Frieden schließen, auch wenn sich nichts mehr ändert
Familie, Teil zehn. Wenn zwischen zwei Lebenden nur noch Schweigen ist, und wenn selbst die Möglichkeit einer Antwort endet.
Familie, Teil zehn. Wenn zwischen zwei Lebenden nur noch Schweigen ist, und wenn selbst die Möglichkeit einer Antwort endet.
Dieser Essay ist der zehnte Teil des Lesewegs „Familie“.
Ein einziger Satz am Familientisch, und wir sind wieder zwölf. Texte über alte Rollen, verletzte Bindungen und die Frage, wie Mitgefühl möglich bleibt, ohne sich selbst zu verlieren.
Frieden, so denken wir, braucht zwei Menschen. Einer spricht aus, was geschehen ist. Der andere hört zu. Einer bittet um Verzeihung, der andere entscheidet, was er geben kann. Vielleicht entsteht danach eine neue Form von Beziehung. Aber es waren zwei.
In manchen Familien leben beide noch: Vater und erwachsene Tochter, zwei Brüder, eine Mutter und ihr Sohn, zwei, die einmal ein Paar waren. Sie sehen sich vielleicht sogar und sprechen über das Wetter, eine Rechnung, die Kinder. Nur das eine kommt nicht vor. Ein Satz wurde nie zurückgenommen. Eine Verletzung wird bestritten. Mit den Jahren wird das Ausweichen selbst zu einer Form der Beziehung.
Von außen kann das friedlich aussehen. Niemand streitet. Doch was beide umgehen, ist nicht gelöst. Es hat nur keine Sprache mehr. Zwischen ihnen ist vielleicht kein gemeinsamer Frieden, sondern ein Schweigen, das jeder anders trägt.
Und dann gibt es den Menschen, der nicht mehr antworten kann. Eine Demenz hat ihm den Satz von damals genommen. Oder er ist gestorben, und mit ihm ist die Möglichkeit einer späteren Einsicht zu Ende gegangen.
Der siebte Teil dieser Reihe hat diesen Fall offen gelassen. Hier wird nicht noch einmal erklärt, was Vergebung ist. Die Frage lautet: Was kann auf unserer Seite geschehen, wenn zwischen uns kein Frieden entsteht und von der anderen Seite keine Bewegung kommt?
Das Zeichen über diesem Text, 諦, trägt beides, was dafür nötig ist. Es steht für Wahrheit, für das, was klar gesehen ist, und für das Annehmen. Nicht eines statt des anderen.
Frieden schließen klingt nach einem Vertrag. Ein Vertrag braucht zwei Unterschriften. Wo nur einer die Wahrheit anerkennt, kommt er nicht zustande. Im Dhammapada steht etwas Kleineres, das gerade deshalb möglich bleibt:
Nicht zurück
»Den Haß nicht zu erwidern, das ist unser Glück; Und hassen andre uns, wir hassen nicht zurück.«
— Dhammapada, Vers 197, in der gereimten deutschen Fassung des Anhangs zu Walpola Rahula, „Was der Buddha lehrt“, das Buch aus dem Englischen von Dhammankara
Der Vers verlangt von der anderen Seite nichts. Keine Einsicht, keine Erwiderung. Er beschreibt nur, was auf unserer Seite nicht geschieht. Vom Tod und von Eltern steht darin nichts. Dass er sich auf einen Familienkonflikt übertragen lässt, ist unser Schritt. Er trägt diesen Schritt, weil er keine Zustimmung braucht.
Genau dort beginnt die Praxis. Im Sitzen taucht eine alte Szene auf. Der andere Mensch ist vielleicht tot. Vielleicht lebt er zwei Straßen weiter. Ein Satz fällt noch einmal. Der Körper zieht sich zusammen. Eine Antwort formt sich, manchmal Jahrzehnte zu spät. Das Sitzen entscheidet nicht, wer damals recht hatte. Es macht sichtbar, was jetzt geschieht: Die Vergangenheit berührt diesen Atemzug, diesen Körper, diesen Gedanken. Der nächste innere Satz ist noch nicht gefallen.
