Zen im Leben

Der Mönch fragt nach sich selbst

Koans im Leben: Jōshūs Mu, Mumonkan, Fall 1. Drei Koan-Gespräche in zwei Sammlungen und die Schwelle zwischen gewusster Lehre und eigener Erfahrung.

Kühe
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Es gibt Sätze, die wir so gut kennen, dass sie uns nicht mehr berühren.

Alles ist vergänglich. Wir sind nicht getrennt. Alle fühlenden Wesen haben Buddha-Natur. Man kann diese Sätze lesen, in einem Vortrag hören und in einem Gespräch richtig wiedergeben. Sie können viele Jahre bei uns sein. Und dann kommt ein Augenblick, in dem der Körper etwas anderes sagt. Der Verlust ist nicht zu ertragen. Der andere Mensch bleibt ein Fremder. Die eigene Buddha-Natur ist nirgends zu finden.

Das Wissen ist nicht falsch. Es ist nur noch nicht durch die Schranke gegangen.

Von dieser Stelle handelt der erste Fall des Mumonkan. Er wird oft auf einen Hund und ein rätselhaftes Wort verkürzt. Doch der Hund ist nicht derjenige, um den es geht. Der Mönch stellt Jōshū eine Frage, die auf ihn selbst zurückfällt.

Mumonkan, Fall 1

Mumonkan, Fall 1: Joshu und der Hund

Ein Mönch fragte Joshu: „Hat ein Hund die Buddha-Natur oder nicht?“ Joshu sprach: „Mu!“

Mumons Kommentar macht aus Jōshūs Mu die Schranke der Übung. Wer hindurchgehen will, muss mit ganzem Körper und Geist eintreten. Die ausführliche Stelle dazu steht im dunklen Zitatband.

Mumons Vers:

„Der Hund! Buddha-Natur!
Voll und ganz leer!
Ein Blitzschlag!
Wer das erkennt, begreift nicht durch Denken.“

Erster von achtundvierzig Fällen des Mumonkan. Fall und Vers folgen der Übersetzung Kōun Yamadas, erschienen bei Kösel, wie sie in der Quelle dieser Runde wiedergegeben ist. Der Kommentar ist hier zusammengefasst.

Der Mönch kennt die Lehre. Er weiß, dass Buddha nach seinem Erwachen die Buddha-Natur aller fühlenden Wesen erkannt hat. Er fragt also nicht wie jemand, der eine fehlende Information sucht. Er fragt, obwohl er die richtige Antwort längst kennt.

Genau darin liegt die Schärfe des Falls.

Solange Buddha-Natur ein Satz im Buch bleibt, kann der Mönch sie beim Hund suchen. Der Hund ist ein sicherer Gegenstand. Über ihn lässt sich sprechen. Man kann fragen, ob er etwas hat oder nicht hat. Die eigene unerfahrene Wahrheit muss dabei nicht in den Raum treten.

Aber hätte es dem Mönch genützt, wenn Jōshū freundlich bestätigt hätte, was er ohnehin wusste? Er hätte einen zweiten richtigen Satz besessen. Zwischen ihm und seiner Erfahrung wäre kein Schritt geschehen.

Jōshū gibt ihm diesen Satz nicht. Mu ist keine kleine Lehrrede über Hunde. Es ist die Frage, die zu dem zurückkehrt, der sie gestellt hat.

Wu und Mu

Auch beim Wort selbst lohnt Genauigkeit.

Das Zeichen 無 wird im Chinesischen wu und im Japanischen mu gelesen. Es ist dasselbe Zeichen. Im Fragesatz des Mönchs steht es auf der verneinenden Seite von Haben oder Nichthaben. Je nach Zusammenhang bedeutet es nicht haben, nicht da sein oder ohne. Ein deutsches Nein gibt nur die Richtung der Antwort wieder. Es ist keine Übersetzung, die schon sagt, was Jōshūs Mu in diesem Koan tut.

