Zen im Leben

Kenshō und der Montag danach

Nachklang, Teil zwei: Für Erfahrungen, für die niemand zuständig war


Nachts sitzt eine Frau mit rotem Schal allein zwischen leeren Sitzen in einem Zugabteil und blickt auf ihre Hände, im dunklen Fenster daneben steht ihr Spiegelbild.
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Dieser Essay ist der zweite Teil des Lesewegs „Nachklang“.

Nachklang

Nach einer psychedelischen oder spirituellen Erfahrung beginnt die eigentliche Arbeit: Was bleibt, wenn der Alltag weitergeht? Über Makyō, Kenshō und einen nüchternen Umgang mit dem Außergewöhnlichen.

Wenn ich das Wort Kenshō höre, interessiert mich nicht zuerst, ob es das richtige Wort war. Mich interessiert, wer am nächsten Morgen da war.

Nach dem Morgen-Zazen fließt der Hasenbach weiter. Auf dem nassen Schiefer liegen Blätter. In der Küche kocht Wasser. Ein starker Augenblick hält nichts davon an. Er kann alles verändert haben, und doch beginnt ein Tag, der nichts von ihm weiß.

Vielleicht geschah es beim Sitzen. Vielleicht im Wald, am Bett eines sterbenden Menschen, während einer Krankheit oder mitten in einem gewöhnlichen Tag. Für einen Augenblick war die Grenze zwischen dir und der Welt nicht mehr da. Oder es war eine Stille, die nicht bloß die Abwesenheit von Geräusch war. Danach suchst du ein Wort und findest mehrere. Einheit. Erwachen. Durchbruch. Kenshō.

Mit jedem Wort beginnt eine Einordnung. Nur die einfachere Frage bleibt oft liegen: Wer ist jetzt da?

Ein Wort, das einen Zeugen mitbringt

Kenshō besteht aus zwei Schriftzeichen. 見 bedeutet sehen, 性 bedeutet Natur. Meist wird es mit „die eigene Natur sehen“ wiedergegeben. Schon darin steckt eine Schwierigkeit. Es klingt, als habe jemand etwas Verborgenes gefunden und könne es nun vorzeigen.

Hakuins Lobgesang auf Zazen spricht davon, die Selbstnatur zu bezeugen, und nennt diese Selbstnatur gleich darauf eine Nicht-Natur. Das ist kein Schmuck für eine außergewöhnliche Erfahrung. Es nimmt ihr den festen Gegenstand. Was da gesehen wurde, lässt sich nicht wie ein Fund nach Hause tragen.

An dem Wort „bezeugen“ bleibe ich trotzdem hängen. Im Deutschen bringt es einen Zeugen mit. Einen Menschen, der nicht für dich erlebt und dir keine Urkunde ausstellt, der aber da ist, während du nach einer Sprache suchst. Vielleicht liegt genau hier die Spannung: Niemand kann deine Erfahrung von außen beglaubigen. Trotzdem musst du mit ihrem Nachklang nicht allein bleiben.

Wo eine Form mitträgt

Wenn in einem Sesshin etwas Außergewöhnliches geschieht, steht es nicht ganz allein im Raum. Die Glocke erklingt weiter. Es wird gegessen und gearbeitet. Es gibt eine Leitung und eine Form, die schon vor dem Erlebnis da waren und danach nicht verschwinden. Jemand kann zuhören, nachfragen, zur Ruhe raten oder erkennen, dass die Übung an dieser Stelle nicht die richtige Antwort ist.

Das schützt nicht vor Irrtum. Auch in einem Zen-Haus kann eine Erfahrung zu schnell erhöht oder zu schnell abgetan werden. Aber es gibt wenigstens eine Zuständigkeit. Damit ist keine Herrschaft über das Erlebte gemeint. Zuständig ist nicht, wer dir endgültig sagen kann, was es war. Zuständig ist, wer das Gespräch nicht verlässt, sobald die vertrauten Worte aufhören.

