Nach einer Substanz-Erfahrung: und jetzt?
Nachklang, Teil drei: Wenn der Zustand vorbei ist und etwas weiterwirkt
Nachklang, Teil drei: Wenn der Zustand vorbei ist und etwas weiterwirkt
Dieser Essay ist der dritte Teil des Lesewegs „Nachklang“.
Nach einer psychedelischen oder spirituellen Erfahrung beginnt die eigentliche Arbeit: Was bleibt, wenn der Alltag weitergeht? Über Makyō, Kenshō und einen nüchternen Umgang mit dem Außergewöhnlichen.
Es gibt einen Nachmittag, von dem in keiner Erzählung die Rede ist. Die Nacht ist vorbei, die anderen sind gefahren, im Bad läuft noch Wasser. Du sitzt in deiner Küche, und etwas ist geschehen, das größer war als alles, was du bisher kennst. Die Wohnung weiß nichts davon. Der Kalender weiß nichts davon. Auf dem Tisch liegt das Handy, und du gehst die Namen durch. Wen würdest du anrufen? Du legst es wieder hin.
Vielleicht war diese Nacht gestern. Vielleicht liegt sie Jahre zurück, du hast die Geschichte oft erzählt und längst Worte dafür gefunden, und trotzdem ist da etwas, das sich mit Nachdenken allein nicht beruhigen lässt. Nicht unbedingt, weil etwas falsch war. Eher, weil etwas Großes geschah und der Rahmen endete, bevor seine Folgen begannen.
Dieser Text gehört zum Leseweg „Nachklang“. Der erste Teil sprach über Makyō, über die Erscheinungen, die beim Sitzen auftreten können, und über den schnellen Schritt von der Erfahrung zur Deutung. Der zweite sprach über Kenshō und darüber, dass niemand dir eine solche Erfahrung beglaubigen kann. Beide Male ging es um die eigene Überlieferung, um Worte, die das Zen seit langer Zeit benutzt. Dieser Text wendet sich an die, die anders gekommen sind: über eine Substanz. Nicht unbedingt in einer begleiteten Sitzung. Oft nachts auf einer Feier, manchmal allein, manchmal bei jemandem, der oder die sich selbst Schamane nennt.
Der Unterschied liegt nicht im Rang der Erfahrung. Er liegt darin, was hinterher fehlte. Wenn die Einnahme eine freiwillige und bewusste Entscheidung war, lag die Verantwortung dafür grundsätzlich bei dir. Oft war trotzdem kein Ort vorgesehen, an dem jemand für das Danach hätte ansprechbar bleiben sollen. Damit beginnt die Frage dieses Textes: Wie übernimmst du Verantwortung für den Nachklang, wenn die Entscheidung vorbei ist und ihre Folgen geblieben sind?
Über diesem Text steht das Zeichen 醒. Es heißt nüchtern werden, aus einem Zustand erwachen, wieder klar sehen. Nüchternheit klingt dabei leicht wie ein Gegenurteil, als müsse der klare Morgen beweisen, dass die Nacht eine Täuschung war, oder als dürfe nur ernst genommen werden, was sich im gewöhnlichen Bewusstsein jederzeit wiederholen lässt.
So ist es nicht gemeint. Du musst die Erfahrung nicht zurücknehmen. Was du erlebt hast, war deine Erfahrung. Aber der Zustand, in dem sie geschah, muss nicht auch die Verantwortung für das tragen, was daraus folgt. Nüchtern zu werden heißt dann: die Erfahrung darf sprechen, aber sie bekommt nicht allein das Wort.
Wenn du danach doch einen Ort suchst, lautet die erste Frage vielleicht nicht: Was war das? Sie lautet: Mit wem kann ich darüber sprechen? Du gehst die Namen durch und streichst bei jedem zweiten im Kopf schon die Antwort mit. Der Freund würde es spannend finden und zu viel fragen. Die Schwester würde sich Sorgen machen. Bei der Ärztin fürchtest du, dass am Ende nur ein Eintrag in der Akte bleibt. Und das Zen-Zentrum, in dem du vielleicht einmal gesessen hast, hat, so vermutest du, dazu eine Meinung.
