Zen im Leben

Patriotismus und Buddhismus

Zen und Frieden, Teil acht: über Heimat, Patriotismus und das zweite Ich, das nicht ich sagt, sondern wir.


Eine Gruppe von Menschen hält auf einer Anhöhe im Abendlicht ein großes Leinentuch gegen den Wind, wenige Schritte daneben steht eine einzelne Person außerhalb des Tuchs.
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Dieser Essay ist der achte Teil des Lesewegs „Zen und Frieden“.

Auf dem Kissen trägt niemand eine Fahne. Und doch sitzt niemand ohne Herkunft da.

Unsere ersten Wörter haben wir nicht gewählt. Auch nicht den Geschmack des Brotes, das uns vertraut ist, den Klang einer Stimme aus der Kindheit oder die Art, wie Regen in einer bestimmten Landschaft riecht. Lange bevor wir eine Meinung über unser Land hatten, war es schon in unserem Körper und in unserer Sprache.

Das muss man nicht kleinreden. Wer so tut, als könne ein Mensch ohne Herkunft leben, macht sich nur unsichtbar für sich selbst. Heimat beginnt nicht als Überzeugung. Sie beginnt als Vertrautheit.

Schwierig wird es an einer anderen Stelle. Aus etwas, das wir empfangen haben, wird etwas, auf das wir stolz sein sollen. Aus Nähe wird Verdienst. Und aus vielen verschiedenen Dingen wird ein einziges großes Wort, dem wir Treue schulden.

Wenn Land alles zugleich heißt

Wenn wir Land sagen, meinen wir vieles. Eine Sprache, eine Landschaft, einen Staat, seine Regierung, seine Gesetze, seine Küche, seine Schulen, seine Friedhöfe und die Geschichten, die erzählt oder verschwiegen werden. Nichts davon ist dasselbe. Das Wort bindet es trotzdem zu einer Gestalt zusammen.

Gerade darin liegt seine Macht. Ein Land erscheint plötzlich wie eine Person. Es soll geehrt werden, es kann angeblich gekränkt werden, es hat Freunde, Feinde und einen Ruf zu verlieren.

Aber ein Land ist keine Person. Es kann nicht beleidigt sein. Menschen können beleidigt sein. Eine Regierung kann kritisiert werden. Eine Verfassung kann geschützt werden. Eine Sprache kann geliebt, ein Wald kann zerstört und eine Geschichte kann gefälscht werden. Sobald wir genauer sprechen, sehen wir wieder, was wirklich vor uns liegt.

Patriotismus kann versprechen, diese Unterschiede nicht mehr aushalten zu müssen. Er macht dann aus allem ein Ganzes und aus dem Ganzen ein Wir. Wer einen Teil kritisiert, scheint das Ganze anzugreifen. Wer eine Geschichte anders erzählt, gilt schnell als jemand, der nicht richtig dazugehört.

Die Frage ist deshalb nicht nur, ob wir unser Land lieben dürfen. Die genauere Frage lautet: Was geschieht mit uns, wenn dieses Land wir sagt.

Das zweite Ich

Brian Daizen Victoria nennt den Staat das kollektive Ego seiner Bürger:innen. Das ist seine Deutung, kein buddhistischer Lehrsatz. Sie trifft trotzdem eine empfindliche Stelle.

Das kleine Ich kennen wir aus der Übung. Es möchte gelobt werden. Es verteidigt sich, wenn es sich gekränkt fühlt. Es macht aus einem Fehler lieber eine Erklärung und aus fremdem Erfolg manchmal eine Bedrohung. Im Zazen kann man dieser Bewegung eine Weile zusehen, ohne ihr sofort zu folgen.

Das große Wir tut etwas Ähnliches, nur klingt es dabei nicht wie Anhaftung. Es klingt wie Anstand. Es fragt nicht: Bin ich etwas wert? Es fragt: Sind wir ein gutes Volk, eine große Kultur, ein besonderes Land?

Wenn eine Nationalmannschaft gewinnt, haben wir gewonnen. Wenn ein Amt einen Fehler macht, waren es die da oben. Das ist keine große Bosheit. Es ist eine kleine, beinahe heitere Bewegung, an der man sehen kann, wie geschickt das Wir fremden Ruhm übernimmt und fremde Schuld wieder abgibt.

Patriotismus kann deshalb ein verborgenes Versprechen tragen. Der Zufall der Geburt soll sich wie eine eigene Leistung anfühlen. Was Menschen vor uns geschaffen haben, macht uns größer. Was sie angerichtet haben, bedroht unseren Wert. So wird die Geschichte eines Landes zum Spiegel, vor dem wir abwechselnd stolz dastehen und beschämt den Blick senken.

