Kann Familie ein Ort der Praxis sein?
Familie, Teil acht: Die Wende. Warum Schwierigkeit allein noch keinen Übungsplatz macht, und was es heißt, mitten in der größten Verbundenheit den eigenen Ort zu kennen.
Familie, Teil acht: Die Wende. Warum Schwierigkeit allein noch keinen Übungsplatz macht, und was es heißt, mitten in der größten Verbundenheit den eigenen Ort zu kennen.
Dieser Essay ist der achte Teil des Lesewegs „Familie“.
Ein einziger Satz am Familientisch, und wir sind wieder zwölf. Texte über alte Rollen, verletzte Bindungen und die Frage, wie Mitgefühl möglich bleibt, ohne sich selbst zu verlieren.
Es gibt auf diese Frage eine Antwort, die überall bereitliegt. Sie geht ungefähr so: Das Kloster ist nicht der Ort der Praxis, der Alltag ist es, und die Familie ist sein härtester Teil. Partnerin, Partner, Kinder und Eltern sind die eigentlichen Lehrenden, weil sie jede Rolle sofort aufdecken. Abwaschen und Zazen sind dasselbe. Dazu kommt fast immer noch ein Satz, der Ram Dass zugeschrieben wird: wer sich für erleuchtet halte, solle eine Woche bei seiner Familie verbringen.
Solche Sätze klingen wahr, und sie kosten nichts. Vor allem beantworten sie die Frage, bevor sie gestellt worden ist. Denn „Abwaschen ist Zazen“ sagt sich leicht, solange man nicht an dem Tisch sitzt, an dem seit dreißig Jahren dieselbe Bemerkung fällt, im selben Tonfall, meistens beim Nachtisch. Wer dort sitzt, merkt sofort, dass der schöne Satz von jemandem stammt, der gerade woanders ist.
Dabei ist die Frage im Zen alt und bis heute nicht einhellig beantwortet. Dōgen hat in seinem Bendōwa ausdrücklich gefragt, ob dieser Weg auch Menschen offensteht, die nicht ins Kloster gehen, und wer ihn liest, streitet darüber, wie er selbst darauf geantwortet hat. Eine Frage, an der sich Übende seit achthundert Jahren reiben, lässt sich nicht mit einem freundlichen Spruch erledigen.
Zu Buddhas Zeit gab es einen Schritt, den wir heute leicht übersehen. Wenn die Kinder groß und die Familie versorgt waren, konnte ein Mensch den Hausstand ablegen. Er war dann nicht länger Haushälter. Er ging auf Wanderschaft und lebte vom Bettelgang. Das war ein bewusster Wechsel der Lebensform, zu seiner Zeit und nicht gegen die Seinen.
Die meisten von uns gehen diesen Schritt heute nicht. Wir bleiben mitten in den Beziehungen, oft ein Leben lang. Aber aus dem Bleiben wird nicht von selbst Übung. Es kann ebenso gut Gewohnheit, Pflicht oder bloßes Aushalten sein.
Die Frage ist also nicht, ob Familie ein Ort der Praxis sein kann. Die Frage ist, was dort geübt wird, und woran ein Mensch merkt, dass er übt und nicht bloß aushält.
In spirituellen Kreisen wird gern gesagt, die schwierigsten Menschen seien unsere besten Lehrer. Der Satz berührt etwas Wahres: an vertrauten Menschen erkennen wir schnell, wo wir fest werden, wo wir ausweichen und wo wir recht behalten wollen. Er hat nur eine gefährliche Bequemlichkeit. Er macht aus einem anderen Menschen das Material für unseren Weg.
Der Vater wird zum Prüfstein, die Schwester zum Spiegel. Ihre Eigenart, ihre Not und ihre Grenze geraten aus dem Blick, weil alles nur noch zeigen soll, wie weit wir selbst gekommen sind. Kein Mensch ist für unser Erwachen zuständig.
