Zen im Leben

Zen im Nationalsozialismus

Zen und Frieden, Teil neun: über zwei belastete Bücher, ihre Spur durch das eigene Haus, ein Ehepaar, das in diesem Haus überlebte, und die Frage, wie Nicht-Selbst und Verantwortung zusammengehören.


Nachts steht eine einzelne Person im Mantel unter einer blauen Straßenlaterne auf dem nassen Pflaster vor dem Tor eines dunklen Universitätsgebäudes, hoch über ihr leuchtet ein einziges Fenster warm.
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Dieser Essay ist der neunte Teil des Lesewegs „Zen und Frieden“.

Zen und Frieden

Was hat Frieden mit dem eigenen Geist zu tun, und wo wird stille Praxis politisch? Über Gewaltlosigkeit, Verantwortung, Zugehörigkeit und die Irrtümer des Zen.

Als NächstesZen im japanischen Militarismus

Der Augenblick nach dem Schuss

Auf dem Bogenplatz gibt es einen Augenblick, in dem der Pfeil schon unterwegs ist und die Hand noch offen neben der Wange liegt. Der Körper war gespannt, die Finger haben losgelassen, nun ist nichts mehr zurückzuholen. Wir sehen dem Pfeil nach.

Wer lange meditatives Bogenschießen übt, kennt die Versuchung, diesen Augenblick zu erklären. War das Können? War es Zufall? Hat jemand geschossen, oder geschah der Schuss für einen Moment ohne den Schützen?

Die Frage reicht tief in die Zen-Praxis. Beim Lösen kann der Eindruck eines festen Handelnden tatsächlich verschwinden. Die Bewegung ist nicht mehr in einzelne Befehle zerlegt. Atem, Körper und Bogen arbeiten nicht gegeneinander. Es geschieht einfach.

Aber was wird dann aus der Verantwortung? Wenn kein festes Ich zu finden ist, wem gehört die Richtung des Pfeils?

Eine Geschichte, größer als ein Name

Zen im Nationalsozialismus lässt sich nicht an Eugen Herrigel allein erzählen. Er war nicht der einzige Nationalsozialist in dieser Geschichte. Karlfried Graf Dürckheim gehört dazu, dessen Bücher nach dem Krieg vielen Menschen im Westen die erste Tür zum Zen geöffnet haben. Eine dritte Spur führt zu Martin Heidegger. Er war kein Zen-Lehrer. Doch eine wissenschaftliche Arbeit aus unserem Bestand stellt Zen und Heidegger nebeneinander und nennt dabei auch sein fragwürdiges Engagement während des Nationalsozialismus. Diese Spur erweitert die Frage, sie trägt aber keinen dritten Fall. Hinzu kommen weitere Menschen, Kreise und Einrichtungen, deren Wege nicht in einen Absatz passen. Wer sie bloß aufzählt, hat noch nichts aufgearbeitet.

Dieser Essay folgt darum zwei Spuren und sagt, weshalb gerade ihnen: Herrigels berühmtester Satz reicht bis in die Übung unseres eigenen Hauses, und Dürckheims Buch liegt bei uns im Regal, mit demselben Satz auf einer seiner Seiten. An diesen beiden Fällen können wir genau hinsehen, ohne so zu tun, als sei damit die ganze Geschichte erzählt.

Zwei Fälle sind kein Überblick. Sie können aber eine Tür öffnen, wenn wir ihre Grenze nicht verstecken.

Ein Satz auf einem Manuskript

Die Blätter, die ich von meinem Vater habe, sind Manuskripte für Teishos. Er hat selten einfach abgelesen. Er ließ im Vortrag seiner Intuition freien Lauf. Darum weiß ich, was er sich notiert hat. Ich weiß nicht Wort für Wort, was er damals im Raum gesagt hat.

Auf zwei dieser Blätter greift KyuSei auf Herrigels Buch zurück. In einem Manuskript steht:

Das Es

»Der Meister bei Eugen Herrigel sagt: ES hat geschossen. Es ist viel spekuliert worden, was mit diesem ES gemeint sein könnte und es besteht immer die Gefahr, auch aus dem ES ein Etwas zu machen, also den Nullpunkt zu Materialisieren.«

— Aus einem Manuskript für ein Teisho von KyuSei, Altbäckersmühle

Die Vorsicht steht direkt neben der schönen Formel. Wer nur „ES hat geschossen“ herauslöst, schneidet die Frage dort ab, wo sie beginnt. KyuSei warnt davor, aus dem Es wieder ein Ding zu machen.