Die Vermutung ist nicht aus der Luft gegriffen. Wir haben dazu wirklich eine Meinung, und sie steht in unseren eigenen alten Texten. Es wäre unredlich, das zu verschweigen und so zu tun, als sei alles offen. Es wäre genauso unredlich, dich mit der Vermutung allein zu lassen, statt sie einmal ordentlich aufzumachen.
Im Bodhisattva-Training der Mühle steht das fünfte der Gelübde so:
Das Gelübde
»Im Gehen des Weges des Erwachten üben wir uns darin, weder Körper noch Geist zu vergiften.«
— Ethik, Altbäckersmühle, Text des Bodhisattva-Trainings, fünftes Gelübde, Ethik—Altbaeckersmuehle.md:195-196
Das klingt zunächst nach dem, was du befürchtet hast. In seiner ursprünglichen Form bezog sich dieses Gelübde auf vergorene, berauschende Getränke, und häufig wird es in erweitertem Sinn als grundsätzliche Zurückweisung aller Substanzen gelesen, die den Zustand des Bewusstseins verändern. Die härteste Stimme dazu steht in einem Heft, das ich vor Jahren von der Webseite des Zen-Zentrums Solingen heruntergeladen habe. Roland Rech, ein Lehrer aus der Linie Taisen Deshimarus, hat im Sommerlager von Maredsous über dieses Gebot gesprochen:
Leute, die Drogen konsumieren, suchen das Glück des unmittelbaren Nirvana. Auf eine völlig künstliche Weise, ohne die erforderliche innere Umformungsarbeit zu leisten, ohne ihre Täuschungen, ihre Bonnos, zu beobachten, ohne sie in Satori umzuformen. Sie werden einfach abhängig von einem Bonno, das die anderen Bonnos überdeckt.
Roland Rech, Kusen zum fünften Gebot des Kyōjukaimon, Sommerlager Maredsous, Juli 1996, herausgegeben vom Zen-Zentrum Solingen, Buecher_KYOJUKAI.PDF.txt:774-778
Bonno ist in diesem Heft das Wort für die Täuschung, die einen Menschen umtreibt. Der Satz ist deutlich, und ich will ihn nicht weicher machen, als er ist. Zwei Absätze weiter, in der Unterweisung des nächsten Morgens, schreibt derselbe Text allerdings, dass während des Sesshin Wein und Bier verkauft werden und dass Deshimaru erlaubt habe, ein wenig Alkohol zu trinken, solange niemand betrunken wird und die anderen stört (Buecher_KYOJUKAI.PDF.txt:817-822). Wer hier eine feste Position des Buddhismus behaupten will, findet sie in einem einzigen Dokument doppelt und fühlt sich an die Doppelmoral unserer Gesellschaft erinnert.
Rechs Kusen stammt vom Sommerlager 1996. In diesem Dokument stehen beide Aussagen nebeneinander. Das zeigt, dass das Gelübde nie eine Stoffliste war. Die Auslegung in der Mühle sagt es ausdrücklich: entscheidend für unsere Übung ist der durch die Veränderung bewirkte Zustand, und die wichtigsten Anzeichen eines unheilsamen Zustands heißen Gier und Anhaftung auf der einen Seite, Aggression und Ablehnung auf der anderen. Die Frage ist also nicht, was du genommen hast. Die Frage ist, wohin es dich gebracht hat, wovon du seither lebst und welche Substanz dich vielleicht dauerhaft nährt.
Im Kyōjukaimon, der Unterweisung zu den Geboten, steht dazu eine Zeile, die unser eigener Text Dōgen zuschreibt: „Verkaufe nicht den Wein der Täuschung.“ Es heißt nicht: trink ihn nicht. Es heißt: verkauf ihn nicht. Das Gelübde schaut zuerst auf das, was wir anderen zuführen.
Rechs Satz ist die eine Stimme aus unserer Nachbarschaft. Es gibt eine zweite, und sie steht ihm nicht als Meinung gegenüber, sondern als Arbeit. Vanja Palmers, in dessen Tempel, dem Felsentor auf der Rigi, wir selbst Kurse halten, hat eine wissenschaftliche Studie zu Meditation und Psilocybin nicht bloß gutgeheißen. Er hat sie veranlasst und zum größten Teil selbst mitfinanziert.