Eine Verletzung wird nicht dadurch sinnvoll, dass wir etwas aus ihr lernen. Eine Grenzüberschreitung wird nicht zur Übung, weil wir sie achtsam ertragen. Und eine Familie wird nicht zum Zendo, nur weil sie uns zuverlässig aus der Ruhe bringt.
Schwierigkeit allein macht noch keinen Übungsplatz.
Im Sandokai, dem Lied von der Harmonie der Verschiedenheit und der Gleichheit, steht ein Satz, der zunächst von den Sinnen und ihren Gegenständen handelt:
„Die Sinne und ihre Objekte sind eng miteinander verbunden und gleichzeitig voneinander unabhängig. Doch trotz ihrer unendlichen Verbundenheit haben sie alle ihren eigenen Ort.“
Sekitō Kisen, Sandokai. Textfassung aus: Shunryū Suzuki, „Leidender Buddha, glücklicher Buddha“, Theseus Verlag 1998.
Das ist keine Beschreibung eines Familiennachmittags, und doch steht darin genau das, was einer so schwer aushält. An der Verbundenheit ist in einer Familie nie zu zweifeln. Sie ist der Boden, auf dem alles steht, und sie hört auch nach einem Abbruch nicht auf, sie wird nur stiller. Was fehlt, ist der eigene Ort. Nicht das eigene Zimmer, nicht die Wohnung, nicht die Stadt, in die jemand gezogen ist. Gemeint ist der Platz, von dem aus ein Mensch spricht, und der steht in einer Familie oft seit dem zwölften Lebensjahr leer, weil alle, wir selbst eingeschlossen, an einem anderen Platz mit uns rechnen.
Sieben Teile lang hat diese Reihe von dieser Verbundenheit gehandelt, von der zugewiesenen Rolle bis zur Vergebung, die niemand schuldet, und nichts davon wird hier noch einmal erklärt. Dieser Teil handelt vom eigenen Ort. 場 heißt Ort. Im Wort Dōjō, dem Raum, in dem wir sitzen, ist es das zweite Zeichen: der Ort, an dem der Weg geübt wird.
Ein Übungsplatz ist kein Ort, an dem etwas gelingt. Er ist ein Ort, an dem etwas wiederholt wird, und er hat eine Zeit, ein Maß, einen Anfang und ein Ende.
Bevor im Zendo jemand sitzt, ist schon vieles geschehen. Der Raum ist vorbereitet, es gibt eine Zeit für den Beginn und eine für das Ende, eine Glocke klingt, und die Menschen sitzen nicht irgendwie nebeneinander, sondern in einer Form, die sie für eine Weile gemeinsam tragen. Diese Form nimmt niemandem die Unruhe. Sie verhindert nicht, dass ein Knie schmerzt oder ein Gedanke sich festbeißt. Aber wir müssen nicht in jedem Augenblick neu entscheiden, was jetzt geschieht, und sie trägt ein Stück mit, wenn unsere gute Absicht gerade nicht trägt.
In einer Familie ist es umgekehrt. Dort gibt es viel Wiederholung und wenig Form. Ein bestimmter Satz fällt, und schon kommt die vertraute Antwort. Jemand spricht über einen Menschen, der nicht im Raum ist. Einer macht den Scherz, den alle kennen und einer seit Jahren nicht mehr lustig findet. Am Ende geht man auseinander und weiß ziemlich genau, wie das nächste Mal verlaufen wird. Wiederholung allein ist noch keine Übung.
Die Form bringt also einer mit, oder sie ist nicht da. Und sie lässt sich nicht für alle beschließen: eine Familie ist keine Sangha, nur weil ein Mensch in ihr Zazen übt. Wer sie ungefragt zur Übungsgemeinschaft erklärt, hat wieder zugegriffen, diesmal mit einem schöneren Wort. Einer kann beginnen, aber nur an der eigenen Stelle.
Ein Vorsatz hält bis zur Begrüßung an der Tür. Geübt wird nicht im Vornehmen, sondern an den drei Orten, die das Zen genau kennt.
