Zen im japanischen Militarismus
Zen und Frieden, Teil zehn: über Lehrer und Institutionen des japanischen Zen im Dienst des Krieges, und über die Frage, was eine Übung davor schützt, zu einer Schule des Gehorsams zu werden.
Zen und Frieden, Teil zehn: über Lehrer und Institutionen des japanischen Zen im Dienst des Krieges, und über die Frage, was eine Übung davor schützt, zu einer Schule des Gehorsams zu werden.
Dieser Essay ist der zehnte Teil des Lesewegs „Zen und Frieden“.
Was hat Frieden mit dem eigenen Geist zu tun, und wo wird stille Praxis politisch? Über Gewaltlosigkeit, Verantwortung, Zugehörigkeit und die Irrtümer des Zen.
Im Zendo folgt eine Bewegung auf die andere. Die Glocke erklingt, wir stehen auf, drehen uns und verbeugen uns. Niemand muss sich in den Vordergrund schieben, für eine Weile trägt uns die Form.
Das kann befreiend sein. Der Körper muss nicht jeden Schritt neu erfinden, das kleine Ich, das sonst so gern entscheidet, darf zurücktreten.
Aber die Bewegung allein sagt noch nicht, was gerade geschieht. Ein Mensch kann sich aus Dankbarkeit verbeugen, oder weil alle es tun. Manchmal verbeugt er sich, weil Widerspruch gefährlich geworden ist. Von außen ist der Unterschied nicht zu sehen.
Genau darin liegt die beunruhigende Frage dieses Essays: Was schützt eine spirituelle Übung davor, zu einer Schule des Gehorsams zu werden?
Teil zwei dieser Reihe hat schon angedeutet, dass „nicht wenige Zen-Meister und buddhistische Institutionen den aufkommenden Nationalismus“ unterstützten, ohne einen Namen zu nennen. Der vorige Teil erzählte von der deutschen Seite dieser Geschichte, von Eugen Herrigel und von der eigenen Linie im Haus. Nun bleibt der Blick in Japan. Es geht um Institutionen und Lehrer, mit Namen.
Die Geschichte des japanischen Zen hat darauf keine tröstliche Antwort. Vor 1945 und während des Krieges stellten sich Zen-Institutionen und einzelne Lehrer in den Dienst des japanischen Imperialismus. Weder Rinzai noch Sōtō waren davon ausgenommen. Lehren, die Menschen aus der Enge des Ich lösen sollten, wurden so ausgelegt, dass sie die Unterordnung unter Kaiser, Staat und Krieg stärkten.
Das ist nicht nur eine Geschichte von Menschen, die ihre eigene Lehre verrieten. Es ist auch die Geschichte einer Lehre, die ihre Richtung verliert, sobald niemand mehr fragt, wem sie dient.
Es wäre bequem, die Sache mit einem Satz zu erledigen: Diese Lehrer hätten den Zen eben nicht verstanden. Dann läge der Fehler außerhalb der Übung, hier der wahre Zen, dort sein Missbrauch. Wir könnten uns auf die richtige Seite stellen und müssten nur noch bedauern, was andere aus der Überlieferung gemacht haben.
So einfach ist es nicht. Die Menschen, um die es geht, waren nicht durchweg oberflächliche Mitläufer. Manche hatten jahrzehntelang gesessen, gelehrt und Klöster geführt. Sie kannten die Gebote, sie kannten das Nicht-Töten, sie kannten Gier, Hass und Verblendung als die drei Wurzeln des Leidens.
Die Geschichte zeigt deshalb nicht, dass ihr Zen zu schwach war. Sie zeigt, dass Tiefe in einer Übung keine ethische Richtung garantiert.
Die Hingabe
»Ich war stolz darauf, mich aus der Alltagswelt gelöst zu haben, und ich war überzeugt davon, daß ich durch meine vollständige Hingabe an die Zen-Übung dem Staat dienen würde.«
— Yanagida Seizan, Rinzai-Priester, in Brian (Daizen) A. Victoria, Zen, Nationalismus und Krieg, Theseus 1999, Seite 230
Eine tiefe Übung ist nicht automatisch eine heilsame Übung.
Ein gesammelter Geist kann deutlich sehen und dennoch einen Befehl ausführen. Ein Mensch kann wenig Angst vor dem Tod haben und trotzdem dem Töten dienen. Er kann sein persönliches Ich zurücknehmen und sich dafür umso vollständiger einem großen Wir überlassen. Im achten Teil dieser Reihe ging es um dieses große Wir. Hier zeigt sich, was geschieht, wenn es nicht nur Zugehörigkeit stiftet, sondern über Körper verfügt.
