gedicht, in dem er sich mit beiden gleichsetzt: mit dem Mädchen und mit dem Seeräuber, dessen Herz, wie er schreibt, noch nicht sehen und lieben kann.
Es ist eines der bekanntesten Gedichte des Buddhismus im Westen, und es ist eines der am häufigsten missbrauchten. Wer es zitiert, um Streit zu beenden, benutzt es genau falsch herum. Es sagt nicht, dass alle gleich sind. Es sagt, dass niemand außerhalb steht, auch der nicht, der es schreibt.
Aber es gibt eine Bedingung, die im Text selbst liegt und die fast immer übersehen wird. Er sagt diesen Satz über sich. Nicht über das Mädchen.
Ein solcher Satz gehört dem, der ihn über sich selbst sagt. Sonst wird er zur Zumutung. Niemand darf ihn stellvertretend für einen verletzten Menschen sprechen, und keine Lehre, kein Kloster und kein Mensch mit einem Amt hat das Recht dazu.
Im zweiten Teil dieser Reihe habe ich davon geschrieben, dass auch der Zen geirrt hat, und wie gründlich. Zen-Priester haben einen Krieg gesegnet. Sie haben aus einer Lehre vom Nicht-Töten eine Sprache gemacht, in der Töten seinen Frieden fand.
Das heißt für diesen Text: wenn wir hier über den Umgang mit Tätern nachdenken, denken wir nicht von außen über eine fremde Gruppe nach. Unsere eigene Linie steht in dieser Geschichte auf der falschen Seite. Und sie ist nicht dadurch weitergekommen, dass jemand ihr großzügig verziehen hat, sondern dadurch, dass später jemand nachgesehen und es aufgeschrieben hat.
Das ist vielleicht die nüchternste Auskunft, die ich zum Thema geben kann. Was einen Täter verändert, ist nicht Milde. Es ist, gesehen zu werden.
Die meisten von uns werden nie einem Mörder gegenüberstehen.
Wir stehen vor kleineren Dingen, die trotzdem nicht klein sind. Vor einem Bruder, der etwas gesagt hat, das seit sechzehn Jahren steht. Vor einer Chefin, die jemanden hat fallen lassen. Vor einem Menschen, der ein Kind, das inzwischen erwachsen ist, nicht geschützt hat.
Und wir stehen, wenn wir ehrlich sind, gelegentlich auf der anderen Seite. Es gibt Menschen, für die ich der bin, der es getan hat. Nicht viele hoffentlich, aber es gibt sie, und ich kenne nicht alle.
Hier ist eine Vorsicht nötig, weil dieser Gedanke leicht in eine bequeme Richtung rutscht. Er heißt nicht, dass alle gleich schuldig sind. Er heißt nicht, dass ein Schlag und ein unfreundlicher Satz dasselbe wären. Wer schweres Unrecht mit den eigenen kleinen Härten verrechnet, hat sich freigekauft, nicht eingesehen.
Er heißt nur: die Linie zwischen denen, die es tun, und denen, die es erleiden, verläuft nicht zwischen den Menschen. Sie verläuft mitten durch jeden hindurch.
An dieser Stelle kommt das, was der Zen dazu wirklich zu sagen hat, und es ist unbequemer als beide üblichen Antworten.
Wer nachsieht, findet keinen Täter. Er findet eine Tat, Folgen, Bedingungen, ein Herz, das etwas nicht sehen konnte, einen Menschen an einem Dienstagabend. Ein festes Wesen, das ganz und gar der Täter wäre, ist da nicht zu finden. So wenig wie ein festes Wesen zu finden ist, das ganz und gar ich wäre.
Das ist kein Trost, und es ist vor allem keine Entlastung. Denn dieselbe Sicht sagt auch: die Tat wirkt weiter. Sie hört nicht auf, weil jemand sie bereut, und sie hört nicht auf, weil jemand sie vergibt. Der Zen kennt keinen Freispruch. Er kennt nur keinen Menschen, der nur noch seine Tat ist.
Diese beiden Sätze müssen zusammen stehen bleiben. Nimmt man den ersten weg, wird Mitgefühl zur Verharmlosung. Nimmt man den zweiten weg, wird ein Mensch zu einer Sache, und dann sind wir wieder da, wo Teil fünf geendet hat.
Deshalb der Satz, um dessentwillen ich diesen Text eigentlich schreibe.
Mitgefühl mit dem, der es getan hat, ist keine Pflicht.
Es ist keine Stufe, die man erreicht haben muss. Es ist keine Bedingung dafür, ernsthaft zu üben. Es gibt keine Frist, nach der es fällig wäre.
Niemand muss verzeihen. Niemand muss sich versöhnen. Niemand muss ein Gespräch führen, niemand muss einen Raum betreten, in dem dieser Mensch sitzt, und niemand schuldet ihm eine Erklärung dafür.
Abstand kann selbst die mitfühlende Handlung sein. Für beide.
Und manchmal ist das Einzige, was sich überhaupt bewegt, ein sehr kleiner Unterschied: dass jemand aufhört, gegen sich selbst zu kämpfen, weil er noch nicht so weit ist. Das ist wenig. Es ist mehr, als es klingt.
Beim nächsten Mal, wenn dir jemand rät zu vergeben, oder wenn du selbst kurz davor bist, es jemandem zu raten, halte einen Augenblick inne und sieh nach, wem dieser Rat gerade guttut.
Nicht, ob er stimmt. Ob er hilft, ist wieder eine andere Frage.
Nur: wem ist gerade unwohl.
Oft ist die Antwort unangenehm. Der Rat kommt in dem Moment, in dem die Erzählung des anderen kaum noch auszuhalten ist. Er ist der freundlichste Weg, ein Gespräch zu beenden.
Wenn du das bemerkst, musst du nichts tun. Du kannst den Rat einfach nicht geben und stattdessen sitzen bleiben.
Das ist erstaunlich schwer, und es ist ungefähr alles, was jemand in so einem Moment gebrauchen kann.
Die Leute, die nach dem Abendsitzen bleiben, kommen meistens wieder.
Sie haben nicht vergeben. Das war nie die Aufgabe.
Was sich verändert hat, wenn sich etwas verändert hat, ist nicht die Tat. Die bleibt genau so groß, wie sie war. Verändert hat sich, dass sie nicht mehr die ganze Zeit anwesend sein muss, um wirklich geschehen zu sein.
Draußen fließt der Hasenbach über den Schiefer, wie er es auch getan hat, als es geschah.
Die Lesewege
Betrachtungen darüber, warum Üben im Zen kein Besserwerden meint.
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Ein einziger Satz am Familientisch, und wir sind wieder zwölf. Eine Reihe über alte Rollen und neue Freiheit.
Ein Koan beantwortet keine Fragen, es nimmt sie dir. Begegnungen mit alten Dharma-Toren, nicht der Reihe nach.
Einzelne Kapitel aus Dōgens Shōbōgenzō und die Frage, wie ihre alten Bilder unser heutiges Leben berühren.
Etwas ist geschehen, das sich mit Nachdenken allein nicht beruhigen lässt. Texte für die Zeit danach.
Aus den Themen
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