Wenn Eltern alt werden
Familie, Teil neun. Wenn vertraute Rollen nicht mehr tragen und der nächste Handgriff trotzdem getan werden muss.
Familie, Teil neun. Wenn vertraute Rollen nicht mehr tragen und der nächste Handgriff trotzdem getan werden muss.
Dieser Essay ist der neunte Teil des Lesewegs „Familie“.
Ein einziger Satz am Familientisch, und wir sind wieder zwölf. Texte über alte Rollen, verletzte Bindungen und die Frage, wie Mitgefühl möglich bleibt, ohne sich selbst zu verlieren.
Auf dem Küchentisch liegt eine Schachtel mit sieben kleinen Fächern. Daneben liegen eine Brille, ein Arztbrief und ein Apfel, der an der Schnittkante braun wird. Die Tochter liest noch einmal, welche Tablette morgens genommen werden soll. Die Mutter sagt, das wisse sie selbst. Gleich darauf fragt sie, welcher Tag heute ist.
Vielleicht beginnt das Altwerden der Eltern nicht mit einer Diagnose. Es beginnt mit einer Frage, die gestern schon beantwortet wurde. Mit einem Kühlschrank, in dem kaum etwas liegt. Mit einem Schlüssel, der zum zweiten Mal verschwunden ist. Mit dem Augenblick, in dem eine beiläufige Hilfe zu einer Aufgabe geworden ist, die morgen wieder da sein wird.
Es gibt keinen Tag, an dem die vertraute Ordnung einfach umspringt. Lange wird gekocht, über das Wetter gesprochen und der Rasen gemäht. Alle halten eine Form, die sie kennen, während sich der Boden darunter verschiebt. Irgendwann führt ein Mensch, der uns früher geführt hat, unsere Hand zum Knopf seiner Jacke.
Aber er wird dadurch nicht zu unserem Kind. Und wir werden nicht zu seinen Eltern.
Wir können einen Termin vereinbaren, eine Rechnung erklären oder einen Schuh schließen. Die gemeinsame Geschichte wechselt deshalb nicht ihre Richtung. Sie wird nur enger.
Im Sukhumala Sutta erzählt der Buddha vom Wohlleben im Haus seines Vaters, von Lotusteichen, Gewändern aus Benares und einem weißen Schirm, der Tag und Nacht über ihm gehalten wurde. Mitten in dieser äußersten Sorgenlosigkeit kam ihm ein Gedanke:
„Wahrlich, der unkundige Weltling, selber dem Alter unterworfen, ohne dem Alter entrinnen zu können, ist bedrückt, entsetzt und ekelt sich, wenn er einen Gealterten sieht; sich selber aber läßt er dabei außer acht. Doch auch ich bin ja dem Alter unterworfen, kann dem Altern nicht entgehen.“
Sukhumala Sutta, Anguttara Nikaya 3,39 a, Übersetzung Nyanatiloka und Nyanaponika.
Der schärfste Teil liegt in den Worten „sich selber aber läßt er dabei außer acht“.
Genau das gelingt uns leicht. Wir sehen den gebeugten Rücken eines Vaters, die unsicheren Schritte einer Mutter, die Verwirrung über einen vertrauten Weg. Wir stehen daneben, als wäre Alter ein Vorgang, der ihnen geschieht. Nicht uns.
Die Lehrrede dreht den Blick um. Der alte Mensch ist weder Aufgabe noch Lehrfigur. Er zeigt eine Bedingung, in der wir längst mit ihm stehen. Auch wir können dem Altern nicht entgehen.
Wir kommen aus einem schnelleren Leben. Der Parkplatz läuft ab, das Telefon summt, am Nachmittag wartet die nächste Arbeit. Der alte Mensch braucht länger, bis er auf eine Frage antwortet. Er bindet den Schuh wieder auf, weil er drückt. Vielleicht möchte er nicht duschen, obwohl heute der Pflegedienst kommt. Oder er will über den Arztbrief überhaupt nicht sprechen.
Dann begegnen sich zwei Zeiten. Die eine sagt: Das muss jetzt erledigt werden. Die andere kann oder will diesem Jetzt nicht mehr folgen.
Ungeduld ist in dieser Lage keine Überraschung. Das Anziehen dauert. Dieselbe Frage kommt wieder. Ein Formular ist nicht ausgefüllt, obwohl alles zweimal erklärt wurde. Plötzlich hören wir uns in einem Ton sprechen, den wir von früher kennen, nur nicht aus unserem Mund.