Wer etwas Ähnliches allein erlebt, hat diese Form nicht. Niemand hat den Raum geöffnet, niemand begleitet das Danach. Oft bleiben dann nur zwei grobe Möglichkeiten: Die Erfahrung wird so groß gemacht, dass sie das ganze Leben erklären soll. Oder sie wird so klein gemacht, dass man sich für sie entschuldigt. Beides kann ein Versuch sein, mit etwas fertigzuwerden, für das damals kein Gegenüber da war.

Zuständig, ohne die Erfahrung zu besitzen

Zuständigkeit klingt nach Amt, Akte und Entscheidung. Hier meint sie beinahe das Gegenteil. Ein Mensch übernimmt Verantwortung für ein Gespräch, ohne sich zum Eigentümer seiner Deutung zu machen. Er hält aus, dass etwas geschehen ist und dass der richtige Name dafür noch fehlt.

Das ist schwerer, als es klingt. Eine außergewöhnliche Erfahrung zieht Erklärungen an. Wer religiös geübt ist, erkennt schnell ein vertrautes Muster. Wer medizinisch denkt, erkennt ein anderes. Freund:innen möchten beruhigen. Eine Gruppe möchte wissen, ob die Geschichte in ihr Weltbild passt. So kann ein Mensch innerhalb weniger Minuten vom Staunen in eine fremde Ordnung geraten.

Eine Sangha muss nicht für alles eine Antwort besitzen. Aber sie kann einen Raum bewahren, in dem nicht sofort entschieden wird. Das gemeinsame Sitzen ist dafür eine Schule. Wir sitzen nebeneinander, ohne dass einer den Atem des anderen führt. Wir teilen eine Form, aber nicht dieselbe Erfahrung. Auf ähnliche Weise kann eine Gemeinschaft zuhören: nah genug, dass niemand allein bleibt, und zurückhaltend genug, dass niemand vereinnahmt wird.

Vielleicht ist das die bescheidenste Bedeutung von Zuständigkeit. Nicht: Ich weiß, was dir geschehen ist. Sondern: Ich verschwinde nicht, nur weil ich es nicht weiß.

Die Nüchternheit unserer eigenen Linie

Unsere Sōtō-Tradition spricht zurückhaltend über Kenshō. Zazen ist nicht das Mittel, mit dem wir uns zu einem besonderen Erlebnis hocharbeiten. Übung und Erwachen werden nicht wie zwei Stufen behandelt, erst die Mühe, dann der Preis. Ich halte diese Nüchternheit für richtig. Sie schützt davor, aus einem Augenblick einen Rang zu machen und im Zendo eine heimliche Leiter aufzustellen.

Wie weit diese Zurückhaltung geht, sieht man an den Wörtern selbst. In den Vorträgen von Reb Tenshin Anderson, einem Zen-Meister aus Kalifornien, kommt das Wort Satori nicht vor. In dem Band, der sie versammelt, steht es nur in einem Text, den er nicht geschrieben hat: in dem Vers, den seine Gemeinschaft in der Morgenzeremonie rezitiert, dem Samadhi des Schatzspiegels.

„Das gehört weder zur Illusion noch zum Satori.“

Samadhi des Schatzspiegels von Tung-shan Liang-chieh, in der Fassung von Taisen Deshimaru, Kristkeitz 1981, abgedruckt bei Tenshin Reb Anderson, Ein warmes Lächeln vom kalten Berg, Theseus, Seite 111

Weder Illusion noch Satori. Das wertet die Erfahrung nicht ab. Es nimmt ihr den Platz in einer Rangfolge. Was geschehen ist, wird nicht dadurch wahr, dass es den richtigen Namen bekommt, und nicht dadurch unwahr, dass der Name fehlt.

Doch ein guter Schutz kann hart werden. Der Satz „Mach daraus keinen Rang“ kann bei einem Menschen, der allein geblieben ist, ankommen wie: „Sprich lieber nicht darüber.“ Wo eine Tradition keinen Ort für besondere Erfahrungen schafft, kann ein Mensch mit einer besonderen Erfahrung seinen Ort verlieren.