Am Körper. Ein Besuch bekommt einen Anfang und ein Ende, und zwar bevor er anfängt. Zwei Stunden. Ein Zug, der um sechs fährt. Das ist keine Drohung, das ist ein Maß, dasselbe Maß wie im Zendo, wo nicht gesessen wird, bis es sich gut anfühlt, sondern bis die Glocke das Ende ansagt. Dazu die Erlaubnis aufzustehen, ein Glas Wasser zu holen, mitten im Satz, und sei es nur, um einmal zu spüren, dass die Füße noch da sind. Der Körper weiß ohnehin früher als der Kopf, wo wir gerade sind: die Schultern gehen hoch, der Atem wird flach, die Hand liegt schon am Besteck. Das zu bemerken, ohne es sofort zu erklären, ist der ganze Anfang.
In der Rede. Bei einem Treffen erzählt ein Onkel eine abwertende Geschichte über jemanden, der nicht dabei ist. Dafür gibt es im Pali-Kanon ein altes, nüchternes Wort. Das Mahācattārīsaka Sutta zählt vier Formen auf:
„Was ist falsche Rede? Unwahre Rede, böswillige Rede, der Gebrauch grober Worte und Geschwätz: dies ist falsche Rede.“
Mahācattārīsaka Sutta, Majjhimanikāya 117, nach dem Ethik-Papier der Altbäckersmühle
Geschwätz steht dort neben der Lüge, ohne Empörung und ohne Ausnahme für den Familientisch. Die vertraute Ordnung bietet zwei Plätze an: mitlachen oder später im Auto empört sein. Eine andere Form wäre ein schlichter Satz. Ich möchte nicht so über sie sprechen, wenn sie sich nicht dazu äußern kann. Vielleicht wird es still, vielleicht verdreht jemand die Augen, vielleicht ändert sich gar nichts. Die Übung liegt nicht darin, dass nun alle einsichtig werden, sondern darin, den eigenen Platz weder zu verlassen noch über die anderen zu herrschen. Dazu gehört auch das Gegenteil des Redens: in Familien wird viel gedolmetscht, sie meint das nicht so, er ist halt so, das ist bei uns eben so. Einen Satz einmal stehen zu lassen, wie er gefallen ist, ohne ihn freundlicher zu machen und ohne ihn zu verschärfen, schafft eine unangenehme Stille am Tisch. Sie ist auch ehrlich.
Im Geist. Wir kennen diese Menschen genau, und darum kennen wir ihre Antwort schon, bevor sie sie geben. Das Gespräch ist innerlich zu Ende, bevor es angefangen hat. Die Übung ist nicht, die gemeinsame Geschichte zu vergessen, das wäre keine Offenheit, sondern Gedächtnisverlust. Die Übung ist, an einer einzigen Stelle aufzuhören, die Antwort des anderen vorwegzunehmen, und abzuwarten, was er wirklich sagt. Das ist nicht die Freiheit von der Vergangenheit. Es ist die Freiheit, ihr nicht jede Einzelheit der Gegenwart zu überlassen.
An allen drei Orten wird dasselbe geübt: nicht die Verbundenheit zu bestreiten, sondern den eigenen Ort darin nicht zu räumen.
Wir erkennen eine gute Familienbegegnung gern daran, dass am Ende alle zufrieden sind. Niemand hat sich gestritten, das Essen war gut, beim Abschied gab es keine Tränen. Das kann ein schöner Abend gewesen sein. Es beweist noch nicht, dass jemand gegenwärtig war. Manchmal hält eine Familie ihren Frieden dadurch, dass eine Person schweigt. Manchmal wird ein heikles Thema umgangen, bis der Mensch, den es betrifft, nicht mehr kommt.
Eine Form der Praxis kann die Stimmung darum zunächst verschlechtern. Ein Satz wird ausgesprochen, den die alte Ordnung nicht vorgesehen hat. Eine Bitte bleibt unerfüllt. Jemand antwortet nicht freundlich, aber zum ersten Mal ehrlich. Das macht einen Konflikt nicht automatisch heilsam, denn auch Wahrhaftigkeit lässt sich als Waffe benutzen. Das Wort aus dem Pali-Kanon stellt die grobe Rede neben die Lüge. Ein Satz wird also nicht dadurch zur rechten Rede, dass er wahr ist. Auch Harmonie ist kein verlässliches Maß. Die genauere Frage lautet: ist zwischen uns mehr Wirklichkeit möglich geworden, ohne dass einer dafür kleiner werden musste?
