Zen im Leben

So bin ich eben

Die Kunst des Übens, Teil fünf: über den Satz, der manchmal einfach wahr ist, und über die Stelle, an der er eine Tür schließt.


Auf einem alten Holztisch stehen drei schlichte Keramikschalen nebeneinander, die mittlere leicht schräg. Eine Hand hält kurz vor ihr inne, ohne sie zu berühren, die andere Hand liegt offen auf dem Tisch.
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Im Schweigen verschwindet unsere Persönlichkeit nicht. Man hört sie nur genauer.

Es dauert in einem Sesshin meist nicht lange, bis die vertrauten Bewegungen auftauchen. Eine Person sieht, dass etwas getan werden muss, und greift zu, bevor jemand ein Wort gesagt hat. Eine andere sieht dasselbe und wartet. Jemand richtet die Schalen sorgfältig aus. Jemand anderes leidet schon daran, dass es für Schalen überhaupt eine Ordnung gibt.

Wir sitzen im selben Zendo, folgen derselben Glocke, gehen dieselben Schritte beim Kinhin und essen aus denselben Schalen. Trotzdem wird daraus kein Raum voller gleicher Menschen. Die Stille schleift unsere Unterschiede nicht ab. Sie nimmt ihnen eher die üblichen Verstecke.

Auch ich bringe meine Geschichte mit. Meine Vorlieben, meine Empfindlichkeit, mein Tempo, meine Art, Schwierigkeiten zu begegnen. Manches daran hilft. Manches war einmal Schutz und läuft weiter, obwohl die Lage längst eine andere ist.

Was verändert Zen also an unserer Persönlichkeit, wenn Persönlichkeitsveränderung gar nicht das Ziel der Übung ist?

Der Satz ist nicht neu

Seit dem ersten Teil dieser Reihe steht hier: Wir üben nicht, um ein anderer Mensch zu werden. Im dritten Teil kam derselbe Gedanke noch einmal zurück. Wer bis hierher gelesen hat, kennt ihn.

Gerade deshalb muss die Frage anders gestellt werden.

Denn es bleibt trotzdem niemand ganz unverändert, der lange übt. Beziehungen verschieben sich. Entscheidungen fallen anders aus. Eine alte Antwort kommt später. Ein vertrauter Reflex verliert für einen Augenblick seine Selbstverständlichkeit.

Also: Was verändert sich da eigentlich, wenn nicht der Mensch?

Manches „So bin ich eben“ ist einfach wahr

Bevor der Satz zu schnell zerlegt wird, muss man ihn schützen.

Nicht jedes „So bin ich eben“ ist eine Ausrede. Manches daran ist schlicht wahr. Ein Körper hat ein Tempo. Ein Alter hat ein Tempo. Ein Mensch ist morgens langsam, ein anderer ist sofort da. Manche sind laut, wenn sie sich freuen. Andere bleiben leise, auch wenn sie tief berührt sind. Es gibt Begabungen, die vorhanden sind, und Grenzen, die nicht verschwinden, nur weil jemand ernsthaft sitzt.

Wer aus allem ein Übungsziel macht, macht die Übung zu dem, wovor sie eigentlich schützen soll. Dann entsteht im Hintergrund doch wieder ein Bild: so müsste ein Zen-Mensch sein. Ruhig, ausgeglichen, jederzeit verfügbar, angenehm für andere, gut zu handhaben.

Zen stellt solche Menschen nicht her.

Wer still ist, muss nicht lauter werden, nur damit es nach Entwicklung aussieht. Wer temperamentvoll ist, muss nicht abgeschliffen werden. Wer ein langsamer Mensch ist, muss nicht beweisen, dass er durch die Praxis schneller geworden ist. Die Übung beginnt nicht damit, dass wir unsere Eigenart verdächtigen.

Der Satz wird erst dort gefährlich, wo er aufhört, eine Beschreibung zu sein, und anfängt, eine Tür zu schließen.

„So bin ich eben“ heißt dann nicht mehr: Das ist mein Tempo.

Es heißt: Darüber wird jetzt nicht mehr geredet.

Meistens sagen wir ihn genau dort, wo jemand etwas berührt hat, das wehtut und stimmt.

Nicht fest heißt nicht unwirklich

Die buddhistische Lehre vom Nicht-Selbst kann kalt klingen, wenn man sie falsch hört. Als gäbe es die Person gar nicht. Als wären Lebensgeschichte, Körper, Verantwortung und Verletzung nur eine Täuschung. Das wäre eine schlechte Ausrede und keine Befreiung.