Das ist kein Grund, nun jede Weite, jedes Licht und jede Erschütterung Kenshō zu nennen. Der erste Teil dieses Lesewegs hat Erfahrung und Deutung voneinander getrennt. Diese Unterscheidung bleibt. Aber sie beantwortet noch nicht die Frage dieses Textes. Die Deutung darf offen sein. Der Mensch braucht trotzdem ein Gegenüber.

Das plötzliche Sehen und das lange Bleiben

In der Aufzeichnung des Laien Pang folgt auf einen einzigen Satz des Chan-Lehrers Mazu ein plötzliches Aufgehen. Dann setzt die Überlieferung etwas scheinbar Unscheinbares daneben:

Bei diesen Worten sah der Laie es mit einem Mal. […] Danach blieb er noch zwei Jahre bei Mazu und übte unter ihm.

Aufzeichnung des Laien Pang, Fall 2, eigene Übersetzung nach der englischen CC0-Arbeitsausgabe von koan.ehrlich.dev

Wir wissen nicht, was in diesen zwei Jahren geschah. Die Quelle liefert keinen Plan für die Zeit nach einer außergewöhnlichen Erfahrung. Sie sagt nicht, welche Zweifel Pang hatte, worüber er mit Mazu sprach oder was sich in seinem Alltag veränderte. Gerade deshalb ist ihre Reihenfolge so stark. Das plötzliche Sehen steht da. Und das lange Bleiben steht gleich dahinter.

Ein Augenblick kann sich mit einem Mal öffnen. Eine Beziehung zu diesem Augenblick wächst langsamer. Das Bleiben macht die Erfahrung nicht größer und nicht kleiner. Es hält nur die Frage offen, wie ein Mensch mit dem weiterlebt, was sich nicht wieder schließen lässt.

Pang hatte einen Ort und einen Menschen. Viele Menschen, für die dieser Text geschrieben ist, hatten beides nicht.

Wofür ein Zeuge zuständig ist

Ein Zeuge für eine außergewöhnliche Erfahrung muss kein Urteil fällen. Er muss nicht bestätigen, dass es Kenshō war. Er muss auch nicht beweisen, dass es etwas anderes war. Vielleicht ist seine erste Aufgabe viel schlichter: Er hört zu, ohne aus dir einen Erwachten, einen Fall oder einen Irrtum zu machen.

Du darfst nach einem Menschen suchen, der Erfahrung mit Zen-Praxis hat und ihre Grenzen kennt. Jemandem, dem du sagen kannst: „Du musst mir nicht erklären, was es war. Bleib einen Augenblick bei mir und hilf mir, es nicht größer und nicht kleiner machen zu müssen.“ Eine solche Begleitung nimmt dir die Erfahrung nicht ab. Sie gibt ihr auch keinen Rang. Sie hilft nur, dass du dich in der Frage nicht selbst verlassen musst.

Dabei bleibt eine klare Grenze. Wenn du über längere Zeit kaum schläfst, dich nicht mehr verlässlich orientieren kannst oder für dich und andere nicht sicher bist, ist ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe der nächste Schritt. Eine erfahrene Übungsbegleitung erkennt das und ersetzt keine Behandlung. Hilfe anzunehmen macht das Geschehene weder unwahr noch unbedeutend.

Wenn diese Grenze nicht berührt ist, darf etwas offenbleiben. Vielleicht wirst du nie sicher wissen, ob Kenshō das richtige Wort war. Vielleicht ist die Sicherheit über den Namen gar nicht das, was damals gefehlt hat.

Der Montag danach

Der Montag in diesem Titel ist kein Wochentag. Er beginnt dort, wo eine Erfahrung nicht mehr von ihrer eigenen Kraft getragen wird. Das Telefon klingelt. Das Geschirr wartet. Andere Menschen wissen nichts von dem, was geschehen ist. Die großen Worte von gestern passen heute nicht mehr recht in den Mund.