Der Rand

»Das Wort wir ist klein. Sein Rand kann sehr groß werden.«

— Eine Zeile aus diesem Essay

Stolz, Scham und Verantwortung

Auf einen Tisch, den ich gebaut habe, kann ich stolz sein. Die Sprache, in die ich geboren wurde, habe ich nicht gemacht. Auch die Landschaft, die mir vertraut ist, stammt nicht von mir. Dankbarkeit ist dafür oft das genauere Wort. Sie braucht keinen fremden Menschen, über den sie sich erheben muss.

Mit der Scham ist es anders. Wer später geboren wurde, trägt nicht die persönliche Schuld für frühere Taten. Aber die Folgen verschwinden nicht, nur weil die Schuld nicht die eigene ist. Wir leben mit Gesetzen, Einrichtungen, Erzählungen und Lücken, die vor uns entstanden sind. Dafür kann Verantwortung wachsen, ohne dass wir uns die Taten selbst zuschreiben.

Im vierten Teil dieser Reihe habe ich von der Prüfung nach meiner Kriegsdienstverweigerung erzählt. Für mich als jungen Mann war die Sache einfach: „Aus Deutschland darf kein Krieg mehr hervorgehen. Deswegen nehme ich keine Waffe in die Hand.“

In diesem Satz steht Deutschland, nicht irgendein Land. Die Zugehörigkeit wurde darin weder gefeiert noch geleugnet. Sie machte eine Verantwortung konkret. Genau das ist etwas anderes als Stolz. Verantwortung fragt nicht, was die Geschichte dieses Landes für meinen Wert bedeutet. Sie fragt, was an diesem Ort durch mein Handeln weitergeht.

Der Hasenbach fließt durch unser Tal. Wenn sein Wasser verschmutzt wird, betrifft das die Menschen, Tiere und Pflanzen hier unmittelbar. Seine Nähe macht ihn zu unserer Aufgabe. Sie macht ihn nicht wertvoller als einen fernen Bach.

Nähe begründet Verantwortung. Sie begründet keinen höheren Wert. Dieser Satz ist nicht die Entdeckung des Essays, denn wir haben denselben Unterschied schon bei der Familie berührt. Beim Land kommt etwas hinzu: Das große Wir kann seine Nähe in Gesetze, Grenzen, Ämter und Befehle verwandeln. Eine Empfindung bekommt Macht.

Darum reicht es nicht, Patriotismus als privates Gefühl zu behandeln. Ein Mensch kann seine Heimat still lieben. Sobald aus dieser Liebe aber die Forderung wird, andere müssten sich unterordnen, dankbar zeigen oder ihre Zugehörigkeit beweisen, spricht nicht mehr nur ein Gefühl. Dann benutzt das große Wir seine Macht.

Wenn die Sangha zur kleinen Heimat wird

Ein solches Wir braucht kein Staatsgebiet. Auch eine Sangha kann zur kleinen Heimat werden. Wer regelmäßig mit denselben Menschen sitzt, rezitiert, arbeitet und isst, kennt die Formen, die Stimmen und die stillen Gewohnheiten. Aus diesem Ort wird irgendwann „bei uns“.

Die Phönix Wolken Sangha, die Sangha der Altbäckersmühle, ein Zenkreis an einem anderen Ort: Solche Namen helfen Menschen, einander zu finden und eine Übung gemeinsam zu tragen. Auch Soto, Rinzai und die vielen anderen Namen buddhistischer Schulen geben einer Überlieferung eine Gestalt. Der Name ist nicht das Problem. Ohne ein Wir gäbe es keine Sangha.

Aber aus „Das ist unsere Form“ wird leicht „Das ist die eigentliche Form“. Die Praxis der eigenen Schule erscheint tiefer, klarer oder ursprünglicher als die der anderen. Was die Menschen unserer Linie erkannt haben, macht uns ein wenig größer. Was in ihrer Geschichte schwer wiegt, wird zur bedauerlichen Ausnahme. Das ist Patriotismus im Kleinen: Das Empfangene wird wieder zum eigenen Verdienst.

Gerade die Sangha macht die Prüfung anschaulich. Bindet das Wort „uns“ mich stärker an die Menschen, mit denen ich übe, oder macht es die anderen kleiner? Lässt die Zugehörigkeit Kritik zu, oder klingt Kritik schon wie Verrat? Eine Gemeinschaft lebt von ihrem Wir. Die Übung beginnt dort, wo dieses Wir nicht den Vorsitz übernimmt.