Nicht zurück heißt nicht: nicht gewesen. Die Verletzung bleibt, was sie war. Nur die Antwort darauf hat eine Richtung weniger. Zwischen dem Empfangenen und dem Weitergegebenen bleibt ein Augenblick frei.
Es wird nichts entschuldigt, was nicht zu entschuldigen war. Es muss kein Gefühl hergestellt werden, weder Wärme noch Dankbarkeit. Darum darf die Wut wiederkommen. Ein Geruch, ein Satz einer Tante beim Fest, der Blick in den Spiegel, in dem plötzlich das Gesicht der Mutter sitzt, und alles ist wieder da. Der Vers spricht nicht davon, dass es keinen Hass mehr gibt. Er spricht davon, ihn nicht zurückzugeben. Diese Möglichkeit entsteht jedes Mal neu.
Zwischen zwei lebenden Menschen kann der ehrliche Satz lauten: Wir sind nicht versöhnt. Wir sprechen miteinander, aber nicht darüber. Oder: Wir sprechen nicht mehr miteinander. Beides kann wahrer sein als die Behauptung, es sei Frieden eingekehrt.
Am Geburtstag der Mutter sitzen alle am langen Tisch. Es geht um den Braten und um die Baustelle an der Umgehungsstraße. Jeder am Tisch weiß, welcher Satz nicht fällt, und das Gespräch macht den ganzen Nachmittag einen Bogen um ihn.
Annehmen heißt nicht, dem Schweigen einen schönen Namen zu geben. Ein Abstand kann schützen, wenn jedes Gespräch neu verletzt. Derselbe Abstand kann als Strafe benutzt werden, damit der andere endlich nachgibt. Teil vier hat diese Unterscheidung schon getroffen.
Was wir allein tun, macht die Beziehung nicht friedlich. Es verändert nur, was von unserer Seite in sie hineingeht. Wir schicken kein Geschwister als Boten. Wir lassen die Kinder nicht darüber abstimmen, wer damals recht hatte. Wir benutzen den Abstand nicht, um eine späte Unterwerfung zu erzwingen.
Manchmal gehört dazu, einmal auszusprechen, was fehlt. Manchmal wäre genau das eine neue Gefahr. Es gibt dafür keine allgemeine Vorschrift. Der achte Teil hat den eigenen Ort der Praxis beschrieben. Auch hier lässt sich nur an diesem Ort prüfen, ob ein Satz aus Klarheit kommt oder ob der alte Streit noch einmal gewinnen soll.
Wenn ein Mensch gestorben ist, wird die Unbeweglichkeit endgültig. Der Tod macht ihn nicht verständiger und eine Verletzung nicht kleiner. Er schließt nur die Möglichkeit, dass die Vergangenheit sich von dieser Seite aus noch verändert.
Bei einer Demenz geschieht das, während der Mensch noch lebt. Er erkennt vielleicht die Stimme, manchmal den Namen. Aber den Satz von damals hat er nicht mehr, und mit ihm die Möglichkeit, ihn zurückzunehmen. Wer jetzt auf seine Einsicht wartet, wartet auf ein Gespräch, das nicht mehr geführt werden kann.
Frieden kann hier nicht bedeuten, eine verspätete Antwort zu erfinden. Der Tote spricht nicht mehr. Sein Schweigen nachträglich mit Reue zu füllen, wäre ebenso wenig wahrhaftig wie ihn für immer auf seinen schlimmsten Satz festzulegen. Da können Schmerz, Erleichterung und Scham über diese Erleichterung nebeneinander stehen. Und da ist dieser Augenblick, in dem niemand mehr aus der Vergangenheit handeln kann außer uns selbst.
Ein paar Verse weiter heißt es im Dhammapada:
„Aus Sieg kommt Haß, denn der Besiegte ist bedrückt;
Wer friedsam auf den Sieg verzichtet, lebt beglückt.“Dhammapada, Vers 201, aus derselben Fassung.