Wumen nimmt das Wort aus dem kurzen Gespräch und macht es zur Schranke der Übung. Damit verschwindet sein sprachlicher Sinn nicht. Aber er erschöpft das Wort auch nicht mehr. Wer Mu nur mit Nein wiedergibt, macht es zu einer Auskunft. Wer es nur zu einem geheimnisvollen Laut macht, nimmt ihm den einfachen Satz, aus dem es stammt.

Der Mönch fragt in der Form von Haben und Nichthaben. Jōshū antwortet in dieser Form, und doch kann der Mönch die Antwort nicht wie eine Sache mitnehmen. Darum steht dieser Fall am Anfang einer Sammlung, die sich die torlose Schranke nennt.

Die Schranke

»Wenn du die Schranke der Patriarchen durchschreitest, dann wirst du nicht nur Joshu von Angesicht zu Angesicht sehen, sondern du wirst Hand in Hand gehen mit den aufeinander folgenden Patriarchen. Eure Gesichter werden verschmelzen, ihr werdet mit den gleichen Augen sehen, ihr werdet mit den gleichen Ohren hören.«

— Mumon Ekai, Kommentar zu Mumonkan, Fall 1, nach der Übertragung im Vortrag „Joshus Mu“ von Dai Jaku Shin, Zen-Kreis Paderborn

Hand in Hand

Diese Stelle sagt mehr über den Fall als viele Erklärungen zu Mu.

Wumen verspricht keine bessere Meinung. Wer die Schranke durchschreitet, hat nicht endlich den richtigen Begriff für Buddha-Natur. Er sieht mit denselben Augen und hört mit denselben Ohren wie die alten Lehrer. Der Abstand, den das Wissen zwischen damals und heute, zwischen Lehrenden und Übenden, zwischen Lehre und eigenem Leben aufbaut, trägt für einen Augenblick nicht mehr.

Das bedeutet nicht, dass wir zu historischen Gestalten werden. Es bedeutet auch nicht, dass wir nach einer besonderen Erfahrung über den gewöhnlichen Menschen stehen. An den sogenannten großen Lehrern ist grundsätzlich nichts anderes als an uns. Was fehlt, ist kein anderer Stoff. Es fehlt die Erfahrung der Einheit, von der wir längst sprechen können.

Der Mönch weiß von Buddha-Natur. Er schaut auf den Hund und hält die Wahrheit außerhalb seiner selbst. Wumen antwortet nicht mit einer Definition. Er sagt: Geh hindurch. Mit ganzem Körper und Geist.

Shōyōroku, Fall 18

Der Hundedialog steht noch in einer zweiten Sammlung. Dort sind es zwei Gespräche mit Fortsetzungen. Der chinesische Name Zhaozhou und der japanische Name Jōshū bezeichnen denselben Menschen.

Shōyōroku, Fall 18: Zhaozhous Hund

„Ein Mönch fragte Zhaozhou: »Hat ein Hund Buddha-Natur oder nicht?« Zhaozhou sagte: »Ja.«

Der Mönch fragte: »Wenn er sie hat, warum befindet er sich dann in diesem Hautsack?«

Zhaozhou sagte: »Weil er es weiß und dennoch bewusst dagegen verstößt.«“

„Ein anderer Mönch fragte: »Hat ein Hund Buddha-Natur oder nicht?« Zhaozhou sagte: »Nein.«

Der Mönch sagte: »Alle fühlenden Wesen haben Buddha-Natur. Warum hat dann ein Hund keine?«

Zhaozhou sagte: »Weil er noch bedingtes Bewusstsein hat.«“

Achtzehnter Fall des Shōyōroku, nach einer deutschen Wiedergabe aus unserem Quellenbestand, die keinen Übersetzer nennt. Die hundert Verse stammen von Hongzhi Zhengjue, Einleitungen und Kommentare von Wansong Xingxiu.

