Zen im Leben

Shōbōgenzō Bendōwa

Zazen als das rechte Tor, Übung und Erleuchtung eins


Von oben gesehen, gehen viele Menschen durch eine dunkle Bahnhofshalle, lange Schatten fallen über den Steinboden. In einem schmalen Sonnenstreifen in der Mitte bleibt ein einzelner Mensch aufrecht stehen.
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Dieser Essay ist der dritte Teil des Lesewegs „Dōgen im Leben“.

Dōgen im Leben

Kapitel aus Dōgens Shōbōgenzō, nah am Text und nah am Alltag gelesen. Was können uns seine alten Bilder heute noch sehen lassen?

Wenn im Zendo die Glocke erklingt, nimmt jeder Mensch seinen Platz ein. Manche kennen die Formen seit Jahrzehnten. Andere schauen noch, wie die Hände liegen und wann die Verbeugung beginnt. Manche tragen eine Robe, andere die Kleidung, in der sie eben aus dem Alltag gekommen sind.

Diese Unterschiede sind wirklich. Erfahrung ist nicht nichts. Eine Form muss gelernt, eine Verantwortung getragen und eine Korrektur manchmal angenommen werden.

Dann sitzen alle.

Niemand kann für einen anderen den Rücken aufrichten. Niemand kann einem anderen den Atem abnehmen. Und kein Titel macht aus diesem Sitzen ein höheres Sitzen.

Dōgens Bendōwa beginnt auf diesem Boden. Der Text stellt Zazen nicht als eine Übung unter vielen vor. Er nennt es das wahre Tor des Buddha-Weges. Zugleich nimmt er diesem Tor jeden Gedanken an eine geistliche Rangordnung. Denn wer hindurchgeht, gelangt nicht erst nach langer Bewährung zur Erleuchtung. Die Übung selbst ist Erleuchtung.

Das ist ein großer Satz. Er wird leicht so groß, dass er über unserem wirklichen Sitzen schwebt. Im Bendōwa bleibt er körperlich. Ein Mensch setzt sich. Körper und Geist nehmen die Form des Zazen an. Genau dort, nicht in einer späteren Vollkommenheit, liegt das Tor.

Das wahre Tor

In den Fragen und Antworten des Bendōwa lässt Dōgen einen Einwand auftreten. Es gebe doch viele Schulen und Wege im Buddhismus. Warum ausgerechnet Zazen?

Seine erste Antwort ist knapp:

„Weil es das wahre Tor ist, um den Buddha-Weg zu betreten.“

Dōgen Zenji, Shōbōgenzō, Kapitel Bendōwa, aus dem Quellenbestand der Mühle

Dieses Tor hat Dōgen nicht gefunden und nicht erfunden. Er sagt im selben Atemzug, dass Shakyamuni den Weg durch das Zazen fand und an seine Schüler weitergab, und dass es von Patriarch zu Patriarch als das wahre Tor weitergegeben wurde. An anderer Stelle sagt er es noch allgemeiner: Alle Buddhas und Patriarchen, die das Buddha-Dharma bewahrt haben, bestehen auf diesem Sitzen. Dōgen empfiehlt also nichts Eigenes. Er reicht etwas weiter, das ihm gereicht wurde.

Ein Tor trennt gewöhnlich ein Draußen von einem Drinnen. Es kann bewacht werden. Jemand kann bestimmen, wer eintreten darf und wer warten muss. So lesen wir auch einen geistlichen Weg leicht: Erst stehen wir draußen. Dann lernen wir, reinigen uns, werden ruhiger und sammeln Verdienste. Irgendwann öffnet sich der Zugang.

Dōgen verwendet das Bild und durchkreuzt diese Reihenfolge. Das Tor ist nicht die Belohnung für gelungene Übung. Es ist Zazen selbst. Wer sitzt, übt nicht vor dem Tor. Das aufrechte Sitzen ist das Eintreten.

Damit wird Zazen nicht zu einer Abkürzung. Dōgen verspricht keinen schnellen Zustand und keine besondere Empfindung. Er nennt das Sitzen Jijuyū Samādhi. Das Wort ist sperrig, und niemand muss es kennen. Dōgen beschreibt damit den gesammelten Zustand, in dem die Buddhas leben, ohne an etwas gebunden zu sein, und er setzt sofort hinzu, dass die Lebewesen ebenso darin sind, nur ohne zu erkennen, wie ihr Bewusstsein und ihre Wahrnehmung dabei wirken. Es ist also nichts, was jemand erwirbt. Es ist der Boden, auf dem ohnehin alle stehen, und Zazen ist die Stelle, an der wir ihn betreten. Deshalb warnt Dōgen auch davor, die Verwirklichung im eigenen Bewusstsein suchen und bemessen zu wollen. Jijuyū Samādhi bezeichnet ein Sitzen, das seine Wahrheit nicht von einem späteren Ergebnis borgt.

