Zen im Leben

Makyō

Was Zen über außergewöhnliche Bewusstseinszustände sagt


Ein Mensch sitzt aufrecht in der Morgensonne vor einer hellen Hauswand, sein großer Schatten an der Wand trägt eine Krone.
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Manchmal wird die Wand beim Sitzen hell.

Nicht im übertragenen Sinn. Da ist wirklich ein Licht, obwohl sich im Raum nichts verändert hat. Der Körper wird weit oder verschwindet für einen Augenblick. Ein Klang scheint aus großer Ferne zu kommen und zugleich mitten aus der Brust. Vielleicht ist da eine Stille, die alles Gewohnte übersteigt. Vielleicht kommt Angst auf, so plötzlich und stark, dass das Sitzen abgebrochen werden muss.

Wer so etwas erlebt, steht hinterher oft mit zwei Fragen da. Was war das? Und was sagt es über mich?

Die erste Frage gilt der Erfahrung. Die zweite beginnt bereits, eine Geschichte daraus zu machen.

Mit diesem Text beginnt der Leseweg „Nachklang“. Er handelt von Erfahrungen, die nicht einfach vorbei sind, wenn der Augenblick endet. Etwas klingt weiter. Man erzählt davon, denkt darüber nach, sucht eine Einordnung. Manchmal liegt das Geschehen Jahre zurück und hat längst viele Worte bekommen. Trotzdem ist da noch etwas, das sich mit Nachdenken allein nicht beruhigen lässt.

Ein altes Wort für etwas Befremdliches

Im japanischen Zen hat sich für ungewöhnliche Erscheinungen während der Meditation das Wort Makyō eingebürgert. Gemeint sein können Lichter, Bilder, Stimmen, Veränderungen des Körpergefühls, große Freude, tiefe Ruhe oder erschreckende Zustände. Das Wort ist kein ärztlicher Begriff. Es stellt keine Diagnose. Es ist zunächst eine nüchterne Markierung aus der Übung: Auch das kann geschehen.

Die Sache ist älter als das japanische Wort. Schon chinesische Meditationslehren aus dem sechsten und achten Jahrhundert beschreiben störende Erscheinungen und Zustände in großer Genauigkeit. Das ist bemerkenswert. Dieselben Überlieferungen, die solche Phänomene sorgfältig kennen, raten dazu, ihnen nicht zu folgen.

Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich. Wenn es unwichtig ist, warum wurde es dann über Jahrhunderte beschrieben?

Vielleicht weil Nichtbeachten etwas anderes ist als Nichtwissen. Wer eine Erscheinung nicht kennt, kann von ihr überwältigt werden oder sie vorschnell für eine Botschaft halten. Wer sie kennt, muss sie weder wegreden noch anbeten. Er kann sie wahrnehmen und auf dem Kissen bleiben.

Die alte Nüchternheit des Zen lautet nicht: Da war nichts.

Sie lautet: Mach aus dem, was da war, nicht zu schnell eine Wahrheit über dich und die Welt.

Die Erfahrung ist wirklich, die Deutung noch nicht

Wenn du ein Licht gesehen hast, hast du ein Licht gesehen. Wenn sich jede Grenze des Körpers auflöste, war diese Grenzenlosigkeit deine Erfahrung. Wenn du von Angst erfasst wurdest, war auch diese Angst wirklich. Niemand muss dir einreden, das sei bloß Einbildung und deshalb bedeutungslos.

Aber zwischen einer Erfahrung und ihrer Deutung liegt ein Schritt. Oft ist er so schnell, dass wir ihn nicht bemerken.

Aus einem Licht wird ein Zeichen. Aus großer Weite wird eine erreichte Stufe. Aus einem Augenblick ohne die gewohnte Ichgrenze wird der Satz, man habe das Ich endgültig überwunden. Aus Angst wird die Gewissheit, etwas Fremdes habe Besitz von einem ergriffen.

Das Geschehen kann stark sein. Seine erste Erklärung muss deshalb noch lange nicht stimmen.

Hier liegt die eigentliche Fürsorge der Zenpraxis. Sie nimmt dem Erlebnis nicht seine Würde. Sie nimmt ihm nur das Amt, über dein Leben zu bestimmen. Das Außergewöhnliche darf außergewöhnlich bleiben, ohne zum Orakel zu werden.