Mehr dürfen wir aus dem Blatt nicht lesen. Es belegt nicht, welche Worte im Teisho tatsächlich fielen. Es sagt nicht, was KyuSei über Herrigels politische Geschichte wusste. Es zeigt nur, dass Herrigels Buch in die Vorbereitung seiner Vorträge und damit in die Sprache unseres Hauses eingegangen ist.

Das genügt. Geschichte lebt nicht nur in Bekenntnissen weiter. Manchmal lebt sie in einem Satz weiter, dessen Herkunft nicht mehr mitgesprochen wird.

Die Daten neben dem Satz

Eugen Herrigel veröffentlichte 1936 den Aufsatz „Die ritterliche Kunst des Bogenschießens“. 1937 trat er in die NSDAP ein. 1938 wurde er Prorektor, 1944 Rektor der Universität Erlangen. Das Buch „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ erschien 1948. Im Jahr 2003 lag die dreiundvierzigste deutsche Auflage vor.

Jede dieser Angaben ist zunächst nur ein Datum. Kein Datum erklärt, was ein Mensch beim Lösen eines Pfeils erfahren hat. Zusammen verhindern sie aber, dass wir den Vermittler wie eine politisch leere Hülle um eine zeitlose Erfahrung behandeln.

Der Religionswissenschaftler Bernhard Scheid ordnet Herrigels Suche nach einer Mystik jenseits der Vernunft als Versuch ein, im Zen Anknüpfungen an deutsche Rassenideologien zu finden. Der Mann, durch dessen Buch der Satz zu uns kam, stand dem Regime nicht fern. Er gehörte seiner Partei an und trug während dieser Jahre Verantwortung an einer deutschen Universität.

Das macht den Augenblick an der Schießlinie nicht unwahr. Es verändert aber die Frage, mit welcher Unschuld wir seine Deutung übernehmen können.

Wessen Stimme hören wir?

Auch die Herkunft des Satzes ist weniger sicher, als seine Klarheit vermuten lässt. Herrigel sprach mit seinem japanischen Bogenlehrer Awa Kenzō meist über einen Dolmetscher. Der Japanologe Yamada Shōji hat diese Überlieferung untersucht. Gerade das deutsche unpersönliche Wort „es“ lässt sich nicht einfach ins Japanische zurücktragen. Mit den Quellen dieser Runde lässt sich nicht belegen, dass Awa Kenzō genau diesen Satz gesagt hat.

Das bedeutet nicht, dass er ihn sicher nicht gesagt hat. Es bedeutet: Wir wissen es nicht.

Zwischen dem Augenblick des Schusses und dem Satz, der später im Buch stand, liegen ein Lehrer, ein Dolmetscher, Erinnerung, Übersetzung und die Feder Herrigels. Zwischen KyuSeis Manuskript und dem gesprochenen Teisho liegen ebenfalls ein Mensch, ein Raum und ein Abend, den das Blatt nicht festhalten konnte. In beiden Fällen ist das Papier eine Spur. Es ist nicht das Ereignis selbst.

Vielleicht berührt der Satz trotzdem etwas Genaues. Ein fragwürdig überlieferter Satz kann eine wirkliche Erfahrung treffen. Ein politisch verstrickter Mensch kann etwas sehen, das andere ebenfalls erfahren. Die Unsicherheit verlangt nicht, alles wegzuwerfen. Sie verlangt, genauer zu sagen, wessen Stimme wir hören und wo unser Wissen endet.

Ein zweites Buch, derselbe Satz

Der zweite Name ist Karlfried Graf Dürckheim. Auch er hat eine Spur in unserem Haus. Auf einem Entwurf für unsere Bogenseite von 2017 stand ein Satz von ihm als Motto, sein Name darunter: „Auf dem Weg ist man dann, wenn man nicht mehr herunterfallen kann.“ Aus welchem seiner Bücher der Satz stammt, sagt das Blatt nicht, und wir haben es nicht gefunden. Sein bekanntestes Buch dagegen liegt bei uns: „Hara. Die energetische Mitte des Menschen“.

Dürckheim kam 1938 zum ersten Mal nach Japan. Das schreibt er selbst, gleich auf den ersten Seiten, als ihm ein Japaner einen Satz sagt, den er damals nicht verstand. Wenige Seiten später fragt er einen japanischen General, was Hara in der Ausbildung des Soldaten bedeute, und der General antwortet: „Der Sinn aller soldatischen Ausbildung ist Hara“. Dürckheim nennt das einen erstaunlichen Satz und erklärt ihn mit einer Verfassung, die soldatische Tugend auch angesichts des Todes zur Selbstverständlichkeit macht. Ein Wort des Widerspruchs steht nicht dabei. Er nimmt den Satz des Generals so in sein Buch, wie er ihn gehört hat.