Wo das Wir hörbar wird

Zen nimmt uns die Herkunft nicht weg. Es macht aus niemandem einen Menschen von nirgendwo. Die Übung beginnt viel näher. Sie lässt uns bemerken, wie Herkunft gerade wirkt, bevor wir sie für eine Wahrheit über unseren Wert halten.

Der Körper ist oft zuerst da. Eine Hymne, eine Fahne, ein vertrauter Dialekt oder ein Satz über das eigene Land können Wärme auslösen. Ebenso Enge, Trotz oder Abwehr. Daran ist zunächst nichts gut oder schlecht. Ein Gefühl ist noch kein Auftrag. Wir können einen Atemzug lang merken, dass der Körper schon Stellung bezogen hat, während der Kopf noch Gründe sucht.

In der Rede zeigt sich der Rand. Wir sagen wir viele Male am Tag. Wir in der Küche, wir im Zendo, wir hier im Tal. Oft ist das freundlich und genau. Manchmal macht das Wort aus den Menschen am selben Tisch schon eine bessere Art von Menschen. Oder es meint plötzlich Millionen, die einander nicht kennen, und schiebt andere ebenso mühelos hinaus.

Im Geist beginnt der Vergleich. Etwas Vertrautes genügt nicht mehr. Es muss besser, tiefer, ordentlicher oder anständiger sein als anderswo. So wird aus Liebe eine Rangordnung, ohne dass wir den Übergang bemerken.

Die drei Bewegungen gehören zusammen. Der Körper zieht sich zusammen, die Rede baut ein Wir, der Geist liefert den Vergleich. Kein Entschluss beendet das. Man kann nur lernen, früher hinzusehen.

Sechs Menschen tragen gemeinsam einen langen Holzbalken einen nassen Schieferweg durch den Buchenwald hinauf, ein siebter Mensch kommt ihnen entgegen und bleibt stehen.
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Eine kleine Übung mit einem kleinen Wort

Achte in den nächsten Tagen auf das Wort wir in deinen eigenen Sätzen. Nicht nur bei großen politischen Fragen. Gerade dort, wo es beiläufig kommt.

Wenn du es hörst, bleib einen Augenblick dabei. Wer ist wirklich gemeint? Wer steht am Rand dieses Wortes? Und was soll die Zugehörigkeit gerade beweisen? Stell dieselben Fragen, wenn das Wir nur die Menschen im eigenen Zendo meint.

Manchmal ist die Antwort schlicht. Wir schneiden Gemüse, das sind die Menschen am Tisch. Manchmal wird sie komisch. Wir haben das Endspiel gewonnen, obwohl wir nicht einmal im Stadion waren. Und manchmal wird sie unbequem, weil das Wort einen Menschen hinausgeschoben hat, bevor sein Name überhaupt fiel.

Es geht nicht darum, das Wir abzuschaffen. Ohne ein Wir gibt es keine Sangha, keine gemeinsame Arbeit und keine Verantwortung. Es geht darum, das Wort zu hören, während wir es sprechen.

Was auf dem Kissen bleibt

Ich weiß nicht, ob Patriotismus ein buddhistisches Wort werden kann. Der Buddhismus muss es weder segnen noch verbieten. Er kann prüfen, was darin geschieht.

Hält die Zugehörigkeit Kritik aus? Braucht sie den Vergleich? Macht sie die Verantwortung für das Nahe genauer oder das Leben der Ferneren unwirklicher? Ob wir dabei an ein Land denken, an unsere Sangha oder an unsere Schule, die Prüfung bleibt dieselbe. Solche Fragen geben kein sauberes Urteil über ein Wort. Sie zeigen nur, in welche Richtung es uns bewegt.

Im Zazen verschwinden weder die Sprache noch die Geschichte. Ein vertrautes Lied kann auftauchen, ebenso Scham, Freude oder Zorn. Aber nichts davon muss den Vorsitz übernehmen. Die Herkunft darf eine Bedingung unseres Lebens sein, ohne zum Beweis unseres Wertes zu werden.

Wenn wir aufstehen, sind wir noch immer hier. An diesem Bach, in dieser Sprache, mit dieser Geschichte. Wir dürfen den Ort lieben, pflegen, kritisieren und verändern. Er gehört uns nur nicht wie ein Besitz, und wir sind ihm nicht unterworfen.

Wir gehören hierher. Daraus folgt nicht, dass uns dieser Ort gehört. Es folgt, dass wir hier nicht achtlos leben dürfen.

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