Roland Rech fasst die Spannung in einem Kusen zum Kyojukaimon genau:

Nichts Festes

»Natürlich hat jeder seine Persönlichkeit, seine Identität. Jeder unterscheidet sich von dem anderen durch seine Geschichte, seine Erfahrung. Aber das ist nichts Festes. […] Wenn es in uns nichts Festgelegtes gibt, dann deshalb, weil wir ständig in Beziehung stehen mit dem ganzen Universum, ohne uns jemals von ihm trennen zu können.«

— Roland Rech, Kusen vom 12.07.1996, Sommerlager Maredsous, Zen-Zentrum Solingen

Nichts Festes bedeutet nicht nichts Wirkliches. Es bedeutet: Niemand ist abgeschlossen.

Ich bin nicht getrennt von dem, was mir begegnet ist. Aber ich bin auch nicht darauf festgenagelt. Meine Geschichte wirkt. Meine Gewohnheiten wirken. Der Körper erinnert sich. Beziehungen haben mich geformt. Und doch entsteht die nächste Bewegung nicht in einem verschlossenen Raum.

Sie entsteht in Beziehung.

Zu einem Wort, das mich trifft. Zu einer Müdigkeit am Abend. Zu einer Bitte, die mir zu viel ist. Zu einem Menschen, dem ich aus Gewohnheit wieder dieselbe Rolle gebe. Zu einer Schale im falschen Winkel auf dem Tisch.

Gerade weil wir nicht abgeschlossen sind, kann Übung überhaupt wirken.

Wo die alte Bewegung entsteht

Der Buddhismus hat für diese Stelle einen alten Namen: Sankhara. Fred von Allmen übersetzt das Wort mit Bildekräfte, Gestaltungen, Tendenzen. Es ist der Bereich, in dem aus einem Eindruck eine Bewegung wird.

Das klingt zunächst weit weg. Dabei ist es sehr nah.

Jemand sagt einen Satz, und im Körper ist die Antwort schon unterwegs. Der Kiefer wird fest. Der Atem sitzt höher. Die Schultern gehen zurück. Im Kopf entsteht die Formulierung, die beweisen soll, dass ich recht habe. Oft folgt dann das alte Wort, die alte Schärfe, der alte Rückzug, die alte Gefälligkeit.

Von Allmen sagt dazu, Praxis könne genau hier eingreifen, sodass etwas nicht mehr bloß gewohnheitsmäßig abläuft, sondern bewusst gewählt wird. Zugleich korrigiert er sich: Sankhara ist nicht einfach der Ort automatischer Reaktion. Dort entstehen auch mit Achtsamkeit, Erkenntnis und Weisheit gewählte Antworten.

Das ist wichtig. In uns gibt es nicht eine Abteilung für Automatik und daneben eine saubere Abteilung für Freiheit. Es ist dieselbe Stelle.

Dort kommt die alte Bewegung.

Dort kann auch etwas anderes beginnen.

Die Eigenschaft verliert ihre Zuständigkeit

Persönlichkeitsveränderung geschieht im Zen selten als großer Umbau. Viel öfter zeigt sie sich kleiner und nüchterner.

Ich bemerke eine Bewegung früher als sonst.

Der Ärger ist da, aber er muss nicht sofort sprechen. Die Angst ist da, aber sie muss nicht den ganzen Raum einrichten. Die Ungeduld ist da, aber sie bekommt nicht automatisch den Stuhl am Kopfende. Die Empfindlichkeit bleibt, aber sie muss nicht sofort Kränkung werden. Die Freude an Ordnung bleibt, aber eine schiefe Schale wird nicht zur persönlichen Niederlage.

Das ist keine Unterdrückung. Übung verlangt nicht, dass wir freundlich aussehen, während es innen kocht. Sie verlangt auch nicht, dass wir Gefühle in bessere Gefühle verwandeln.

Sie lässt uns genauer sehen, an welcher Stelle aus einem Gefühl eine Handlung wird.

Manchmal genügt dafür ein kleiner Schritt in der Sprache. Ich sage dann nicht: So bin ich eben. Ich sage: Ich bin manchmal ein alter Esel. Das ist kein freundlicheres Urteil über mich, es ist ein ehrlicheres. Das Wort manchmal nimmt dem Satz seine Endgültigkeit. Es sagt nicht: Das ist falsch. Es sagt nur: Das ist nicht alles. Und der Ton nimmt der Sache die Feierlichkeit. Über einen alten Esel kann ich lachen. Mit einem Charakter, der nun einmal so ist, lässt sich nicht verhandeln.

Die Eigenschaft bleibt. Ihre Verbindlichkeit lässt nach.

Das klingt unspektakulär. Es ist aber einer der stillsten und folgenreichsten Unterschiede auf dem Weg. Niemand erzählt begeistert davon, dass er heute einmal nichts gesagt hat. Niemand schreibt in sein Tagebuch, dass er eine alte Rechtfertigung kommen sah und sie nicht ganz zu Ende führen musste.

Und doch verändert genau das ein Leben.

Wer ändert hier eigentlich?

An dieser Stelle wird es leicht wieder zu einem Verfahren.

