Aversion ist ein bemerkenswert höfliches Wort für eine Bewegung, die zunächst nur sagt: weg.
Weg von diesem Klang. Weg von dieser Nähe. Weg von diesem Augenblick.
Nach vielen Jahren der Übung hätte ich vielleicht erwartet, dass sie sich wenigstens ordentlich ankündigt. Das tut sie nicht.
Dann genügt eine Stimme.
Laut. Schrill. Sie füllt den Raum, und in mir zieht sich etwas zusammen. Ich reagiere beinahe allergisch darauf. Noch bevor ich etwas über den Menschen denke, ist die Ablehnung da. Kein Urteil. Keine innere Anklageschrift. Nur dieses sehr deutliche Empfinden: Es soll aufhören.
Oder wir haben vereinbart, dass geschwiegen wird. Es ist nicht nur einmal gesagt worden. Es wurde wiederholt, erklärt und noch einmal in Erinnerung gerufen. Trotzdem redet jemand weiter. Auch dann muss ich keinen schlechten Menschen aus ihm machen. Der Widerstand bildet sich ganz von selbst. Etwas in mir stemmt sich gegen das, was geschieht und offenbar nicht aufhören will.
Vielleicht ist Aversion nicht einfach der zivilisiertere Name für Hass. Sie ist die erste Bewegung des Sich-Abwendens. Hass kann ihre verhärtete Form werden. Und Verblendung beginnt dort, wo ich diese Bewegung nicht mehr als Bewegung erkenne, sondern als Wahrheit über den anderen Menschen.
Bevor der Gedanke da ist
Wir sprechen oft über Gefühle, als kämen sie erst nach einer Überlegung. Jemand tut etwas. Wir bewerten es. Dann werden wir ärgerlich. So ordentlich geht es in uns nicht immer zu.
Reb Anderson schreibt in seiner Auslegung des Samdhinirmocana Sutra:
„Wir können zum Beispiel direkt Wut empfinden und dennoch nicht klar erkennen, dass wir wütend sind.“
Reb Anderson, Die dritte Drehung des Rades, deutsche Arbeitsübersetzung, PDF-Seite 63.
Die Regung ist schon da, bevor ich sie beim Namen nennen kann. Bei der Aversion ist es ähnlich. Das Ohr hört. Der Körper antwortet. Der Wunsch nach Ruhe entsteht. Erst danach kann ein Satz kommen wie: Diese Stimme ist mir zu laut.
Manchmal kommt nicht einmal dieser Satz. Die Ablehnung braucht keine Begründung. Sie braucht auch kein Urteil über den Charakter eines Menschen. Sie ist eine Richtung im ganzen Erleben. Fort von diesem Klang. Fort von dieser Nähe. Fort von diesem Augenblick.
Das macht sie nicht eingebildet. Eine laute Stimme ist nicht deshalb leise, weil ich meinen Geist betrachte. Eine verabredete Stille wird nicht dadurch eingehalten, dass ich besonders verständnisvoll auf ihr Übergehen reagiere. Der äußere Anlass darf seinen Namen behalten.
Und doch lässt sich meine Aversion nicht vollständig im Außen ablegen. Sie entsteht dort, wo Klang, Ohr, Empfindlichkeit, Tagesform, Erinnerung und Erwartung einander treffen. An einem anderen Tag trifft mich derselbe Ton vielleicht weniger. Ein anderer Mensch hört ihn, ohne sich zusammenzuziehen. Nicht weil einer von uns recht hat und der andere unrecht. Die Bedingungen sind nicht dieselben.
Im Zen nennen wir das bedingtes Entstehen. Nichts entsteht aus sich allein. Auch die Aversion nicht.
Wo endet die Stimme?
Wenn ich beim unmittelbaren Erleben bleibe, wird die Sache merkwürdig. Dort ist die Stimme. Hier bin ich, der sie nicht erträgt. So scheint es zunächst. Aber wo genau verläuft die Grenze?
Da ist Klang. Da ist Hören. Da ist ein Zusammenziehen. Da ist der Wunsch nach Stille. Alles geschieht in einer einzigen Bewegung. Ich finde keinen sauberen Schnitt, an dem die Stimme aufhört und meine Aversion beginnt.
Das bedeutet nicht, dass beides dasselbe wäre. Es bedeutet auch nicht, dass im Außen nichts geschehen ist. „Nur Geist“ heißt nicht „nur eingebildet“. Die Stimme bleibt laut. Eine Bitte kann weiterhin missachtet worden sein. Ich kann um Ruhe bitten, den Raum verlassen oder eine Form schützen, die gemeinsames Schweigen vorsieht.
Aber während ich all das tue, kann ich nachsehen: Gibt es diese Aversion als festes Ding? Sitzt sie irgendwo in mir und wartet dort seit Jahren? Gehört sie zu meinem Wesen?
