Der, der den Hammer nimmt
Monju sitzt in der Versammlung. Er ist der Bodhisattva der Weisheit, in den alten Texten oft der Jüngere, der Unverschämte, der den erwachten Wesen auf die Finger schaut. Er ist es, der den Klöppel nimmt und den Vollzug ansagt, so wie in einer Zeremonie jemand ansagt, dass etwas begonnen und beendet ist.
Sein Satz ist tadellos. Er sagt nichts Falsches. Schaut hin, so ist es, mehr gibt es nicht.
Und trotzdem ist er zu viel.
Reb Anderson, ein Zen-Lehrer aus Kalifornien, hat das einmal so beschrieben: Was Monju benennt, sei schon da gewesen, bevor er sprach, nur habe niemand es zu fassen bekommen. Sein Satz sei deshalb ein wenig schief. Er stellt sich neben die Sache und zeigt auf sie, und in dem Augenblick ist die Sache und ein Finger, der auf sie zeigt.
Ich finde das genau. Und ich finde, es macht den Fall erst interessant. Denn die naheliegende Lesart wäre: Monju verdirbt es. Er hätte den Mund halten sollen, dann wäre die Stille vollkommen geblieben. Aber ohne ihn säße die Versammlung heute noch da und wartete auf einen Vortrag. Erst sein Satz macht sichtbar, dass es nichts zu warten gibt. Er ist zu viel, und er wird gebraucht.
Beides zugleich. Das ist die Zumutung dieses Falles, und ich kenne keine Stelle in meinem eigenen Leben, an der es anders wäre.
Wo wir den Hammer nehmen
Wir tun das ständig. Wir sind bloß nicht Monju, und meistens ist unser Satz auch nicht tadellos.
Ein Gespräch ist zu Ende, es war ein gutes Gespräch, und dann kommt der Satz: Also, was ich damit sagen wollte, ist im Grunde. Und schon liegt über dem, was war, eine Zusammenfassung, die kleiner ist als die Sache selbst.
Jemand erzählt von einer Schwierigkeit, und wir sagen: Du bist jetzt einfach erschöpft. Vielleicht stimmt es sogar. Vielleicht ist es sogar hilfreich, weil der andere Mensch es selbst nicht sehen konnte. Und im selben Zug ist etwas festgelegt, das eben noch offen war.
Ein Kind kommt vom Spielplatz und weint, und bevor es selbst weiß, was los ist, haben wir ihm erklärt, warum. Wir meinen es gut. Wir wollen, dass es einen Namen bekommt und dadurch tragbar wird. Und wir nehmen ihm dabei die Möglichkeit weg, es selbst herauszufinden.
Nach einer Sesshin-Woche fragt mich jemand, wie es war. Ich fange an zu antworten und merke beim zweiten Satz, dass ich gerade eine Woche in drei Sätze presse, die ich schon einmal gesagt habe. Was ich erzähle, stimmt. Es ist nur nicht die Woche.
In all diesen Fällen tun wir dasselbe: Wir nehmen den Hammer und sagen, so ist es. Manchmal, weil es wirklich gesagt werden muss. Oft, weil das Offene schwer auszuhalten ist. Ein benanntes Ding ist erledigt. Ein unbenanntes bleibt an einem dran.
Er steigt herunter
Das Bemerkenswerteste am Fall ist für mich, was der Buddha nicht tut.
Er widerspricht nicht. Er verbessert nicht. Er sagt nicht: So habe ich das nicht gemeint. Er nimmt auch nichts zurück und setzt nichts obendrauf. Er steht auf und geht.
Wer schon einmal etwas gesagt hat, das ein wenig danebenlag, kennt die Kraft, die es kostet, das stehen zu lassen. Meist reparieren wir sofort. Wir erklären, wie es gemeint war, wir schieben einen zweiten Satz hinterher, der den ersten gerade rücken soll, und einen dritten, der den zweiten erklärt. So entsteht aus einem schiefen Satz ein ganzes schiefes Gebäude.
Der Buddha lässt Monjus Satz stehen. Er lässt ihn schief sein. Damit ist die Sache nicht in Ordnung gebracht, sie ist einfach zu Ende.
Vielleicht ist das die Freiheit, um die es hier geht. Nicht die Freiheit, immer das Richtige zu sagen, die hat niemand. Sondern die Freiheit, das Ungefähre stehen lassen zu können, ohne dass es einen weiter beschäftigt.
Woran der erste Teil dieser Reihe hängt
Im Auftakt dieser Reihe stand Bodhidharma vor Kaiser Wu und antwortete auf die Frage, wer er denn sei: Ich weiß es nicht. Er ließ sich nicht festlegen.
Hier ist es umgekehrt. Hier legt einer fest, und er hat recht damit, und es ist trotzdem eine Grenze überschritten. Die beiden Fälle sind nicht zwei Varianten derselben Lehre. Sie zeigen dieselbe Bewegung von zwei Seiten: einmal den Menschen, der sich weigert, in eine Form zu passen, und einmal den Satz, der eine Form über etwas legt, das gerade noch keine hatte.
Wer die Reihe weiterliest, wird Monju übrigens wiederbegegnen. In einer anderen Sammlung steht er vor einem Tor und weigert sich hineinzugehen, weil er nichts sieht, das draußen wäre. Hier steht er drinnen und sagt an, dass alles vollzogen ist. Zweimal derselbe, einmal der, der die Schwelle bestreitet, einmal der, der den Schlusspunkt setzt.
Eine Übung mitten im Leben
Vielleicht achtet Ihr in den nächsten Tagen einmal auf Euren Schlusssatz.
Nicht auf das ganze Gespräch, nur auf das Ende. Auf den Moment, in dem Ihr das Bedürfnis spürt, das Gesagte zusammenzufassen, einzuordnen oder mit einer Deutung abzuschließen. Also, im Grunde ist es doch so. Du bist eben müde. Das war jetzt ein schöner Abend.
Ihr müsst den Satz nicht unterdrücken. Es geht nicht darum, geheimnisvoll zu schweigen, das wäre nur eine andere Art, den Raum zu beherrschen. Bemerkt ihn einfach. Fragt Euch, ob er der Sache dient oder Euch.
Und wenn er heraus ist und schief war: lasst ihn liegen. Steigt vom Sitz.
Es kann sein, dass ein Gespräch dann offener endet, als Euch lieb ist. Dass etwas ungeklärt im Raum stehen bleibt und Ihr auf dem Heimweg noch daran herumdenkt. Das ist kein Fehler. Es ist nur ungewohnt, dass etwas fertig ist, ohne dass es abgeschlossen wurde.
Der Buddha saß auf dem Sitz und stand wieder auf. Der Raum blieb, wie er war. Draußen wird es dunkler geworden sein, jemand wird die Lampen angezündet haben, und die Versammlung ist irgendwann auseinandergegangen, wie Versammlungen das tun.