Das hartnäckigere Makyō

Eine weitere Auslegung führt noch näher an unseren Alltag. Wir können nicht nur aus einer Wand ein Gesicht oder aus einem Licht eine Botschaft machen. Wir machen auch aus uns selbst und aus anderen Menschen feste Bilder.

Da ist dann die Person, die eine besondere Erfahrung hatte. Die Erwachte. Der Gescheiterte. Die Auserwählte. Der Kranke. Diejenige, die etwas gesehen hat, was die anderen nicht verstehen. Oder der Mensch, der sich schämt, weil alle anderen von tiefen Zuständen erzählen und bei ihm beim Sitzen nur das Knie wehtut.

Das Bild

»Die Erscheinung mag nach Minuten vorüber sein. Das Bild von uns selbst kann Jahre bleiben.«

— Eine Zeile aus diesem Essay

Vielleicht ist das die hartnäckigere Täuschung. Nicht das Licht hinter geschlossenen Augen, sondern der Name, den wir uns danach geben.

Damit betrifft Makyō auch Menschen, die nie eine Vision hatten. Wir alle ziehen aus flüchtigen Erfahrungen feste Schlüsse. Ein misslungener Abend wird zum Beweis, dass wir nicht dazugehören. Eine ruhige Meditation wird zum Beweis, dass wir endlich richtig üben. Ein Streit macht aus einem lebendigen Gegenüber den immer gleichen schwierigen Menschen. Der Geist sieht nicht nur. Er ordnet, verdichtet und hält fest.

Im Zazen lässt sich dieser Vorgang beobachten. Ein Geräusch ist da. Dann der Gedanke über das Geräusch. Dann der Ärger über den Gedanken. Kurz darauf sitzt ein ganzes Ich im Raum, das heute wieder nicht ungestört meditieren darf.

Makyō ist deshalb nicht nur ein exotisches Randthema. Es berührt eine Grundfrage der Praxis: Wie können wir einer Erfahrung ganz begegnen, ohne sie sofort zu Besitz, Beweis oder Identität zu machen?

Außergewöhnlich heißt nicht selten, aber auch nicht heilsam

Eine Untersuchung aus dem Jahr 2017 hat meditierende Menschen zu schwierigen und unerwarteten Wirkungen ihrer Praxis befragt. 42 Prozent der Befragten berichteten von Halluzinationen, Visionen oder Illusionen. 33 Prozent nannten Lichterscheinungen.

Diese Zahlen sagen nicht, wie häufig solche Erfahrungen unter allen Meditierenden vorkommen. Die Befragten waren gerade wegen auffälliger Erfahrungen ausgewählt worden. Die Zahlen zeigen etwas anderes: Was einem einzelnen Menschen völlig sonderbar und vielleicht beschämend vorkommt, ist in der Geschichte der Meditation nicht unbekannt.

Sie zeigen auch, warum eine einzige Deutung nicht genügt. Bestimmte Zustände werden in manchen Übungswegen bewusst gesucht. In anderen gelten sie als unzuverlässige Hindernisse. Derselbe Zustand kann als Fortschritt, Störung, Begleiterscheinung oder Krise gelesen werden.

Die Intensität einer Erfahrung entscheidet nicht darüber, welche Deutung richtig ist. Und sie entscheidet auch nicht darüber, ob die Erfahrung heilsam wirkt. Das zeigt sich erst später. Macht sie dich wahrhaftiger und aufmerksamer? Oder macht sie dich abhängig von dem Wunsch, sie zu wiederholen? Wirst du durchlässiger für andere? Oder wird das Erlebnis zu einem Rangabzeichen, das dich von ihnen trennt?

Zen fragt nicht zuerst, wie hoch du gekommen bist. Es schaut, wie du nachher die Schale hältst, einem Menschen antwortest und mit deiner eigenen Unruhe umgehst.

Wenn die Erfahrung nicht auf dem Kissen begann

Außergewöhnliche Zustände entstehen nicht nur in der Meditation. Sie können spontan auftreten, in einer Zeit großer Erschöpfung oder Erschütterung, im Zusammenhang mit einer Zeremonie oder nach der Einnahme einer psychoaktiven Substanz. Keine dieser Türen macht eine Erfahrung von selbst wahrer, falscher, heiliger oder wertloser.