Dann erzählt er von seinem Bogenlehrer Kenran Umeji in Tokyo, von der Strohscheibe in drei Metern Entfernung, an der ein Anfänger drei Jahre lang übt, und davon, dass es nicht aufs Treffen ankommt. In einer Fußnote verweist er auf Herrigels Buch. Und ein paar Seiten weiter steht der Satz, den wir aus KyuSeis Manuskript kennen, noch einmal, in Dürckheims eigenen Worten:

„Nicht er schießt mehr auf die Scheibe, sondern »Es« schießt für ihn, die Kraft der Mitte.“

Karlfried Graf Dürckheim, „Hara. Die energetische Mitte des Menschen“, O. W. Barth, Neuausgabe 2012, Seite 36

Da ist er wieder, in einem zweiten Buch, aus einer zweiten Hand. Was Dürckheim beschreibt, kennt, wer lange übt: den Augenblick, in dem das Ich nicht mehr dazwischensteht. Er sagt es eine Seite davor selbst:

„Nur, wo das Ich zurücktritt, kann das Gewinnen und Festigen der rechten Mitte gelingen.“

Karlfried Graf Dürckheim, „Hara. Die energetische Mitte des Menschen“, O. W. Barth, Neuausgabe 2012, Seite 35

Das ist ein wahrer Satz über die Übung. Und er stammt von einem Mann, der 1938 nach Japan kam, den Satz des Generals ohne Einwand weitergab und dessen Weg vor 1945 der Religionswissenschaftler Karl Baier in einem Aufsatz untersucht hat, der schon im Titel von NS-Mystik und militantem Zen spricht. Gelesen haben wir diesen Aufsatz nicht, er liegt nicht im Haus. Was im Haus liegt, ist das Buch selbst. Und das Buch reicht, um die Frage zu stellen, um die es hier geht: Wenn das Ich zurücktritt, wem gehört dann, was geschieht?

Nicht-Selbst ist kein Ausweg

Im Zazen und beim Bogen üben wir nicht, ein stärkeres Ich zu bauen. Wir erleben, wie viel geschieht, ohne dass ein fester Mittelpunkt jeden Atemzug und jede Bewegung befiehlt. Gedanken tauchen auf. Der Atem kommt und geht. Beim Lösen ist die Hand manchmal schneller als jede Erklärung danach.

Im sechsten Teil dieser Reihe stand beides nebeneinander: Ein fester Täter ist nicht zu finden, und die Tat wirkt weiter. An der Schießlinie begegnet uns dieselbe Spannung noch einmal, diesmal in einem Satz, dessen politische Geschichte zu uns gehört.

Doch die Abwesenheit eines festen Ich macht die Tat nicht folgenlos. Der Pfeil fliegt in die Richtung, in die der Körper sich gestellt hat. Wenn er trifft, hat nicht ein unberührbares Es irgendwo außerhalb unseres Lebens getroffen. Wenn er jemanden gefährdet, können wir uns nicht aus dem Satz nehmen.

Genau hier wird die Sprache der Übung empfindlich. Hingabe, Selbstlosigkeit und das Aufgehen in einem größeren Ganzen können uns aus der Enge des eigenen Vorteils lösen. Dieselben Wörter können aber auch benutzt werden, damit ein Mensch nicht mehr fragt, wem sein Tun dient. Dann wird aus dem Loslassen kein freieres Handeln, sondern eine schöne Sprache für Gehorsam. In Dürckheims Buch stehen der General und die Kraft der Mitte, die für den Schützen schießt, nur wenige Seiten auseinander. Das ist kein Zufall, den man überlesen darf.

Die Fälle Herrigel und Dürckheim beweisen nicht, dass jede Erfahrung des Nicht-Selbst dorthin führt. Sie stellen eine unbequemere Frage: Woran merken wir, ob das kleine Ich durchlässiger wird oder ob nur das Gewissen leiser geworden ist?

Vielleicht liegt der Unterschied nicht in der Tiefe der Erfahrung, sondern in ihrer Richtung. Wird das Leiden des anderen wirklicher? Wird Widerspruch möglich, auch gegen die eigene Gruppe und die verehrte Überlieferung? Macht die Übung uns wacher für die Folgen des eigenen Tuns? Ein Buddha-Dharma, der diese Fragen nicht mehr aushält, hätte an einer entscheidenden Stelle aufgehört zu fragen.