An der Anlage der Studie wird Vanjas Grundmotiv sichtbar, und auch, welche Transformation er damit ermöglichte. Rech setzt die Substanz und die innere Umformungsarbeit als Gegensätze. Die Studie fragte anders: Was geschieht, wenn Psilocybin nicht an die Stelle der Übung tritt, sondern in ein Sesshin, ein Schweigeretreat, mit ausschließlich langjährig meditationserfahrenen Menschen und in eine bereits geübte, sorgfältig gehaltene Praxis? Ich war Teilnehmer dieser Studie und habe Vanja in diesen Wochen im Zendo assistiert. Ich habe erlebt, wie ernst dieser Rahmen genommen wurde.
Die Anlage dieser Studie, ein Sesshin mit langjährig Meditierenden, in das die Substanz hineingelegt wurde, sagt weniger und zugleich mehr als ein Wirkversprechen. Sie sagt nicht, was eine Substanz bei beliebigen Menschen bewirkt. Sie sagt auch nichts darüber, was bei einer Nacht auf einer Feier, bei einem Versuch allein oder in einer Zeremonie ohne verlässliche Begleitung geschieht. Sie zeigt aber, dass die Frage nach einer solchen Erfahrung nicht am Stoff endet. Die innere Ausgangslage, die Übung, der äußere Rahmen und das Danach gehören mit hinein. Das ist kein Heilversprechen und keine Empfehlung.
Gerade darin liegt der Kontrast zu Rech. Er spricht vom Abkürzen: Glück ohne Umformungsarbeit, ein Bonno, das die anderen überdeckt. Die Studie untersuchte keine Abkürzung. Sie setzte die Substanz mitten in einen Weg aus Schweigen, Meditation und verlässlicher Form. Darin liegt die Rolle dessen, was meist Set und Setting genannt wird: Set ist die innere Verfassung, mit der ein Mensch hineingeht, seine Erwartung und seine Absicht. Setting ist der äußere Rahmen, in dem es geschieht. Ein Sesshin ist ein ungewöhnliches Setting, aber ein sehr heilsames. Rechs Warnung vor Anhaftung ist damit nicht widerlegt. Aber seine Verallgemeinerung wird zu eng. Ein chemisch ausgelöster Zustand steht nicht von selbst außerhalb innerer Arbeit. Entscheidend bleibt, in welchem Rahmen er geschieht, ob jemand für die Folgen ansprechbar ist und was in den Monaten danach aus ihm wird. Auf dieses Danach kommt der Text zurück.
An einer Stelle wird der Text der Mühle dann unbequem für alle Beteiligten:
Dabei wird leicht übersehen, dass jede ‚Nahrung‘, sowohl materielle (‚Substanzen‘) wie immaterielle (Worte, Bilder, Klänge …), auf Körper und Geist und damit auch auf das Bewusstsein verändernd wirkt.
Ethik, Altbäckersmühle, Text des Bodhisattva-Trainings, fünftes Gelübde, Ethik—Altbaeckersmuehle.md:215-217
Nahrung ist hier alles, was hineingeht. Nicht nur, was man schluckt. Auch, was man liest, hört und sich erzählt. Wer von einer Substanz spricht, spricht damit von einem Sonderfall und nicht von einer eigenen Kategorie Mensch.
Für den Nachmittag in deiner Küche hat das eine sehr praktische Folge. Zu dem, was dich danach nährt, gehört auch die Erzählung, die du dir über die Erfahrung gibst. Du suchst nach Worten, und es gibt reichlich davon: Videos, in denen dir jemand erklärt, was du erlebt hast; Foren, in denen dieselbe Nacht einmal als Durchbruch und einmal als Schaden gelesen wird; Anbieter, die dir eine Nacharbeit verkaufen und sie Integration nennen. Das Wort ist nicht falsch, und wir haben es selbst schon benutzt. Nur beantwortet es die Frage dieses Nachmittags noch nicht. Es verspricht, dass es für das Danach ein Verfahren gibt, und stellt sich dabei meist jemanden vor, der es anbietet.
Vielleicht ist der nüchternste erste Schritt deshalb ein kleiner. Nimm dir ein paar Tage, in denen du nicht fragst, was es war, sondern was dich seitdem nährt. Wie viel schläfst du, was isst du, wie viele Stunden am Tag liest und hörst du über das, was dir geschehen ist, mit wie vielen Menschen hast du darüber gesprochen, und ging es danach besser oder schlechter. Das sind keine tiefen Fragen. Sie haben nur den Vorteil, dass sie sich beantworten lassen, und die Frage nach der Bedeutung hat das nicht.