Man bemerkt die Regung. Man lässt einen Atemzug. Man handelt anders. Man wiederholt das, bis man eine bessere Ausgabe seiner selbst geworden ist. Dann wäre Zen nur ein anderes Programm zur Selbstverbesserung.

Tenshin Reb Anderson schreibt dagegen:

„Wenn ich versuche, ein besserer Mensch zu werden, habe ich mich schon befleckt. […] Verwandlung ist nichts, was ich hervorbringen könnte; Verwandlung bringt mich hervor.“

Tenshin Reb Anderson, Ein warmes Lächeln vom kalten Berg, Theseus, Seite 122

Dieser Satz nimmt uns nicht aus der Verantwortung. Er nimmt uns nur aus der Mitte.

Wir stehen trotzdem auf. Wir sitzen. Wir kochen. Wir spülen die Schalen. Wir entschuldigen uns, wenn wir jemanden verletzt haben. Wir hören zu, wenn jemand uns etwas Schwieriges sagt. Wir prüfen unser Handeln an den Gelübden.

Aber all das ist nicht das Werkzeug, mit dem ich mich bearbeite. Es ist der Ort, an dem ich mich aufhalte, während sich etwas verändert, worüber ich nicht verfüge.

Wenn ich mich verbessern will, bleibe ich der Mittelpunkt meines Projekts. Wenn ich übe, gebe ich diesem Mittelpunkt immer wieder weniger Nahrung.

Dann kann Veränderung geschehen, ohne dass ich sie besitze.

Zen stellt keine Serienmenschen her

Wenn Übung wirkt, führt sie Menschen nicht in dieselbe Richtung.

Für jemanden, der immer redet, kann die Übung darin bestehen, zuzuhören. Für jemanden, der sein Leben lang geschwiegen hat, kann derselbe Weg bedeuten, endlich zu sprechen. Wer den Raum ständig füllt, übt vielleicht Zurückhaltung. Wer immer nachgibt, übt einen klaren Stand. Wer aus Angst vor Ablehnung jede Arbeit übernimmt, braucht nicht noch mehr Selbstlosigkeit, sondern den Mut, die Hände einmal bei sich zu lassen.

Das Ziel ist nicht, leise zu werden. Das Ziel ist, wacher und verantwortlicher zu handeln.

Darum üben wir nicht nur allein. Allein kann die eigene Geschichte sehr überzeugend klingen. In der Sangha kommt sie mit anderen Geschichten in Berührung. Am Tisch, beim Samu, in einer Bitte, in einer Rückmeldung, in dem Moment, in dem jemand langsamer ist als ich oder genauer oder müder.

Dazu gehört auch der nüchterne Blick auf die Schattenseite. Lange Praxis macht niemanden automatisch zu einem guten Menschen. Auf der Ethik-Seite der Altbäckersmühle steht der Satz:

„Auch, wenn diese Übungen perfekt sind, so sind wir als Übende es nicht.“

Das reicht als Warnung.

Alte Muster können auch still werden. Rechthaberei kann sehr ruhig sprechen. Der Wunsch, gesehen zu werden, kann sich hinter Bescheidenheit verstecken. Gerade deshalb braucht es Formen, Gelübde, Gespräch und Menschen, die nicht jede Selbsterzählung mittragen. Die Glocke beendet die Sitzrunde. Sie bescheinigt keinen Charakter.

Zen fragt also nicht nur, was ich über mich erkenne. Es fragt, was durch mich in die Welt kommt.

Wer hat hier schon entschieden?

Wenn du dich in den nächsten Tagen bei dem Satz „So bin ich eben“ bemerkst, halte einen Augenblick an.

Widerlege ihn nicht. Prüfe zuerst, ob er wahr ist.

Hat er mit deinem Körper zu tun, mit deinem Tempo, mit einer Grenze, die du achten musst? Dann kann er ein ehrlicher Satz sein. Vielleicht sogar ein freundlicher.

Oder schließt er gerade eine Tür?

Dann sieh nicht zuerst auf die Geschichte, die du über dich erzählst. Sieh auf den Körper. Wird die Stimme schneller? Geht der Atem hoch? Ziehen sich die Schultern zurück? Greifen die Hände schon nach einer Aufgabe, die niemand gestellt hat? Formt sich die Antwort, bevor du zu Ende gehört hast?

Dann frage nur:

Muss diese Bewegung jetzt auch die nächste Bewegung machen?

Es kann sein, dass du danach tust, was du immer getan hast. Auch das gehört zur Wahrheit. Aber du hast gesehen, wo es geschieht.

An dieser Stelle beginnt Üben: nicht gegen dich, nicht für ein besseres Bild von dir, sondern mitten in dem Menschen, der gerade da ist.

Ein alter grauer Esel steht ruhig auf einem schmalen Waldweg mit feuchtem Laub und blickt seitlich zurück. Um ihn herum kahle Bäume und bemooste Steine im weichen Morgenlicht.
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