Einer musste es sagen
Koans im Leben, Teil zwei: Der Welt-Geehrte besteigt den Lehrsitz. Über eine Unterweisung, die vorbei war, bevor jemand sprach, und über den einen Satz, den sie trotzdem gebraucht hat.
Koans im Leben, Teil zwei: Der Welt-Geehrte besteigt den Lehrsitz. Über eine Unterweisung, die vorbei war, bevor jemand sprach, und über den einen Satz, den sie trotzdem gebraucht hat.
Kurz bevor im Zendo jemand zu sprechen beginnt, gibt es einen Augenblick, den ich von beiden Seiten kenne. Die Glocke ist verklungen, das Räucherstäbchen brennt, die Verbeugungen sind getan, und alle sitzen so, wie man sitzt, wenn gleich etwas kommt. Ein wenig aufrechter als sonst. Bereit, etwas mitzunehmen.
Ich habe auf beiden Plätzen gesessen, unter den Wartenden und auf dem Sitz, auf den gewartet wird. Von beiden Seiten ist dieselbe leise Erwartung darin: Jetzt wird es gesagt. Jetzt fällt der Satz, den man sich merken kann.
Der erste Fall der Sammlung, um die es heute geht, führt genau in diesen Augenblick. Und dann geschieht darin nichts von dem, was wir erwarten.
Eines Tages saß der Weltverehrte auf erhöhtem Sitz. Monju schlug mit dem Hammer und sagte: »Deutlich schaut den Dharma des Dharma-Königs. Der Dharma des Dharma-Königs ist wie das.«
Daraufhin stieg der Weltverehrte von seinem Sitz herunter.
Der Fall steht als Nummer 1 im Shōyōroku, den Aufzeichnungen aus der Klause der Gelassenheit, und als Nummer 92 im Bi-Yän-Lu. Es ist dieselbe Begebenheit unter zwei Nummern. Zitiert ist hier die Übersetzung von Brigitte D’Ortschy, die den Fall in der Bi-Yän-Lu-Zählung als Fall 92 führt. Monju ist der deutsche Anklang an Manjusri, den Bodhisattva der Weisheit.
Das ist alles. Vier Zeilen. Der Buddha setzt sich hin, ein anderer sagt einen Satz, der Buddha steht auf und geht.
Hundert Fälle hat diese Sammlung, und sie beginnt mit einem Vortrag, der nicht stattfindet. Das ist kein Versehen und keine Bescheidenheit. Wer hundert Geschichten sammelt, wählt die erste mit Bedacht. Sie sagt, woran man alle folgenden zu messen hat.
Wir sind es gewohnt, dass Lehre aus Sätzen besteht. Jemand weiß etwas, jemand anders weiß es noch nicht, und dazwischen liegt eine Erklärung. So lernen wir es in der Schule, so funktioniert fast alles, was uns an Wissen erreicht. Auch im Zen ist es nicht anders: Es gibt Vorträge, Bücher, Gespräche, es gibt diese Texte hier.
Der Fall bestreitet das nicht. Er tut etwas Unangenehmeres. Er lässt die Erwartung erst entstehen und dann ins Leere laufen. Die Versammlung sitzt. Der Buddha sitzt. Und in dem Moment, in dem alle bereit sind zu empfangen, sagt Monju, es sei bereits geschehen, und der Buddha bestätigt das, indem er aufsteht.
Man kann daraus schnell die fromme Umkehrung machen: Schweigen sei tiefer als Reden, das Wahre lasse sich ohnehin nicht sagen. Ich misstraue diesem Satz. Er klingt gut und kostet nichts. Vor allem stimmt er hier nicht, denn im Fall wird ja gesprochen. Nur eben nicht von dem, von dem wir es erwarten.
Was der Fall zeigt, ist etwas Genaueres. Es gab nichts hinzuzufügen. Der Buddha war da, die Versammlung war da, die Sache war vollständig. Nicht, weil eine besondere Stimmung im Raum lag, sondern weil an einer vollständigen Wirklichkeit nie etwas fehlt. Sie war nur niemandem aufgefallen.