Einer der Menschen, die nach dem Krieg nicht zur Tagesordnung übergingen, war der Zen-Priester und Religionsphilosoph Ichikawa Hakugen. Der Religionswissenschaftler Christopher Ives legt in seinem Buch „Imperial-Way Zen“ Ichikawas Kritik aus: Ichikawa begann fast im Alleingang, die Beteiligung buddhistischer Institutionen am japanischen Imperialismus zu untersuchen, und forderte buddhistische Kriegsverantwortung ein. Er nannte die Verbindung Kōdō Zen, Zen des kaiserlichen Weges.
Das Wort ist genau, weil es die Verschiebung nicht versteckt. Zen verschwand nicht, die Formen, Begriffe und Erfahrungen blieben. Nur der Weg, dem sie dienten, war nun der Weg des Reiches.
Ives zeigt, worauf Ichikawas Kritik zielte: Gleichmut ließ sich so lesen, dass Leid und Tod nicht mehr erschütterten. Das Einswerden mit den Dingen und das Sich-Fügen in die Umstände konnten zur widerspruchslosen Anpassung werden. Wer gelernt hat, seinen eigenen Willen loszulassen, hat noch nicht gelernt, wessen Willen an seine Stelle tritt. Dann wird aus Hingabe Unterwerfung. Aus Einheit wird Gleichschritt. Aus Gleichmut wird Unempfindlichkeit. Aus dem Loslassen des Ich wird die Abgabe des Gewissens.
In der buddhistischen Lehre steht Gleichmut, Upekkha, nie für sich allein. Er ist einer von vier Zuständen, die zusammengehören, mit liebender Güte, Mitgefühl und Mitfreude. Gleichmut ohne diese drei Geschwister ist keine reife Frucht der Übung, sondern ihre Verkürzung, er wird kalt, wo er ruhig sein sollte, und gehorsam, wo er frei sein sollte. Genau das legt Ichikawas Kritik frei. Man behielt den Gleichmut und ließ das Mitgefühl weg. Man behielt das Einswerden mit den Dingen und ließ die Frage weg, welchen Dingen man sich da eigentlich fügt. Übrig blieb eine Haltung, die sich äußerlich wie Zen anfühlte und innerlich jeden Befehl tragen konnte.
Brian Daizen Victoria hat mit „Zen at War“ viele dieser Verstrickungen öffentlich gemacht. Er dokumentiert, wie Lehrer wie Harada Daiun Sōgaku und Hakuun Yasutani den Krieg in ihren Schriften und Unterweisungen unterstützten. Harada veröffentlichte 1939 in der Zeitschrift Daijō Zen einen Artikel mit dem Titel „Der eine Weg von Zen und Krieg“. Darin steht, nach der deutschen Ausgabe von Victorias Buch (Theseus 1999, Seite 196): „[Wenn befohlen wird zu] marschieren: marsch, marsch; [oder zu] schießen: peng, peng. Dies ist die Manifestation der höchsten Weisheit [der Erleuchtung].“ Sinngemäß nach Victorias späteren Arbeiten forderte Yasutani 1943 in einem Kommentar zu Dōgens Shushōgi, die Heimtücke der Vereinigten Staaten und Großbritanniens zu vernichten.
Im Juli 1944, als Japan selbst von einer Invasion bedroht war, rief Harada in derselben Zeitschrift die hundert Millionen Untertanen des Kaisers auf, bereit zu sein, in Ehren zu sterben, und stellte darin eine Frage:
Der Nutzen
»Ist nicht Sinn und Zweck des Zazen, das wir in der Vergangenheit geübt haben, daß wir in einer Notsituation wie dieser von Nutzen zu sein vermögen?«
— Harada Daiun Sōgaku, Zen-Lehrer, Zeitschrift Daijō Zen, Juli 1944, in Brian (Daizen) A. Victoria, Zen, Nationalismus und Krieg, Theseus 1999, Seite 197
Auch diese Frage gehört in jedes Zendo: Wozu sitzen wir? Haradas Antwort lautete, um in der Not nützlich zu sein, und die Not war der Krieg. Die Frage lässt sich nicht abschaffen, sie bekommt nur eine Richtung, und über die Richtung entscheidet nicht die Tiefe der Übung.
Die Darstellung Victorias ist nicht unwidersprochen. Robert Baker Aitken, selbst Lehrer aus derselben Linie wie Yasutani, wirft ihm vor, Worte und Taten aus ihrem geschichtlichen und zeitlichen Zusammenhang zu lösen und mit einem heutigen, westlichen Maßstab zu urteilen. Koichi Miyata wirft ihm unabhängig davon Ungenauigkeiten bei Zitat und Übersetzung vor. Die Einwände heben Haradas und Yasutanis Kriegsunterstützung nicht auf, sie mahnen aber zur Sorgfalt beim genauen Wortlaut.
