Zen im Leben

Klang des Tals, Farbe der Berge

Über Dōgen, eine berühmte Nacht am Bach und die Frage, ob wir der Welt begegnen können, ohne sie zu unserem Erlebnis zu machen.


Ein altes Steinhaus mit Schieferdach und Wasserrad steht unten in einem bewaldeten Tal an einem rauschenden Bach, Nebel zieht zwischen den kahlen Bäumen den Hang hinauf.
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Dieser Essay ist der zweite Teil des Lesewegs „Dōgen im Leben“.

Dōgen im Leben

Kapitel aus Dōgens Shōbōgenzō, nah am Text und nah am Alltag gelesen. Was können uns seine alten Bilder heute noch sehen lassen?

Der Bach tut nichts für uns

Der Hasenbach fließt hinter der Mühle. Am frühen Morgen liegt der Schiefer dunkel am Ufer. Wasser zieht über Wasser, ohne Eile, ohne Absicht. Wer zum ersten Mal hier ist, bleibt manchmal stehen. Wer lange an einem Ort lebt, kann auch an einem Bach vorbeigehen, ohne ihn zu hören.

Das ist keine besondere Unachtsamkeit. Der Kopf sortiert. Er macht aus dem Knarren einer Diele ein Nebengeräusch, aus Regen einen Hintergrund und aus dem Wasser etwas, das eben immer da ist. Nur wenn ein Klang stört oder uns berührt, tritt er nach vorn.

Dann geschieht leicht noch etwas. Wir wollen wissen, was der Augenblick mit uns macht. Beruhigt mich das Wasser? Öffnet der Wald meinen Geist? Ist diese Stille gut für meine Übung? Selbst ein Bach wird so zu einer Antwort auf unsere Fragen.

Dōgens Kapitel Keiseisanshoku beginnt an genau dieser Stelle und lässt sie nicht gemütlich werden. Der Titel bedeutet Klang des Tales, Farbe der Berge. Das klingt nach einem Naturtext. Tatsächlich führt das Kapitel von einer berühmten Nacht am Wasser mitten in die Frage, warum wir überhaupt üben.

Eine Nacht und die lange Zeit davor

Dōgen erzählt von Sotōba, einem Laien und berühmten Schriftsteller. Auf dem Weg zum Berg Ro übernachtete er in einem Tal. In der Nacht hörte er den Bach. Dabei ging ihm auf, was er lange gesucht hatte. Am Morgen schrieb er Verse, in denen der Klang des Wassers zur Sprache des Erwachten und die Farbe der Berge zu dessen Leib wird. Eine ganze Lehre in einer Nacht, und zugleich die Ratlosigkeit, wie sich davon am nächsten Morgen erzählen lässt.

Man kann diese Geschichte wie einen glücklichen Blitz lesen. Ein Mensch geht durch die Natur, hört Wasser, und plötzlich ist alles anders. Dōgen erzählt aber auch die Zeit davor. Sotōba hatte von Jōsō die Frage erhalten, ob die leblosen Dinge die Lehre verkünden. Die Antwort lautete, dass sie es unaufhörlich tun. Sotōba verstand sie nicht. Er legte die Frage trotzdem nicht weg.

Die Nacht kam nicht aus dem Nichts. Im Klang traf eine ungelöste Frage auf Wasser, das längst floss.

Im selben Kapitel erzählt Dōgen von Kyōgen, dessen geliehene Antworten versagten und der jahrelang in der Küche arbeitete, bevor ein Ziegel am Bambus ihn traf. Er erzählt von Reiun, der mehr als dreißig Jahre übte und eines Tages blühende Pfirsichbäume sah. Die Augenblicke sind hell. Dōgen macht aus ihnen aber keine Abkürzung. Hinter jedem steht eine lange, unscheinbare Zeit.

Die ersten beiden Beiträge dieser Reihe haben diese Geschichten ausführlicher erzählt. Hier genügt ihr gemeinsamer Zug: Ein Klang oder ein Anblick kann eine Tür öffnen. Er baut die Tür nicht.