Dieser Text ist kein Grund zu bleiben, wo es schadet. Wo Gewalt, Drohung oder fortgesetzte Demütigung im Raum sind, braucht es Schutz und Hilfe von außen, und niemand muss in einer verletzenden Lage bleiben, um seine Praxis zu beweisen. Eine Übung, die nicht freiwillig ist, ist keine Übung. Zen ersetzt weder den Schutz noch die fachliche Begleitung.
Manchmal besteht die wahrhaftige Form deshalb in einem Abstand, vielleicht auch in gar keinem Kontakt. Das ist kein Gegenbeweis zu diesem Text, es ist seine Grenze. Und auch auf Abstand wird geübt: für einen Menschen zu sitzen, mit dem man nicht mehr spricht, ist Übung. Den Brief zu schreiben und nicht abzuschicken, ist Übung. Nicht hinzufahren und trotzdem nicht mit dem Vorwurf zu leben, ist sogar ziemlich schwere Übung. Ein Übungsplatz braucht keine Anwesenheit, er braucht nur, dass du weißt, wo du stehst.
Am Ende steht kein Lohn, und es ist redlich, das zu sagen. Die Familie wird nichts bemerken. Niemand wird finden, dass du ruhiger geworden bist. Dieselbe Bemerkung wird beim Nachtisch fallen, und die Uhr in der Küche wird weiter zu laut gehen. Was sich ändert, ist kleiner und gehört dir allein: du gehst zur Tür hinaus und bist noch da. Du bist nicht erst auf der Rückfahrt wieder du selbst.
Es wird auch nicht immer gelingen. Auch im Zendo läuft ein Gedanke davon, der Körper sinkt zusammen, die Glocke kommt, und wir wissen kaum, wo wir in der letzten halben Stunde waren. Dann stehen wir auf, richten den Platz und kommen beim nächsten Mal wieder. Praxis ist nicht das Gelingen, sie ist die Form, in die wir zurückkehren können.
Der eigene Ort
»Doch trotz ihrer unendlichen Verbundenheit haben sie alle ihren eigenen Ort.«
— Sekitō Kisen, Sandokai. Textfassung aus: Shunryū Suzuki, „Leidender Buddha, glücklicher Buddha“, Theseus Verlag 1998
Der Satz verspricht nichts, und er stellt nichts richtig. Er sagt nur, dass es diesen eigenen Ort gibt, mitten in der größten Verbundenheit, und dass er nicht erst entsteht, wenn alle einverstanden sind. Wer den Hausstand ablegte, verließ dafür das Haus. Wir bleiben meistens. Darum müssen wir den eigenen Ort dort kennen, wo die alte Bemerkung fällt. Ob Familie ein Ort der Praxis sein kann, entscheidet sich damit nicht an der Familie. Es entscheidet sich an dem Platz, den du darin einnimmst, und daran, ob du ihn kennst, bevor du zur Tür hereinkommst.
Nimm dir vor der nächsten Begegnung kein Ziel vor. Nicht: heute lasse ich mich nicht ärgern. Nicht: heute klären wir das endlich. Wähle stattdessen einen der drei Orte, Körper, Rede oder Geist, und dort die kleinste Form, die du allein halten kannst, ohne dass jemand mitmachen muss.
Und prüfe hinterher nicht, ob die anderen anders waren als sonst. Frag dich auf dem Rückweg nur: an welcher Stelle bin ich heute von meinem Platz gegangen, und wann habe ich es bemerkt? Wer das ein paar Mal tut, weiß irgendwann schon vor der Tür, wo sein Platz ist.
Mehr ist es nicht, und weniger reicht nicht.
Text von HoKai Österle · Über diese Texte
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