Kein verbotenes Buch

Nun könnten wir Herrigels Buch aus dem Regal nehmen, Dürckheims dazu, die Sätze streichen und uns für aufgeklärt halten. Das wäre eine vertraute Bewegung. Das Belastete läge draußen, wir selbst stünden wieder auf der sauberen Seite.

So einfach ist es nicht. Ein politisch verstrickter Mensch kann etwas Genaues beobachtet haben. Ein verehrter Mensch kann sich irren. Eine wirkliche Erfahrung kann durch eine zweifelhafte Erzählung hindurch sichtbar werden. Geschichte wird nicht redlich, wenn wir nur noch zwischen reinen und unreinen Namen sortieren. Bücher aus dem Haus zu schaffen war die Geste jener Jahre. Sie steht uns nicht zu, auch nicht mit dem besten Gewissen.

Die Aufgabe liegt woanders. Wir dürfen Herkunft nicht mit Wahrheit verwechseln. Wir dürfen eine mögliche Wahrheit aber auch nicht benutzen, um ihre Herkunft verschwinden zu lassen.

Darum können die Bücher bleiben. Der Satz kann ebenfalls bleiben, nur nicht mehr allein. Neben ihm stehen die Jahre, die Ämter, die unsichere Übersetzung, der General in Dürckheims Buch und KyuSeis Warnung, aus dem Es wieder ein Etwas zu machen. Daneben steht auch die Erinnerung, dass Herrigel und Dürckheim zwei Spuren in einer größeren Geschichte sind.

Eine lebendige Überlieferung muss ihre Vorgänger nicht vor der Geschichte schützen. Sie kann ihnen zutrauen, mit der ganzen Geschichte gelesen zu werden.

Dasselbe Haus, dieselben Jahre

Die Geschichte des Nationalsozialismus berührt dieses Haus nicht nur über zwei Bücher im Regal. Sie hat in der Mühle selbst stattgefunden. Während des Zweiten Weltkriegs war die Altbäckersmühle ein Schutzraum. Johanna Wasserburg, die als Jüdin verfolgt wurde, und ihr Mann Robert fanden hier Zuflucht und überlebten. Die Menschen, denen die Mühle damals gehörte, haben die beiden aufgenommen und geschützt. Und mit ihnen waren, so wird es in der Mühle erzählt, auch Soldaten im Haus, die aus der Wehrmacht geflohen waren.

Robert Wasserburg hat in dieser Zeit Tagebuch geführt. Seine Notizen von Angst und Rettung sind der Grund, dass wir die Geschichte heute genau erzählen können. In Mainz erinnert ein Stolperstein an die Familie, in der Mühle ein Stein des Gedenkens. Wer mehr wissen will, findet die Geschichte der Familie Wasserburg auf unserer Seite.

Warum steht das in einem Essay über Herrigel und Dürckheim? Weil es dieselben Jahre sind. Während an einer deutschen Universität ein Parteimitglied Rektor wurde und ein Reisender in Japan den Satz eines Generals notierte, ging in einem Tal im Taunus eine Tür auf und blieb offen, obwohl das gefährlich war. Beides gehört zu der Geschichte, die wir hier erzählen. Beides gehört sogar zu demselben Haus, in dem heute der Satz vom Es weitergegeben wird.

Und hier zeigt sich noch einmal, worum es in diesem Essay geht. Niemand in der Mühle hat damals gesagt: Es hat geschützt. Menschen haben gehandelt, unter Gefahr, mit Namen und Gesicht. Wer ein verfolgtes Ehepaar aufnimmt, kann sich hinterher nicht aus dem Satz nehmen, und will es auch nicht. Die Verantwortung, nach der wir an der Schießlinie fragen, hatte in diesem Haus einmal eine Adresse.

Wir wissen über diese Jahre in der Mühle nicht alles. Robert Wasserburgs Aufzeichnungen sind eine Spur, wie KyuSeis Blätter eine Spur sind. Aber sie zeigen: Das Haus, in dem wir heute den Bogen heben, war in denselben Jahren ein Ort, an dem Menschen die Richtung ihres Handelns kannten.

