Wer ist Avalokiteshvara?
Avalokiteshvara (観音, japanisch Kannon, außerdem 観世音 Kanzeon und 観自在 Kanjizai) ist der Bodhisattva des Mitgefühls im Mahāyāna. Sanskrit schreibt den Namen Avalokiteśvara.
Ist Avalokiteshvara eine historische Person?
Nein. Avalokiteshvara gehört zur Mahāyāna-Literatur, Bildwelt und religiösen Praxis. Die Gestalt verkörpert eine mitfühlende Hinwendung zu Wesen, die leiden oder in Gefahr sind.
Ein Bodhisattva richtet Erwachen nicht allein auf die eigene Befreiung. Weisheit und Mitgefühl werden zum Handeln für andere Wesen. Avalokiteshvara erscheint dafür in unterschiedlichen Gestalten und mit verschiedenen Namen.
Im Lotus-Sūtra nimmt der Bodhisattva zahlreiche Erscheinungsformen an, darunter auch weibliche. Elf Gesichter oder tausend Arme veranschaulichen umfassendes Wahrnehmen und vielfältige Möglichkeiten des Handelns.
Was bedeutet der Name?
Avalokiteśvara wird als der Herr erklärt, der auf die Welt herabschaut. Eine ältere Sanskritform Avalokitasvara verbindet den Namen dagegen mit dem Klang oder Ruf, der wahrgenommen wird.
Diese Geschichte spiegelt sich in den chinesischen Namen. Frühere Übersetzungen lauten 観世音, Wahrnehmen der Klänge der Welt, und 光世音. Im 7. Jahrhundert wählte Xuanzang 観自在, das freie oder ungehinderte Schauen. 観世音 und 光世音 sind also älter als 観自在.
Kannon ist aus kan und on durch Lautbindung entstanden. 観 bedeutet betrachten oder wahrnehmen, 音 Klang oder Stimme und 世 Welt. 観音 ist die verkürzte Form von 観世音.
Ist Avalokiteshvara männlich oder weiblich?
Beides kommt vor. Der Sanskritname ist grammatisch männlich, und indische Darstellungen zeigen Avalokiteshvara gewöhnlich männlich. In Ostasien entstanden auch weibliche Formen, besonders in der Verehrung Guanyins.
Das Geschlecht ist daher nicht für jede Erscheinungsform gleich. Im Mittelpunkt steht das Wirken von Mitgefühl, nicht eine historische Biografie.
Im Sōtō steht Kanzeon für großes Mitgefühl. Im Vers der Zehn Buddha-Namen heißt er Kanzeon Bodhisattva des großen Mitgefühls. Zusammen mit Seishi begleitet Kannon den Buddha Amida; daneben stehen die Sechs Kannon und dreiunddreißig Erscheinungsformen. In Japan stammt das älteste sicher datierte Kannon-Bild von 651, und der Pilgerweg zu dreiunddreißig Kannon-Orten erscheint sicher zuerst 1161. In Gemeinschaftsräumen von Zen-Klöstern kann eine Gestalt Kanzeons als heiliger Mönch des Raumes stehen. Im Rinzai erhielt der kurze Kannon-Chant durch Hakuin besondere Verbreitung.
Welche Rolle hat Avalokiteshvara im Herzsutra?
Im Herzsutra der Altbäckersmühle beginnt die sinojapanische Rezitation mit „KAN JI ZAI BO SATSU“. Der Name lautet dort 観自在, Kanjizai. Avalokiteshvara übt die tiefe Prajñāpāramitā und erkennt die fünf Skandhas als leer.
Diese Verbindung ist wichtig. Der Bodhisattva des Mitgefühls spricht über Weisheit und Leerheit. Form, Empfindung, Wahrnehmung, Gestaltungen und Bewusstsein besitzen keinen unabhängigen, unveränderlichen Wesenskern.
Mehr dazu im Herzsutra und unter Form ist Leere.
Warum heißt Avalokiteshvara im Enmei Jukku Kanzeon?
Das Enmei Jukku Kannon Gyō beginnt in der Form der Mühle mit „KAN ZE ON“. Dort erscheint 観世音, Kanzeon, die ältere ostasiatische Namensform.
Im Haus begegnen damit zwei Übersetzungen desselben Namens: Kanjizai im Herzsutra und Kanzeon im kurzen Kannon-Chant. 観音経, Kannon Gyō, allein bezeichnet im Japanischen gewöhnlich das 25. Kapitel des Lotus-Sūtras, nicht den kurzen Enmei-Text.
Der Chant gehört besonders im Rinzai zur täglichen Praxis. Die Altbäckersmühle verwendet die Lesung Jukku, wie sie im San Francisco Zen Center und in Tassajara gebraucht wird.
Was hat Avalokiteshvara mit dem Dai Hi Shin Dharani zu tun?
Das Dai Hi Shin Dharani wurde in Ostasien mit dem tausendarmigen Avalokiteshvara verbunden. 大悲 bezeichnet großes Mitgefühl. Mehr zum Zeichen 悲 unter Mitleiden und zum Text unter Dai Hi Shin Dharani.
Die zahlreichen Arme stehen für Handlungsfähigkeit, die zahlreichen Augen für umfassendes Wahrnehmen. Das Bild verbindet Sehen und Antworten, ohne eine anatomische Aussage zu machen.
Was bedeuten die Schriftzeichen?
観音 wird Kannon gelesen. Die ältere Zeichenform ist 觀音. 観世音 wird Kanzeon, 観自在 Kanjizai gelesen.
観 bedeutet betrachten oder wahrnehmen. 音 bedeutet Klang oder Stimme. 世 bedeutet Welt. 自在 bedeutet frei, ungehindert oder nach eigenem Vermögen.
Die Namen übersetzen und deuten verschiedene Aspekte einer langen Überlieferung. Keiner von ihnen ist der persönliche Name einer historisch fassbaren Person.