Auf den Sieg zu verzichten heißt nicht, dem anderen nachträglich recht zu geben. Aber ein alter Konflikt, der zwischen zwei Menschen nicht mehr ausgetragen werden kann, sucht sich leicht einen anderen Platz. Das eigene Kind soll bestätigen, dass der Großvater ein schlechter Mensch war. Die Schwester soll endlich dieselbe Erinnerung haben. Der Partner soll eine Anklage beantworten, die nie ihm galt.
Das ist der Sieg, auf den wir verzichten können. Wir brauchen keinen heutigen Menschen, um den gestrigen Gegner zu besiegen. Was geschehen ist, darf benannt werden. Den Streit nicht weiterzugeben heißt nicht, über Gewalt, Demütigung oder Vernachlässigung zu schweigen. Doch der nächste Mensch muss nicht dafür bezahlen.
Familien geben Namen und Gewohnheiten weiter, manchmal auch einen Tonfall. Ein Satz, unter dem ein Kind gelitten hat, liegt Jahre später im Mund des erwachsenen Kindes bereit. Hier wird der Frieden auf einer Seite konkret. Er lautet nicht: Wir sind versöhnt. Er lautet: Dieser Satz endet bei mir. Nicht zurück, hat der erste Vers gesagt. Hier kommt dazu: und nicht weiter.
Reb Tenshin Anderson, Zen-Meister aus Kalifornien, erzählt am Ende eines Vortrags zum Vatertag von seinem eigenen Vater. Er ging, als Reb elf war, und hatte ihm davor oft gesagt, er sei wunderbar. Reb schließt mit einer Bitte:
„Bitte rufen Sie Ihren Vater an und sprechen Sie mit ihm, auch wenn er tot ist.“
Reb Tenshin Anderson, „Vatertag“, in „Ein warmes Lächeln vom kalten Berg“, deutsch von Bernd Bender, Theseus-Verlag 1998, Seite 140.
Er selbst, sagt Reb, werde seinen Vater jetzt anrufen und ihm danken. Ein Mann, dessen Vater ihn mit elf verlassen hat, sagt nicht, er habe die Sache verarbeitet. Er wendet sich an ihn. Sein Dank ist keine Einigung. Es ist eine Ansprache ohne Antwort.
Wörtlich lässt sich die Bitte nicht nehmen. Einen Toten erreicht kein Telefon. Wir lesen sie als Einladung zu einem inneren Gespräch. Wir nehmen uns Zeit, setzen uns hin und sprechen mit dem Verstorbenen, als säße er uns gegenüber. Wir sagen, was uns wichtig ist und was noch auf dem Herzen liegt. Das muss kein Dank sein. Ein solches Gespräch ist auch mit einem Menschen möglich, der lebt und mit dem kein wirkliches Gespräch mehr gelingt.
In der Abschluss-Rezitation eines Sesshin wird der Text vom Ochsen und seinem Hirten rezitiert, zehn Bilder von einem Hirten, der seinen Ochsen sucht, ihn fängt, lange mit ihm ringt und am Ende heimkehrt. Der fünfte Teil dieser Reihe hat das fünfte und das achte Bild gelesen. Im neunten Bild ist der Hirte in den Grund und Ursprung zurückgekehrt. Dort heißt es:
„Grenzenlos fließt der Fluss wie er fließt.
Rot blüht die Blume wie sie blüht.“Der Ochs und sein Hirte, neuntes Bild, Zen-Textheft der Altbäckersmühle.
Der Fluss wird nicht angehalten, und die Blume wird nicht verbessert. Von Familie steht in dem Bild nichts. Dass es zu unserer Frage spricht, ist unser Schritt. Frieden schließen, auch wenn sich nichts mehr ändert, hieße dann, die Dinge nicht erst anders haben zu müssen, um bei ihnen zu bleiben. Das ist die zweite Hälfte des Zeichens 諦.
Nach diesen Bildern wird gewidmet:
„Wir bitten um Frieden in aller Welt und dass alles Hinderliche durch die Kraft des Wohlwollens überwunden werde. Wir bitten um Frieden für diesen Ort und um Frieden in unseren Herzen.“
Widmung der Abschluss-Rezitation, Zen-Textheft der Altbäckersmühle, Seite 25.