Der Hammer
»Deutlich schaut den Dharma des Dharma-Königs.«
— Monju im ersten Fall des Shōyōroku, in der Übersetzung von Brigitte D’Ortschy
Monju sitzt in der Versammlung. Er ist der Bodhisattva der Weisheit, in den alten Texten oft der Jüngere, der Unverschämte, der den erwachten Wesen auf die Finger schaut. Er ist es, der den Klöppel nimmt und den Vollzug ansagt, so wie in einer Zeremonie jemand ansagt, dass etwas begonnen und beendet ist.
Sein Satz ist tadellos. Er sagt nichts Falsches. Schaut hin, so ist es, mehr gibt es nicht.
Und trotzdem ist er zu viel.
Reb Anderson, ein Zen-Lehrer aus Kalifornien, hat das einmal so beschrieben: Was Monju benennt, sei schon da gewesen, bevor er sprach, nur habe niemand es zu fassen bekommen. Sein Satz sei deshalb ein wenig schief. Er stellt sich neben die Sache und zeigt auf sie, und in dem Augenblick ist die Sache und ein Finger, der auf sie zeigt.
Ich finde das genau. Und ich finde, es macht den Fall erst interessant. Denn die naheliegende Lesart wäre: Monju verdirbt es. Er hätte den Mund halten sollen, dann wäre die Stille vollkommen geblieben. Aber ohne ihn säße die Versammlung heute noch da und wartete auf einen Vortrag. Erst sein Satz macht sichtbar, dass es nichts zu warten gibt. Er ist zu viel, und er wird gebraucht.
Beides zugleich. Das ist die Zumutung dieses Falles, und ich kenne keine Stelle in meinem eigenen Leben, an der es anders wäre.
Wir tun das ständig. Wir sind bloß nicht Monju, und meistens ist unser Satz auch nicht tadellos.
Ein Gespräch ist zu Ende, es war ein gutes Gespräch, und dann kommt der Satz: Also, was ich damit sagen wollte, ist im Grunde. Und schon liegt über dem, was war, eine Zusammenfassung, die kleiner ist als die Sache selbst.
Jemand erzählt von einer Schwierigkeit, und wir sagen: Du bist jetzt einfach erschöpft. Vielleicht stimmt es sogar. Vielleicht ist es sogar hilfreich, weil der andere Mensch es selbst nicht sehen konnte. Und im selben Zug ist etwas festgelegt, das eben noch offen war.
Ein Kind kommt vom Spielplatz und weint, und bevor es selbst weiß, was los ist, haben wir ihm erklärt, warum. Wir meinen es gut. Wir wollen, dass es einen Namen bekommt und dadurch tragbar wird. Und wir nehmen ihm dabei die Möglichkeit weg, es selbst herauszufinden.
Nach einer Sesshin-Woche fragt mich jemand, wie es war. Ich fange an zu antworten und merke beim zweiten Satz, dass ich gerade eine Woche in drei Sätze presse, die ich schon einmal gesagt habe. Was ich erzähle, stimmt. Es ist nur nicht die Woche.
In all diesen Fällen tun wir dasselbe: Wir nehmen den Hammer und sagen, so ist es. Manchmal, weil es wirklich gesagt werden muss. Oft, weil das Offene schwer auszuhalten ist. Ein benanntes Ding ist erledigt. Ein unbenanntes bleibt an einem dran.
Das Bemerkenswerteste am Fall ist für mich, was der Buddha nicht tut.
Er widerspricht nicht. Er verbessert nicht. Er sagt nicht: So habe ich das nicht gemeint. Er nimmt auch nichts zurück und setzt nichts obendrauf. Er steht auf und geht.
