Zen im Leben

Die alte Frau vom Berg Wutai

Koans im Leben, Das verborgene Licht, Fall 1: Eine alte Frau sitzt am Weg zum Berg Wutai und gibt jedem dieselbe Auskunft. Über den Satz, den wir hinterher über einen Menschen sagen, und darüber, wem er gilt.


Tuschezeichnung: Eine alte Frau sitzt auf einem Felsvorsprung und zeigt mit ausgestrecktem Arm den Bergpfad hinauf, auf dem ein Wanderer mit Strohhut, Rucksack und Stock durch den Nebel weitergeht.
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Dieser Essay ist der fünfte Teil des Lesewegs „Koans im Leben“.

Koans im Leben

Alte Begegnungen aus dem Zen, gelesen als Fragen an unser heutiges Leben. Nicht der Reihe nach, sondern dort, wo ein Fall eine Tür öffnet.

Eine Auskunft kann stimmen und trotzdem nicht ankommen. Jemand fragt, wir nennen den Weg. Wenig später fragt derselbe Mensch noch einmal. Wir antworten wieder. Sobald er aus dem Raum ist, fällt vielleicht der Satz: Der hört einfach nicht zu.

Vielleicht stimmt auch dieser Satz. Vielleicht hat der andere wirklich nicht zugehört. Aber in ihm geschieht etwas, das in der Auskunft noch nicht lag. Aus einer kleinen Begegnung wird ein fertiger Mensch. Und wenn wir den Satz einem Dritten weitererzählen, reist unser Urteil weiter, während der Mensch selbst nicht mehr im Raum ist.

Der Fall, um den es heute geht, steht am Anfang eines Buches, das bei uns im Regal steht.

Das verborgene Licht, Fall 1: Die alte Frau vom Berg Wutai

Eine alte Frau lebte an der Straße, die zum Berg Wutai führte. Ein Mönch auf Pilgerreise fragte sie: »Welches ist der Weg zum Wutai?« Die alte Frau sagte: »Einfach immer geradeaus.«

Der Mönch ging ein paar Schritte und sie sagte: »Er ist ein guter Mönch, aber schon verläuft er sich wie alle anderen.« Viele Mönche kamen, stellten die gleiche Frage und erhielten die gleiche Antwort.

Später erzählte ein Mönch Zhaozhou, was geschehen war, und Zhaozhou sagte: »Ich werde hingehen und mir diese alte Frau einmal selbst näher ansehen.«

Am nächsten Tag suchte Zhaozhou die alte Frau auf und fragte: »Welches ist der Weg zum Berg Wutai?«

»Einfach immer geradeaus«, entgegnete sie.

Zhaozhou ging ein paar Schritte.

Die alte Frau sagte: »Er ist ein guter Mönch, aber schon verläuft er sich wie alle anderen.«

Zhaozhou kehrte ins Kloster zurück und sagte zu den Mönchen: »Ich habe mir für euch die alte Frau vom Berg Wutai einmal näher angesehen.«

Fall 1 aus »Das verborgene Licht«, der Sammlung von Koans erwachter Frauen, herausgegeben von Zenshin Florence Caplow und Reigetsu Susan Moon, aus dem Englischen übersetzt von Karin Petersen, edition steinrich 2016, Seite 34. Derselbe Vorgang steht im Mumonkan als Fall 31 und im Shōyōroku als Fall 10. Der Berg Wutai in Shanxi galt lange als Wohnstätte Manjushris, des Bodhisattva der Weisheit. Die Mönche sind also unterwegs zur Weisheit selbst und kommen an dieser Kreuzung nicht vorbei.

Es geschieht nichts

Das Erste an diesem Fall ist, wie wenig darin passiert.

Zhaozhou hört von einer alten Frau am Weg und kündigt an, sich die Sache selbst anzusehen. Er geht hin, stellt dieselbe Frage wie alle vor ihm, bekommt dieselbe Antwort, geht dieselben paar Schritte, und sie sagt hinter ihm denselben Satz wie hinter allen anderen. Er war alt und weithin bekannt, und die Begegnung verläuft trotzdem Wort für Wort wie bei jedem namenlosen Mönch vorher.

Und dann sagt Zhaozhou, er habe sie sich angesehen.