Für die Begleitung ist die Entstehung trotzdem wichtig. Ein Zustand nach intensiver Meditation braucht möglicherweise eine andere Antwort als ein Zustand nach einer Substanz. Zen gibt keine Hinweise zur Beschaffung oder Dosierung. Es verleiht einer Substanzerfahrung auch nicht nachträglich einen geistlichen Rang. Die Frage ist schlichter und ernster: Was geschieht jetzt, und was hilft dir, wieder verlässlich im eigenen Leben zu stehen?

Makyō darf dabei nicht zum Etikett werden, mit dem alles erklärt und jede Sorge beiseitegeschoben wird. Der Rat, weiterzusitzen, gehört in eine stabile Übungssituation. Er ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Hilfe.

Wenn eine Erfahrung nicht abklingt, wenn Schlaf, Orientierung oder Alltag deutlich beeinträchtigt sind, wenn große Angst bleibt oder du fürchtest, dich oder andere zu gefährden, braucht es fachliche Hilfe. Eine verantwortliche Zenbegleitung erkennt diese Grenze. Sie macht keine Faxen um ungewöhnliche Erfahrungen. Sie macht aber ebenso wenig eine Zenprüfung daraus, ob jemand allein damit fertigwird.

Körper, Rede und Geist

Eine Erfahrung lässt sich an drei Orten prüfen, ohne dass wir sie vorschnell auflösen müssen.

Der erste Ort ist der Körper. Essen, trinken, schlafen, gehen, den Boden unter den Füßen spüren. Nicht als Trick, um etwas Besonderes kleinzumachen. Der Körper sagt oft früher als jede Deutung, ob ein Mensch wieder Halt findet. Manchmal ist es sinnvoll, die Übung für eine Zeit zu vereinfachen oder zu unterbrechen und das mit einer erfahrenen Leitung zu besprechen.

Der zweite Ort ist die Rede. Du kannst erzählen, was tatsächlich geschah, bevor du sagst, was es bedeuten soll. Da war ein Licht. Die Grenzen des Körpers waren nicht mehr zu spüren. Es dauerte vielleicht zehn Minuten. Danach kam Angst. Eine solche Sprache bleibt nah an der Erfahrung. Sie gibt einem Gegenüber die Möglichkeit, mit dir hinzusehen, statt nur deiner fertigen Erklärung zuzustimmen oder sie abzuwehren.

Der dritte Ort ist der Geist. Welche Sätze sind nach dem Erlebnis hinzugekommen? Bin ich nun weiter als andere? Bin ich beschädigt? Muss es wieder geschehen? War es eine Botschaft? Gerade diese Sätze verdienen Aufmerksamkeit. Nicht weil sie verboten wären, sondern weil sie aus einem offenen Geschehen sehr schnell ein Gefängnis bauen können.

Du kannst dir drei Fragen stellen:

  1. Was habe ich tatsächlich wahrgenommen?
  2. Welche Bedeutung habe ich hinzugefügt?
  3. Was braucht mein Leben heute von mir?

Die dritte Frage bringt die Erfahrung zurück in die Welt. Vielleicht ist heute kein großes Verständnis nötig. Vielleicht braucht es Schlaf, ein Gespräch, einen Arzttermin, eine einfachere Übung oder nur den nächsten gewöhnlichen Schritt.

Der Nachklang

Zen ist an außergewöhnlichen Zuständen weder besonders beeindruckt noch besonders erschrocken. Das kann kühl wirken. In seiner besten Form ist es eine große Freundlichkeit. Du musst das Erlebte nicht leugnen. Du musst daraus aber auch niemand werden.

Die Erfahrung darf nachklingen. Vielleicht verändert sie dein Verständnis. Vielleicht verliert sie mit der Zeit an Gewicht. Vielleicht bleibt eine Frage offen. Nicht alles muss sofort eingeordnet werden.

Auf dem Kissen erscheinen Licht, Angst, Weite, Bilder und Stille. Dann erscheint wieder die Wand. Auch die Wand ist kein Rückfall.

Vielleicht beginnt die Übung genau dort: nicht bei der Frage, wie außergewöhnlich ein Augenblick war, sondern bei der Freiheit, ihn nicht festhalten zu müssen.

Ein Mensch sitzt im Morgenlicht auf einer Bank an einer Mühlenwand, über ihm wirft der Schatten eine Krone.
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