Reb dreht die Richtung um, in der wir dabei gewöhnlich denken. Er spricht über ein Sesshin und sagt, es sei nicht nur das Tor, durch das man aus dem Alltäglichen hinausgeht:

In einem steinernen Treppenhaus trägt eine Frau einen vollen Wäschekorb die Stufen hinunter, von oben fällt warmes Licht, unten wartet kühler Schatten.
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Das Tor

»Das ist das natürliche Tor, durch das man die Alltäglichkeit von der Erleuchtung her betritt.«

— Tenshin Reb Anderson, Ein warmes Lächeln vom kalten Berg, Theseus, Seite 114

Das ist der Montag danach. Nicht die Rückkehr in ein gewöhnliches Leben, das man für eine Weile verlassen hatte. Sondern das Betreten desselben Lebens von der anderen Seite her, mit demselben Geschirr und demselben Telefon.

Reb gibt beiden Richtungen einen Namen. Neben dem Tor der Verwirklichung, dem „Eingehen aus der Alltäglichkeit in das Erwachen“, stehe ein zweites: das „Tor der Natürlichkeit und Spontaneität“, das „Eingehen vom Erwachen in die Alltäglichkeit“. Was er zu diesem zweiten Tor sagt, ist keine Erklärung. Es ist eine Geschichte, die er kurz vor dessen Tod von Suzuki Roshi gehört hat.

Ein Junge von acht oder zehn Jahren lebt im Kloster und wird zum Laden geschickt, Eingemachtes fürs Abendessen holen. Unterwegs bleibt er vor einem bunten Holzschnitt stehen, einer Zirkuswerbung. Wie lange, weiß niemand. Dann hört er die Glocke zur Abendzeremonie, rennt zum Laden und verlangt es. Der Mann fragt zurück: was denn. Das Eingemachte, sagt der Junge, nimmt es und rennt los. Kurz vor dem Kloster fällt ihm ein, dass sein Hut im Laden liegt. Also noch einmal hin, und wieder verlangt er es, und wieder fragt der Mann: was denn. Seinen Hut, sagt der Junge. Und der Mann sagt: „Der ist doch auf deinem Kopf.“

Nacherzählt nach Tenshin Reb Anderson, Ein warmes Lächeln vom kalten Berg, Theseus, Seite 38; die Antwort des Mannes im Wortlaut

Der Hut war die ganze Zeit oben. Nicht verloren, nicht gefunden, nur nie bemerkt. Reb sagt, die Geschichte erinnere ihn an sein eigenes Leben, so etwas könne er auch tun. Und was Suzuki Roshi hinterhersetzte, macht sie für ihn zu einem Juwel:

„Er war ein sehr guter Junge.“

Tenshin Reb Anderson, Ein warmes Lächeln vom kalten Berg, Theseus, Seite 39

Kein Tadel für das Rennen. Keine Belehrung über das Vergessen. Der Junge wird nicht kleiner dadurch, dass der Hut auf seinem Kopf saß, und nicht größer dadurch, dass er zweimal gelaufen ist. Reb setzt hinzu, er sei ein Buddha gewesen, und zwar nicht nur, weil er später ein großer wurde, sondern weil er damals schon ein kleiner war.

Das ist der Montag danach in einem Bild. Du läufst wegen einer Sache los, die du längst trägst, und jemand sagt es dir freundlich.

Dann kann Übung bedeuten, dem Augenblick weder hinterherzulaufen noch ihn zu verleugnen. Du sitzt wieder. Du gehst wieder. Du lässt eine Gemeinschaft größer sein als deine Geschichte. Nicht damit das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen verschwindet, sondern damit es nicht allein bestimmen muss, wer du von nun an bist.

Hakuins Selbstnatur ist eine Nicht-Natur. Sie gehört niemandem. Vielleicht ist das die zennige Zumutung in dieser Frage: Du allein hast erlebt, was du erlebt hast, und gerade deshalb musst du es nicht zu deinem Besitz machen. Doch daraus folgt nicht, dass du seinen Nachklang allein tragen sollst.

Vielleicht ist der Zeuge, den du suchst, gar nicht für die Erfahrung zuständig. Vielleicht ist er für dich da.

Pang sah es mit einem Mal. Dann blieb er zwei Jahre.

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt der Montag danach. Nicht als Rückfall ins gewöhnliche Leben. Als die Zeit, in der sich zeigt, ob ein Mensch mit dem, was geschehen ist, irgendwo bleiben darf.

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