Darin liegt die Zumutung. Wenn auf der Straße nichts geschehen ist, was nicht allen anderen auch geschehen wäre, dann liegt der Unterschied nicht in der Begegnung. Er liegt in dem, was danach gesagt wird. Wumen, der den Mumonkan zusammengestellt hat, macht in seinem Kommentar keinen Sieger. Er findet an beiden einen Makel und schließt mit einer Frage: wo genau soll Zhaozhou die alte Frau durchschaut haben. Er beantwortet sie nicht. Sie steht seit achthundert Jahren offen.

Über Zhaozhous Auge hat derselbe Wumen an anderer Stelle sehr viel mehr gesagt. In seinem Vers zum elften Fall des Mumonkan rühmt er es: ein Auge wie eine Sternschnuppe, ein Handeln wie ein Blitz, ein Schwert, das Menschen tötet, und ein Schwert, das Menschenleben schenkt. Das ist kein Vorwurf, das ist Bewunderung, und es ist ausdrücklich zweischneidig gesagt. Dieselbe Klinge tut beides. Wer so sehen kann, hat also nicht die Frage vor sich, ob er genau sieht, sondern welche der beiden Schneiden hinterher arbeitet.

Durchschauen ist kein verdächtiges Wort

Im Zen ist Durchschauen nichts Schlechtes. Wir üben genau das: die Bewegungen des Geistes klar zu sehen. Ein Gedanke erscheint, ein Wunsch, ein Urteil, ein Bild von uns selbst, und wir sehen, dass es ein Gedanke ist, ein Wunsch, ein Urteil, ein Bild, und nicht die ganze Wirklichkeit. Das löst etwas.

Bei einem Menschen ist es anders. Da ist das Durchschauen nicht das Ende einer Täuschung, sondern der Anfang einer Stellung. Ich sehe, was du selbst nicht siehst. Ich weiß schon, was gleich kommt. Ausgesprochen werden muss das gar nicht; manchmal genügt die kleine Bewegung, mit der wir uns zurücklehnen, während der andere noch spricht. Und der Unterschied liegt nicht darin, dass unsere Deutung falsch wäre. Oft ist sie ganz treffend, so wie »Einfach immer geradeaus« eine völlig richtige Auskunft ist. Er liegt darin: Ein Gedanke hat nichts mehr zu sagen, wenn er durchschaut ist. Ein Mensch schon.

Vier Überschriften, vier Sätze

Der Fall steht nicht nur in diesem Buch. Im Mumonkan, der torlosen Schranke, ist er Fall 31, im Shōyōroku, den Aufzeichnungen aus der Klause der Gelassenheit, ist er Fall 10. Dass eine Begebenheit in mehreren Sammlungen steht und dabei nicht ganz dieselbe bleibt, hat vor einer Woche in dieser Reihe schon eine Rolle gespielt, bei Manjusri vor dem Tor. Dort war es ein Nebenbefund an einem Satz. Hier ist es der Fall selbst.

Schon die Überschriften sind Entscheidungen. Im Verborgenen Licht und im Shōyōroku heißt der Fall nach ihr, der alten Frau vom Berg. Im Mumonkan heißt er nach ihm und nach dem, was er getan haben soll: Zhaozhou prüft die alte Frau. Eine englische Mumonkan-Ausgabe, die Reinhard Koch 2021 herausgegeben hat, nennt ihn Joshu untersucht eine Frau. Derselbe Vorgang, und jedes Mal eine andere Auskunft darüber, wessen Geschichte das hier eigentlich ist.

Dann der letzte Satz. In unserer Ausgabe sagt Zhaozhou, er habe sich die alte Frau für euch einmal näher angesehen. In den englischen Arbeitsausgaben von Mumonkan und Shōyōroku sagt er, er habe sie durchschaut. Bei Koch sagt er, er habe sie untersucht, und Koch weist darauf hin, dass eine chinesische Fassung sage, er habe sie besiegt.

Das sind nicht vier Varianten für dieselbe Sache. Jede stellt Zhaozhou anders vor die alte Frau. Wer jemanden näher ansieht, bleibt in einer Begegnung, und der andere ist damit nicht erledigt. Untersucht klingt nach Prüfung, mit einem, der prüft, und einer, die geprüft wird. Besiegt ist schon ein Ergebnis, mit Sieger und Verliererin. Und durchschaut kann heißen: Ich meine zu wissen, was hinter deinen Worten steckt.

Unser Buch setzt zweimal das weiche Wort, in der Ankündigung und im Bericht. Dafür geschieht es zu regelmäßig, um Nachlässigkeit zu sein. Es ist eine Entscheidung, und sie geht weg von seinem Sieg.