Ich finde Empfindungen, Erinnerungen und den starken Wunsch, dass es anders sein möge. Ich finde aber keinen festen Besitzer hinter ihnen. Auch der Satz „meine Aversion“ macht aus einer vorübergehenden Bewegung schnell etwas, das zu mir gehört.
Leerheit bedeutet an dieser Stelle nicht, dass die Aversion nicht da ist. Sie bedeutet, dass sie nicht aus eigener Kraft besteht. Sie ist wirklich und zugleich bedingt. Darum kann sie Folgen haben. Und darum kann sie sich verändern.
Wenn es nicht aufhört
Die schwerere Aversion entsteht für mich nicht immer an der Lautstärke allein. Sie wächst dort, wo etwas trotz wiederholter Bitte weitergeht.
Es soll still sein. Es wird weitergesprochen.
Es ist gesagt worden. Es geschieht wieder.
Ich möchte etwas beenden und kann es nicht beenden.
Zur Überreizung kommt Ohnmacht. Der Geist versucht, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Gerade darin erkennt Reb Anderson eine tiefere Schicht der Aversion. In Aufrecht sein beschreibt er Ablehnung und Abneigung als einen äußeren Feuerring um den Schmerz:
Der äußere Ring
»Dieser äußere Ring ist ein Ausdruck dafür, dass man sich ungeduldig von den Flammen des Leidens abwendet oder versucht, sie zu kontrollieren.«
— Reb Anderson, Aufrecht sein, deutsche Arbeitsübersetzung, PDF-Seite 197
Das ist keine Aufforderung, alles auszuhalten. Geduld bedeutet bei Anderson gerade nicht, die Zähne zusammenzubeißen und den Schmerz zu ignorieren. Der nüchterne äußere Schritt kann weiterhin notwendig sein. Die Bitte um Ruhe bleibt richtig. Das vereinbarte Schweigen darf geschützt werden. Eine Grenze verliert ihren Sinn nicht, nur weil ich meinen eigenen Widerstand bemerke.
Die innere Frage lautet deshalb nicht nur, ob ich etwas sage. Sie lautet auch, aus welcher Bewegung mein Sprechen kommt. Möchte ich das Schweigen schützen? Oder möchte ich inzwischen vor allem den Menschen zum Schweigen bringen? Beides lässt sich nicht immer sauber trennen. Aber die Frage nimmt meiner Aversion ein wenig von ihrer Gewissheit.
Aber selbst nachdem der äußere Schritt getan ist, kann die innere Bewegung weiterlaufen. Der Klang ist vorbei, in mir spricht er weiter. Beim nächsten Zusammentreffen bin ich vielleicht schon angespannt, bevor die Stimme laut geworden ist. Mein Körper hat gelernt, was er erwartet.
So entwickelt sich Aversion schleichend. Nicht unbedingt als Urteil über einen Menschen. Eher als Vorwegnahme. Dieser Mensch betritt den Raum, und in mir erscheint bereits das Geräusch, das noch gar nicht da ist.
Das geschieht leicht bei Menschen im weiteren Umfeld. Bei Kolleg:innen, bei Menschen in der Sangha, bei Personen, denen wir regelmäßig in einer bestimmten Situation begegnen. Die Nähe reicht für Wiederholung, aber nicht immer für viele andere Erfahrungen miteinander. Der Kontakt bleibt schmal. Eine Stimme, eine Gewohnheit, eine immer gleiche Reibung bekommt darin viel Gewicht.
Vielleicht bleibt unser Verhalten nach außen sogar höflich. Niemand sieht den Rückzug. Innen ist er längst geschehen.
Nach all den Jahren
Am schmerzhaftesten ist für mich nicht nur, dass Aversion entsteht. Es ist die Feststellung, dass sie nach all den Jahren der Übung noch immer entsteht.
Nach all den Jahren der Übung kenne ich die Worte über Mitgefühl, Geduld und einen weiten Geist. Und dann reicht eine schrille Stimme, damit es in mir eng wird.
Das ist erschreckend, weil dabei ein stiller Vertrag sichtbar wird. Offenbar habe ich von der Übung etwas verlangt. Am Anfang hätte ich mir eine solche Reaktion vielleicht leichter nachgesehen. Nach so vielen Jahren, dachte ein Teil von mir, müsste ich darüber hinaus sein. Bei mir sollte die Aversion sich inzwischen wenigstens ordentlich benehmen.
Nun richtet sich das „Es soll aufhören“ nicht mehr nur gegen die Stimme. Es richtet sich gegen meine eigene Aversion.
Damit ist der zweite Feuerring geschlossen. Ich lehne nicht nur ab, was ich höre. Ich lehne auch den Menschen in mir ab, der so hört.
Reb Anderson schreibt:
„Auch Ärger ist ein Wesen, und manchmal sträuben wir uns dagegen, ihm mit Mitgefühl zu begegnen.“
Reb Anderson, Eintritt in den Geist Buddhas, deutsche Arbeitsübersetzung, PDF-Seite 44.