Wir können nach einer Stunde Zazen unruhig sein. Wir können müde aufstehen, gereizt reagieren und am selben Tag einen Fehler machen. Die Einheit von Übung und Erleuchtung ist kein Zeugnis über unseren Charakter. Sie macht aus allem, was wir tun, auch nicht nachträglich weises Handeln. Dōgen spricht genau von der Übung des Zazen, nicht von einem Freibrief für jede Gewohnheit.

Gerade deshalb ist das Tor streng. Wir können uns nicht mit einer künftigen Erleuchtung darüber hinwegtrösten, dass wir heute nicht wirklich sitzen. Wir können die Gegenwart nicht als bloße Vorbereitung behandeln.

Keine Erleuchtung hinter der Übung

Der nächste Einwand im Bendōwa klingt vernünftig. Wenn Zazen für Menschen nützlich ist, die noch nicht erwacht sind, wozu sollen Erwachte weiter üben? Hinter dieser Frage liegt eine Ordnung, die uns vertraut ist. Erst lernen, dann können. Erst üben, dann beherrschen. Erst den Weg gehen, dann ankommen.

Dōgen antwortet:

„Doch die Übung selbst ist die Erleuchtung, und sogar der erste Entschluss, den Weg zu suchen, enthält bereits die vollständige und perfekte Erleuchtung.“

Dōgen Zenji, Shōbōgenzō, Kapitel Bendōwa, aus dem Quellenbestand der Mühle

Das bedeutet nicht, dass ein erster Entschluss schon alle Täuschung beendet. Wer zum ersten Mal sitzt, kennt die Formen nicht deshalb so gut wie jemand, der sie seit vielen Jahren übt. Auch Einsicht, Reife und Verantwortung werden nicht gleich verteilt, nur weil alle Buddha-Natur haben.

Aber der erste Entschluss ist nicht weniger Buddha-Weg. Er ist keine Vorstufe, in der ein unvollständiger Mensch Material für seine spätere Vollständigkeit sammelt. In diesem ersten wirklichen Schritt ist nichts vom Weg zurückgehalten.

Das verändert auch den Blick auf die erfahrene Person. Wer lange übt, steht nicht jenseits des Tores und verteilt von dort aus Eintrittskarten. Lange Übung heißt, immer wieder einzutreten. Die Form wird vertrauter. Das Eintreten wird dadurch nicht zum Besitz.

Dōgen sagt es noch einmal, fast ohne Bild:

„Von Anfang an sind Übung und Erleuchtung untrennbar.“

Dōgen Zenji, Shōbōgenzō, Kapitel Bendōwa, aus dem Quellenbestand der Mühle

Wenn Übung und Erleuchtung untrennbar sind, hat Erleuchtung kein Ende, an dem die Übung überflüssig würde. Dann gibt es keinen geistlichen Ruhestand. Niemand hat fertig gesessen.

Das bewahrt die Übung vor zwei Irrtümern. Anfänger:innen müssen sich nicht für Menschen halten, bei denen der eigentliche Weg noch nicht begonnen hat. Geübte können sich nicht darauf berufen, sie hätten den eigentlichen Weg bereits hinter sich.

Beide sitzen. Nicht gleich erfahren, nicht mit derselben Aufgabe, aber ohne zwei verschiedene Arten von Buddha-Weg.

Dasselbe Tor

Später wird Dōgen gefragt, ob Zazen nur Mönchen offenstehe oder auch Frauen, Männern und Menschen, die mitten im weltlichen Leben stehen. Seine Antwort lässt wenig Spielraum:

Kein Unterschied

»Die Patriarchen lehren, dass im Buddha-Dharma zwischen Männern und Frauen und ihrer hohen oder niedrigen Stellung kein Unterschied gemacht werden darf.«

— Dōgen Zenji, Shōbōgenzō, Kapitel Bendōwa, aus dem Quellenbestand der Mühle

Diese Offenheit ist nicht Dōgens letztes, widerspruchsfreies Wort. Eine Forschungslinie liest spätere Shōbōgenzō-Kapitel, darunter Shukke kudoku und Shukke, als deutlichen Vorrang des Mönchtums. Hoyu Ishida beschrieb diese Veränderung 1989 in einem Aufsatz. Damit steht der frühe Satz aus dem Bendōwa neben späteren Aussagen, die sich nur schwer mit ihm vereinbaren lassen. Wir müssen den Widerspruch nicht forterklären: Hier öffnet Dōgen das Tor für Frauen und Männer, Laien und Mönche. Später spricht er enger.

Der Satz aus dem Bendōwa ist mehr als eine freundliche Einladung. Er folgt aus dem Gedanken davor. Wäre Erleuchtung ein Preis nach bestandener geistlicher Prüfung, könnten Menschen darüber wachen, wer die Voraussetzungen erfüllt. Wäre sie ein Besitz, könnten manche mehr davon haben und andere weniger. Wenn aber die Übung selbst Erleuchtung ist, kann niemand einem anderen einen geringeren Buddha-Weg zuweisen.