Was wir redlich weitergeben können

Wir wissen nicht, wie KyuSeis Teishos Wort für Wort klangen. Wir wissen nicht, welchen Weg der Satz zwischen Awa Kenzō, dem Dolmetscher und Herrigel genau genommen hat. Wir wissen nicht aus eigener Lektüre, was Dürckheim in den Jahren vor 1945 geschrieben und getan hat; wir haben sein Buch und den Titel eines Aufsatzes über ihn. Die Spur zu Heidegger ist benannt, aber nicht zu einem dritten Fall ausgebaut. Wir wissen auch nicht alles über die Jahre, in denen die Mühle Zuflucht war. Und wir erzählen mit zwei Namen nicht die ganze Geschichte des Zen im Nationalsozialismus.

Diese Grenzen machen den Text nicht leer. Sie zeigen, was tatsächlich trägt. Auf zwei Manuskripten steht Herrigels Buch. Auf einem stehen der berühmte Satz und die Warnung unmittelbar nebeneinander. In Dürckheims Buch stehen der General und das Es, das für den Schützen schießt, wenige Seiten auseinander. Herrigels Parteimitgliedschaft und seine Ämter sind belegt. Die Überlieferung des Satzes ist umstritten. In diesem Haus haben Johanna und Robert Wasserburg den Krieg überlebt. Mehr müssen wir nicht behaupten, um unsere eigene Weitergabe zu prüfen.

Wir fügen keinen Schuldspruch in ein altes Manuskript ein. Wir erklären Herrigel nicht zum einzigen Namen dieser Geschichte. Wir sagen nur dazu, was wir wissen, und lassen sichtbar, was wir nicht wissen.

Das Haus verliert dadurch keinen Satz. Es gewinnt die Möglichkeit, ihn wacher zu sprechen.

Von oben gesehen hält ein Mann in einer Bogenwerkstatt einen Bogen vor sich, im Licht einer Hängelampe, während vor ihm auf dem Holzboden acht fertige Bögen nebeneinander liegen.
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Eine kleine Übung: die Sätze ohne Handelnden

Achte in den nächsten Tagen auf Sätze, in denen etwas geschieht und niemand es tut. „Es hat sich so ergeben.“ „Das macht man hier so.“ „Es ließ sich nicht vermeiden.“ „Da ist wohl etwas schiefgegangen.“

Du musst keinen dieser Sätze verbieten. Bleib nur einen Augenblick bei ihm und sieh nach, wer darin verschwunden ist. Dann sprich ihn noch einmal, diesmal mit einem Menschen darin. Vielleicht wird er unbequemer. Vielleicht wird er genauer. Manchmal zeigt sich, dass Verantwortung nicht darin beginnt, einen festen Täter im Inneren zu finden. Sie beginnt damit, sich aus der eigenen Handlung nicht herauszureden.

Zurück an die Linie

Der Pfeil ist fort. Die Hand liegt offen neben der Wange. Für einen Augenblick war da vielleicht wirklich niemand, der den Schuss besaß. Und doch kam der Pfeil aus dieser Hand, von diesem Platz, in diese Richtung.

Wir müssen den Augenblick nicht kleiner machen, um Verantwortung darin zu finden. Wir müssen ihn auch nicht zum Geheimnis erklären, um seine Tiefe zu bewahren. Vielleicht reicht es, beides zu sehen: Der Handelnde ist nicht fest. Die Wirkung ist wirklich.

Wenn nun noch einmal der Satz kommt, „Es hat geschossen“, hören wir mehr als früher. Wir hören KyuSeis Vorsicht. Wir hören die Unsicherheit der Übersetzung. Wir sehen Herrigels Jahre im Nationalsozialismus. Wir sehen in Dürckheims Buch den General und die Kraft der Mitte auf benachbarten Seiten. Wir sehen die Spur zu Heidegger und die Namen, die in diesem Essay noch nicht erzählt sind. Wir sehen dieses Haus, das in denselben Jahren zwei Menschen das Leben bewahrt hat. Und wir sehen die eigene Hand, die den Bogen hält.

Der Pfeil fliegt. Diesmal sehen wir nicht nur ihm nach. Wir sehen auch die Linie, aus der der Satz gekommen ist.

Weiterlesen

Die Lesewege

Die Kunst des Übens

Warum üben, wenn es im Zen nicht darum geht, besser zu werden? Texte über Sitzen, Alltag, Langeweile und die Geschichten, mit denen wir uns selbst festlegen.

Zen und Frieden

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Als NächstesZen im japanischen Militarismus

Familie

Ein einziger Satz am Familientisch, und wir sind wieder zwölf. Texte über alte Rollen, verletzte Bindungen und die Frage, wie Mitgefühl möglich bleibt, ohne sich selbst zu verlieren.