Auch D. T. Suzukis Rolle lässt sich nicht mit einem sauberen Urteil erledigen. Victoria liest Suzukis Verbindung von Zen und Bushidō als Teil einer Sprache, die mit dem japanischen Nationalismus vereinbar war. Der Zen-Lehrer Kemmyō Taira Satō widerspricht: Suzuki sei in seinem Misstrauen gegen Staats-Shintō und rechte Ideologie klar und deutlich gewesen, habe seine Kritik aber aus Furcht vor Repressalien öffentlich gedämpft. Dieser Streit wird hier genannt, nicht um sich dahinter zu verstecken, sondern weil eine ehrliche Geschichte weder makellose Vorbilder noch Monster kennt, sondern Menschen, über deren Handeln man auch achtzig Jahre später noch ringt.
Victoria gibt eine Reuebekundung der Sōtō-Schule aus dem Jahr 1992 mit ihren Kernpassagen wieder (deutsche Ausgabe, Seite 216 bis 220). Darin benennt die Schule ausdrücklich ihre Unterstützung der japanischen Aggression in China und in anderen Ländern sowie ihre Zusammenarbeit mit den Kriegstreibern und entschuldigt sich bei den Völkern Asiens.
Aus eigenem Antrieb kam diese Erklärung nicht. Victoria schreibt, dass Beschuldigungen wegen Menschenrechtsverletzungen die Schule trotz ihres Widerwillens zu einem Schuldeingeständnis zwangen. Als wichtigste Beschuldigung nennt er die 1980 veröffentlichte Schrift über ihre Missionsarbeit in Übersee, die das Geschehene nach der späteren Reuebekundung verherrlicht hatte (Seite 216 und 218). Unter den Erklärungen buddhistischer Schulen Japans nennt Victoria die der Sōtō-Schule eindeutig die umfassendste. Zugleich merkt er an, dass sie die Frage nach dem Verhältnis von Buddhismus und Staat, in der Lehre wie in der Geschichte, fast völlig ausklammert (Seite 220).
Im Rinzai-Zen blieb es länger still. Als Victorias Buch erschien, hatte sich nach seiner Darstellung kein Zweig des Rinzai-Zen offiziell mit der Kriegsschuld befasst (Seite 215 und 250), und er konnte sich des Eindrucks kaum erwehren, dass die Mittäterschaft der Rinzai-Schule noch weitgehender war als die der Sōtō-Schule (Seite 250). Erst 2001 folgten Erklärungen aus den Rinzai-Zweigen Tenryūji und Myōshinji.
Das Sanbō Kyōdan ging aus der Linie von Harada und Yasutani hervor. Victoria schreibt, diese Linie habe verhältnismäßig wenige Mitglieder, spiele aber durch die starke Verbreitung ihrer Auslegung des Zen im Westen eine sehr wichtige Rolle (Seite 193). Yasutani gründete 1951 eine Zeitschrift, um seine religiösen und politischen Ansichten zu verbreiten. Victoria zitiert daraus eine Passage, in der die Mitglieder der als rechts bezeichneten Organisationen die wahren japanischen Nationalisten heißen, und führt spätere Äußerungen an, nach denen die Universitäten allesamt vernichtet und die Nachkriegsverfassung für null und nichtig erklärt werden sollten (Seite 234 und 235). In seinen öffentlichen Vorträgen bei sieben Aufenthalten in den Vereinigten Staaten zwischen 1962 und 1969 fehlten solche Äußerungen völlig, sie waren offenbar nur für den innerjapanischen Gebrauch bestimmt (Seite 235). Erst um die Jahrtausendwende entschuldigte sich der damalige Abt Kubota Jiun für Yasutanis Worte und Taten und räumte ein, dass dieser im Krieg wie danach rechtes und antisemitisches Denken gefördert hatte.
Die drei Linien erklärten sich also nicht zur selben Zeit und nicht auf dieselbe Weise. Von ihnen äußerte sich die Sōtō-Schule zuerst, und auch das erst siebenundvierzig Jahre nach Kriegsende, trotz ihres Widerwillens und mit einer Lücke bei der Lehre. Die Rinzai-Zweige und das Sanbō Kyōdan folgten 2000 oder 2001, acht bis neun Jahre nach der Sōtō-Erklärung und nach dem Erscheinen von Victorias Buch. Daraus wird kein Vorzug, auf den sich eine Linie etwas einbilden dürfte, auch nicht die Sōtō-Linie, in der wir selbst sitzen. Beim Sanbō Kyōdan wiegt die späte Erklärung besonders schwer. Yasutani, der Gründer des Sanbō Kyōdan, vertrat nach dem Krieg weiter rechte Ansichten; Äußerungen wie die von Victoria zitierten fehlten in seinen öffentlichen Vorträgen in den Vereinigten Staaten.