Der Mann vor dem Tor

Zu Sotōbas Versen gibt es eine alte chinesische Gegenstimme. Sie steht nicht in Dōgens Kapitel und ist nur in einer späteren Wirkungsgeschichte überliefert. Danach nannte ein Chan-Lehrer den berühmten Dichter einen Mann vor dem Tor. Wer das Erwachen an Berg und Wasser hänge, stehe noch draußen.

Wie belastbar die Anekdote ist, lässt sich nicht sicher sagen. Ihre Frage ist trotzdem genau. Kann ein Naturerlebnis wahr und tief sein und uns dennoch vor dem Tor stehen lassen?

Sotōbas Verse wurden berühmt. Ein Lehrer bestätigte seine Einsicht. Später erhielt Sotōba eine Kesa und gab seinem Lehrer eine kostbare Schärpe. Dōgen erwähnt beides, den Vers und das Ansehen, das daran hing. Die Menschen priesen den Dichter und hielten seine Höhe für unerreichbar.

Vielleicht liegt die Grenze nicht zwischen einem echten und einem falschen Erlebnis. Vielleicht entsteht sie dort, wo aus dem Erlebnis ein Besitz wird. Etwas, das meine Höhe zeigt. Etwas, das ich erzählen kann. Etwas, mit dem ich mich selbst wieder in die Mitte stelle.

Kein Mittel

»Der Bach ist kein Mittel. Ich bin nicht der Zweck.«

— Eine Zeile aus diesem Essay, kein Zitat Dōgens

Der Zorn nach der Schönheit

Nach den Bergen und Flüssen wird Dōgens Text über mehrere Seiten scharf. Er spricht von Menschen, die den Buddha-Weg für Ruhm, Wohlstand und die Nähe zu Mächtigen benutzen. Er warnt davor, die eigene Übung zu zeigen, damit andere sie bemerken. An manchen Stellen wird seine Sprache grob.

Man könnte diesen Teil beim Lesen überspringen. Er stört die schöne Nacht am Bach. Gerade deshalb gehört er dazu.

Aus Sotōbas Hören ist eine berühmte Geschichte geworden. Aus seinem Vers ist Ansehen erwachsen. Dōgen stellt beides nebeneinander und fragt damit nicht nur, ob wir den Bach hören. Er fragt, wer aus diesem Hören etwas machen will.

Unser innerer Satz muss nicht prahlen. Er kann ganz bescheiden klingen: Ich übe. Ich verstehe. Ich bin auf einem Weg. Ich habe etwas erlebt. Ich habe etwas vorzuweisen.

Solange dieser Satz mitläuft, steht neben dem Bach noch jemand, der zusieht und mitzählt. Selbst die Erfahrung, für einen Augenblick niemand zu sein, kann eine Minute später dem eigenen Bild dienen.

Das macht den Augenblick nicht wertlos. Es zeigt nur, wie schnell wir auch aus dem Loslassen wieder etwas nehmen.

Zurückkehren, ohne fort gewesen zu sein

Mitten im Kapitel fragt ein Mönch den alten Lehrer Chōsa, wie wir Berge, Flüsse und die Erde besitzen können. Chōsa antwortet nicht auf den Besitz. Er gibt die Frage zurück und macht daraus die Frage, wie wir zu Bergen, Flüssen und der Erde zurückkehren können.

Die erste Frage steht draußen und greift hinein. Die zweite merkt, dass dieses Draußen selbst schon die Täuschung war.

Zurück wohin? Es ist ja niemand fortgegangen.

Dōgen treibt den Gedanken weiter. Er lässt den Berg fließen und den Fluss sitzen. Fest und bewegt tauschen die Plätze. Der Mensch hier und die Natur dort lassen sich nicht mehr sauber trennen. Nicht weil alles dasselbe wäre. Sondern weil die Grenze, von der aus wir besitzen wollten, keinen festen Ort findet.

Rückkehr ist dann kein Ausflug in den Wald. Sie ist auch kein Zustand, den wir festhalten könnten. Vielleicht ist sie der Augenblick, in dem das Wasser nicht mehr für unsere Ruhe zuständig ist und der Berg nichts über unsere Tiefe beweisen muss.