Als NächstesWenn Eltern alt werden

Koans im Leben

Alte Begegnungen aus dem Zen, gelesen als Fragen an unser heutiges Leben. Nicht der Reihe nach, sondern dort, wo ein Fall eine Tür öffnet.

Dōgen im Leben

Kapitel aus Dōgens Shōbōgenzō, nah am Text und nah am Alltag gelesen. Was können uns seine alten Bilder heute noch sehen lassen?

Nachklang

Nach einer psychedelischen oder spirituellen Erfahrung beginnt die eigentliche Arbeit: Was bleibt, wenn der Alltag weitergeht? Über Makyō, Kenshō und einen nüchternen Umgang mit dem Außergewöhnlichen.

Gemeinschaft als Übung

Wie zeigt sich eine Gemeinschaft, wenn jemand Hilfe braucht, Widerspruch nötig wird oder Macht begrenzt werden muss? Texte über Verantwortung, Schutz und gemeinsames Tragen.

Vom Lesen ins Üben

Wie viel in einem Satz geschieht, ohne dass ihn jemand spricht, hört man im Sitzen genauer als im Gespräch. Die nächsten Sesshin-Termine in der Mühle:

30. SEP – 04. OKT 2026Zen-Retreat für Frauen — Die Kraft der Durchlässigkeitmit Pia AnRakuGen Österle5 Tageab 300,00 €+
Zen-Retreat für Frauen — Die Kraft der Durchlässigkeit

Zen-Retreat für Frauen – Die Kraft der Durchlässigkeit Sei wie Wasser, das jede Form annimmt und dennoch nie seine Natur verliert. Dieses Retreat ist eine Einladung an Frauen, sich in einem geschützten Raum der Stille und Klarheit zu versammeln – um zu sitzen, zu lauschen, zu atmen und zu erkennen: Durchlässigkeit ist keine Schwäche. Sie ist eine Fähigkeit, die Welt tief zu spüren, ohne von ihr überwältigt zu werden. Sie ist die Weisheit des Körpers, …

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04.–09. FEB 2027Fasching ohne Maske — Sesshinmit HoKai6 Tageab 350,00 €+
Fasching ohne Maske — Sesshin

Sesshin im Fasching. Ohne Maske. Ein paar Tage sitzen, während draußen das Treiben lärmt. Anfänger:innen und Fortgeschrittene sind gleichermaßen eingeladen, sich still einzufinden. Keine Rolle, nichts darzustellen. Nur sitzen, atmen, da sein.

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25.–29. MAR 2027Das Leben nicht persönlich nehmen — Sesshinmit Pia AnRakuGen Österle & HoKai5 Tageab 160,00 €+
Das Leben nicht persönlich nehmen — Sesshin

DAS LEBEN NICHT PERSÖNLICH NEHMEN ‘Der höchste Weg ist nicht so schwer, nur fern von Angst und Wankelmut’ das sind die ersten Zeilen aus der Gedichtsammlung vom Vertrauen in den Geist. Wenn Emotionen uns beherrschen, wir deshalb kaum einen klaren Gedanken fassen können, fühlen wir uns nicht nur getrennt von unserem Herzen, sondern auch getrennt von allem, was uns umgibt. Ängste jeglicher Art und Unsicherheiten lassen unseren Geist wankelmütig sein. Körperlich fühlen wir uns angespannt …

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01.–05. SEP 2027Zen-Retreat für Frauenmit Pia AnRakuGen Österle5 Tageab 160,00 €+
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26. DEZ 2027 – 02. JAN 2028Rauhnächte — Neujahr-Sesshinmit Pia AnRakuGen Österle & HoKai8 Tageab 280,00 €+
Rauhnächte — Neujahr-Sesshin

MEDITATION ÜBER NEUJAHR: Eintauchen in die Rauhnächte In der magischen Zeit der Rauhnächte, einer Phase des Wandels und der Erneuerung, öffnet die Mühle ihre Tore für ein besonderes Sesshin. Vom 26. Dezember bis zum 03. Januar laden wir Euch ein, gemeinsam mit uns die Stille dieser Übergangszeit zu erleben und den Jahreswechsel bewusst zu zelebrieren. Dieses 8-Tage-Retreat ermöglicht uns, in die Tiefe unserer Meditation zu sinken, uns von alten Lasten zu lösen und frische Perspektiven …

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