Wo eine Linie den Ruf besonderer Klarheit pflegt, darf man an diese Geschichte erinnern. Peinlich ist nicht, dass ein Lehrer sich irrte. Peinlich wäre es, die eigene Geschichte erst zu erzählen, wenn ein Buch danach fragt.
Solche Erklärungen machen Geschehenes nicht ungeschehen und beweisen nicht, dass eine Gemeinschaft nun auf der richtigen Seite steht. Aber sie beenden einen Teil des Schweigens. Eine Institution, die ihre Beteiligung ausspricht, gibt den Nachgeborenen die Möglichkeit, genauer zu üben, nicht mit weniger Achtung vor der Überlieferung, sondern mit weniger Angst vor ihrer Wirklichkeit.
Die Reue
»Wir haben es versäumt, selbstkritisch unsere eigene Kriegsverantwortung zu untersuchen, was wir eigentlich unmittelbar nach der Kapitulation im Jahre 1945 hätten tun müssen.«
— Reuebekundung der Sōtō-Schule, 1992, in Brian (Daizen) A. Victoria, Zen, Nationalismus und Krieg, Theseus 1999, Seite 219
Ein Kloster, eine Schule und eine Linie sind keine unschuldigen Räume, in denen zufällig jemand irrt. Sie lehren, welche Fragen gestellt werden dürfen. Sie entscheiden, welche Stimmen gehört und welche zum Schweigen gebracht werden. Sie können Widerspruch tragen oder ihn als Mangel an Hingabe behandeln.
Vielleicht liegt die entscheidende Trennung nicht zwischen spiritueller und politischer Übung, sondern zwischen einer Übung, die sich prüfen lässt, und einer, die sich selbst zum Maßstab macht. Der Buddha-Dharma gibt dafür keinen Schutzbrief, wohl aber Fragen: Werden Gier, Hass und Verblendung schwächer? Wird das Leiden anderer wirklicher? Bleibt das Nicht-Töten lebendig, auch wenn Töten als Pflicht, Opfer oder Dienst am Ganzen bezeichnet wird? Darf einer Lehrperson widersprochen werden? Kann eine Gemeinschaft ihre Geschichte untersuchen? Bleiben die Menschen sichtbar, die außerhalb des eigenen Wir stehen? Werden die Gebote auch dann gesprochen, wenn der Staat andere Worte verlangt?
Nimm ein Wort, das dir in deiner Übung wichtig ist, Hingabe vielleicht, Einheit, Gelassenheit, Leere oder Vertrauen. Schreib es auf ein Blatt, darunter zwei Sätze. Im ersten: Welches Leben schützt dieses Wort. Im zweiten: Welche Verantwortung könnte ich mit demselben Wort vermeiden.
Gelassenheit kann verhindern, dass Zorn sofort zum Befehl wird, sie kann auch dazu dienen, beim Leiden eines anderen unberührt zu bleiben. Hingabe kann das kleine Ich lockern, sie kann auch den Widerspruch gegen einen verehrten Menschen ersticken. Einheit kann Verbundenheit erfahrbar machen, sie kann ebenso den Menschen verdächtig machen, der nicht mitgeht.
Es geht nicht darum, dem Dharma zu misstrauen. Es geht darum, ein gutes Wort nicht ohne seine Richtung zu lassen. Bemerkst du dabei eine kleine Enge, den Wunsch, das eigene Wort zu verteidigen, bleib dort einen Atemzug länger. Genau an dieser Stelle beginnt die Geschichte nicht erst im Kaiserreich. Sie beginnt in der gewöhnlichen Versuchung, eine schöne Lehre lieber zu schützen als einen verletzlichen Menschen.
Die Frage, ob Zen sich mit Militarismus verbinden konnte, ist beantwortet: Er konnte es. Der historische Befund braucht weder Beschönigung noch einen weiteren Schuldspruch.
Offen bleibt die lebendige Frage: Was hindert unsere eigene Übung daran, wieder nützlich für eine Macht zu werden, die Gehorsam höher schätzt als Gewissen? Nicht die Tiefe einer Erfahrung allein, nicht die Würde einer Linie, nicht die Zahl der Jahre auf dem Kissen. Vielleicht schützen uns nur die unscheinbaren Dinge: ein Gebot, das nicht passend gemacht wird, die Erinnerung an das konkrete Leiden, eine Gemeinschaft, die Widerspruch nicht mit Verrat verwechselt, und die Bereitschaft, bei jeder schönen Lehre zu fragen, wem sie gerade dient.
Wenn die Glocke erklingt, stehen wir auf und verbeugen uns. Die Form ist dieselbe wie zuvor, aber wir müssen nicht dieselben bleiben.
Wir können uns verbeugen, ohne das Gewissen abzugeben.
Text von HoKai Österle · Über diese Texte
Die Lesewege
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