Ich habe eine Weile gebraucht, um zu sehen, dass diese Entscheidung nicht neben dem Koan liegt, sondern in ihm. Jede Übersetzerin und jeder Übersetzer steht an genau der Stelle, an der auch Zhaozhou stand: Man ist der Sache begegnet, und nun muss man etwas darüber sagen. Auslassen geht nicht. Und in dem Augenblick, in dem der Satz dasteht, ist eine Begegnung, die niemand entscheiden kann, entschieden.

Für euch

»Ich habe mir für euch die alte Frau vom Berg Wutai einmal näher angesehen.«

— Zhaozhou, Das verborgene Licht, Fall 1

Zwei kleine Wörter

In unserer Ausgabe stehen zwei Wörter, die leicht zu überlesen sind. Für euch. Im Shōyōroku stehen sie auch, und dort steigt Zhaozhou dafür eigens auf den hohen Sitz, von dem aus unterwiesen wird. Den beiden anderen Fassungen fehlen sie.

Sie sagen, dass dieser Satz eine Adresse hat. Er wird nicht auf der Straße gesagt und nicht zu ihr, sondern im Kloster, vor Leuten, und er wird als Dienst angeboten: Ich war für euch dort, ihr müsst da nicht mehr hin, die Sache ist erledigt.

Der Fall hat damit zwei Sätze, die hinterher fallen. Sie sagt ihren hinter dem Rücken jedes Weggehenden, halblaut, ohne Publikum. Er sagt seinen einer versammelten Gemeinschaft. Ihren Satz bestätigt ihr niemand. Seiner wurde in die Sammlungen aufgenommen, und achthundert Jahre später sitzen wir hier und fragen uns, ob er stimmt.

Was die Kommentatorin nicht fragt

In dieser Sammlung steht neben jedem Fall die Betrachtung einer Frau, die heute übt. Zu diesem Fall schreibt Nancy Brown Hedgpeth, Lehrerin in der Kwan Um School of Zen und Farmerin in Rhode Island. Sie stellt die Frage, um die die Auslegungen kreisen, gar nicht erst.

Sie fragt nicht, wer hier gewonnen hat. Sie fragt, wer diese Frau war, und stellt sich ein Leben an dieser Kreuzung vor: Als jüngere Frau habe sie vielleicht »Kinder großgezogen, ihren Ehemann und die eigenen Eltern versorgt, geputzt, gekocht, Tiere gehalten und Feldfrüchte für ihre Familie angebaut«. So steht es in ihrer Betrachtung zu diesem Fall, übersetzt von Karin Petersen, in der deutschen Ausgabe von 2016 auf den Seiten 34 bis 36. Erst ein langes Leben, vermutet sie, habe aus der Wegbeschreibung diesen einen Satz gemacht; am Ende ist er für sie ein Samen, den die Alte in den Boden der Vorbeigehenden legt.

Ich lasse ihre Lesart stehen und stelle meine daneben, statt sie zu ersetzen. Was mich an ihr überzeugt, ist nicht, dass sie milder wäre, sondern dass sie eine andere Frage stellt und damit sichtbar macht, wie eng die übliche war. Die Auslegungen, die zu diesem Fall greifbar sind, verhandeln fast alle dasselbe: wer wen durchschaut hat, als wäre es eine Partie mit zwei Spielenden und einem Ergebnis. Man kann denselben Text aufschlagen und fragen: Wer sitzt da eigentlich. Wovon lebt sie. Wie lange sitzt sie schon da.

In unserem Haus steht dieses Buch im Regal, und im Anhang steht meine Mutter Ellen, GenKi; sie hat einen der hundert Fälle kommentiert, einen anderen, nicht diesen. Ich schreibe hier also nicht über die Texte von Frauen, sondern von der Stelle aus, an der ich sitze, und die ist nicht neutral. Eines fällt mir von dort aus auf: Die Sammlung heißt Sammlung erwachter Frauen, und die Frau in ihrem ersten Fall hat keinen Namen. Sie ist die Alte, die Frau vom Berg. Das Buch erfindet ihr keinen. Es stellt sie nach vorn und setzt eine Betrachtung daneben, in der sie ein Leben bekommt.

Die Versuchung liegt nahe, sie dafür zur heimlichen Siegerin zu machen. Ich möchte das nicht. Sobald sie die Siegerin ist und Zhaozhou der überführte Mann, steht das Siegerpodest nur andersherum, und ich habe die Frau benutzt, um den berühmten Zhaozhou zu besiegen.