Reb Tenshin Anderson, ein Zen-Meister aus Kalifornien, hat diesem Gelübde ein ganzes Kapitel gewidmet, und er legt es nicht als Verbot aus. Er fragt, warum ein Mensch seinen Zustand verändern will. Mitten in diesem Kapitel zitiert er einen Vers Dongshans, den er den alten Buddha nennt:
Abwenden und Berühren sind beide falsch,
Denn es ist wie ein großes Feuer.Dongshan, zitiert bei Tenshin Reb Anderson, „Being Upright“, Kapitel siebzehn, deutsche Arbeitsübersetzung, Einwurf_Reb-Anderson-Being-Upright.txt:4431-4432
Aus demselben Buch haben wir schon einmal gelesen, im Essay „Es soll aufhören“, dort unter seinem deutschen Titel „Aufrecht sein“: die Abneigung als äußerer Feuerring um den Schmerz. Es ist dasselbe Feuer, von der anderen Seite her gesehen.
Für den Nachklang einer Erfahrung passt der Vers genauso. Berühren heißt hier: sie anfassen und festhalten. Sie noch einmal wollen, sie zum Kern deines Lebens machen, die ganze Biografie neu von dieser Nacht her lesen. Abwenden heißt: nie wieder davon sprechen, sie klein machen, sich für sie entschuldigen und den Kopf wegdrehen, wenn das Thema kommt. Beides sieht von außen vernünftig aus. Beides bringt dich nicht in die Nähe dessen, was geschehen ist. Die Verurteilung macht aus einem Menschen einen Fehler. Die Heiligsprechung macht aus einem Zustand eine Wahrheit, der sich alles Weitere unterordnen soll.
Reb macht an dieser Stelle etwas, das ich für den ehrlichsten Zug seines ganzen Kapitels halte. Er stellt die Menschen, die sich mit Substanzen verändern wollen, nicht auf eine andere Seite als sich selbst. Er erzählt von einem Herbst in Minnesota, von leuchtenden Blättern, von einer glücklichen Woche, und davon, dass ihm im Regen der Gedanke kam, ein wenig Sonne wäre jetzt noch besser. Jeder von uns, schreibt er, sei in der Lage, sich zu wünschen, dass die Sonne ein wenig heller scheint. Der Impuls, den eigenen Zustand ein wenig zu verändern, ist also nicht das Merkmal einer bestimmten Gruppe von Menschen. Er sitzt auch im Zendo, in Gestalt des Wunsches, dieses Sitzen möge etwas ruhiger, etwas tiefer, etwas mehr nach Zen aussehen.
Und dann schreibt Reb einen Satz, der nicht dir gilt, sondern uns: wer sich weigert, Süchtigen und Suchtproblemen liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken, macht sich selbst zum Opfer der Sucht. Das ist die eigentliche Zumutung dieses Gelübdes für uns in der Mühle. Wir dürfen eine Meinung über Substanzen haben. Wir dürfen den Menschen, der mit einer Erfahrung daraus in der Tür steht, nicht an der Tür stehen lassen. Was ich über die Begleitung solcher Erfahrungen weiß, habe ich nicht im Privaten gelernt, sondern in der offiziellen Ausbildung bei der Schweizer Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie und als Teilnehmer und Assistent bei jener Studie mit Psilocybin, von der oben die Rede war. Beschaffung und Dosierung gehören nicht hierher, und das Zen verleiht einer Erfahrung auch nicht nachträglich einen geistlichen Rang.
Bei einer begleiteten Sitzung lässt sich wenigstens fragen, wer wofür Verantwortung übernommen hat. Eine sorgfältige Begleitung sagt vor dem Anfang, was nach dem Ende geschieht und wie lange sie ansprechbar bleibt. Ob sie dieses Versprechen einhält, ist eine andere Frage. Nach einer Nacht auf einer Feier, nach einem Versuch allein oder nach einer Zeremonie ohne verlässliche Begleitung ist es anders. Niemand hat dieses Versprechen gegeben. Am nächsten Tag kann niemand einen Auftrag verletzt haben, weil es den Auftrag nie gab.