Diese Ungeduld kommt nicht nur von der Arbeit, obwohl die Arbeit wirklich da ist. In ihr steckt auch Eile gegen die eigene Uhr. Wer das Altern eines anderen ansieht, sieht etwas, das bei ihm selbst nicht stillsteht.
Reb Tenshin Anderson legt dieselbe Lehrrede aus. Über Shakyamuni schreibt Reb:
„Selbst Shakyamuni fand diesen Prozeß bei anderen abstoßend. Er empfand aber auch Bedauern wegen seines Widerwillens gegen Vorgänge, denen jeder unterworfen ist.“
Reb Anderson, „Die fünf Skandhas“, in „Ein warmes Lächeln vom kalten Berg“, deutsch von Bernd Bender, Theseus-Verlag 1998, Seite 47.
Von Menschen, die ihre alten Eltern begleiten, erwarten wir Geduld. Von uns selbst erst recht. Wir möchten helfen und dabei nicht gereizt sein. Wir möchten den Geruch im Zimmer nicht abstoßend finden, dieselbe Geschichte nicht unterbrechen und beim langsamen Weg zum Auto nicht auf die Uhr sehen.
Aber Fürsorge macht keinen reinen Menschen aus uns. Neben der Zuneigung sitzt die Ungeduld. Neben der Bereitschaft zu helfen steht der Wunsch, wieder nach Hause zu fahren.
Zazen gibt uns hier keine bessere Gesinnung. Es lässt uns früher bemerken, was geschieht. Der Kiefer wird fest. Der nächste Satz steht schon bereit. Noch ist er nicht gesprochen.
In diesem kleinen Abstand liegt keine Heiligkeit. Nur eine Wahl.
Viele Entscheidungen beginnen klein. Wer hat einen Schlüssel. Wer fährt zur Untersuchung. Reicht das Essen bis Freitag. Kann der Vater noch allein die Treppe hinunter. Ist die Mutter beim Unterschreiben sicher, was sie unterschreibt.
Und irgendwann reicht die nächste Suppe im Kühlschrank nicht mehr. Nach einem Sturz, einer durchwachten Nacht oder dem dritten Anruf der Nachbarin steht die Frage im Raum, ob ein Pflegedienst genügt oder ein Platz im Pflegeheim nötig wird.
Wer entscheidet das?
Der alte Mensch gehört in die Mitte dieser Frage, solange ein Gespräch mit ihm möglich ist. Nicht als Höflichkeit, nachdem alles schon beschlossen wurde. Es ist sein Zimmer, sein Tageslauf, sein vertrauter Blick aus dem Fenster. Was er will, kann unbequem sein. Es kann auch mit dem zusammenstoßen, was andere noch verantworten können.
Denn manche Entscheidungen werden nicht durch Einigkeit leicht. Ein Herd kann gefährlich werden. Ein Körper kann Pflege brauchen, die zu Hause nicht mehr geleistet werden kann. Die Tochter kann nicht jede Nacht dort schlafen. Der Vater kann trotzdem sagen, dass er nirgendwohin geht.
Liebe löst diesen Konflikt nicht. Sie sorgt nur dafür, dass er uns nicht gleichgültig ist.
Dann braucht es mehr als den Familienwillen. Es braucht ärztlichen und pflegerischen Rat, einen nüchternen Blick auf das, was tatsächlich möglich ist, und möglichst viel von dem, was der alte Mensch früher über seine Wünsche gesagt oder aufgeschrieben hat. Eine Vollmacht kann Zuständigkeit klären. Sie nimmt niemandem die Schwere der Entscheidung ab.
Ein Pflegeheim ist weder Verrat noch der Ort, an dem alles wieder gut wird. Es kann die Form der Hilfe sein, die der Alltag noch trägt. Der Umzug kann nötig sein und trotzdem wehtun.
Mit der Pflege kommt eine zweite Mappe auf den Tisch. Darin liegen Bescheide, Kontoauszüge und Kosten. Reicht die Rente. Wie lange reicht das Ersparte. Muss das Haus verkauft werden. Wer führt die Gespräche, wer macht die Überweisungen, wer fährt jede Woche hin.
Auch beim Geld gehört der alte Mensch in die Mitte. Was vorhanden ist, ist nicht schon das Erbe der Kinder. Es gehört zuerst zu seinem Leben und zu der Hilfe, die er jetzt braucht.