Wer schon einmal etwas gesagt hat, das ein wenig danebenlag, kennt die Kraft, die es kostet, das stehen zu lassen. Meist reparieren wir sofort. Wir erklären, wie es gemeint war, wir schieben einen zweiten Satz hinterher, der den ersten gerade rücken soll, und einen dritten, der den zweiten erklärt. So entsteht aus einem schiefen Satz ein ganzes schiefes Gebäude.
Der Buddha lässt Monjus Satz stehen. Er lässt ihn schief sein. Damit ist die Sache nicht in Ordnung gebracht, sie ist einfach zu Ende.
Vielleicht ist das die Freiheit, um die es hier geht. Nicht die Freiheit, immer das Richtige zu sagen, die hat niemand. Sondern die Freiheit, das Ungefähre stehen lassen zu können, ohne dass es einen weiter beschäftigt.
Im Auftakt dieser Reihe stand Bodhidharma vor Kaiser Wu und antwortete auf die Frage, wer er denn sei: Ich weiß es nicht. Er ließ sich nicht festlegen.
Hier ist es umgekehrt. Hier legt einer fest, und er hat recht damit, und es ist trotzdem eine Grenze überschritten. Die beiden Fälle sind nicht zwei Varianten derselben Lehre. Sie zeigen dieselbe Bewegung von zwei Seiten: einmal den Menschen, der sich weigert, in eine Form zu passen, und einmal den Satz, der eine Form über etwas legt, das gerade noch keine hatte.
Wer die Reihe weiterliest, wird Monju übrigens wiederbegegnen. In einer anderen Sammlung steht er vor einem Tor und weigert sich hineinzugehen, weil er nichts sieht, das draußen wäre. Hier steht er drinnen und sagt an, dass alles vollzogen ist. Zweimal derselbe, einmal der, der die Schwelle bestreitet, einmal der, der den Schlusspunkt setzt.
Vielleicht achtet Ihr in den nächsten Tagen einmal auf Euren Schlusssatz.
Nicht auf das ganze Gespräch, nur auf das Ende. Auf den Moment, in dem Ihr das Bedürfnis spürt, das Gesagte zusammenzufassen, einzuordnen oder mit einer Deutung abzuschließen. Also, im Grunde ist es doch so. Du bist eben müde. Das war jetzt ein schöner Abend.
Ihr müsst den Satz nicht unterdrücken. Es geht nicht darum, geheimnisvoll zu schweigen, das wäre nur eine andere Art, den Raum zu beherrschen. Bemerkt ihn einfach. Fragt Euch, ob er der Sache dient oder Euch.
Und wenn er heraus ist und schief war: lasst ihn liegen. Steigt vom Sitz.
Es kann sein, dass ein Gespräch dann offener endet, als Euch lieb ist. Dass etwas ungeklärt im Raum stehen bleibt und Ihr auf dem Heimweg noch daran herumdenkt. Das ist kein Fehler. Es ist nur ungewohnt, dass etwas fertig ist, ohne dass es abgeschlossen wurde.
Der Buddha saß auf dem Sitz und stand wieder auf. Der Raum blieb, wie er war. Draußen wird es dunkler geworden sein, jemand wird die Lampen angezündet haben, und die Versammlung ist irgendwann auseinandergegangen, wie Versammlungen das tun.
Die Lesewege
Betrachtungen darüber, warum Üben im Zen kein Besserwerden meint.
Kann Meditation Friedensarbeit sein? Eine Reihe über Stille, Irrtum und Verantwortung.
Ein einziger Satz am Familientisch, und wir sind wieder zwölf. Eine Reihe über alte Rollen und neue Freiheit.
Ein Koan beantwortet keine Fragen, es nimmt sie dir. Begegnungen mit alten Dharma-Toren, nicht der Reihe nach.
Einzelne Kapitel aus Dōgens Shōbōgenzō und die Frage, wie ihre alten Bilder unser heutiges Leben berühren.
Etwas ist geschehen, das sich mit Nachdenken allein nicht beruhigen lässt. Texte für die Zeit danach.
Aus den Themen
Jede dieser Seiten trägt eine kleine Übung. Zurück zur Übersicht: Zen im Leben.
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