Eine Widmung richtet sich an andere, ohne von ihnen eine Bestätigung zu verlangen. Sie stellt keinen Frieden her. Sie bittet darum. Für die Welt, für diesen Ort, für unsere Herzen, in dieser Reihenfolge. Auch das innere Gespräch und der Satz, der bei uns endet, weisen in diese Richtung. Keine dieser Formen braucht eine Antwort der anderen Seite.
Und wo der Mensch noch lebt und weiter verletzt, heißt Frieden auf unserer Seite nicht, den Schutz aufzugeben. Eine Widmung kann aus großer Entfernung gesprochen werden. Der achte Teil hat gesagt, dass man für einen Menschen sitzen kann, mit dem man nicht mehr spricht. Das gilt hier erst recht.
Wenn der Streit bei uns endet, was geben wir dann weiter?
Kobun Chino Otogawa Roshi spricht in einem Vortrag über die Gebote davon, wie ein Mensch auf diese Erde kommt. Ein kleiner Kreis von Lebenskraft entsteht im Kreis der Mutter, und wenn die Zeit gekommen ist, löst er sich. Dann sagt er:
„Es sieht aus wie zwei, aber wie ihr wisst, lassen sich Mutter und Kind nicht trennen. Auch wenn die Mutter stirbt, bleibt sie die Mutter dieses Kindes, immer.“
Kobun Chino Otogawa Roshi, „Embracing Mind“, Jikoji Zen Center 2016, Kapitel 26; aus dem Englischen übertragen von der Redaktion.
Der Satz sagt nicht, dass diese Mutter gut war oder zwischen beiden Frieden herrscht. Er sagt: Auch der Tod trennt Mutter und Kind nicht. Was das für das Schweigen zwischen Lebenden oder für einen notwendigen Abstand bedeutet, sagt Kobun hier nicht. Das ist unsere Frage.
„Dieser Satz endet bei mir“ ist darum nur die eine Hälfte. Die Beziehung geht weiter, durch uns hindurch zu denen, die nach uns kommen. Offen ist, was sie trägt. Sie kann den alten Vorwurf tragen. Sie kann auch tragen, was an Zuwendung da war: das Lachen des Großvaters beim Holzhacken oder die Art, wie die Mutter das Brot schnitt. Liebe verlangt hier keine Nähe, die schadet. Sie kann darin liegen, den Menschen nach uns nicht nur den alten Streit zu übergeben.
Diese Reihe hat mit dem Satz begonnen, Familie sei kein Kreis. Zehn Teile später landet sie nicht in der Versöhnung. Sie landet auch nicht bei der Behauptung: Zwischen uns ist Frieden. Vielleicht wäre das nicht wahr.
Sie landet bei einer kleineren und strengeren Möglichkeit. Was geschehen ist, darf seinen Namen behalten. Was zwischen zwei Menschen ungelöst blieb, darf ungelöst heißen, so wie der Fluss fließt, wie er fließt. Aber es muss nicht durch den nächsten Menschen weitergetragen werden.
Vielleicht beginnt die Praxis mit einer einfachen Prüfung: Herrscht zwischen uns Frieden, oder hat der Streit nur seine Sprache verloren? Wenn es Schweigen ist, darf es Schweigen heißen. Dann bleibt die Frage, die nur auf der eigenen Seite beantwortet werden kann: Welcher nächste Satz muss diesen Streit nicht fortsetzen?
Die Entschuldigung ist nicht gekommen. Die Einsicht fehlt. Vielleicht fühlt sich auch jetzt nichts friedlich an. Und doch kann etwas enden: nicht die Geschichte, aber ihr Recht, sich durch uns fortzusetzen. Etwas anderes darf bleiben: Beziehung, Verbindung, Liebe. Die Mutter bleibt die Mutter dieses Kindes, immer. Und die Widmung nennt, worum wir bitten können, ohne es zu besitzen: Frieden in der Welt, Frieden für diesen Ort und Frieden in unseren Herzen.
Text von HoKai Österle · Über diese Texte
Die Lesewege
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