In einer Familie sind das selten nur Zahlen. Ein Geschwisterteil gibt Zeit, ein anderes Geld. Eines wohnt in der Nähe, eines weit weg. Bald fallen Sätze wie: „Du entscheidest immer alles.“ Oder: „Du warst die letzten Jahre nie da.“
Der Streit handelt dann zugleich vom Pflegeheim und von früher. Von der Lieblingstochter. Vom Sohn, dem angeblich immer mehr geholfen wurde. Vom Haus, das einmal Erbe sein sollte und nun die Pflege bezahlen könnte. Alte Rechnungen legen sich auf die neuen.
Es hilft nicht, diese Schicht für unvernünftig zu erklären. Sie ist da. Aber sie sollte nicht heimlich über das Leben des alten Menschen entscheiden. Was Pflege kostet, was vorhanden ist und wer welche Aufgabe wirklich übernimmt, gehört offen auf den Tisch. Wo die Familie sich dabei nur noch gegenseitig vorrechnet, braucht sie einen Menschen von außen, der die Möglichkeiten kennt und nicht miterbt.
Das ist keine Versöhnung. Es ist auch keine Lösung der alten Geschichte. Es ist die Arbeit, die heute getan werden muss.
Und das Sterben? Wird darüber gesprochen, oder wird alles wieder gut?
Es wird nicht alles wieder gut. Altwerden lässt sich nicht so erzählen, als führte jede richtige Entscheidung zurück in das frühere Leben. Manche Kräfte kommen nicht zurück. Manche Krankheit wird bleiben. Dieser eine Mensch wird sterben, und wir wissen meistens nicht, wann.
Darüber zu sprechen fällt vielen Familien schwer. Ein Vater sagt beim Kaffee, wo seine Papiere liegen. Die Tochter antwortet: „Ach Papa, red nicht so.“ Sie will ihn trösten. Vielleicht will sie auch sich selbst schützen. Der Satz ist freundlich gemeint und lässt ihn doch allein mit dem, was er gerade sagen wollte.
Ein Gespräch über das Sterben muss nicht feierlich sein. Es kann mit einer schlichten Frage beginnen: Was wäre dir wichtig, wenn es einmal schlechter wird? Vielleicht kommt eine Antwort. Vielleicht kommt sie später. Vielleicht will der alte Mensch nicht reden. Auch das gehört dazu.
Im Sukhumala Sutta folgt auf das Alter der Tod:
„Doch auch ich bin ja dem Tode unterworfen, kann dem Tode nicht entgehen.“
Sukhumala Sutta, Anguttara Nikaya 3,39 a, Übersetzung Nyanatiloka und Nyanaponika.
Der Satz tröstet nicht. Er stellt uns neben den Sterbenden, nicht vor ihn. Auch das Sterben ist keine Lektion für uns. Es ist das Sterben dieses einen Menschen. Was wir daraus lernen, lernen wir hinterher.
Wenn du merkst, dass die Antwort zu schnell kommt, halte für einen Atemzug inne. Nicht, um geduldiger zu werden. Nur als Unterbrechung. Spüre die Füße auf dem Boden und den Kiefer. Sieh den Menschen vor dir, nicht den Ablauf, der im Kopf schon fertig ist.
Dann lässt sich vielleicht noch einmal fragen, statt anzuordnen. Oder klar sagen, was nicht warten kann. Manchmal ist die hilfreiche Rede weich. Manchmal muss sie deutlich sein. Entscheidend ist nicht, ob der alte Mensch uns dafür dankt. Entscheidend ist, ob er in unserem Handeln noch als Mensch vorkommt.
Im Sukhumala Sutta endet der Abschnitt über das Alter mit einem schlichten Satz:
Der Jugendrausch
»Indem ich, ihr Mönche, so dachte, schwand mir jeglicher Jugendrausch.«
— Sukhumala Sutta, Anguttara Nikaya 3,39 a, Übersetzung Nyanatiloka und Nyanaponika
Jugendrausch ist nicht nur das Gefühl, jung zu sein. Er steckt auch in der Annahme, unser Tempo sei das richtige, unsere Kraft selbstverständlich und Abhängigkeit betreffe die anderen. Der alte Mensch vor uns nimmt uns diese Annahme nicht ab. Aber wir können bemerken, wann wir aus ihr handeln.
Für heute sind die Tabletten gestellt, der Termin ist eingetragen und der Apfel weggeräumt. Morgen wird vielleicht wieder gefragt werden, welcher Tag ist. Dann braucht es keine große Antwort. Nur wieder einen Menschen, der hinsieht, ohne zu vergessen, dass er selbst nicht außerhalb des Alterns steht.
Text von HoKai Österle · Über diese Texte
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