Diese beiden Gespräche dürfen nicht auf zwei Wörter zusammenschrumpfen. Auf das Ja folgt die Frage nach dem Hautsack. Auf das Nein folgt der Einwand, dass doch alle fühlenden Wesen Buddha-Natur haben. Zhaozhou antwortet weiter, einmal mit dem bewussten Verstoß, einmal mit dem bedingten Bewusstsein.

Damit stehen drei Koan-Gespräche in zwei Sammlungen nebeneinander. Man kann fragen, warum die Überlieferung dieselbe Hundefrage verschieden beantwortet. Man kann die Geschichte ihrer Fassungen untersuchen. Das ist wichtig, damit aus Mu keine falsche Eindeutigkeit wird. Aber der entscheidende Punkt liegt noch immer bei den Fragenden.

Der erste Mönch bekommt ein Ja und fragt weiter. Der zweite bekommt ein Nein und hält Zhaozhou die richtige Lehre entgegen. Im Mumonkan bekommt der Mönch Mu, und Wumen macht daraus eine Schranke. Keiner der drei kann die Antwort einfach einstecken und gehen.

Das Ja erlöst den Fragenden nicht vom Fragen. Das Nein widerlegt die Lehre nicht. Mu ist kein Zauberwort, das beide Seiten in Nebel auflöst. Jede Antwort nimmt dem Mönch nur den Platz, an dem er sich mit seinem Wissen eingerichtet hat.

Was Wissen nicht vollziehen kann

Wir brauchen die Lehre. Ohne sie könnten wir jeden Einfall für eine Erfahrung halten und jede Verwirrung für Tiefe. Wir lesen, hören Vorträge, fragen nach und unterscheiden genau. Auch dieser Essay tut nichts anderes.

Aber Wissen kann die Erfahrung nicht für uns machen.

Ihr könnt wissen, dass alles vergänglich ist, und Euch dennoch an einen Menschen klammern, als dürfe er sich nie verändern. Ihr könnt vom Nichtgetrenntsein sprechen und Euch beim kleinsten Angriff in ein festes Ich zurückziehen. Ihr könnt hundertmal lesen, dass alle Wesen Buddha-Natur haben, und beim Sitzen weiter darauf warten, dass jemand von außen bestätigt, dass dies auch für Euch gilt.

Das ist kein Versagen. Es ist der Ort, an dem Übung beginnt. Nicht noch ein Satz gegen die Unsicherheit. Nicht die richtige Erklärung von Mu. Sitzen, atmen, den Körper nicht verlassen, wenn die gewusste Wahrheit nicht trägt.

Die Schranke ist dabei nichts Fremdes. Sie besteht aus dem Griff nach der Antwort, die uns ersparen soll, selbst hindurchzugehen. Deshalb hat sie kein Tor, durch das man sich an ihr vorbeischleichen könnte.

Wo Eure Frage steht

Vielleicht bemerkt Ihr in den nächsten Tagen einen Satz, der mit „Ich weiß das doch“ beginnt.

Lasst ihn stehen. Er muss nicht bekämpft werden. Fragt nur einen Augenblick lang weiter: Wo ist dieses Wissen jetzt, in diesem Körper, in dieser Begegnung, in diesem Atemzug?

Darauf braucht Ihr keine schnelle Antwort. Macht aus der Frage keine kleine Selbstprüfung. Im Zazen kann sie mit Euch sitzen, ohne dass Ihr sie löst. Beim Gehen kann sie einen Schritt lang offen bleiben. Im Gespräch kann sie verhindern, dass ein gelernter Satz zu früh an die Stelle einer wirklichen Begegnung tritt.

Der Mönch steht vor Jōshū. Die Lehre ist ihm bekannt. Der Hund sitzt nur in der Frage.

Jōshū sagt Mu.

Nun ist niemand mehr übrig, den der Mönch an seiner Stelle fragen könnte.

Ein großer schwarzer Tuschekreis, mit breitem Pinsel in einer Bewegung auf naturweißes Papier gemalt, an einer Stelle offen.
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