Reue beginnt im Körper

Was schlägt Dōgen an dieser Stelle vor? Er spricht von Reue. Das Wort klingt für heutige Ohren schnell nach Schuld und Beschämung. Im Kapitel ist es ein Vorgang, der im Körper beginnt. Die Gedanken sammeln. Den Körper gerade aufrichten. Sich verbeugen. Offenlegen, was war. Aufhören, es zu verteidigen.

Reue heißt hier nicht, sich selbst schlechtzumachen. Sie heißt, die Richtung zu berichtigen. Zu bemerken, wo wir uns in die Mitte gestellt haben, und für einen Augenblick nicht um diese Mitte zu kreisen.

Dōgen verbindet diese Bewegung damit, dass die Trennung zwischen mir und den anderen nachlässt. Danach, sagt er, können die vielen Verse von Tal und Bergen gehört werden.

Das klingt beinahe wie ein Handel. Richte dich aus, dann spricht die Welt zu dir.

Doch Dōgen nimmt den Handel im nächsten Schritt wieder fort. Ob sich der Klang des Baches und die Farbe der Berge uns auftun oder nicht, die Verse sind ohnehin da. Nicht nur in einer besonderen Nacht. Nicht erst, wenn wir bereit sind.

Der Weg kann das Sprechen der Welt nicht herstellen. Vielleicht macht er uns nur weniger beschäftigt mit dem Wunsch, es zu besitzen.

Eine kleine Übung: einen Klang zu Ende hören

Nimm in den nächsten Tagen einen Klang, der ohnehin da ist. Den Wasserhahn in der Küche. Regen am Fenster. Einen Zug in der Ferne. Das Summen der Heizung. Nichts Besonderes.

Höre, bis der Klang aufhört oder sich in einen anderen verwandelt. Wenn der Kopf ihn benennt, ist das kein Fehler. Wenn eine Erinnerung auftaucht, auch nicht. Bemerke nur den Augenblick, in dem du etwas daraus machen willst: eine Erfahrung, eine Erkenntnis, einen Satz zum Erzählen.

Dann kehre zum Klang zurück.

Vielleicht geschieht gar nichts. Auch das gehört zu Dōgens Widerspruch. Die Übung verspricht kein Erlebnis. Der Bach ist nicht enttäuscht, wenn wir ihn nicht hören.

Die Verse sind schon da

Keiseisanshoku lässt sich nicht auf den Satz verkürzen, dass wir achtsamer in die Natur gehen sollten. Das wäre freundlich und vermutlich richtig. Es wäre aber zu wenig.

Dōgen hält mehr zusammen: die Schönheit des Baches, die lange Übung vor dem Augenblick, die Gefahr des Ansehens, die körperliche Reue und die Behauptung, dass die Verse auch ohne unser Hören da sind. Er löst die Spannung nicht auf.

Vielleicht müssen auch wir sie nicht auflösen. Wir können üben, ohne aus der Übung einen Ausweis zu machen. Wir können zuhören, ohne vom Klang eine Antwort zu verlangen. Wir können uns ausrichten, obwohl die Welt nicht auf unsere Anstrengung gewartet hat.

Der Hasenbach fließt hinter dem Haus. Gerade jetzt. Nicht für uns und nicht gegen uns.

Aber wir sind nicht außerhalb davon.

Quellenhinweis

Dōgen, Shōbōgenzō, Band 1, Kapitel 21 „Keiseisanshoku“, Klang des Tales, Farbe der Berge, übertragen von Kōsen Nishiyama und John Stevens, aus dem Englischen von Manfred Eckstein, Theseus Verlag, 2. Auflage 1986, S. 114 bis 122. Die Geschichten und Lehrstellen sind nacherzählt. Es wurde kein Wortlaut aus der deutschen Übertragung übernommen.

Die Überlieferung vom Mann vor dem Tor gehört zur chinesischen Wirkungsgeschichte von Sotōbas Versen, nicht zu Dōgens Kapitel. Ihre Überlieferungslage ist unsicher.

Ein überdachtes Holztor steht über einem schmalen Waldweg, am frühen Morgen fallen Sonnenstrahlen durch den Nebel zwischen die Tannen, in einiger Entfernung geht ein Mensch hindurch.
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Das erste Bild dieser Seite ist mit KI erstellt. Die zweite Aufnahme ist eine eigene Fotografie.

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