Ein klösterliches Leben und ein Leben mit Beruf, Kindern, Pflegearbeit oder Geldsorgen sind nicht dasselbe. Sie geben der Übung andere Zeiten und Widerstände. Dōgen leugnet diese Unterschiede nicht. Er bestreitet im Bendōwa, dass daraus im Buddha-Dharma ein höheres und ein niedrigeres Wesen werden.

Das gilt ebenso im Zendo. Formen schaffen einen gemeinsamen Raum. Rollen helfen, dass dieser Raum getragen wird. Wer die Glocke schlägt, hat eine andere Aufgabe als der Mensch, der zum ersten Mal hereinkommt. Doch eine Aufgabe ist kein höherer Grad von Buddha-Natur.

Das Tor kennt die Unterschiede unseres Lebens. Es macht keinen Rang daraus.

Kein Satz zum Ausruhen

„Übung und Erleuchtung sind eins“ kann zu einem bequemen Satz werden. Dann klingt er, als müssten wir nichts mehr lernen, nichts berichtigen und niemandem mehr Rechenschaft geben. Alles sei schließlich schon vollständig.

Bendōwa sagt das Gegenteil. Weil die Übung nicht auf später verschoben werden kann, zählt dieser Schritt. Diese Verbeugung. Diese Antwort. Die Weise, wie wir nach dem Sitzen mit einem Menschen sprechen. Es gibt keine künftige Erleuchtung, die unser heutiges Handeln für uns übernimmt.

Angeborene Erleuchtung bedeutet nicht, dass jede Handlung erleuchtet ist. Sie bedeutet, dass kein Mensch von der Möglichkeit des Erwachens abgeschnitten werden kann. Übung bringt diese Möglichkeit nicht von außen in uns hinein. Sie gibt ihr eine Form, jetzt, mit diesem Körper.

Darum sind Gleichheit und Übung im Bendōwa nicht zwei Themen. Die Gleichheit bleibt kein schöner Lehrsatz. Sie erscheint darin, dass alle durch dasselbe Tor eintreten und niemand das Sitzen eines anderen zu einer geringeren Übung erklären kann. Zugleich bleibt Übung nicht privat. Wenn im Buddha-Dharma kein hoher und kein niedriger Mensch festgeschrieben wird, muss das in unseren Formen, unseren Rollen und unserem Umgang miteinander sichtbar werden.

Das ist anspruchsvoller als die Behauptung, alle seien gleich. Es fragt, wo wir aus Erfahrung einen Rang machen. Wo eine Robe, ein Wissen oder eine Aufgabe heimlich zu einer höheren Art Mensch wird. Wo wir einem anderen zwar einen Platz geben, aber nicht denselben Weg zutrauen.

In einer alten Umkleide sitzt ein Mann um die fünfzig aufrecht auf einer Holzbank vor grauen Spinden, die Hände ruhig auf den Knien, Arbeitsstiefel an den Füßen. Ein schräger Lichtstreifen fällt aus einem Schacht in der Decke auf seine Schulter.
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Eine kleine Übung: einen anderen Platz nehmen

Setz dich beim nächsten gemeinsamen Sitzen nicht auf deinen Platz. Weiter vorn, wenn du sonst hinten sitzt. Weiter hinten, wenn du sonst vorn sitzt. Neben jemanden, den du noch nicht kennst.

Achte auf den kleinen Widerstand, der dabei auftaucht. Er sagt meistens etwas über eine Ordnung, die wir längst eingerichtet haben, ohne sie je abgesprochen zu haben.

Dann sitz einfach. Der Platz ändert nichts an dem, was dort geschieht. Genau das ist der Punkt.

Und wenn du danach jemandem begegnest, der zum ersten Mal da war: erzähl ihm nicht, wie es ist. Frag ihn.

Niemand sitzt in der zweiten Reihe

Wenn die Glocke erklingt, verschwinden unsere Lebensgeschichten nicht. Der Körper bringt Alter, Krankheit, Kraft, Unruhe und Müdigkeit mit. Der Geist bringt Erinnerung, Widerstand und Freude mit. Nichts davon muss vor dem Sitzen abgegeben werden.

Wir nehmen Platz.

Vielleicht besteht die Schärfe des Bendōwa darin, dass wir dabei nichts auf später verschieben können. Nicht unser Erwachen. Nicht die Würde des Menschen neben uns. Nicht unsere Verantwortung für die Form, in der wir gemeinsam üben.

Das Tor steht nicht am Ende einer Strecke, auf der die einen weiter wären als die anderen. Es steht dort, wo jemand sich hinsetzt.

Die Glocke erklingt noch einmal. Wir stehen auf. Niemand hat den Buddha-Weg hinter sich gebracht.

Und niemand saß in der zweiten Reihe.

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