Dem eigenen Ärger mit Mitgefühl zu begegnen klingt leicht nach einer freundlichen Übung. Das ist es für mich nicht. Es bedeutet zunächst, dass ich ihn nicht aus dem Raum werfe. Ich muss ihn nicht rechtfertigen. Ich muss ihn nicht zu einer besonderen Botschaft erklären. Aber ich höre auf, ihn als Beweis meines Scheiterns zu benutzen.
Vielleicht liegt genau hier die Verbindung zwischen Aversion und Verlangen. Hinter meiner Abneigung gegen die eigene Reaktion steht das Verlangen nach einem gereinigten Übenden. Einer, der lange genug gesessen hat und deshalb von bestimmten Regungen verschont bleibt. Ein angenehmer Mensch mit angenehm weitem Geist.
Dieser Mensch ist eine Vorstellung. Und Vorstellungen können sehr streng werden, wenn die Wirklichkeit ihnen widerspricht.
Bändigen ist nicht beseitigen
Was hat die Übung dann bewirkt, wenn dieselbe Aversion wiederkehrt?
Diese Frage lässt sich nicht mit einem tröstlichen Satz erledigen. Das bloße Wiederkehren einer Reaktion ist noch kein Fortschritt. Wer seine Ablehnung immer wieder an anderen auslässt, kann sich nicht mit der Behauptung beruhigen, nun eben besonders aufmerksam zu sein. Jahre der Übung sind kein Freispruch.
Aber das Aufsteigen einer Regung und das Füttern dieser Regung sind auch nicht dasselbe.
Vielleicht zeigt sich die Übung darin, ob ich bemerke, was geschieht, ohne sofort eine ganze Wahrheit daraus zu machen. Ob ich um Stille bitten kann, ohne den ganzen Menschen abzulehnen. Ob ich noch Stunden später innerlich weiterkämpfe oder die Situation enden lassen kann. Ob ich merke, wann ich zu erschöpft bin, um einen Klang noch offen aufzunehmen. Ob ich zugeben kann, dass meine Grenze heute früher erreicht ist.
Anderson beschreibt die ethische Praxis nicht als geraden Weg, auf dem dieselbe Schwierigkeit irgendwann nicht mehr vorkommt:
„Und vielleicht scheitern wir wieder. Wir wiederholen den Kreislauf von Empfangen, Streben, Scheitern, Beichten und Buße viele Male.“
Reb Anderson, Eintritt in den Geist Buddhas, deutsche Arbeitsübersetzung, PDF-Seite 38.
Das ist kein besonders schmeichelhaftes Bild der Übung. Vielleicht ist es gerade deshalb glaubwürdig. Wir empfangen eine Ausrichtung. Wir bemühen uns. Wir verfehlen sie. Wir sehen es. Wir kehren zurück.
Nicht nur einmal.
Bändigen heißt dann nicht, die Aversion endgültig zu besiegen. Es heißt, ihr nicht den ganzen Geist zu überlassen. Sie darf als Bewegung erkannt werden. Sie braucht keinen festen Besitzer. Sie muss keinen festen Gegner hervorbringen.
Das Nein bleibt möglich. Es wird nicht schwächer. Vielleicht wird es schlichter.
Zwei Stimmen
Wenn die Aversion das nächste Mal aufsteigt, kann ich vielleicht für einen Augenblick zwei Stimmen hören.
Die eine ist draußen. Laut, schrill oder einfach zur falschen Zeit noch immer sprechend.
Die andere ist in mir. Sie sagt: Es soll aufhören.
Keine von beiden muss ich schönreden. Keine muss ich sofort zum Schweigen bringen. Für einen Atemzug kann ich wahrnehmen, wie Klang und Widerstand gemeinsam entstehen. Danach kann ich tun, was die Situation verlangt. Sprechen. Gehen. Bleiben. Um Stille bitten.
Und wenn die Aversion trotzdem bleibt, ist auch das der Stoff der Übung.
Beim nächsten Mal werde ich die Aversion vermutlich nicht anders empfinden als sonst. Aber vielleicht werde ich das Wort „Übung“ ein wenig nüchterner hören. Nicht als Sieg über einen störenden Menschen, auch nicht als Sieg über einen unvollkommenen Teil meiner selbst.
Die Stimme ist noch immer laut. In mir steht noch immer ein Nein.
Aber vielleicht muss dieses Nein nicht jedes Mal den ganzen Tisch bekommen.
Quellen zu den Zitaten
Die Zitate aus Reb Andersons Büchern folgen den vorliegenden deutschen Arbeitsübersetzungen auf Grundlage der englischen Kindle-Ausgaben.
- Reb Anderson: The Third Turning of the Wheel: Wisdom of the Samdhinirmocana Sutra. Shambhala, 2012.
- Reb Anderson: Being Upright: Zen Meditation and the Bodhisattva Precepts. Shambhala, 2000.
- Reb Anderson: Entering the Mind of Buddha: Zen and the Six Heroic Practices of Bodhisattvas. Shambhala, 2019.
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