Gerade das macht die Lage schwer. Du suchst vielleicht nach einer Person, die dir sagen kann, was geschehen ist. Aber die Menschen von damals sind nicht mehr da, wollen nichts mehr damit zu tun haben oder haben längst eine fertige Erklärung. Der eine nennt es Erwachen, die andere einen bloßen Rausch, ein Dritter eine Botschaft. Jede Antwort will die Unruhe beenden. Keine kann dir die Verantwortung abnehmen.
Die damalige Nacht lässt sich nicht nachträglich in einen gehaltenen Raum verwandeln. Du kannst aber heute aufhören, ihre Haltlosigkeit für dein persönliches Versagen zu halten. Dass niemand zuständig war, heißt nur, dass die Verantwortung jetzt bewusst beginnen muss, statt aus einem damaligen Rahmen übernommen zu werden. Diese Verantwortung besitzt die Erfahrung nicht. Sie schützt dein Leben davor, von ihr besessen zu werden.
Sie beginnt mit einer bescheidenen Unterscheidung. Was wirkt in deinem Leben tatsächlich, und was fordert nur deshalb Gehorsam, weil es sich groß angefühlt hat? Vielleicht bist du seitdem kreativer oder lebensfroher, hast keine Migräne mehr oder bist nicht mehr depressiv. Vielleicht bist du aufmerksamer, vielleicht schläfst du schlechter, vielleicht ist eine alte Angst zurückgekehrt. Nichts davon beweist für sich, was die Erfahrung war. Es zeigt nur, wo ihr Nachklang heute dein Leben berührt. Und die Verantwortung hat eine zweite Richtung, die des Kyōjukaimon: du musst aus deiner Erfahrung keine Lehre für andere machen und niemanden überzeugen, denselben Weg zu nehmen. Du darfst erzählen, ohne zu werben. Du darfst schweigen, ohne zu verleugnen.
Eine Grenze bleibt, und sie ist klar. Wenn du über längere Zeit kaum schläfst, wenn die Angst nicht nachlässt, wenn du dich nicht mehr verlässlich orientieren kannst, wenn die Erfahrung nicht abklingt oder du fürchtest, dich oder andere zu gefährden, dann gehört der nächste Schritt nicht auf das Kissen, sondern zu einer Ärztin oder in eine psychotherapeutische Praxis. In einer akuten Gefahr braucht es sofortige Hilfe. Zen kann zuhören und mit dir üben. Behandeln kann es nicht. Diese Grenze macht deine Erfahrung weder unwahr noch wertlos. Sie schützt den Menschen, der sie erlebt hat.
Wann aus einer schweren Zeit eine spirituelle Krise wird und woran sich das unterscheiden lässt, ist ein eigenes Thema. Es bekommt in diesem Leseweg einen eigenen Text. Hier genügt der Satz, dass diese Frage niemand allein am Küchentisch entscheiden muss.
Nüchtern werden heißt nicht, dass es nichts war. Es heißt auch nicht, dass du jetzt vernünftig zu sein hast. Es heißt, dass die Wirkung nachlässt und der Mensch bleibt, der du vorher warst und nachher bist. Was du gesehen hast, hast du gesehen. Welchen Namen es trägt, muss nicht heute entschieden werden. Ob es dich wahrhaftiger macht, zeigt sich ohnehin nicht an der Nacht, sondern an den Wochen danach: daran, wie du mit deiner Unruhe umgehst, wie du jemandem antwortest, ob du durchlässiger für andere wirst oder nur schwerer zu erreichen.
Vielleicht ist das die ganze Auskunft, die der Buddha-Weg an dieser Stelle hat. Er gibt dir keine Deutung und keinen Rang. Er fragt, wovon du dich nährst, und er hält das für wichtig genug, dass eines seiner Gelübde davon handelt.
Das Handy liegt immer noch auf dem Tisch. Die Frage ist am Ende nicht, wen du anrufst. Sie ist, aus welchem Wunsch heraus du gerade nach einer Antwort greifst und was diese Antwort in dir nährt. Nüchtern werden heißt nicht, die Erfahrung zu verraten. Es heißt, ihr einen Ort in deinem Leben zu geben, an dem sie nicht alles andere verdrängen muss.
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