Der Satz, den wir weitererzählen

Hier ist der Fall bei uns. Nicht in dem Augenblick, in dem wir jemanden anschauen, sondern in dem, in dem wir einem Dritten von ihm erzählen. Jemand ist neu, im Kurs, in der Abteilung, im Verein, und nach zwei Tagen gibt es einen Satz über ihn, der schneller reist als der Mensch. Oder wir kommen aus einem Gespräch, das uns beschäftigt hat, und beim Weitererzählen wird aus einem offenen Vorgang eine Geschichte mit einer Pointe. Meistens mit uns als dem, der gemerkt hat, worum es ging.

Das ist nicht boshaft und nicht einmal nur neugierig. Es ist gesellig: Ein Satz über einen Dritten stellt etwas her zwischen denen, die ihn teilen. Genau das leistet Zhaozhous Bericht zwischen ihm und der Versammlung, und die alte Frau ist dabei nicht im Raum. In fast jedem solchen Satz steckt darum ein kleines Für euch. Ich sage euch das, damit ihr Bescheid wisst. Ich habe ihn mir angesehen.

Das Unangenehme daran ist nicht, dass solche Sätze immer falsch wären. Es ist, dass wir hinterher nicht mehr nachsehen. Der Mensch ist abgelegt, und was danach an ihm sichtbar wird, findet keinen Platz mehr. Der Fall erzählt von keiner Rückkehr. Er lässt beide dort, wo sie sind.

Die Gegenprobe ist ebenso unbequem. Über uns wird genauso gesprochen, und wir werden diesen Satz nie hören.

Eine Übung mitten im Leben

Vielleicht achtet Ihr in den nächsten Tagen einmal auf den Satz, in dem Ihr einem Dritten von einem Menschen erzählt.

Nicht auf das Gespräch mit ihm, sondern auf den Bericht danach. Auf den Augenblick, in dem Ihr in der Küche steht, ein Handtuch in der Hand, und sagt: also, der ist ja. Die ist einfach. Ich hab ihn mir mal angeschaut.

Ihr müsst diesen Satz nicht unterdrücken. Ein Haus, in dem niemand mehr etwas übereinander sagt, ist kein freundliches Haus, sondern ein vorsichtiges. Fragt Euch nur zwei Dinge, während Ihr es sagt. Erstens: Wüsste ich das auch, wenn ich es ihm ins Gesicht sagen müsste. Zweitens, und das ist die eigentliche Frage: Wofür brauche ich gerade, dass ich der bin, der es gemerkt hat.

Das ist keine Übung im freundlichen Ungefähr. Manchmal sehen wir sehr klar, dass uns jemand täuscht, verletzt oder immer wieder dieselbe Grenze überschreitet. Genauer hinsehen heißt nicht, die eigene Wahrnehmung aufzugeben. Es heißt, aus ihr keinen Rang zu bauen. Klarheit braucht keinen Sieger. Das Sehen ist die Klinge mit den zwei Schneiden, und welche von beiden arbeitet, entscheidet sich in dem Satz, den wir hinterher sagen.

Es kann sein, dass der Satz danach genauso herauskommt, es kann auch sein, dass er einen halben Ton leiser wird. Beides ist in Ordnung. Die Übung ist nicht, ein besserer Mensch zu werden. Die Übung ist zu bemerken, an welcher Stelle wir uns den Platz des Sehenden geben.

Sie sitzt weiter am Weg

Der Vers, der im Shōyōroku zu diesem Fall gehört, gönnt Zhaozhou seinen Bericht nicht. Er endet ungefähr so: Er durchschaute das Zen der alten Frau ganz und gar, sprach es dann aus, und es war keinen Groschen wert.

So wird der Fall überliefert: ohne Auflösung, und mit einem Vers, der auch dem Sieger den Sieg noch aus der Hand nimmt. Im Bild des Falls sitzt die Frau weiter an ihrer Kreuzung, weder entlarvt noch bestätigt.

Der Mensch, über den wir unseren Satz gesagt haben, ist darin ebenso wenig aufgegangen. Wenn wir ihm wieder begegnen, können wir den alten Satz zwischen uns stellen. Oder wir lassen ihn einen Augenblick liegen und sehen noch einmal hin.

Tuschezeichnung: Ein Mönch mit Stock geht, von hinten gesehen, davon, um ihn schwingt ein schwarzer Pinselkreis, und die alte Frau am Boden schaut ihm nach und hebt die offene Hand.
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